J\* 256. Dienstag, dm 6. November. 1888
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Deutsches Reich.
Berlin, 5. November.
* Die Ansprache des Kaisers an die Deputation der städtischen Behörden Berlin'- ist am Donnerstag in Kreisen der Berliner Stadtverordneten Gegenstand einer nicht öffentlichen Besprechung gewesen zur Erörterung der Frage, ob es angemeffen sei, auf diese Kundgebung eine Erwiderung oder eine Verhandlung darüber in derStadtverordneten- Versammlung folgen zu lösten. Die ,Freis. Ztg.' spricht die Hoffnung aus, daß man bei der Ansicht verbleiben wird, eine solche Erörterung zu unterlasten. Jene Ansprache der Königs sei kein Regierungsakt, denn rach Artikel 44 bedürfen „alle Regierung - Akte des Königs zu ihrer Gültigkeit der Gegenzeichnung eines Ministers, der dadurch die Verantwortlichkeit übernimmt." „Nur Aeußerungen eines Monarchen, welche unter der Verantwortlichkeit eines Ministers vor sich gehen, eignen sich hiernach zur Erörterung in parlamentarischen Körperschaften. Von diesem Gesichtspunkte ist der Reichstag und Landtag stets ausgegangen. Kaiser Wilhelm I. pflegte stets bei dem Empfange der Präsidien des Reichstages und des Landtages auch Aeußerungen politischer Art zu machen. Mitunter enthielten solche Aeußerungen auch eine Kritik der Bcschlüste oder der Haltung des Reichstages oder des Landtages. Niemals aber haben die Präsidenten derartige Aeußerungen, welche nicht in Gegenwart eines verantwortlichen Ministers gethan wurden, zur Kenntniß des Reichstages oder dcs Landtages gebracht. Ebenso wenig haben die Präsidien über solche Aeußerungen „authentische Berichte" in die Presse gelangen lasten. Was darüber in die Puffe kam, beruhte auf Pcivat-Mit- theilungcn Einzelner. Für die städtische Deputation war nicht einmal Veranlassung gegeben, von dem Chef des Civil-KabinctS eine authentische Mittheilung über die Aeußerung des Kaisers zu verlangen, da dieselbe einen lediglich privaten Charakter hatte. Der begangene Fehler würde noch vergrößert werden, wenn die Stadtverordneten von Aeußerungen, welche verfassungsmäßig nicht den Charakter von Regierungs-Akten haben, von Amtswegen Kenntniß nehmen wollten." Gegenüber dem Artikel des .Reichs-Anzeigers' über „widersinnige und böswillige Entstellungen", welche die Ansprache des Königs an die städtischen Behörden in der freisinnigen Puste gefunden habe, bemerkt das
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Roman von Gabriele d'Arvor.
i9. Fortsetzung.)
„Bist Du denn ebenso stumm als dumm?" wiederholte heftig der Bruder, ihren zarten Arm mit eisernem Griffe umklammernd.
„Ich weiß nicht!" erwiderte das erschreckte Kind, das nichts von dieser Behandlung begriff.
„Du weißt nicht, ob Du stumm bist?" spottete Tomy; „aber stcher bist Du stumpfsinnig. Was thust Du hier? antworte, oder--"
„Ich war hierher spielen gekommen und send unser Haus nicht mehr."
„Du bist betteln gegangen! Nicht genug, daß Du Unglück über die Familie gebracht hast, Du willst ihr auch noch Schande machen, abscheulicher Kind!"
Tomy hatte vollständig seine Vernunft verloren und ließ das arme, schwache Wesen bett Aerger fühlen, der in seinem Innern wühlte.
„Ich habe nicht gebettelt," betheuerte «einend das Kind. „Laß mich, Bruder; ich habe nicht» Böse« gethan!"
„Du list selbst der Inbegriff des Bösen, Du
oben genannte Blatt: „Keinerlei Verabredung zwischen Berliner freisinnigen Blättern in Bezug auf die Stellungnahme zu der Ansprache des König- Hat stattgefunden. Die freisinnige Preffe hat zu den Berliner Stadtbehörden keine anderen Beziehungen wie die Preffe anderer politischen Parteien. Was die.Freisinnige Zeitung' betrifft, so sind wir nicht in der Lage, den Berliner Stadtbehörden oder anderen Behörden auf deren Haltung eine andere Einwirkung zu gestatten, wie diejenige, welche in den Gesetzen des Lande- begründet ist."
* Auch in Liegnitz und Görlitz ist die Beschlagnahme der Mackenzie-Broschüre wieder frei- gegeben worden.
* Der .Köln. Ztg.' zu Folge wird schon in nächster Zeit eine kleidsame Uniforni für die Reichsdeamten angeordnet werden.
• Unter dem Ehrenpräsidium des Erzbischofs von Köln erfolgte gestern die Konstituirung eines „Afrikavereins deutscher Katoliken." Kardinal Lavigerie überwies dem neuen Vereine 50,000 Francs aus der ihm zugegangenen Papstschenkung von 300,000 Francs.
* Der Sultan der Türkei soll in seiner Eigenschaft als Khalif aller Gläubigen einen Brief an den Sultan von Sansibar gerichtet haben, worin er demselben die Wahrung der deutschen Interessen ganz besonders an's Herz legt.
* Der preußische Helm, soll einer bisher freilich noch unbeglaubigten Meldung des ,B. T.' zufolge in der italienischen Armee eingeführt werden. Im italienischen Heere soll überhaupt eine Bekleidungsrevolution vor sich gehen, die nicht unwesentlich zur Verschönerung der Infanterie beitragen wird. Das ö ffelförmige Käppi soll definitiv abgeschofft und durch einen Helm ersitzt werden, der an den Afrikahelm erinnert, jedoch eleganter und leichter sein w'rd.
• Stuttgart, 4.Nov. Der .Beobachter' veröffentlicht folgende Berichtigung: „Die in Ihrem Blatte vom 1. d. enthaltene Behauptung, das ge- sammts Ministerium habe seine Demission eingereicht, entbehrt jeder Begründung. Der Präsident dcs Staatsministeriums v. Mittnacht." Der Beobachter erklärt, dieser Mittheilung Glauben zu schenken, er hält aber die Behauptung der Ministerkrisis aufrecht. Die Hauptfrage sei, ob von Seiten der Minister an den König das offizielle Ansinnen der Entfernung seiner persönlichen Freunde gestellt worden. Das aber sei Thatsache, und danach sei
bist das Elend, das unglückliche Verhängniß für uns; verwünscht sei der Tag Deiner Geburt!"
Tomy hob da« HW floss Wesen mit beiden Armen in die Höhe. Die Strahlen des Mondes ließen das kleine, entsetzte Gesicht Ketty's roch blässer erscheinen ; dicke Thrämn liefen über ihre Wangen, die schwachen Glieder bogen sich unter dem Drucke der sie umklammernden Finger. Dieser Anblick, weit entfernt, im Herzen Tomy's Mitleid zu errege», trieb seins Auftezung auf die Spitze.
„Elende Mißgeburt!" schrie er, „ich fühle mich versucht, Dich zu zerbrechen wie Gla», Dich zu vernichten!" Ein konvulsivisches Beben ging durch seinen Körper. Das Kind weinte. Tomy betrachtete die Wasserfläche vor sich — eine Bewegung, und es war um Ketty geschehen — doch nein, er setzte das Kind nieder.
„Geh mach' Dich fort!" sagte Tomy hart; „Dein Anblick macht mich wahnsinnig!"
Ketty wollte laufen, strauchelte aber in der Dunkelheit und fi l schreiend nieder.
„Sei still!" rief er drohend.
Da» Kind konnte nicht aufstehen und fuhr fort, zu weinen. Ganz außer sich, stieß der junge Mann in der Dunkelheit mit dem Fuße nach ihm —
nur entweder ein Opfer von Seiten de» König» oder die Entlassung derjenigen, die ihm diese Zu- muthung gemacht, möglich. Mittnacht wisse da» so gut, wie daß die Entscheidung der Frage, ob er Kabinetschef bleibe, noch heute in Nizza in Schwebe sei.
"Freiburg, 4. November. Der um die katholische Sache hochverdiente Landtagrabgeordnete Herr Rechtsanwalt Ludwig Marbe erhielt dieser Tage vom h. Vater da» Kreuz „Pro ecclesia et Poniifice“. (Für die Kirche und ihr Oberhaupt.)
Ausland.
* Zur Stroßmayeraffaire schreibt da» Wiener Fremdenblatt: „Wie wir auf Grund ganz verläßlicher Information mittheilen können, hat die gegen bett Bischof Siroßmoyer in Belovar ausgesprochene kaiserliche Rüge eine vollkommen zustimmenbe Aufnahme beim hl. Stuhle gefunben unb hat auch das entschuldigende Schreiben, welches der gedachte Bischof in Folge an ihn ergangener Aufforderung an den Cardinals-Staatssekretär Rarr polla zu richten hatte, den peinlichen Eindruck, welchen das bekannte Telegramm Stroßmayer's nach Kiew im Vatikan hervorgerufen hatte, nicht beseitigt, wenn sich auch der hl. Vater nicht dazu entschließen mochte, noch weitere Consiquenzen ander bereis getilgten Haltung des Beschoss von Tjakovar zu ziehen.
* Innsbruck, 3. Nov. In der letzten Sitzung des tyrolischen Landtages zu Innsbruck, der am 15. v. Mts. geschloffen wurde, hielt der südtyrolischs Abgeordnetr Dordi eins Rede, in der für den italienisch sprechenden Theil Tyrols entweder getrennte Verwaltung oder wenigstens. eine Vermehrung der Sitze im Landtags verlangt wurde. L tzterer Antrag hat übrigens die Billigkeit und Gerechtigkeit auf seiner Seite, da die Welschtyro'.er sich in dieser B zieyung den Deutsch- tyrolern gegenüber v-rhältnißmäßig im Nachtheil befinden." Soll der Wunsch der Welschtyroler zur Wirklichkeit werden, sei es in Bezug auf den ersten oder zweiten Theil, so wäre folgender Gang der Dinge erforderlich: Der Antrag muß in dem tyrolischen Landtage eine genügende Majorität erhalten, dann eine genügende Majorität im österreichischen Reichsrathe zu Wien und endlich und hauptsächlich die Sanktion der Negierung. Der Statthalter von Tyrol, Baron von Widmann, antwortete dem Antragsteller zurückhaltend und
ein dumpfes Geräusch und das Klatschen des Wassers ließen erkennen, daß etwas hineingefallen war — der Teich hatte bas unglückliche Opfer verschlungen.
Tomy stand starr vor Schrecken. Er beugte sich über da» Wasser, konnte aber nichts sehen. Erschreckt und erschüttert stürzte er fort, seiner Hütte zu. Der Mond war von dichten Wolken verschleiert; e» herrschte tiefe Finsterniß. Tomy lief gegen Bäume, verwundete sich, blieb an den Zweigen hängen; da» Echo gab seine Verwünschungen zurück, die ihm nun roit die rächenden Stimmen in die Ohren tönten, die Kain nach seinem Brudermorde verfolgten.
„Ich habe e» ja nicht gethan, nein, ich wollte es nicht thun!" redete er sich fortwährend zu.
Spöttisches Hohngeliichter schien seiner Selbst- vertheidigung zu antworten, gespensterhafte Gestalten tanzten vor seinen Auzen, Dämonen streckten ihre fleischlosen Arme au», um ihn zu greifen. Er wollte fliehen, fi-l über umgeheuere Baumstämme und wälzte sich, kämpfend gegen unsichtbare Feinde, zähneknirschend auf der Erde. Endlich kam er wieder auf den Weg und erblickte bald ein schwache» Licht in seiner Eltern Hütte. Bei