v 266 Samstag, der XL November.
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1888
$k 8eit"5 1 M. 50 Pf.,
Inserate- Die einspaltig, Zeil- oder deren Raum 15 Ube: W.ederh°lung7n ^ts7--chLr R°L. Pfennig.
nicht bis Weihnachten zu warten, vielleicht kommt die Hilfe dann schon zu spät. Es wäre besser, wenn Weihnachten auf Allerheiligen fiele, d. h. wenn das erste Schenkfest, welches sich mit dem Christtage verknüpft, schon zu Beginn de, Winters I staltfänve. —
Dieser Tags traf ich im Essenbahncoups einen jungen Mann, der durch fein Hüsteln meine Auf- merksa nkeit erregte. Ec trug eine feine, warme Pelzmütze auf dem Kopfe und elegante dünne Stiefelchen, in denen offenbar neben dem eingepreßten Fuß kein warmer Strumpf Platz hatte. „Füße warm und Kopf kalt" ist eine uralte Regel; aber sie wird nur zu oft nicht befolgt, am wenig, sten in Bezug auf die Füße. Soweit meine Erfahrungen reichen, kommen die meisten „Erkältungen" von den Füßen her. Darum möchte ich an dieser Stelle wieder einmal daran erinnern, daß I En 1) für wetterfeste Fußbekleidung sorgen und I 2) auf das Trockenhallen der Strümpfe und I Socken achten muß. Dabei ist zu bemerken, daß die Fußumhüllung nicht bloß von außen her feucht werden kann, sondern auch durch die Ausdünstung des Fußes. Das ist kein wohlriechend.s Kapitel, darum wollen wir nicht näher darauf eing hen, so idern nur den Reim „Socken—trocken" zu st e t e r Beachtung empfehlen.
Für Leute, die zu Katarrhen neigen, ist auch I die Bemerkung angebracht, daß die Rase nicht bloß zum Riechen oder Schnupfen, sondern auch I zum Athmen zu gebrauchen ist. Um das Ein- • athmen von zu kalter Lust zu hindern, hat man die häßlichen „Respiratoren" auf den Markt ge- । bracht, diese schwarzen Maulsperren, welche begreiflicher Weise keinen Anklang siaden konnten Die Natur hat un» selbst einen „Respirator" ge. geben; wir brauchen blos bet scharfer Luft den Mund geschlossen zu halten und durch die Rase I zu athmen. In dem engen Kanal, welchen die I Luft dabei passtrt, wird für Vorwärmung und I Reinigung der Arhemluft gesorgt. Je rauher die Luft und je stärker der Wino, desto mehr ist es geboten, den Mund geschloffen zu halten. Daß man dabei nicht sp echen kann, wird doch höchstens der klatschenden Weiblichkeit als Unglück erscheinen.
Die Kunst, eine Zigarre anzubieteu.
U-ber diesen wichtigen Gegenstand veröffentlichte Wipp- chen.Stettenheim im Humor .Deutschland' eine ergötzliche Plauderei, der wir Folgendes entnehmen.
Es läßt sich darüber streiten, ob es richtig sei, die Cigarre eines Anderen zu rauchen. Man würde es beleidigend finden, wenn uns Jemand mit den Worten: „Ein Paar Strümpfe gefällig?" oder „Schreiben Sie?" Socken oder eine Flasche Tinte anböte. In Gesellschaft raucht man natürlich die Cigarre des Wirthes, wie man dessen Wein trinkt, wenn es auch bei dieser G.-.egenheit selbstverständlich ist, daß man nie die Cigarre erhält, an die man sich gewöhnt hat. Man bekommt entweder eine bessere oder eine schlechtere als die ist, welche man immer raucht, und beides ist gleich fatal; denn durch die bessere ruinirt man sich das Gefallen an der eigenen, und durch die schlechtere wird man zu boshaften Scherzen verführt, dre sehr leise geäußert werden müssen, was sehr unbequem rst und menschenfeindlich stimmt. Aber das ist nicht zu vermeiden: der Wirth kann es sich nicht gefallen lassen, daß seine Gäste ihre eigene Sorte mitbringen, sie sei nun bester oder schlechter, als die von ihm präsentirte.
Erstaunlich ist nur, wie bei wenigen Menschen die Kunst, eine Cigarre anzubieten, rein erhalten ist. Meist wird sie dilettantenhaft, ja stümperhaft geübt, und schon bei dem ersten Wort verräth sich der Pfuscher.
Gewöhnlich läßt solcher ungentile Geber fühlen, daß er es mit Jemand zu thun hat, der etwas geschenkt an- mmmt und nun Hal er das Bedürfniß, den Werth seines Geschenkes durch Redensarten zu erhöhen. „Wollen Sie 'mal etwas ganz Feines rauchen?" fragt er, während er mit der Hand nach seiner Cigarrentasche unterwegs ist. Das ganz Feine ist dann gewöhnlich eine Wald- und Wie- sen-Cigarre. „Es ist der einzige Luxus, den ich treibe" setzt der Lügner hinzu; denn feine Cigarre ist dann ganz gewiß nicht mehr Luxus, als das Rauchen überhaupt ein I
Run wollen wir bieiei kalte Thema verlassen und zu einer Angelegenh tt übergehen, bei der lebem „Nationalen" das Herz warm werden muß. Fürst Bismarck hat schon ein Weihnachtsgeschenk ,m Voraus erhalten; zu seinen zahllosen Würden, Ehren Orden und Titeln hat man ihm noch die theologische Doktorwürde verletzen, natür- die evangelisch-theologische. Die evangelischen Gottesgelehrten der berühmten Universität Gießen £?b.e.n "un endlich nachgeholt, was unbegreiflicher I Weise lange versäumt war. Nach unserer un» maßgebenden Meinung wäre diese Auszeichnung I niemals besser am Platze gewesen, al» vor nun- mehr dreizehn Jahren zur Z:it jener denkwürdigen Herrenhaussitzung, in welcher Fürst Bismarck er- klärte, daß der Papst feine Seligkeit bedrohe. Warum haben die protestantischen Fakultäten nicht in jener Zett alle hohen Patrone und Väter der „Krrchengesetzgebu ig", neben Bismarck vor Allen auch Falk, Gneist, Petri, Wlndthorst (Bielefeld), zu Doktoren der evangelischen oder altkatholischen Theologie ernannt?
Die ,Kceuzztg/ stellt fest, daß jeder Doktor der evangelischen Theologie auch d-i» Recht habe, zu predigen. Fürst Bismarck wird vermuthlich von diesem Rechre keinen Gebrauch machen; aber ^"en mir gern mal auf dem Predigtstuhle gesehen. — Hoffentlich wird unser gegenwärtiger Kultusminister, Herr v. Goßler, nicht neioisch werden auf die theologische Würde des Ministerp.äsidenten. Möge ihm, gleich seinem Vorgänger Herrn v. Puttkamer, eine „kirchliche Würde" beschieden sein, welche von Manchen höher geschätzt wird, als das Ehrendoktorat, nämlich eine Domherrnstelle an den protestantischen Stiften, welche einen artigen Zuschuß zu den irdischen Be- dürfniffen abwirst.
Was meine persönliche Ansicht betriff , so gönne rch dem Reichskanzler und allen vom gleichen Glück Betroffenen die E h r e n - Promotion von ganzem Herzen. Dagegen möchte ich die ganzen „akademischen Grade" von Grund aus abschaffm. Die Dok o. würde hat sich überlebt. Sie ist, auch wenn sie nte erworben ist, ein Titel ohne genügenden realen Inhalt. Staat und Kirche haben für Die-
solcher genannt werden kann. Endlich klappt er die Cigarrentasche auf, indem er noch sagt: „Aber schneiden Si- si- sorgfältig ab, und zünden Sie sie gut an." So wird dem unglücklichen Nehmer die Gabe verleidet, indem ihm angedeutet wird, daß er einer solchen gar nicht werih sei und sie auch nicht im entferntesten zu schätzen wisse
Die Talentlosigkeit in dieser Knast offenbart sich auch in der ruppigen Phrase bei der Ueberreichung: „Aber rauchen Sie sie mit Verstand I" Während es keinem ge- I bildeten Mann einfullen würde, einem Feunde ein Buch mit den Worten: „Aber lesen Sie es mit Verstand!" zu überreichen, hält der Pfuscher des Cigarrenanbietens solchen Appell für erlaubt und nöthig.
Paul Lindau hat in seinem Lustspiel „Maria und Magdalena" mit groß-r Virtuosität einen Typus der sogen, guten Gesellschaft gezeichnet, einen Kommerzienrath, der eine Cigarre, die er überreicht, mit den Worten begleitet: „Bel Cigarren darf man ja den Preis sagen" Das Publikum nimmt diese greuliche Phrase stets mit großer Heiterkeit auf, weil es sie im Leben nur zu oft gehört und sich darüber als über das charakteristische Diktum des Parvenuthums geärgert hat. Der Mann, den Lindau in diesem Kommerzi nrath mit wenigen Strichen so frappant ähnlich portraitirt, lebte — ich kannte denselben gut , und er lebt auch heute noch in vielen tausend Exemplaren, und unter denen, die im Theater diese Redensart zu beklatschen pflegen, sind gewiß sehr viele von ihnen. Sie citiren den Lindau'schen Kommerzienrath nicht wörtlich, sondern machen es viel plumper; sie fragen. „Wissen Sie, was diese Cigarre kostet? Rathen Sie! ooer: „Was meinen Sie, was diese Cigarre kostet?" Und ohne die Antwort abzuwarten — die beste wäre: die Hälfte! — nennt dann der unkünstlerische Spender einen Preis, der selbstverständlich viel zu hoöh angegeben wird. Man sollte solchen Schwätzer immer abstrafen, wie dies em Mal in meiner Gegenwart geschah. Als nach Tiich der Wrrth em Kistchen buntumgürteter Cigarren brachte I
I und dabei sagte: „Jüngste Ernte, 700 Mark," bedauerte tmn der muthigsten Gäste, so billige Cigarren nicht rauchen zu können. Der Wirth war außer sich und zum Glück zehn Minuten lang sprachlos.
In der Kunst, eine Cigarre anzubieten, ist auch der- >emge vollständig Laie, der die Cigarre in der Seiten- tasche seines Rockes oder seiner Weste tran-portirt. Noch chl-mm-r wenn sie mit der Spitze nach oben eingesteckt ist. Em solcher Barbar wäre außer sich, wenn ihm jemand em Stück Braten mit den Fingern auf den Teller legte, und er findet nichts darin, eine Cigarre da anzu- fassen, wo sie vom Empfänger zwischen die Lippen gesteckt werden soll, wenn dieser das Bedürfniß fühlt, ebenso unsauber rote der Geber zu erscheinen.
Gleichfalls unleidlich ist der Wirth, der seine Cigarre mit einer Reklame ankündigt, lange bevor die feierliche Ueberreichu-g stMtfindet. Diese Reklame ist ein Schatten, ®cet8ni6 vorausroirft: „Meine Herren, ® 9‘6t 1ltne Pracht-Cigarre", oder: „Zum Kaffee mn?« ?,e ”aS ru rauchen kriegen - Sie haben nie was Besseres geraucht." Gewöhnlich ist es auch eine Ci- garre, „die sich gewaschen hat", eine Havanna, „die nicht von schlechten Eltern ist", eine Bock, „jeder Paff 10 Pfen» nig . Natürlich hält die Cigarre selten, was der Geber versprochen hat; es geht ihr wie Vielem, dem die Reklame trommelivirbelnd voraneilt: die C'garre ist häuft i von den schlechtesten Eltern, der Vater pfl gt einer jener nichtsnutzigen Tabaksgauner zu sein, welche Kohlblätter so bei- zen, daß sie rote ehrliches Kuba-Kraut aussehen.
Das Hauptgesetz seiner „Kunst, eine Cigarre anzubie- 5?”' formulirt Stettenheim wie folgt: „Die Kunst, eine Cigarre anzubieten, ist einfach wie jede Kunst, die der Namr nahe zu kommen trachtet. Der Meister wird seine beste Cigarre geben und sich freuen, daß sie dem Raucher Freude macht. Das ist die Bedeutung der Worte, welche b-- Grazie Aglaia sagen läßt: „Leget Anmuth M das Geben l
Zweites Blatt.
5 Zeitgemäße Plauderei.
Eisblumen am Fenster und Frostrosen auf den Backen; das prächtigste Weih,mchtswetter mitEr- bahnen und Sonnenschein, doch fehlt noch der Schnee. Das Jahr mit den drei Achten bleibt stch bis zum Ende getreu; es irrt sich beim W.tter- machen immer ein wenig in der Zeit. Vielleicht werden wir gerade zu Weihnachten da» nasse, windige, schmutzige Novemberwetter nachzugenießen haben.
In Berlin ist vorige Woche bereits der erste Erfrorene aufgefunden worden. Mit den Erfrierenden geht es ähnlich wie bei den Verhungernden: man nimmt bloß Notiz von denen, welche durch einen scharfen Frost oder vollständigen Nahrungsmangel unmittelbar dem Tode anheimfallen, achtet aber weniger auf die Opfer, welche langsam in Folge der ungenügenden Erwärmung oder der unzureichenden Nahrung dem Grabe zuwanken. Wie mancher Körper holt stch den Toöeskeim, weil das Geld für eine wollene Jacke, eine schützende j Bettdecke, etwas Kohlen nicht mehr ausreicht! Wo e» an Wäcmemitteln fehlt, da stnd gewöhnlich auch die Nahrungsmittel mangelhaft, und doch bedarf der Körper um so dringlicher einer gehaltvollen Nahrung, je mehr Wärme er abgeben muß. Der Körper ist auch ein Ofen; je größer die Kälte, desto mehr Brennstoff muß hinein. Unsere Zeit drängt auf „Gesundheitspflege". Der Anfang des Winters ist die geeignetste Z.tt, wo Jeder in seinem Umkreise christliche Gesundheitspflege treiben kann. Man preist den braven Mann, der sich mit eigener Lebensgefahr in’» Wasser gestürzt, um ein ertrinkendes Kind zu retten. Ach, wenn man auf Lebens- retlung aurgch-n will, so kann man sich dieses Ver- dienst viel leichter und gefahrloser erwerben. Man braucht blo» die Augen umherschweifen zu lassen; überall finden stch leider Kinder und auch Erwachsene genug, die in Gefahr stnd, ihre Gesundheit zu verlieren, ihre Lebensfähigkeit einzubüßen, weil es ihnen am Nothwendigen fehlt. Wer helfen will mit milder Gabe und gutem Rath, der braucht