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JV 271.

Freitag, den 23. November.

1888

Miier W Jeikig

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Die Thronrede,

mit welcher heute der Reichstag eröffnet wurde, lautet:

Geehrte Herren!

Als Ich Sie beim Antritt Meiner Regierung zum ersten Male begrüßte, standen Sie mit mir unter dem Eindruck der schweren Schickungen, welche Mein Haus und da« Reich im Laufe dieses Jahres erfahren haben. Der Schmerz über diese Verluste wird bei dem lebenden Geschlechte nie ganz erlöschen, aber er darf Mich nicht hindern, »den Anforderungen der Pflicht nach dem Vorbilde Meiner in Gott ruhenden Vorgänger mannhaft und treu gerecht zu werden. Von diesem Pflicht­gefühl getragen und das gleiche bei Ihnen vor- aussetzend, entbiete Ich Ihnen bei der Wiederauf­nahme Unserer gemeinsamen Arbeiten Gruß und Willkommen.

Auf Meinen Reisen, welche Mich in verschiedene Theile des Reichs gr führt haben, stnd Mir überall, sowohl von Seiten Meiner Hohen Bundesgenossen wie der Bevölkerung die Beweise entgegengetreten, daß die Fürsten und die Völker Deutschlands dem Reich und seinen Einrichtungen mit rückhaltlosem Vertrauen anhängen und in Ihrer Einigkeit die Bürgschaft ihrer Sicherheit finden. Aus solchen Kundgebungen werden Sie mit gleicher Genug- thuung wie Ich Selbst die Ueberzeugung geschöpft haben, daß die im Reich verkörperte Einigkeit tiefe und feste Wurzeln im gesummten Volke geschlagen hat. Es ist Mir Bedürfniß, Meiner dankbaren Befriedigung hierüber auch an dieser Stelle Aus­druck zu geben.

Daß der Anschluß der Freien und Hansestädte Hamburg und Bremen an den Zollverband de» Reichs nach schwierigen und opferreichen Vorarbeiten nunmehr zur Ausführung gekommen ist, erfüllt Mich mit Genugthuung. Ich erblicke darin eine segensvolle Frucht Unserer einmüthigen Bestrebun­gen. Mögen die Erwartungen, welche fich für das Reich und die beiden bedeutendsten Seehanbels- Plätze an diese Erweiterung des Reichs-Zollgebiet« knüpfen, in vollem Maße in Erfüllung gehen.

Die Regierung der Schweizerischen Eidgenossen­schaft hat eine Revifion de» Handelsvertrages zwischen Deutschland und der Schweiz in Anregung gebracht. Von dem Wunsche geleitet, das bestehende freundnachbarliche Verhältniß zwischen beiden Ländern auch auf handelspolitischem Gebiete zu

3e|i m M«.

Roman von Gabriele d'Arvor.

(24. Fortsetzung.)

Die Gebirgler waren bald au« dem Bereiche der Polizei. Tomy, ganz betäubt vor dem unvorher­gesehenen Ereignisse, gab fich noch keine Rechen­schaft von Allem, was geschehen war. Zehn Minuten später sank er seinem Vater und seinen Brüdern in die Arme.

„Ihr habt mich gerettet!" sagte er bewegt.

„Nein", erwiderte Georgy; „wir allein würden nicht» vermocht haben; Nelly hat Alles ausgedacht und geleitet"

„Nelly?" erwiderte Tomy, in tiefster Seele be­wegt. Ein Ausdruck unaussprechlichen Glücke« be­lebte da« bleiche Geficht. „Wohin gehen wir denn nun?" fragte er.

„An den einzigen Zufluchtsort, der un« jetzt noch übrig bleibt: in die Berge, wo die Justiz de« Landlords un« nicht erreicht," entgegnete der Vater.

Tomy wandte fich an die Leute au« dem Ge­birge: „Ich danke Euch für Eure heldenmüthtge Dazwischenkunft; ohne Luch wär« ich jetzt nicht

bethätigen und zu fördern, bin Ich dem Anträge bereitwillig entgegengekommen. Die Verhandlungen stnd unter Betheiligurg von Vertretern der der Schweiz benachbarten Bundesstaaten geführt wor­den und ihr Ergebniß besteht in einet Zusatzüber­einkunft, durch welche die vertragsmäßige Grund­lage des beiderseitigen Verkehrs erweitert und der Austausch der Erzeugnisse der gewerblichen Arbeft erleichtert wird. Die Uebereinkunst wird Ihnen nach erfolgter Annahme durch den Bunde-rath mit dem Anträge zugehen, derselben Ihre ver­fassungsmäßige Zustimmung zu ertheilen.

Der Haushalt für das nächste Rechnungsjahr wird Ihnen unverweilt vorgelegt werden. Der Voranschlag gilt Zeugniß von der befriedigenden Lage der Reichs finanzen. In Folge der in den letzten Jahren unter Ihrer Mitwirkung eingeführten Reformen auf dem Gebiete der Zölle und Ver­brauchssteuern lassen fich Mehreinnahmen erwarten und auf Grund derselben werden nicht nur zur Erfüllung der unabweislichen Aufgaben des Reichs neue Mittel bereitgestellt werden, sondern es können auch den Bundesstaaten erhöhte Ueberweisungen für ihre Zwecke in Aurstcht gestellt werden.

Mit Freude begrüße Ich die Anzeichen eines Aufschwungs auf verschiedenen Gebieten wirth- schaftlicher Thätigkeit. Ist auch der Druck, welcher auf der Landwirthschaft lastet, noch nicht gehoben, so erhoffe Ich doch im Hinblick auf die neuer­dings eirgetretene Möglichkeit einer höheren Ver- werthung einzelner landwirthschafüichen Erzeugnisse eine B.flerung auch dieses wichtigsten Zweiges unserer wirthschaftlichen Arbeit.

Der bereits früher angekündigte Gesetzentwurf zür Regelung der Erwerbs- und Wirthschafts« genrsiensch asten wird Ihrer Beschlußnahme unter* breitet werden. Es steht zu hoffen, daß die Zu- laffung von Genoffenschasten mit beschränkter Haftpflicht, welche der Entwurf vorschlägt, auch für die Hebung de« landwirthschaftltchen Kredits fich heilsam erweisen werde.

Einzelne auf dem Gebiete der Krankenversicherung hervorgetretene Mängel bedürfen der gesetzlichen Abhülfe. Die dazu erforderlichen Vorarbeiten sind soweit gefördert, daß Ihnen im Laufe der Session voraussichtlich eine entsprechende Vorlage wird gemacht werden können.

Als ein theures Vermächtniß Meines in Gott ruhenden Herrn Großvaters habe Ich die Aufgabe übernommen, die von Ihm begonnene sozial- , mehr am Leben. Gott lohn'» Euch; ich bin nicht dazu im Stande."

„Wir sind Irländer und Katholiken, wir find Brüder, Tomy," erwiderte Clary mit Würde, Tomy die Hand reichend.

„Wer seid Ihr?" fragte drr Gerettete; „mir I ist'«, al« müßte ich Euch kennen."

„Später werdet Ihr er erfahren; j-tzt ist nicht der Moment dazu," war Clary'« Antwort.

Unter diesen Gesprächen hatte man die ersten I Felsen passtr t. Durch eine enge Schlucht gelangte I man in ein kleine« Thal, in deffen Hintergründe I sich ein stiller See ausdehnte. Die Vegetation war I mager und dünn; einige Ziegen und schlecht ge- I nährte Kühe suchten an den Abhängen und Berg- wänden ihre karge Nahrung. Nur hin und wieder hatte der Fleiß und die Au»dauer de« Menschen diesem steinigen Boden etwv« kulturfähiges Land abgerungen; man sah zerstreut liegende Kartoffel­felder und dazwischen armselige, mit Stroh ge- deckte Hütten.

An diesem kalten Wintermorgen bot die Gegend rem Auge de« Beschauers, vor Allem de» unfrei- willigen Beschauer», einen nicht» weniger al« reizen­den oder romantischen Anblick. Ueberall, wohin 1

I politische Gesetzgebung fortzuführen. Ich gebe Mch der Hoffnung nicht hin, daß durch gesetz­geberische Maßnahmen die Noth der Zeit und da« I menschliche Elend sich au« der Welt schaffen lassen, I aber Ich erachte e« doch für eine Aufgabe der Staatsgewalt, auf die Linderung vorhandener I wirthschaftlicher Bedrängnisse nach Kräften hinzu- I wirken und durch organische Einrichtungen die I Betätigung der auf dem Boden des Christen- I thums erwachsenden Nächstenliebe al» eine Pflicht der staatlichen Gesammtheit zur Anerkennung zu bringen. Die Schwierigkeiten, welche sich einer auf staatliche» Gebot gk stützten durchgreifenden Versicherung aller Arbeiter gegen die Gefahren de» Alter» und der Invalidität entgegenstellen, sind groß, aber mit Gotte» Hülfe nicht unüber­windlich. Al» die Frucht umfänglicher Vorarbeiten

* wird Ihnen ein Gesetzentwurf zugehen, welcher einen gangbaren Weg zur Erreichung dieses Ziele» in Vorschlag bringt.

Unsere afrikanischen Ansiedelungen haben da» Deutsche Reich an der Aufgabe beseitigt, jenen Welttheil für christliche Gesittung zu gewinnen. Die Un» befreundete Regierung England» und ihr Parlament haben vor hundert Jahren schon er­kannt, daß die Erfüllung dieser Aufgabe mit der Bekämpfung de» Negerhandels und der Sklaven- Jagden zu beginnen hat. Ich habe deshalb eine Verständigung zunächst mit England gesucht und gefunden, deren Inhalt und Zweck Ihnen mitge- theilt werden wird. An dieselbe werden sich wei- tere Verhandlungen mit anderen befreundeten und betheiligten Regierungen und weitere Vorlagen für den Reichstag knüpfen.

Unsere Beziehungen zu allen fremben Regierun­gen sind friedlich, und Meine Besirebungen unaus­gesetzt dahin gerichtet, diesen Frieden zu befestigen. Unser Bündniß mit Oesterreich und Italien hat keinen andern Zweck. Die Leiden eines Krieges, und selbst eine» siegreichen, ohne Noth über Deutsch­land zu verhängen, würde Ich mtt Meinem christ­lichen Glauben und mit den Pflichten, die Ich al» Kaiser gegen da» deutsche Volk übernommen habe, nicht verträglich finden. In dieser Ueberzeugung habe Ich e» al» Meine Aufgabe angesehen, bald nach Meinem Regierungsantritt nicht nur Meine Bundesgencffen im Reiche, sondern auch die be­freundeten und zunächst benachbarten Monarchen persönlich zu begrüßen tun mit ihnen die Verstän­digung zu suchen über die Erfüllung der Auf,abe,

man blickte, Trostlosigkeit, die die Seele Tomy'» | mit Trauer erfüllte. Er marschirte schweigend vor- ! wärt», al» ginge er in die ewige Verbannung;

mehr al» einmal fragte er sich, ob der Tod dem Leben in einer so schrecklichen Einsamkeit nicht am Ende noch vorzuziehen sei.

„William", wandte er sich an seinen Bruder, „wie lange werden wir denn hier bleiben?"

„Ich weiß nicht, Tomy," erwiderte der Bruder; „wir sind bedroht, die Polizei sucht nach un», wir müssen un» ruhig verhalten, bi» wir vergessen sind."

„Wa»ist denn au» der Mutter und den Schwestern geworden?"

„Sie werden hierher zu un» kommen."

„Und Kelly," fragte Tomy weiter, „wftd da» Kind den beschwerlichen Weg aushalten können?"

„Mache Dir keine Sorge, Bruder; Such läßt sie nicht von der Seite."

„Und hier soll die ganze Familie Aufenthalt nehmen ?"

„Ja; in jenen Hütten, die Du da siehst, leben lauter Familien von Geächteten und Flüchtigen."

J.tzt stieg man eine sehr steile Böschung hinab, wo ein einziger Fehltrüt unfehlbar zum Sturze in