260
Samstag, den 10. November.
1888
Filter
Die .Fuldaer Zeitung« «rscheirä tägli ch, Sonn-^ und Feiertag- ausgenommen. MerteljShrlicher AbonnementSpreiS ohne Bringerlobn und Bestellgeld- IM SO Nf mit der belletristrschen Wochenberlage ,Stern« und Blumen- in Fulda 1 Mart 70 Pfennig, auswärts 1 Mark 75 Mennia ’ *'*
Inserate: Die einspaltig- Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt
Zweites Blatt.
A November.
Allerseelen-Monat! Wir leiten ihn ein mit dem Besuche der Gräber, mit der wehmüthigen Erinnerung an die Lieben, die der Frosthauch de« Tode« eher getroffen, al« uns. Aber am Grabe, wo die Trauer haust, brennt auch da« Kerzlein frommer Liebe und grünt der Kranz der Hoffnung. Da« stille Zwiegespräch des Christen mit der armen Seele schließt mit den tröstlichen Worten: „Auf Wiedersehen." Ihn läßt der Glaube an der winterlichen Todtengruft den Frühling ewigen Lebens voraus empfinden, während der Unglaube nur Asche und Moder sieht und sich am Vorabend eines ewigen Winters fühlt.
An den Gräbern schleichen sich Todesgedanken in das Herz; e« gehört nicht viel Einbildungskraft dazu, um vor den geistigen Augen das Bild de» eigenen Leichenzugcs erscheinen zu lassen, wie man durch kahle Felder über raschelndes Laub uns hinausträgt, wie der schneidende Novemberwind das Bahrtuch flattern läßt und die Töne des Miserere davonträgt, wie au» den grauen Wolken die Schneeflocken herabfallen und eine weiße Decke bilden über unsere Ruhestätte. Für Viele ein schreckhafte» Bild, dem sie sich möglichst zu entziehen suchen. Aber wer vernünftig und guten Gewissen» ist, scheut sich nicht davor, der Wahrheit in'» Auge zu sehen. Macht man sich mit dem Todesgedanken nur recht vertraut, dann verliert er seine Schrecken. Dann erscheint er wie ein Abschied am Abend, wenn man sich zur Ruhe zurückzieht. „Gute Nacht! Bald tagt der Morgen, an dem wir frisch und froh uns Wiedersehen !"
Der elfte Monat, die vorletzte Stunde des Jahres. Und wenn es auch für unfern Lebenslauf schon die „elfte Stunde" bedeuten sollte, — wohlan, es bleibt uns wenigsten« noch eine, um „da» Hauswesen in O.dnung zu bringen."
Wie der brave Soldat frohmuthig und mit lebenslustigem Sang und Klang durch die Gefahren des Feldzuges schreitet, so soll un» Allen der Gedanke an den Tod die Freude am irdischen Dasein nicht vergällen. An die Geselligkeit mit den Tobten schließt sich die frohe Geselligkeit unter den Lebenden, welche der Winter mit seinem traulichen Lampenscheine und dem gemüthlichen Ofenfeuer begünstigt. Die Martinsgan» und was sonst der November an materiellen Genüssen be- scheert, sind an sich recht prosaische Dinge; aber wenn der Geist der Liebe Alles durchweht, dann werden auch Essen und Trinken und Scherzen und Plaudern vergoldet und veredelt, gleich den Brod- stücken der hl. Elisabeth, die sich in Rosen verwandelten.
Der Sommer bringt die Gefahr der Veräußerlichung mit sich; der Winter, welcher uns heim treibt an den häuslichen Heerd, führt zur Innerlichkeit. Im Winter ist ein stärkerer Bedarf an jenem köstlichen Gute, welche« keine Sprache besser zu bezeichnen weiß, al« die deutsche, „ge- müthlich" soll e« drinnen in den vier Wänden sein, wenn draußen die Winterstürme heulen. Wenn man den Begriff der Gemüthlichkeit in seine Urstoffe zerlegt, so ergeben sich al« die zwei wesentlichsten Bestandtheile: Friede im eigenen Innern und Liebe zu dm Mitmenschen. Der schöne Weihnachtsspruch: „Friede den Menschen auf Erdm, die eines guten Willens find!" sollte über der Schwelle jedes Wohn- oder Gesellschaftszimmers prangen, wo man zu winterlichen Zusammenkünften sich vereinigt. —
Betrachten wir da» Naturleben im November, so läßt sich beim besten Willen dem Monat kein Loblied singen. Man könnte ihn sogar den unangenehmsten Monat de» Jahres schelten. Dezember und Januar, die eigentlichen Wintermonate, haben ihre Eis- und Schnee-Poesie; aber der November, der den leidlichen Herbsttagen in der Regel ein Ende macht, schwingt sich selten zu einem klaren, erfrischenden Winterwetter auf; meist bleibt er in Regenstürmen und Schmutzschnee stecken. Ein Seitenstück zu dem unlieblichen November, bildet die feuchtkalt-schmutzige Uebergangszeit zum Frühjahr; aber letztere hat den Vorzug der Hoffnungsseligkeit, welche dem ersehnten Lenz vorausgeht. Es bleibt uns nichts übrig, als auch die häßlichen Novembertage durch die Hoffnung auf ein frisch- fröhliches WeihnachtSwetter möglichst zu erleichtern.
Wenigstens einen Vorzug hat auch der November: er pflegt die „parlamentarische Saison" zu eröffnen. Es ist zwar der Spruch aufgetaucht: „die Politik verdirbt den Charakter", aber in der Stille de» winterlichen Lebens wirkt doch die Politik oft anregend und belebend. Wenn die Natur von ihrer Arbeit für die Weltverbesserung eine Zeit lang ausruht, gerade dann entwickelt die menschliche Weltverbesserungskunst, deren Blüthe die Gesetzgebung sein soll, ihre regste Thätigkeit. Schwarzseher sagen, es sei alles Stümperei; aber was Hilst das Jammern über die menschliche Schwäche: Gestrebt muß doch werden, wenn auch da» Ziel unerreichbar sein sollte; denn Streben ist da» Leben der Menschheit; sie ist nicht zum Winterschlaf auf Erden.
Die guten Tage, welche Göthe als am schwersten erträglich besingt, wirken erschlaffend, verweichlichend ; die schlechten Tage, welche uns die rauhen Naturgewalten bereiten wollen, wirken anregend, erfrischend, fördernd. Der Kampf gegen Sturm, Nässe und Kälte spornt die Körper- und Geisteskräfte an. Der Mensch, den der Schöpfer nach seinem Ebenbilde schuf, soll nach der Herrschaft über die Naturkräfte streben. Ein Stück von dieser großen Kulturaufgabe bilden auch die unablässigen Versuche, in möglichst zweckmäßiger Weise die Un- bilden de» Winter» abzuhalten, den künstlichen Ersatz für da» verkürzte Sonnenlicht zu verbessern, die Kleidung»-, Heiz- und Wohnungs-Verhältnisse zu vervollkommnen, den Verkehr trotz aller Witte- rungseinflüsss frei, sicher und leicht zu gestalten u. s. w. So fördert auch der Winter den Fortschritt der Ctvtlisation; Manches will uns als kleinlich« Neuerung erscheinen und ist doch eine neue Stufe auf dem schwierigen Wege zum Gipfel der Kultur.
Die edelste Blüthe der Kultur aber ist die Liebe. Der Winter erhöht die Noth, möge er auch die Mildthätigkett erhöhen!
M» um M«.
Roman von Gabriele d'Arvor.
(13 Fortsetzung.)
4.
Der Zehnten-Erheber Seiner Reverenz.
Im Flecken Greenish, in dessen Nähe das Pachtgut unserer Bekannten liegt, ist heute Markt. So eine Gelegenheit trifft sich für die Bewohner der Gegend nur einmal im Jahre, und der Zudrang ist dementsprechend auch ein außerordentlicher. Die nach dem Orte führenden Wege sind angefüllt mit Paddies, die Vieh oder Erzeugnisse der Landwirth- chaft zum Verkaufe bringen. Die etwas besser Mellten kommen mit Fuhrwerken oder sitzen auf )em Rücken der hier landesüblichen Ponie«, während die ärmere Klaffe, der man da» Elend deutlich an
Gesicht und Kleidung ansieht, ihre geringe Waare mühsam auf Karren oder in Tragkörben fortschafft. Dazwischen ganze Gruppen von Kindern in Lumpen und Holzschuhen, die von den benachbarten Dörfchen und Gehöften zusammenlaufen, um ihren Theil am Feste zu reklamiren.
Der Markt wurde unten im Flecken auf einem großen freien Platze abgehalten. Seit Sonnenaufgang herrschte dort ein schreckliches Durcheinander von allerhand Leuten, Karren, Pferden, Thteren. Das G-iohle der Menge das Brüllen de« Rind- vieh«, da» Geknalle der Peitschen war ohrenzer- reißend. Eine matte, von Zeit zu Zeit von Gewölk verschleierte Sonne beschien da« Gewoae. Im Uebrigen findet man so ziemlich auf allen Jahrmärkten der Welt daffelbe Treiben und dieselben Szenen. Ja allen Tonarten priesen die herum- ziehenden Handelsleute ihre Waren an und di«- putirten einander die Gunst des Publikums. Da waren Verkäufer von Leckereien und Spielzeug. Kolporteure, Bilderhändlcr, Wunderdoktor, die darauf schworen, daß ihre Tropfen das Zahnweh radikal beseitigen, oder Universalmiitel für alle möglichen Leiden anpriesen u. s. w. u. s. w. Charakteristisch aber für die irische« Märkte sind die große Zahl von Juden, deren Spezialität darin besteht, alte getragene Kleidungsstücke in großen Quantitäten in den großen Städten Irlands und Englands anzukaufen und hier an den Mann zu bringen. Und da« Geschäft in diesem Artttel kennt keine Flaue; denn wettau« der größte Theil der irischen Landleute versorgt sich regelmäßig mit solchen Eff.kten; man findet nicht sehr viele, die V- neue Kleider getragen haben, nicht einmal bei den feierlichsten Gelegenheiten ihre» Leben«.
Daneben gab e« auch Tanzbuden und Trinkhallen, in denen die zahlreichen Besucher mit Wohl- gefallen ihrem Whiskey zusprachen, jenem nationalen Getränke, in dem der Irländer sein Elend und seinen Kummer für einen Augenblick vergißt, da e» ihm unmöglich ist, Beides gründlich zu be- seitigen. Alte Frauen, mit oft abschreckendem Gesicht und verdächtig Kupferfarbenen Stafett, hatten auf freiem Platze Herde aufgestellt, an denen sie stets frische Puddings und Schweinefleisch-Pasteten backten.
Nach der Menge der Umstehenden zu urthetlen, die mit lüsternen Blicken die dampfenden Dinger umdrängten, ging das Geschäft flott, wenn auch Mancher sich resignirt entfernte, ohne seinen Appetit befiiedigt zu haben, einfach deßhalb, weil die ge- ringen Sparpfennige ihm solchen Luxus nicht er- laubten.
Einige Konstabler, das Gewehr auf der Schulter, orgten für die Ordnung, während der Werbe- Sergeant, der in England niemals da fehlt, wo >ie jungen Leute zusammenströmen, unter Vorauftritt eines Tambours der Menge triumphirend einen baumlangen, dumm aussehenden Rekruten vorführte, in Lumpen gekleidet und ganz mit »unten Bändern geziert, den er mit Hilfe einiger Glas Whiskey glücklich eingefangen hatte. Diese« glänzende Schauspiel sollte den dienstfähigen Burschen eine verlockende Aussicht von den Freuden de» Soldatenlebens bieten.
Tomy hatte sich zum Markte nach Greenish beiden, weil er sicher war, Nelly dort zu treffen. Seit einigen Tagen ging er wieder jeden Abend an der Wiese vorbei, wo da« junge Mädchen gewöhnlich die Kühe hütete, aber jedesmal fand er nur ihre jüngere Schw.ster Mary; offenbar vermied Nelly es, mit Tomy zusammen zu treffen.
Nelly'« Vater war ein kleiner Pächter, wie Podgey, auch keineswegs reicher, wie Tomy'« Vater, aber feine Familie war bedeutend kleiner,