JW 272
Samstag, den 24. November
1888
Miet
Jeikig
(nebst Bestellgeld) jederzeit entgegengenommen.
Der Reichstag hat fich heute konstituirt. I Reichstags-Verhandlungen nicht fehlen. Zum Präsidenten wurde Herr von Levctzow (fonf.) ..............
mit 271, zum ersten Vicepräsidenten Dr. Buhl (nl.) mit 169 und zum zweiten Vickpräsidenten von Unruhe-Brühl (Rchrp.) mit 153 Stim- men gewählt. Bei der Wahl der beiden Bice- Präsidenten gab da» Centrum weiße Zettel ab.
Zu Schriftführern wurdenper Acclamation gewählt die Abgg. Bürklin (nl.), Frhr. v. Buol (Centr.), Dr. Hermes (freif.), Graf v. Kleist (fonf.), Dr. v. Kulanz (Rchrp.), Porfch (Centr.), Tröndlin (nl.) und Wichmann (fonf.). — Nächste Sitzung Dienstag: Etat.
sich frei bewegt und der allgemeinen öffentliche,. Kontrole unterliegt, viel weniger als die geheime, im Dunkeln schleichende und deßhalb unkontrolir- bare sozial-demokratische Agitation; aber e» gibt nun einmal Leute, welche polizeiliche Ausnahmegesetze al» die beste Medizin für alle staatlichen Nebel betrachten. — Die geplante Reform des Genossenschaftsgesetzes dürfte im Reichs- tage glatt durchgehen, zumal die vorgeschlagene Zulassung von Genossenschaften mit beschränkter Haftbarkeit einem fast allgemeinen Verlangen entspricht. Sonst wird es bei den Etatsberathungen wohl nicht an lebhaften AuSeinandersitzungen fehlen, und da auch die Kolonial-Politik debattirt werden soll, so dürfte es an lebhaften und interessanten Verhandlungen in den bevorstehenden
• Vom Rheine, 22. Nov. Unsere nationalliberale Presse hat sich schon wiederholt auf da» Schärfste gegen die konfessionell getrennten Arbeitervereine ausgesprochen. Jetzt, nachdem der Kaiser, auf dessen Worte diese Blätter sonst so große» Gewicht legen, stch so überaus loben über die Breslauer Arbeitervereine ausgesprochm hat, wird die gehässige Anfeindung der katholischen Arbeitervereine seitens der Kartellprcffe wohl einer milderen Beurthellung weichen müssen. Bei dieser Gelegenheit sei auch verschiedenen Blättern, welche von den Breslauer Verhältnissen wie der Blinde von der Farbe schwatzen, kund- zethan, daß der katholische Arbeiterverein in Bre«- au, durch den vielangefeindeten Kanonikus Dr. Franz begründet, 3500 Mitglieder zählt, während >er protestantische nur 200 Mitglieder umfaßt. Daß die Breslauer Arbeiter durch das kaiserliche Wohlwollen hocherfreut wurden, versteht stch ganz von selbst; um so unangenehmer werden fle nachträglich berührt werden durch die Kunde, daß der BundeSrath eine ganze Reihe vom Reichstage gefaßter arbeiterfreundlicher Beschlüsse rund-
SW7 Hierzu der Weihnachts-Anzeiger Rr. 1 (erstes «ab zlv ites Blatt).
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deutsches Reich.
Berlin, 23. November.
* Ueber die parteipolitischen Kundgebungen de« Kaisers in Breslau äußert stch das I ,Schw. Bl.' in treffender Weise wie folgt: Der Kaiser sagte zum Breslauer Oberbürgermeister Friedensburg schon bei der Begrüßung am Bahnhofe: „Ich freue mich, daß in Breslau gute Wahlen stattgefunden und daß zum ersten Male die Kartell Parteien den Sieg davongetragen haben." Se. Majestät legte hierbei auf das Wort „Kartellparteien" gewissen Nachdruck. Später beauftragte der Kaiser den Oberbürgermeister, der Stadt Breslau die volle kaiserliche Befriedigung über die Ausschmückung der Straßen, über die Illumination der Häuser und die patriotische Begeisterung auszudrücken und für den festlichen Em- I pfang der Breslauer Bürgerschaft zu danken. I Namentlich aber wurde dem Oberbürgermeister befohlen, den Breslauern zu sagen, daß er über die j vortrefflichen Wahlen der Stadt Breslau sehr .rfreut sei. Der Oberbürgermeister Friedensburg hat stch des Auftrags erledigt mit den Worten: „In Befolgung diese« Allerhöchsten Auftrage» bringe ich diese gnädige Aeußerung Sr. Majestät zur öffentlichen Kenntniß." Dadurch wollte Herr Friedensburg offenbar seinen Stand"unkt wahren, denn er selbst ist deutsch-freisinnig, war freisinniger Wahlmann bei den letzten Landtagswahlen, und mußte nun die Freude des Kaisers über die Niederlage des Deutschfreisinn« amtlich verkündigen! Die .Freis. Ztg.' meint allerdings, ! e« kennzeichne sich der Auftrag des Königs durch i die Bezugnahme auf die Wahlen inhaltlich al» ein ' Regierungsakt. Regierungsakte bedürfen nach Artikel 44 der Verfassung „zu ihrer Giltigkeit der Gegenzeichnung eines Minister», welcher dadurch die Verantwortlichkeit übernimmt". Ist diese Auffassung richtig, so wäre Oberbürgermeister Friedensburg zu verlangen berechtigt gewesen, daß ihm der Auftrag zur Veröffentlichung unter Gegenzeichnung eines Minister» schriftlich übermittelt wurde. Man muß aber zugeben, daß Herr Friedensburg in einer so peinlichen Lage nicht noch solche verfassungsrechtliche Skrupel sich gestatten konnte, wenn er ste al» Jurist auch hätte bekommen können. Dagegen hätte man vielleicht wünschen können, daß Herr Friedensburg sonstwie noch bekundet hätte, daß er selbst nach seiner Ueberzeugung auch künf- ttg fteifinnig fich an den Wahlen betheiligen werde. E» handelt stch hier um ein Prinzip. Wir find dem Monarchen Ehrfurcht und Treue schuldig, aber wir haben da» Recht der freien Ueberzeugung. Der Monarch kann die Wahrung der eigenen Ueberzeugung lediglich hinnehmen al« einen Att der GewiffenSpflicht, die jedem Menschen auferlegt ist und für deren Erfüllung jeder Einzelne für fich allein verantwortlich ist vor (Sott Der Kaiser kann e« deshalb nur al« charaktervoll ansehen, wenn ihm Katholiken auf eine ähnliche Kundgebung erwidern würden: „Majestät, nach meiner
Ueberzeugung wahre ich de« Vaterlandes Wohl am Besten durch eine Centrumswahl." Noch eine andere Seite kommt in Betracht. In Breslau haben die Kartellparteien gar nicht durch ihre Sttmmenwahl bei den Landtagswahlen gefiegt, sondern weil die Wahlmänner des Cent rums sich der Abstimmung enthielten und nicht wie 1885 zu Gunsten der Deutfchfceisinnigen den Ausschlag gaben. Im Reichstage ist sechs Jahre hindurch Breslau durch zwei Sozialdemokraten vsrtteten gewesen. Selbst bet dem Sturm der Septennats- wahlen ist den Sozialdemokraten noch ein Mandat in Breslau verblieben, das andere werben sie wahrscheinlich bei den nächsten allgemeinen Wahlen wieder zurückgewinnen. Man kann also keineswegs die Aussichten der Breslauer Kartellparteien, welche durch Zufall jetzt die Landtagsmandate vorn CHn- trum geschenkt erhielten, besonders günstige nennen. Dabei kommt als Kernpunkt in Betracht, daß mit den Aeußerungen über den Sieg der Kartellparteien fich der Kaiser auf die Seite der Kartellparteien gestellt, diesen in gewissem Sinne Vollmacht ertheilt hat, stch für ihre Sache in allen Wahlkämpfen auf den Herrscher zu berufen und so die Krone in Debatten zu ziehen, denen ste nach den bescheidensten konstitutionellen Begriffen weit entrückt sein sollte. Sogar ein Kartellblatt, der .Hamburger Korrespondent', spricht die Befürchtung aus, „daß persönliche Aeußerungen des Herrscher», wie ste bei Ueberreichung der Begasbrunnen» und zunächst in Breslau gethan sind, dm Bestrebungen in die Hände arbeiten, den Herrscher von der hohen Stellung über den Parteim herab ins Parteigetriebe zu ziehen." Diese» Urtheil eine» Kartellblatte» setzen wir der Objekttvität wegen hierher und weil e» unsere Auffaffnng bestätigt.
* Die Blokade der ostafrikanischen Küste hat am letzten Dienstag begonnen. An derselbm nehmen außer Deutschland, England, Portugal und die Türkei Thetl, Frankreich hat fich ausgeschlossen, doch auch ein Schiff nach Sansibar geschickt, um eventuell dm Mißbrauch seiner Flagge zu verhüten. Die Blokade erstreckt sich auf eine Küstm- ausdehnung von 390 deutschen Meilen; ob die wenigm Schiffe der Mächte, die an der Blokade theilnehmm, zu einer erfolgreichen Blokade diese» weiten Gebiete» ausreichen, erscheint mehr al« ftaglich. Von deutschen Schiffen sind da» Flaggschiff „Leipzig", der Aviso „Pfeil", die Kreuzer „Möwe" und „Schwalbe" und die Korvettm „Carola" und „Sophie" nach Sansibar abkom- mandirt.
* Die gestern mitgetheilte Thronrede zur Eröffnung be» Reichstage ist, abgesehen von der Ein- lettung und dem Schlußpoffu», in streng geschäftlichem Tone gehalten. Die Hauptaufgabe des Reichstags wird die Alters- und Jnvaliden- Verficherung der Arbeiter fein. Die Bereitwilligkeit, unsere Arbeiterversicherung durch du Alters- und Jnvaliden-Versicherung zu „krönen", ist im Reichstage nahezu eine allgemeine, aber die Schwierigkeiten der Materie find so groß, daß sehr zu bezweifeln ist, ob die Sache schon in der bevorstehenden Session zur Erledtgung gelangt. Besonder» die finanzielle Tragweite' welche der Reichs- ruschvß, gering beginnend, aber zu sehr bedeutender Höhe mit den Jahren ansteigend, haben wird, erfordert eine ernste Prüfung. Er wird der Nachweis zu fordern sein, au» welchen Fond» bezw. au» welchen etwaigen neuen Steuern der Reichszuschuß bestritten werden soll. Daß die Monopole noch keinesweg« aufgegeben worden find, wird bei der Frage sehr in'» Gewicht fallen. De» Sozialistengesetze» geschieht in der Thronrede keine Erwähnung. Die Erledigung dieser wichtigen Frage wird davon abhängen, ob die Neuwahlm zum Reichstage schon im nächstm Herbst oder ersi im I Frühjahr 1890 statt finden. Finden die Neuwahlm bereit« im nächstm Herbst statt, so wird die Sozialistengesctzfrage voraussichtlich bis zur erstm Session des neuen Reichstags vertagt werden, zumal das Sozialistengesetz erst am 30. Septbr. 1890 abläust. Frellich, im j-tzigm Reichstage haben die Kartellbrüder die Mehrheit; ob ste die- selbe auch im nächsten Reichstage haben werden, steht dahin. Nationalliberale und konservattve Blätter find dafür, daß in der Frage des Sozialistengesetzes endlich Klarheit geschaffen werde, sei I es, indem man an die Stelle des j tzigm der Ber- längerung bedürfmdm Ges.tzes ein dauernde» I Spezialgesetz setze, sei e», indem man eine Ueber- leitung zum gemeinen Recht suche. Wahrscheinlich wird man da» j tzige Sozialistengesetz umgestaltm, I schon um die aufregenden und unbequemen Ber- I längerungS-Debatten zu vermeiden. Man ist mit dem Sozialistengesetz so tief in eine Sackgasse ge- [ rathen, daß es schwer halten wird, so ohne weitere» I auf den Boden de» gemeinen Recht» zurückzukehren. Wir fürchten unsersett» die Sozial-Demokratie, die '
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