AiT»** 1* Samstag, den 24. November 1888 Erstes Blatt*
LWn.
WMD EM
Aich tii Wkihrnuht,-Sigel.
Erzählung von Carl Armand.
(Nachdruck verboten.)
„Heute, Freitag den 23. Dezember: Erstes Wiederauftreten der weltberühmten Reiterin Miß Alice in chren unübertrefflichen Produktionen auf dem Springpferd Darius."
So leuchtet es in großen rotheu Lettern von der Bretterwand des Circus Starotzk dem schaaren- weife herzuströmenden Publikum entgegen, das dicht gedrängt die Affiche umsteht und mit ungewöhnlichem Eifer die pomphafte Ankündigung bespricht.
„Miß Alice tritt wieder auf!" — „Miß Alice tritt w.eder auf!" das fliegt von Mund zu Mund. Einer verkündet es dem Andern mit einer Mittigkeit, als handle es stch um ein großes politisches Ereigniß.
Fremde, welche zufällig die Stadt paffiren und den Aufruf vor dem Circusgebäude gewahren, treten neugierig herzu, um nach Erforschung der Ursache entweder mit spöttischem Achselzucken fich abzuwenden, oder aber ein Brllet für die abendliche Vorstellung zu lösen. Mancher will fich mit eigenen Augen überzeugen, ob diese Miß Alice wirklich da« außerordentliche Wesen sei, als welches der Enthusiasmus der Bevölkerung sie erscheinen läßt.
„Wer ist sie denn eigentlich?" fragt Jemand in den Menschenhaufen hinein, der ungeachtet der Kälte und des reichlichen Schneefall« fortwährend das Plakat umlagert. Aber der Frager halte alle Ursache, schon im näckst.n Augenblick seine Worte zu bereuen. Zuerst starrt man ihn an, al» käme er au« Amerika, weil er die „weltberühmte" Miß Alice nicht kennt; dann aber bricht von allen Seiten eine Fluth von Erklärungen und Lobpreisungen auf ihn ein.
„Was? Sie kennen Miß Alice nicht? . . . ." „Miß Alice ist die schönste, anmutdigste und tollkühnste Reiterin, welche je den Rücken einer R ff r bestiegen!....." „Sie ist der Lieblwg de«
Publikums und hat so viele Verehrer, wie Sterne am Himmel stehen!....." „Aber sie ist spröde
und stolz wie eine Prinzessin; Rremand kann stch einer Gunstbez.ugung von ihr rühmen!....."
„Ja, sie ist lange krank gewesen; aber h>ute Abend tritt sie wieder auf! Das wird einen Empfang geben! Und voll wird es werden ... na! ich wette, daß da drinnen keine M ru« mehr durchkriechen kann!"
So würde e« wohl noch lange fortg-gangen sein, wenn nicht der a'so Bestürmte stcb vor dem Eifer der aufgereaten Menge in da« Innere de» CircuSgebände» geflüchtet hätte.
II.
In einem kahlen, unf-eundlichen G-mach liegt um dieselbe Z tt auf einem harten Ruhebett eine -arte, fast beancst gend schmächtige G kalt, halb Kind, halb Weib, mit blossen, durchsichtigen Zügen und großen, müden, tteftraurt en Äug n. Em faltige» Morg-nklerd, da« in Stoff und Schutz
noch Spuren einstiger Eleganz zeigt, umhüllt die schlanken Glieder; aber die Farbe hat längst ihr leuchtendes Himmelblau verloren, die den Boden schleifende Schleppe ist zerrissen und fadenscheinig der kostbare Spitzenausputz an Hals und Händen vergilbt und vielfach ausgebeffert.
Wie sie daliegt mit dem rührend kindlichen Ausdruck in dem lieblichen Antlitz, das Köpfchen mit dem schweren, goldbraunen Haargelock wie zu Tode erschöpft auf die Seite geneigt, die schmalen wachsartig bleichen Händchen auf der Brust gefallen — könnte man sie für ein halb erwachsenes Kind halten, wenn nicht bei schärferem Zusehen jene feinen Züge um Mund und Augen, welche in einem Menschenantlitz eine so beredte Sprache reden, von Leid und Kämpfen eine» Fcauenherzen« sprächen.
Wie würden die Fremden staunen draußen vor dem Anschlagzettel, wenn sie einen Blick in da» düstere Gemach werfen könnten! Ihnen schwebt wohl ein prunkhaftis, capriziö» eingerichtete» Bou"oir vor mit einer stolzen, sieghaft blickenden Bewohnerin. Sie würben e» nicht glauben, daß die« junge, abgezehrte G schöpf, da« au« so traurigen Augen schaut, die viel bewunderte Miß Alice sein könne — und dennoch ist e« so. Die Welt ist eben nicht gut mit ihr umgeqangen, mit der armen jungen Menschenblume! Warum war sie auch so zart und zerbrechlich?
Freilich, de« Abend« in der Manege ist sie noch immer die strahlende, jugendschöne Miß Alice, die „graziös-ste und tollkühnste Reiterin", — wenigsten» war sie e» noch vor kurzem, ehe da» tückische F eber sie aus's Krankenlager geworfen. Wird sie e« j mal» wieder werden?
Ein qualvolle» Stöhnen entringt fich bei diesem Gedanken der Brust der Ruhenden. Wie in Verzweiflung ringt ste die Hände über dem Kopf. Ader ichon im nächsten Augenblick läßt ste die- selben, wie über fich selbst erschrocken, wieder finken; fast scheu gleitet ihr Blick in die gegen- Überliegei de Zimmerecke, wo zwei reizende Kinder — ein Knabe und ein Mädchen — am Boden mit bunten Steinchen spielen.
„Wolf! Elsa!" klingt erweich und zärtlich von ihren Lipp n. Sie winkt die Kinder zu fich heran, die mit Dem Ruf: „Mama! Liebe Mama!" auf ste zukürzen.
„Mama!" haben die Kleinen gerufen. Ist e« möglich? Kann dies junge Wseu wirklich Mutter fern ? Ihre eigene, noch so kindliche Erscheinung, wwie der Name, den fie auf dem Z ttel draußen führt, widersprechen dieser Annahme. Doch der Blick, mit dem sie auf die kleinen Geschöpfchen in chren Armen schaut, kann nicht trügen: zu überzeugend strahlt au» dems.lden die Gluth der Mutterliebe!
Draußen auf dem Flur eitönt ein harter, polternder Schritt, dem ein rasche« Anklopfen folgt. Die junge Frau erbebt wie in tödtlichem Erschrecken. Ihr „Herein" klingt schüchtern; unwillkürlich preßt sie die Kinder fester an sich.
I n nächsten Augenblick erscheint auf der Schwelle ein hünenhafter Mann mit aufgedunsenen Zügen, in dessen Augen stch beim Erblicken der lieblichen
Gruppe ein beinahe raubthierartiger Ausdruck zeigt.
„Bonjour, Madame!“ redet er die junge Frau an. „Ich gerathe da ja in eine rührende Familien« scene I Aber was ist denn das? Roch nicht Toilette gemacht? Ich bin gekommen, Sie zur Probe abzuholen."
Die dunkeln Augen starren entsetzt auf den Sprecher. „Zur Probe? ... Ich ... ich verstehe Sie nicht, Herr Direktor", ringt e» sich von den L pp.-n der jungen Frau.
„Run, natürlich zur Probe. Stellen Sie stch doch nicht so albern," gibt er unwirsch zurück. „Heute Abend ist große Vorstellung. Sehen Sie her: da steht'«!" MM
Er zieht au» seiner Tasche einen langen grell« rothen Zettel und hält ihn ihr mit schadenfrohem | Lächeln vor die Augen. „Heute, den 23. Dezem- I der, erster Wiederaufireten der weltberühmten Reiterin Miß Alice in ihren unübertrefflichen Produktionen auf dem Springpferd Dariu«......
Nun, war sagen Sie dazu? Ich verstehe mich auf Reklame, wa« ? Geben Sie Acht, dar zieht! Dar Publikum geberdet fich schon jetzt wie toll und reißt stch um die Billete! ... Heute Abend gibt'« endlich wieder einmal ein volle» Hau»," setzt er händereibend hinzu.
Sie liegt wie erstarrt, ihre Augen hängen mit hilflos verzweifeltem Ausdruck an den großen schwarzen Lettern. „Ader da» ist ja unmöglich", flüstert ste endlich. „Ich bin ja noch schwach und kraftlos von dem langen Fieber .... wie kann ich da auftreten?"
„Dumme» Zeug! Auf dem Pferde werden die Kräfte schon wiederkommen. Die Krankheits-Komödie hat nun nachgerade lange genug gedauert. ... Ich brauche endlich wieder eine vernünftige Einnahme. Meinen Sie, ich hätte Lust, mich durch Ihre Launen ruiniren zu lassen, nachdem ich so viel für Sie gelhan? Fehlgeschoffen, ma belle: so haben wir nicht gewettet. Wie lautet unser Kontrakt? Damals, al» Ihr gefeierter Herr Gemahl sich zum Krüppel gefallen und Sie sich mit ihm und den kleinen Würmern vis-a-vis du rien befanden, da kamen Sie zu mir und schwuren hoch und theuer, lebenslang für mich arbeiten zu wollen, wenn ich Sie mit Ihrer Sippe bei mir aufnähme. Ich gutmütiger Thor ließ mich befchwatzen: ich ließ Sie den kranken, galligen Mann bei mir zu Tode pflegen, sorgte großmüthig für alle Ihre Bedürfnisse und bildete Sie noch obendrein mit unendlicher Mühe für die edle Reitkunst aus! All' das that ich umsonst, bedenken Sie doch nur, umsonst! ohne andere Entschädigung al» die sehr ungewisse Aussicht, daß dereinst etwas au» Ihnen werden und ich mich dann sür meine Wohlthal en bezahlt machen könnte! . . . I tzt nun, wo Dank meiner Bemühungen wirklich etwas aus Janen geworden ist, jetzt wollen Sie mich durch Ihre Launen um den tyeuer erkauften Preis betrügen? Da haben Sie die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Hekior Starotzky ist nicht der Mann, sich von einem Weibe dupiren zu lassen. Sie sind kontraktlich verpflichtet„ lebenslang unentgeltlich in