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Samstag, den 3. November.

1888

JV 254.

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Erstes Blatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 2. November.

* Das Wahlbild vom 30. Oktober ist noch nicht klar an'» Licht getreten; einmal stnd zu» sammenfassende Ergebnisse vom Lande nur spär­lich vorhanden, dann aber stnd gerade in den­jenigen Städten, wo der Kampf am heftigsten wor, bei der Gleichheit der Chancen der streiten­den Parteien, erst am nächsten Dienstag die Ent» scheidungen zu erwarten. So beispielsweise für Breslau, Posen, Altona und Frankfurt; die Na- tionalliberalen rechnen sich zwar jetzt schon den Sieg dort zu, aber die Richtigkeit der Rechnung wird ernstlich bestritten. Sicher gewonnen haben die Nationalliberalen bis j tzt etwa 8 bis 10 Mandate, die Freisinnigen Haden 5 Mandate ver­loren , die beiden Liegnitzer aber wtedererobert und Nordhausen von den Konservative, ge­wonnen. Im günstigsten Falle kann der Zuwachs der Nationalliberalen gegen 20 Sitze betragen, die Freisinnigen würden dann 8 bis 10, die Konservativen 10 bis 12 Mandate einbüßen. Eine Verschiebung nach links innerhalb des Kar­tells würde das immerhin sein, aber diese würde politisch nicht« Anderes zu bedeuten haben, als daß die Kartellmehrheit fortan noch bereitwilliger als früher der Regierung zur Verfügung steht. Das Centrum hat seine sämmtlichen Mandate bis aufKreuzburg'Rosenberg in Schlesien behauptet. In Bmthen-Tarnowitz hat sich das Centrum mit über 20Ö Stimmen behauptet. Da­gegen verliert es einen Sitz in Kreuzburg-Rosen- berg. Für diesen Wahlkreis besteht bekanntlich ein psrpetueller Kompromiß, dem zufolge die Konservativen ‘...i Reichstagsmandat und ein Landtagsmandat, das Centrum das zweite Landtagsmandat erhalten. Da» Kompromiß wurde seither strikte innegehalten. Dieses Mal ging jedoch ein Theil der Konservativen mit den Kartellbrüdern, und Letztere haben nun gesiegt. Die Folge wird wohl sein, daß das Cen­trum bei den nächsten Reichstagswahlen allein geht und dadurch das Kreuzberger Reichstags­mandat für sich behält. Es ist nicht unmöglich, daß das Centrum in Glogau Ersatz erhält. Dort gibt anscheinend das Centrum den Ausschlag. Bei den letzten Wahlen wurden dort ein Gouverne- mentaler und ein Deutschfreisinniger gewählt, well die CentrumS-Wahlmänner nicht richtig operirten. Es könnte dieses Mal eintreten, daß die Deutsch­freisinnigen zur Erhaltung ihres Mandates das andere dem Centrum verschaffen helfen.

* Der Kaiser wird in den Tagen vom 6. bi» 8. d. MtS. den Höfen von Meiningen, Ko- burg und Weimar einen Besuch abstatten.

* Auf Veranlassung des Kultusministers finden im Laufe des Dezember unter Leitung de« Gc« heimralh Koch Hygienische Kurse für Ver- waltungs- und Schulbeamte statt.

* Die überseeische Auswanderung aus dem deutschen Reiche über deutsche Häfen, Ant­werpen, Rotterdam und Amsterdam betrug im Monat September 1888: 8637 und in dem Zettraum von Januar bis September 1888: 80031 Köpfe. Ja dem gleichen Zeitraum der Vorjahre wanderten au«: 1887 im September 8155 und Januar - September 80763, 1886: 9138 bezw. 61734, 1885: 8316 bezw. 91032.

• Die in den Grundstein des R ei ch » g e r ich t s- g'ebSudes in Leipzig gestern versenkte Urkunde hat folgenden Wortlaut:

Wir, Wilhelm, von Gottes Gnaden deutscher Kaiser und König von Preußen, thun kund, daß wir in Gemein­

schaft mit den deutschen Fürsten seit Herstellung des Reiches unausgesetzt unser Augenmerk darauf gerichtet haben, Recht und Gesetzgebung in einer dem Staatswohl entsprechenden Weise zu gestalten und dem langjährigen Verlangen des deutschen Volkes nach Einheitlichkeit des Rechts Befriedigung zu geben. Auf Grund einer gemein­samen Gesetzgebung gehen wir dem Erscheinen eines bürger­lichen Gesetzbuches entgegen, deffen Zustandekommen wir in naher Zeit erwarten. Das Reichsgericht ist der unab­hängige Hüter des im Reiche geltenden Rechtes, und seiner Wirksamkeit soll jetzt eine neue würdige Stätte bereitet werden. Nun haben Wir beschlossen, im Namen der ver­bündeten Fürsten die Grundsteinlegung zu dem neuen Gebäude in Gemeinschaft mit Seiner Majestät, dem König Albert von Sachsen, als dem Gebietsherrn, und unter Mitwirkung der Vertreter des Reichstags zu vollziehen. Möge in den Herzen des g-sammten Volkes immerdar der rechte Sinn für Recht und Gesetz vorhanden sein, die sichere Grundlage für Deutschlands Macht und Größe! Gegenwärtige Urkunde haben Wir in zwei Ausfertigungen mit Unserer Unterschrift vollzogen und mit Unserem Kaiser­lichen Jnsiegel versehen. Die eine ist dazu bestimmt, in den Grundstein niedergelegt, die andere dazu, in Unserem Archiv aufbewahrt zu werden. Gegeben Marmorpalais, Potsdam, den 27. Oktober 1888, Wilhelm, Imperator Rex.

* Bekanntlich hat der Kardinal Lavigerie, Prima» von Afrika und Erzbischof von Algier, den Kreuzzug gegen die entsetzlichen Greuel der Sklaverei gepredigt und die Rcgierunzen zum Einschreiten aufgefordert. Der Papst richtete jetzt ein Schreiben an Lavigerie, worin der h. Vater herzlich dankt für Lavigerie'» Antilklav-rei-Agi­tation und die beste Hoffnung auf Hilfe seitens der Regierungen und auf Unterstützung durch Privatpersonen in Frankreich, Belgien, England, Deutschland, Portugal, Italien und Spanien ausdrückt. Die durch menschliches und christliches Recht bei aller Menschen Freiheit geheiligte Kirche widerstrebte stets der Sklaverei. Der Papst wie» 300,000 Lire der Anlisklaverei - Bewegung zu. In Uebereinsttmmung dan.it fand am Sonntag in Köln eine Antisklaverei.Versammlung statt, auf welcher zugegen waren der Herr Erz­bischof von Köln, Oderpräsident v. Bardeleben, General-Suprrindent Dr. Baur, der Gouverneur General - Lieutenant v. Schkopp , Regierung»- Prästdent v. Sydow, Oberlandesgerichts-Präsident Dr. Struckmann, Oberstaatsanwalt Hamm u. A. Die Versammlung nahm folgende Resolution an:

1. Die Unterdrückung der afrikangchen Sklavenjagden mit ihren die Menschheit schändenden Greueln ist gemein­same Pflicht und Aufgabe aller christlichen Staaten und die nothwendige Vorbedingung der wirklichen Aufhebung des Sklavenhandels.

2. Wie Artikel 6 der Congo-Akte all- Mächte zur Mitwirkung an der Unterdrückung der Sklaverei und zur Besserung des Looses der Eingeborenen verbindet, so liegt insbesondere dem Congostaat, England und Deutschland, welche von den arabischen Mlavenhändlern unmittelbar angegriffen und in ihren Interessen und nationalen Auf­gaben verletzt sind, die Pflicht ob, unter gemeinsamer Verständigung den unvermeidlichen Kampf aufzunehmen und durchzufahren.

3. Wir vertrauen, daß angesichts der in Ostafrika vor Allem durch die arabischen Sklavenhändler hervorge­rufenen aufständischen Bewegung die Ehre der deutschen Flagge und die deutschen Interessen von der Reichsre­gierung wirksam gewahrt werden.

4. Dari ein solches Vorgehen auf die einmüthige Unterstützung des deutschen Volkes ohne Unterschied des religiösen Bekenntniffes und der politischen Parteiung t hatkräftige Mitwirkung des Reichstages demselben nicht fehlen.

E» ist zu erwarten, daß die Regierung diese Bewegung unterstützt; wenigsten» hat sich die ,Nordd. Allg. Ztg.' sympathisch darüber geäußert.

* Köln, 2. Noo. Me ,Köl. Vztg.' schreibt: Gegenüber unserer Correspondenz in Nr. 301, Zweites Blatt, „Von der Lahn" gehen un» von verschiedenen Seiten, deren Zuverlässigkeit über jeden Zweifel erhaben ist, ebenfalls au« der Diözese Limburg Nachrichten zu, welche die Angaben de« erwähnten Artikel« über die Coadjutor- Angelegevheit in einem und dem andern Punkte in Frage stellen. Eine« erscheint sicher, daß zur

Zeit keinerlei Verhandlungen in dieser Sache stattfinden und somit die Besprechung der Frage keine praktische Bedeutung mehr hat. Lediglich au» diesem Grunde verzichten wir auf eine wettere Erörterung.

* Vom Rhein, 31. Okt., schreibt man der ,Köl. Vztg.': Wie schon mitgetheilt, hat das Wahl­resultat für die Centrumspartei des Wahlkreise« Altenkirchen-Neuwied keine Mehrheit der Wahlmänner ergeben. Mit 249 Wahlmännern ist sie gegen 254 oder 253 (?) in der Minorität geblieben. Dennoch kann sie diesen Tag als eine« Ehrentag dcs katholischen Volke» verzeichnen. Mit bewunderungswürdigem Muths, unbeirrt durch den Druck industrieller Beamten und nicht abge- schreckt durch stundenlange Wege, sind die katho­lischen Berg- und Bauersleute, die Handwerker und Arbeiter im Wahllokale für die Crntrumr- wahlmänner eingetreten, bis diese erkoren oder der Ueberzahl der andersgläubigen Wahlmänner unterlegen waren. Der in Aussicht stehende natio­nalliberale Sieg wird ein Sieg der Wahlkreis­geometrie im Kreise Neuwied sein, durch welche die beiden katholischen Gemeinden Hammerstein lahmgelegt und der Bürgermeisterei Asbach zwei Wahlmänner entzogen wurden. Gegen die Wahl von zwölf national-liberalen Wahlmännern wird Protest ei hoben. Hoffentlich erlangt dis Sen« trumspartei den Erfolg schließlich, der ihr von Rechtswegen gebührt.

* Das bayerische Armeeverordnungsblatt enthält heute folgenden Erlaß de« Prinzregenten Luitpold- Ich habe beschlossen, der Armee zum Ruhme und zum Vorbilde ein Denkmal in der von meinem unvergeßlichen Herrn Vater erbauten Feldherrnhalle zu errichten. Mit der Entwerfung und der Ausführung dieses Denkmals, auf Rech­nung meiner Privatkaffe, habe ich den Bildhauer und Erzgteßer Ferdinand von Miller beauftragt.

• Ein bestimmtes Dementi der Nachricht, daß das württembergifche Gefammtministerium seine Demission nachgesucht habe für den Fall, daß der König in die Entlaffung Woodcock» nicht willige, liegt noch nicht vor. Ein offiziöses Stuttgarter Telegramm sagt nur: Die von mehreren Setten behauptete Demission de» KabinetS werde in unter­richteten Kreisen für unbegründet gehalten.

Ausland.

• Auf die gestrigen günstigen Nachrichten über da» Befinden des Königs vnn Holland find noch am selben Abend ungünstigere gefolgt. Der Arzt Dr. Vinkhuyzen im Haag ist gestern tele­graphisch nach Schloß Loo berufen worden, wo König Wllhelm restdirt. Ein amtliches Bulletin ist bisher nicht erschienen. Es verlautet aber, die Kräfte des Königs feien in raschem Verfalle und man mache sich auf den baldigen Eintritt einer Katastrophe gefaßt.

* Da» russische Kaiserpaar ist in Moskau eingetroffen und großartig empfangen worden. Unter Glockengeläut begab sich bet Czar mit sei­ner Gemahlin im offenen Wagen durch die Stadt nach dem Kreml, wo da» Kaiserpaar wiederholt von der rothen Treppe au» die jubelnde Bevölker­ung begrüßte. Nachmittags g.gen 5 Uhr setzte die kaiserliche Familie' die Weiterreise nach Gat­schina fort.

• Ueber die Eisenbahnkatastrophe bei Borki werden weitere Einzelheiten berichtet: Von dem Wagen, in welchem sich der Kaiser und die Kaiserin von Rußland befanden, wurde der Boden herau-geriffen, die Insassen stürzten auf den Bahn- dämm und wurden mit dem Waggondache be­deckt. Die Großfürstin Olga saß im nächsten Wagen, welcher nach rechts hinabgeschleudert