1888
Samstag, den 3. November.
JM 254.
FMer
Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabats
Zweites Blatt.
□ Zum Hünfelder Brandunglück.
In dem großen Brandunglück von Hünfeld steckt ein Stück „Wohnungsfrage". Drei Viertel der Stadt stnd ein Raub der Flammen geworden. Man nennt das ein „Unglück"; in Wirklichkeit ist es eine Folge menschlicher Unvorsichtigkeit. Wenn das an einer Stelle ausgedrochene Schadenfeuer sich über 300 Gebäude ausbreiten kann, dann ist da» ein sicherer Beweis für eine unzweckmäßige Bauart. Das Feuer konnte sich namentlich deß- halb so außerordentlich schnell verbreiten, weil eine Scheune an die andere grenzte und diese Scheunen sämmtlich mit den Erträgnisien der heurigen Ernte gefüllt waren. Daß Scheunen mit brennbaren Stoffen gefüllt sind, ist natürlich kein Fehler; aber warum legt man Scheunen, die doch bekanntlich höchst feuergefährlich sind, so nahe zusammen? Als ein weiteres Verbreitung-Mittel werden die Strohpuppen, welche dort zu Lande unter den Dachziegeln liegen, bezeichnet. Ja, warum gestattet man, daß diese Art der Dichtung des Daches, welche die Vortheile der Ziegelbedcckung wieder aufhebt, noch immer fortbestehl? Wenn zwischen den Dachziegeln diese Decken hervorgucken, welch; jeder Funke in Br, td sitzen kann, und wenn unter den Strohpuppen ,rfort das hölzerne Dachgerüst steht, welches wiederum auf dem hölzernen Fachwerk de» Haufe» ruht, — dann ist freilich für die Verbreitung des Feuer« auf's Allerbeste gesorgt. Es ist ein Unfug, daß man eine solche Bedachung innerhalb einer geschloffenen Ortschaft duldet und nun gar in einer Stadt von mehr als 400 Gebäuden.
Da entgegnet man nun Folgender! „Ja, man kann doch die Leute nicht zwingen, ein anderes Dach anzulegen; Viele haben ja wirklich nicht das Geld dazu." Was den Gelt punkt angeht, so würde die Gesammtheit doch in der That noch besser fahren, wenn fie auf öffentliche Kosten die Dächer verbessern ließe, als wenn sie sich der Gefahr eines Stadtbrandes aussetzt. Der jetzt durch die Feuersbrunst angerichtete Schaden wird auf 2 Millionen Mark geschätzt. Wenn man bloß den
Zeh« um Mn.
Roman von Gabriele d'Arvor.
.7. Fortsetzung.)
Welches Elend, so gar arm zu sein! Keine Jugend, keine Liebe! Da« Unglück allein erschien Tomy als sein Erbtheil. Ec weinte lange, dann, um seinen Kummer niederzukämpfen, begab er sich auf den Bauplatz, traurig und schweigsam arbei- tete er den ganzen Tag, ohne ein Wort mit seinen Kameraden zu reden.
Als er am Abend heimwärts ging, hörte er Stimmen auf dem Wege; in der Meinung, e» seien Leute, die von der Hochzeit zurückkehrten, verbarg er sich hinter einem Gebüsch, um nicht gesehen zu werden in seiner armseligen Kleidung. Mehrere Gruppen gingen vorüber, in einiger Ent- sernung kam Nelly am Arme William Poty'«.
Tomy ht'lt sich kaum vor Erregung. Er hätte seinen Rivalen auf dem Platze vernichten können. „Ah", sagte er sich, „er hat fie den ganzen Tag gesehen, mit ihr geredet; wie einig fie zu fern scheinen! Willi-ch^lrahlt vor Freude und Nelly ist schöner al« je/^
Hinter der Hecke fortkriechend, gelangte der junge Mann bi« an die Stelle, wo William und N.lly stehen geblieben waren. Hier konnte ,r jeder Wort hören, ohne gesehen zu werden. Das Verfahren
zehnten Theil dieser Summe rechtzeitig angc- wendet hätte, um die Bauart der Häuser weniger feuergefährlich zu machen, dann hätte man jetzt 1,800,000 M. erspart. Und obendrein hätte man den riefigen Schaden an Gesundheit und Erwerbsfähigkeit vorgebeugt, welcher stch in der Zukunft als Folge des Unglücks geltend machen wird.
Uebrigens bedarf es zur Abhilfe der erwähnten Uebelfiände durchaus nicht eines Griff» in die Tasche der Steuerzahler. Wenn nur da» Versicherungswesen vernünftig organistrt wird, und zwar nach dem Grundsätze, daß die Entschädigung für Feuerschaden gut, aber das Verhüten von Feuerschaden noch besser sei. Wir find doch allmählich dahin gekommen, daß wir den Versicherungszwang nicht mehr scheuen. Gehen wir noch ein Schrittchen weiter und geben der Versicherung das Recht und die Pflicht, die polizeilich vorgeschriebenen Einrichtungen an den Häusern auf ihre Kosten ausführen zu lass n, wenn der Eigenthümer nicht kann oder will, und den Ersatz der Kosten durch einen kleinen Zuschlag der Versicherungsprämie allmählich einzutreiben, also in Form einer jährlichen Abzahlung, welche nöthigen- falls im Grundbuche eingetragen wird.
Vor einigen Jahren machte Schreiber dieser Zeilen eine Fahrt nach dem Spreewald und unterhielt sich mit einer resoluten Wirthin über die zahlreichen Strohdächer. „Gewiß", sagte die Frau, „die Dinger sind sehr gefährlich, aber die Leute wollen sie nicht abändern, auch die wohlhabenden Bauern nicht. Neulich waren nun die hohen Herren von der Feuerkasse hier und die sagten, sie wollten den Häusern mit Slrohdächern einfach auskündigen und so die Leute zwingen, in Jahresfrist ein neues Dach anzulegen Ich sagte den Herren, das sollten fie sich nur erst noch einmal überlegen, denn ich fürchtete, daß vor Ablauf dieser Kündigungsfrist recht viele Brände eintreten würden. Ja, ja, hier zu Lande brennen die Häuser manchmal sehr leicht an, wenn es gerade dem Besitzer so paßt." Nach meinen sonstigen Erfahrungen in Sachen der Brandstiftung konnte ich der Frau nicht Unrecht geben. Aber wie anders würde stch der „Zwang" gestalten, wenn die Feuersocietät zu dem Besitzer käme, um ihm ein neues Dach gewissermaßen um- war nicht sehr delikat, aber wer wollte behaupten, an Tomy'» Platze anders gehandelt zu haben.
„N.lly", sagte der junge Mann, „Euer Vater hat mir erlaubt, so mit Euch zu reden, wie ich es thue; er hat mir noch an diesem Morgen gesagt: „William, mein Junge, ich habe nicht da» Geringste gegen Deine Absicht einzuwenden. Wenn Du mit dem Mädchen einig wirst, so komme wieder zu mir." — „Da» ist gut gesprochen", habe ich ihm geantwortet. „Vater Buckly, ich bin Euch dankbar für Eure freundliche Aufnahme. Ich liebe Nelly schon large, ich habe Vermögen, ich will ihr ein hingebender Gatte sein und für Euch ein guter Sohn; Ihr kennt mich ja nicht seit gestern erst, William Pody hat keinen üblen Namen im Lande." — „Nein", antworte er mir darauf, alle meine Wünsche sind für Dich; hetrathe meine Tochter, roenn sie Dich will; ich bin c« gern zufrieden. Auch sähe ich recht gern, wenn sie der Zudringlichkeiten diese» Bettler» Tomy Podgcy entledigt wäre."
Ein plötzliche» Rascheln wurde in der Hecke laut, wo Tomy versteckt war.
„Was war dar?" fuhr Nelly erschreckt auf.
„Vielleicht eine Blindschleiche; gebt nicht Acht darauf und antwortet auf meine Frage."
„Es hat ja keine Eele, William; wir haben noch Zeit, um da» ruhig zu überlegen."
sonst, gegen eine kaum zu empfindende Abzahlung anzubieten.
In Hünfeld ist auch wieder, rach den Zeitung», berichten, jener Mangel eingetreten, der so häufig bei größeren Bränden fich bemerklich macht: Spritzen genug, aber kein Wasser. Wenn man Spritzen anschafft und eine Feuerwehr einübt, muß man doch auch an da» Wasser denken. Auf einen Dorfteich, der im Sommer nahezu ober vollständig austrocknet, und auf oberflächlich angelegte Hausbrunnen kann man stch doch nicht verlassen. Da ist nun in erster Linie wieder die Versicherungr- kaffe berufen, im Verein mit den Gemeindebehörden für Herstellung von ergiebigen Tiefbrunnen zu sorgen, wo kein Fluß und keine ausreichende Wasserleitung vorhanden ist. Diese Tiefbrunnen böten nebenbei auch den schätzenswerthen Vortheil, den Leuten zu gesundem Trinkwafler zu verhelfen, was fich in den gewöhnlichen Hausbrunnen nur zu oft nicht findet.
Daß Hünfeld abgebrannt ist, darf uns nicht fo sehr wundern, wie daß nicht noch häufiger ganze Ortschaften eingeäschert werden. Denn in tausenden von Orten wird die F-uerficherheit ebenso vernachlässigt sein. Genügt e» nun, daß das eine Kind in den Brunnen gefallen ist, oder wollen wir erst noch mehr trübe Erfahrungen ab- warten. Tausend Menschen obdachlos zu Anfang des Winters — das sollte doch Eindruck machen.
Aber die Vergeßlichkeit des Menschen ist wunderbar groß. Von Ueberschwemmungen stnd wir dieses Jahr nun schon dreimal heimgesucht worden; jedesmal zeigte die sog. „öffentliche Meinung" eine große Erregung. Ueberall erscholl der Ruf: Es müsse etwas geschehen und zwar etwa» recht Gründliches, und wenn es auch kostspielig sei. Aber nach ein, zwei Wochen glättet stch der Strom der öffentlichen Meinung wieder. Wer spricht denn jetzt noch von der Eile und der Gründlichkeit, welche zur Vorbeugung gegen Wasserschäden nothwendig sind? Da» Volk in seiner großen Masse hat die Sache schon wieder vergessen und die berufenen Techniker und Behörden behandeln die Angelegenheit im gewöhnlichen amtlichen Paßgange. Viel Erwägung und viel Schreiberei — und schließlich — können die Wasser ungestört
„Das ist keine Antwort!" erwiderte der junge Mann etwas gereizt. , ,
„Ich kann Euch nicht helfen, Ihr müßt Euch wohl ober übel bamit begnügen," gab das junge Mädchen mit lustigem Lachen zurück.
„Ihr fühlt also nichts für mich, Nelly?"
Das Mädchen, dem offenbar die Scene langweilig zu werden anfing, machte feine Hand au» der William'» la» und hüpfte davon, statt jeder Antwort ein muntere» Lied trällernd, dess.n Inhalt nicht weniger al« die Lust verrieth, stch schon so bald in eheliche Fesseln zu schlagen.
William machte eine Geberde c er Ungeduld und folgte Nelly. Tomy hatte stch erhoben, um stch dem Orte zu nähern, wo fich jetzt die Beiden bc- fanden. Die Art und Weise, wie Nelly ihrem ungestümen Bewerber entgegentrat, that ihm wohl; und doch fühlte er sich nicht sicher. William hatte die Einwilligung de» Vater» — wie, wenn sich die Eltern zu Gunsten William'« in'» Mittel legten, der in ihren Augen al» eilte gute Partie gelten mußte?
„Nelly," begann William wieder, „muß ich au» Eueren Worten schließen, daß die Bewerbung eine« Anderen bessere Aufnahme finden würde, al» die meine?" _ ,
Da» junge Mädchen brach in neue» Lachen au», wa» ihn noch mehr ärgerte.