JM 268.
Dienstag, den 20. November.
1888
Filliwr
Zit«»,
In den größten deutschen Städten, wie Berlin, München, Hamburg, steht es in diesem Punkte leider sehr schlimm au«, noch schlimmer aber fast in der gesammten „liberalen" und Jubenpnffe der österreichischen Monarchie. Diese Ucberhand- nähme einer schamlosen öffentlichen Anpreisung der unzüchtigsten Druck- und Bildwerke und der ungenirtesten öffentlichen Vermittelung der unsitt. lichen Lebenswandel«, welche meist hart an die strafges'tzliche Grenze streifen, unserer Anstcht aber in den meisten Fällen mit dem Unfugs-Paragraphen leicht zu treffen wären, sind auch ein „Zeichen der Zeit", einer Zeit, die über die „Keuschheit" witzelt und nicht einmal den Anblick frommer Ordens» Mönche und Nonnen vertragen kann.
Um nun zu dem Eingangs erwähnten Punkte der Berichterstattung über lüsterne Verbrechen I
<K> Unliebsame Erörterungen.
Schon mehrere Male im Laufe der letzten Jahre ist in der katholischen Presse lebhafte Klage gefügt worden über die Ueberhandnahme einer pikant-lüsternen Berichterstattung über Prozeßverhandlungen der schändlichsten Art. Namentlich hat der Berliner Skandalprozeß Gräf-Rother und die nachfolgenven „Kunst"-Ausstellungen Gräf'scher Fltischmalereien in allen größeren deutschen Städten in dieser Hinsicht die schlimmsten Früchte gezeitigt, und andere ähnliche Affatren find nicht ausgeblieben. Die katholischen Blätter waren in diesen Dingen, wie es sich ganz von selbst versteht, stets auf Seite derer zu finden, welche Anstand, Zucht und Scham noch nicht für einen überwundenen Standpunkt halten und der realistisch-naturalistischen Richtung der „modernen" Welt keinerlei Kon- zesfionen zu machen bereit sind. Dieselbe katholische Pnsie überläßt auch die mehr oder minder unsittlichen und lüsternen Inserate gerne denjenigen Blättern, welche in dieser Hinstcht ein weites Ge. wiffen haben. Die sattsam bekannten Gummi- Anzeigen, Ankündigungen „hockpikanter", d. h. unzüchtiger Photographien (meist von Pariser, Kopenhagener, Amsterdamer, Budapester Firmen, weil der Vertrieb in Deutschland verboten ist) und — zart ausgedrückt — Vermittelung bee Verkehrs zwischen den Personen der „galanten Welt" u. f. w. «. s. w. überläßt die katholische Presse vollständig einem Theile der liberalen und Juden.Preffe, welche hierdurch ihr Verständniß für die hohen Ziele des „Reiches der Gottesfurcht und frommen Sitte" bekundet.
I und Strafprozeduren zurückzukehren, so hat sich gerade in den letzten Wochen wieder mehrfach 1 Gelegenheit zu ernsten Betrachtungen geboten. ' I Das, was wir hier nur beispielsweise hervorheben, I ist typisch für die ganze Richtung einer gewiffen Sorte von Reporterthum und Preßliteratenthum. Wir meinen dieLondonerFrauenmorde, den Prozeß Prado in Paris und den Prozeß
I Chamdtge in Constantine (Algier). Die Londoner I Frauen- bezw. Dirnen-Morde haben weit über die Grenzen Englands hinaus Entsetzen und Grauen verursacht. Die bestialische Scheußlichkeit
I dieser planmäßigen Abschlachtung von Frauen«. I Personen, die, wenn fie auch der verworfensten Klasse angehören, so doch immer noch Menschen find, muß jedes fühlende Herz mit Schaudern I erfüllen. Ein ungeahnter Abgrund menschlicher Verkommenheit, Grausamkeit und geistiger Verirrung öffnet stch da vor unseren Augen. Aber was thut ein Theil der „modernen", der „aufgeklärten" Presse? Kaum findet sie Worte der I Entrüstung über diese Schmach der modernen Kultur. Auch dieser grauenhafte Mordskandal, diese systematische Menschenschlächterei wird von I einem großen Theil der Zeitungen zu Schilderungen lüsterner Mnzelheiten mißbraucht. Worin I diese bestehen, soll hier gar nicht angedeutet werden. I Nicht die Mittheilung der zum Verständniß nölhigen I Detail«, sondern die Art und die Form der Dar- stellung ist e«, gegen die wir uns auflehnen.
In den beiden anderen Fällen, dem Prozeß | Prado und dem Prozeß Chambige ist dem sogen. I „Hypnotismus" eine gewisse Rolle zugewiesen I worden, wodurch die Fälle für das große Publikum noch „interessanter" werden. Beide Angeklagte find Frauenmörder. Der eine, Prado, hat eine Pariser Kourtisane, ein auf luxuriösem Fuße I lebendes liderliches Weibsbild ermordet und ihre I Diamanten und Juwelen geraubt. Als Zeuginnen traten andere „Damen" derselben Sorte auf, mit denen Prado in Verbindung stand. Auf das I Weitere lassen wir uns nicht ein. Zur Charak« teristtk der Behandlung, welche ein Theil der deutschen Presse diesem Pariser Skandalprozeß angedeihen läßt, wollen wir nur die Schilderung, I ; welche ein solches Blatt von den zwei mitange- : klagten „Maitressen" de« Mörder« entwarf, ,
wörtlich hierhersetzen. Da heißt e«: I ,
Prado, der übrigens zum Tode verurtheilt wurde, soll durch hypnotische Künste einen gewiffen „moralischen" Einfluß auf die ihm ergebenen Frauen gehabt haben. Dieselbe hypnotische Kraft wird auch dem anderen von uns erwähnten Frauenmörder zugeschrieben, einem Studenten, welcher in Constantine eine durchaus ehrbare, tugendhafte Frau in sein Zimmer gelockt und unter den abscheulichsten Umständen getödtet hat. Auch dieser „sensationelle" Prozeß wurde von zahlreichen Blättern mit allen möglichen pikanten und lüsternen Detail» mirgetheilt. Wir wollen darauf nicht näher eingehen. Und das Publikum? Nun, das große Pnblikum scheint — leider — dieser Art von Neuigkeiten den besten Geschmack abzugewinnen, e» wendet sich sogar von Blättern, welche ihm derartige „anregende" Kost nicht bieten, gelangweilt ad.--
| Fortkommen nach der höchst wahrscheinlichen Freisprechung mcht besorgt zu sein, so übereinstimmend singt die Presse das Lob chrer Erscheinung. — Mauricette — „Mauri" wie der Don Juan sie in schmachtenden Liebesbriefen
I nennt — bildet den vollkommensten Gegensatz zu der I stattlichen „Nini"; klein, zierlich, schmächtig, mit schwarzem I <j^Trruni) sanften Rehaugen, kaum LOjährig; sie soll ent» I schloffen sein, nach Erledigung des Prozeffes einen deutschen I Kaufmann zu heirathen, der in die reizende Gascognerin verliebt ist." 8
I Heißt das nicht dem Laster und der Unsittlich, keit Lorbeeren auf den Weg streuen? Und wie urtheilen dieselben deutschen Blätter, welche den fraglichen Artikel der .Neuen Zür. Ztg.' nachgedruckt haben, über die rechtmäßige Gattin des Mörders?
I . »Sie ist erst 38 Jahre alt, sieht aber fast aus wie eine Greisin, hager, verhärmt, runzlig, grauhaarig, ein Bild des Kummers und der Arm th. Ein Brief an ihren Gatten, der bei den Akten liegt und gestern veröffentlicht wurde, zeigte sie als eine strenge Katholikin und richtige Südländerin, welche die Religion und die materiellsten Dinge des Lebens ineinander flicht, als eine in ihrem Gefühl, ihrer äußeren Stellung, ihrem Vermögen unheilbar verletzte Frau, welche dem Betrüger harte Strafe wünscht, für alles, was er an ihr und anderen verbrochen hat."
Hier die verhärmte Frau, ein Bild des Kummers, dort die lustigen, üppigen, schönen, eleganten, zarten „Maitressen". Man vergleiche die beiden Schilderungen dort con amore gemalt, hier mit einem schwer verhaltenen Ingrimm gegen die öde, trockene Tugend und Religiosität. Ist das nicht bezeichnend für das ganze hier gegeißelte literarische System?
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Roman von Gabriele d'Arvor.
(21. Fortsetzung.)
Clary betrachtete sie in stummer Bewunderung und Jack konnte nicht begreifen, wie man seiner Freundin den erbetenen Dienst abschlagen konnte.
„Ihr wollt also nichts thun für ben unglücklichen Tomy?" fragte Nelly, inbem sie ihrer Stimme einen flehenben Ausdruck gab.
Der Trinker hatte fein Gla« niedergestellt und antwortete in etwa» unwirschem Tone:
„Wir würden glückltck sein, Euch etwa» zu Liebe thun zu könne», schöne» Kind; aber da wir nicht dieselben Gründe haben, wie ohne Zweifel Ihr, ben hübschen Tomy zu beschützen, so müßt Ihr un» wohl erlauben, vor Allem an unsere eigene Sicherheft zu benten."
Da» Gesicht be» jungen Mädchen» überzog stch mit tiefer Röche.
„Laßt Euch durch meine Worte nicht ärgern, Niemand denkt daran, Euer Interesse an dem un- I glücklichen Tomy zu tadeln; man könnte fast fein Loo» beneiden — nicht wahr, Clary?" neckte der
Namentlich in sog. Volksbläftern, welche der erwachsenen Jugend täglich in die Hände kommen, in unseren Bergen verschaffen. Jndeß, im schlimmsten Falle finden wir Schlupfwinkel genug, um ihnen zu entgehen, und wir können den braven Tomy auch nicht wohl im Stiche lassen. Also, Clary, Du hast meine Erlaubniß; nimm Dir 12 I von unseren Leuten und spiele Seiner Edlen, die der T ... . holen wolle, diesen Streich. Laßt Euch aber nicht erwischen, wenn Ihr nicht selbst handeln wollet! Ich möchte gern selbst von der Partte sein, aber Ihr wisset, auf meinen Kopf find 100 Pfund Sterling gesetzt, und man muß stch vor Verräthern hüten."
„O Dank, tausend Dank!" kam e« freudig von Nelly'« Lippen. „Ich werde diese gute Neuigkeit sofort den Podgcy'« mittheilen. Also, wohl verstanden! Ich lasse Euch durch Jack von der Stunde der Exekution in Kemftmß setzen; sorget, daß Ihr zur rechten Zeit am Orte seid; eine Minute Verspätung, und Alle« ist umsonst!"
Die Männer tranken ihr Gla« au» und brachen auf. Im Augenblicke de» Fortgehen» näherte Clary stch Nelly und flüsterte ihr in'» Ohr: „Zählet auf mich!"
Einige Minuten später waren die Gebirgler hin tex
I „Eugenik Forestier, eine 30jährige, blonde und üppige I Schöne der Pariser Halbwelt, die sich ausgesucht elegant I kleidet und mit ihren pielknöpsigen, strohgelben Glace- I Handschuhen von ihrer Umgebung abhebt, braucht um ihr
I Bandit, stch zu dem jungen Manne wendend, dessen I Augen unverwandt auf Nelly gerichtet waren.
I Diese erwiderte schnell:
„Als ich noch ein Kind war, hat Tomy mir das Leben gerettet; was er damals für mich gc- than, wünsche ich chm heute zu vergelten. Etwa hundert Schritte von hier habe ich seinen Vater und seine Brüoer zurückgelassen, die ihn um jeden
! Preis dem Henker streitig machen wollen."
„Wir werden ihnen helfen," sagte Clary bestimmt.
„Du willst ihnen helfen? Da« ist Deine Sache; aber wer heißt Dich denn, im Namen der An- ; deren zu sprechen?" bemerkte der Chef.
„O," erwiderte Clary, „ich werde in den Bergen stcher ein Dutzend Leute finden, die Herz genug haben, mit mir zu gehen und Einen der Unserigen vom Galgen zu retten. Sind wir nicht Kinder desselben Vaterlandes, Brüder im selben Unglück? Ist es nicht unsere Pflicht, bte Opfer der Tyrannei zu schützen und nöthigenfall« zu rächen ?"
„Ruhe, meine Freunde!" rief der Chef; „wir wollen uns darüber verständigen. Ich habe keine Vorliebe für biefe offenen Kämpfe mit ber Obrigkeit; bas könnte uns einen Besuch ber Rothröcke 1
Inserate. Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. 8