ISr* 1. Samstag, den 24. November 1888 Zweites Blatt*
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Erzählung von Carl Armand.
(Fo rtsetzung aus dem ersten Blatt des Weihnachts-Anzeigers.)
Mit brutalem Griff löst er die Kleinen aus dem schwachen, durch den Schreck völlig widerstandslos gewordenen Mutterarm, und ste an sich reißend sagt et in hartem Tone, dessen Klang deutlich beweist, büß der Mann sich bewußt ist, seinen höchsten Trumpf auszufpielen. „Es bleibt dabei, ich nehme die Kinder mit. Und da Sie sich weigern, heute Abend aufzutreten, so werde ich dem Publikum, welchem ich nothwerdiger Weise einen Ersatz bieten muß, in der heutigen Vorstellung die Beiden hier vorführen. In der Probe werde ich sogleich einige leichte Kunststücke mit ihnen durchnehmen. Es ist ohnehin hohe Zeit, daß die kleinen Faullenzer anfangen, für ihren Unterhalt etwas zu leisten und sich für ihren künftigen Beruf vorzubereiten."
Die kleine blonde Elsa streckt die Händchen nach ihrer Mutter aus, aber des Direktors stählerne Faust hält sie fest. In seiner Angst und Hüflosig- keit bricht das zarte Kind in krampfhaftes Schluchzen aus.
„Willst Du wohl still sein!" herrscht Starotzly sie an, und als das Kind nur noch heftiger w mt, schüttelt er sie derb: „Wart', Du Herne ftiöie, Dir werden wir den Eigensinn schon austreiben l."
Da aber blitzt es zornig auf in den schwarzen Feueraugen des kleinen Wolf. „Sie dürfen Elsa nichts thun, Sie böser M.nn. sonst werden wir heute Abend gar keine Kunststücke machen!" ruft er furchtlos dem Direktor zu, der den kecken kleinen Burschen staunend betrachtet. Dieser aber läßt sich nicht einschüchtern.
„ „Weine nicht, Elsa," sagt er zärtlich zu seinem Schwesterchen, „ich werde Dich schon beschützen Und Du, Mama, brauchst uns-retwegen kerne Sorge zu haben; ich fürchte mich gar nicht auf dem Pferde und werde meine Sache schon gut machen."
„Ei, sieh' doch, kleiner Mann, in Dir regt sich das Blut Deines Vaters!" lachte der Direktor belustigt. „Aber den Trotz muß ich Dir abgewöhnen, wenn wir Freunde werden sollen. Doch nun marsch hinaus mit euch," kommandirt er mit einem lauernden Seitenblick nach dem Lager hin „es ist Zert zur Probe."
Er will die Kinder mit sich fortziehen; aber da • kommt plötzlich Leben in tue starre Gestatt der jungen Frau. Sie schnellt empor und kniet im nächsten Augenblicke zu den Füßen ihres erbarmungslosen Gebieter».
„Ich will Alles, Alles thun. was Sie fordern," ruft sie außer sich; „nur lassen Sie mir meine Kmder I"
Sie ist berückend schön in Meiern Augenblick, trotz ihres krankhaften Aussehen«. Selbst das v r- härtete Herz des Direktor» unterliegt dem Zrobe, ihrer Erscheinung; aber rasch weiß er die störend. Empfindung von stch abzuschütteln. Er schlägt bu Arme übereinander und blickt auf die Kmeende herab.
„Die gezähmte Widerspenstigei Ha, ha — nicht übel, Madame! Ich mache Ihnen mein Kompliment über Ihre gelungene Attitüde . . . . ste ist rührend, in der That! Aber," fährt er, au» dem höhnenden in einen drohenden Ton übergehend, fort, „ich rathe Ihnen doch, derartige Manöver in Zukunft nicht zu wiederholen. Sie würden e» bitter zu bereuen haben! Diesmal will ich noch Großmuth üben und Ihnen die Kinder lassen; ein zweite» Mal jedoch würden Sie mich unerbittlich finden. . . . Doch genug davon. Sie haben mich verstanden, denke ich! Ich kann also bestimmt darauf rechnen, daß Sie heute Abend auftreten?"
„Ja." In einem zitternden Seufzer ringt sich da» Wort von ihren Lippen.
„Ich wußte es wohl," murmelt er triumphirend. „In einer Viertelstunde also erwarte ich Sie in ver Probe," setzt er laut hinzu. Dann verläßt er mit dröhnenden Schritten da» Gemach.
Die junge Frau verharrt noch eine Weile regungslos und starrt mit leerem Blick auf die Thür. Plötzlich ringt ste mit einem Wehlaut die Hände empor. „Laß mich sterben, o Gott, sei barmherzig, laß mich fier len!" jammert sie . . . Sie stockt, ein paar weiche Händchen haben in schüchterner Liebkosung ihre Wange berührt. Ihr untrer Blick fällt auf die Kinder, welche ihr Tod unrettbar in die Hand jene» erbarmungslosen M nschen liefern würde. . . . „Stein, o nein, ich will ja leben!" schluchzt da die arme Mutter, ihre Lieblinge krampfhaft an'S Herz pressend. „Laß mich leben, o Gott, laß mich leben für meine Kinder 1"
III.
Dämmernd bricht der Abend herein. Im einsamen Stuvirzimmer sitzt ein Mann am Schreibtisch über einem aufgeschlagenen Buche, die gedankenschwere Stirne in ine Hand gestützt. Der Ausdruck seines Antlitzes spricht nicht von glücklichen Tagen; >rnst und düster bilden die dunkeln Augen hervor. Freilich, ste schauen ja auch viel Elend und Jammer, diese Augen: der Beruf de» Arzte» bringt e» mit sich. Aber der Schatten auf den Zügen rief.» Manne« hat doch wohl noch einen liefern Grund: er ist einsam; weder Weib noch Kind, kein Herz nennt er sein eigen, an da« er liebend ra» seine schließen könnte — und morgen ist Cvristabend. Das ist die Zeit, wo der Einsame stch coppelt einsam, der Traurige sich doppelt treu ig fühlt.
Wae um aber ist er so einsam geblieben im Le en? Er selbst gibt Antwort auf die Frage: unbewußt kntz It seine Hand auf den Rand de» Blatt.», Über k>.ffen Zeil.n seine Augen «dermal» versiänrnißlo» hmirren, einen Namen, der ihm seit rem Morgen unablä fig vor der Seele steht: „Alce".
In diesem Namen drängt sich alle» Glück, aller Schmerz feine» Leben» zusammen. Warum mußte er Z.fall iun g rübe heule Morgen, wo er nach wocheulanger Abwesenheit zum ersten Male wieder zu leinen Kranken ging, an dem CncuSgebäuoe vorüber führen, von dessen Bretterwand ihm der
। verhängnißvolle Name in großen rothen Settern enigegenleuditeie ? Nun kann er ihn nicht mchr bannen, diesen Namen. Er steht ihm vor Augen, wohin er blickt, und mit ihm ein jugendlich lockige» Mäbchennaupt, ein liebliche» dnnkle» Köpfchen mit braunen Gazellenaugen. Was thut'S, daß der Name auf jenem Zettel „Miß Alice" hieß? Die geschäftige Einbildungskraft verwandelt ihn flug» in „Baronisse Alice" und schafft sich danach ein schmerzlich-süßes Erinnerungsbild.
Es ist ganz dämmerig geworden. Des Arzte» Augen hängen längst nicht mehr an den gedruckten Zeilen von ihm; er hat das vergebliche Bemühen, ihren Sinn zu fassen, aufgegeben. Seine Seele hat heute keinen Raum für die ernsten Studien; die einmal geweckte Erinnerung ist stärker als fein Wille.
Er braucht nicht allzuweit zurückzugehen in die Vergangenheit mit seinen Gedanken. Z hn Jahre sind keine gar so lange Zeit im Leben eine» Manne«. Aber ihm scheint e» eine Ewigkeit, fett er das holde Geschöpf zum ersten Male gesehen, dessen Bild jetzt heraufsteigt au» dem tiefsten Schrein seine» Herzen», darinnen e» fortgelebt hat durch die Jahre hindurch, unverwischt und unvergessen.
Er braucht die einzelnen Züge nicht zusammenzusuchen. In all' ihrer bestrickenden Eigenthümlich« feit steht sie vor ihm, die Elfengestalt mit dem sonnigen Kinderlächeln, frisch und lebendig wie an jenem Lenztage, wo er sie in so seltsamer, für ihr ganze», sorglos ungebundenes Wesen bezeichnender Lage im Walde getroffen.
Sie hatte, als er — e n Fremder noch am Orte — auf einem seiner ersten Berufsgänge de» Weges kam, halb knieend, hals sitzend auf dem weichen Waldmoos geruht, graziös zusammengeschmiegt neben einem prächtigen, feingebauten Pferde, das seinen Kopf zutraulich an der Herrin Schulter rieb. Ihr langes, blaues Reitkleid bauschte in tiefen galten um sie her. Im Schooße hielt sie eine Menge kleiner Waldblumen, die sie, so weit die Hände reichen konnten, ring» in der Runde abgepflückt, um sie zu zierlichen Sträußchen zu winden, mit denen sie die silbernen Schnüre ihrer nach Art eines Husaren-Attila besetzten Taille umwand.
Den verwunderten Blick des jungen Arztes beantwortete sie mit [eifern melodischem Lachen.
„Möchten Sie mir wohl helfen, mein Herr?" hatte sie bann in bittendem Ton ihn angcrebet. „Ich habe ein kleines Malheur gehabt. Es ist zu dumm! Denken Sie nur: ich unb mein HairaS da, wir machen täglich weite Spazierritte, wir kennen jeden Stein am, Wege, und heute Morgen stolpert mir der Harras p ötzlich über eine harmlose Baumwurzel, so daß wir Beide zu Fille kamen. Er hat keinen Schaden genommen; aber ich muß wohl den Fuß verletzt ha.en, benn ich kann nicht auftreten und sitze nun hier feit zwei Stunden hülflos am Wege rote eine verwumchene Pcrnzefsin, die auf einen erlösenden Ritter harrt. Wollen Sie dieser Ritter sein?"
(Fortsetzung folgt im nächsten Weihuachts-Anzeiger.)