Einzelbild herunterladen
 

1888

Freitag, den 2. November.

253.

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint tLglich, Sonn» und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher SbonnementSpreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mark 70 Pfennig, auswärts 1 Mark 75 Pfennig.

Inserate: Me einspaltige Zeil« oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

LeutfcheS Reich.

Berlin, 31. Oktober.

* Soweit sich die Ergebniffe der am Dienstag stattgehabten Urwahlen zum Landtage bis jetzt Überblicken lasten, haben die Prrteiverhältniste im Abgeordetenhause eine wesentliche Veränderung nicht erfahren. Die Mittelparteien, speziell die Nationalliberalen, haben einen Zuwachs an Man» baten erhalten. Es werden etwa 15 Nationalliberale mehr im künftigen Abgeordnetenhauss sitzen. Das Centrum hat sich in seiner alten Stärke wiederum siegreich behauptet. Der Wahlkreis Neuwied-Alten­kirchen ging dem Centrum verloren. In Köln ist der Sieg der Centrums ein überaus glänzender.

• Die,Germania' schreibt: „Obgleich der päpst» liche Stuhl selbst die kirchenpolitischen Bisse, ungen nur a!« „Zugang zum Frieden" bezeichnet und ausdrücklich noch auf dem kirchlichen Gebiete zu bessernde Punkte angegeben hat, obgleich von einem der drei Punkte, welche 1880 bei den ersten ernst­lichen Verhandlungen über den Frieden sofort von Rom al« die am nothwe: digsten zu regelnden be­zeichnet wurden: die kirchliche Ordnung der reli­giösen Heranbildung der Jugend, noch alles recht­lich auf dem unglücklichen Fuße von 1872 und 1875 steht, obgleich Jahr auf Jahr darüber ge­klagt, und im Januar dieses Jahres auch schon der Antrag Windrhorst vom ganzen Centrum dar- über gestellt worden ist, versuchen die Kultur­kämpfer und Kartellbiüder dennoch schon immer mehr, diese ganz-, pflrchtm ästige, s-it Johnen <w« gekündigte und j tzt auch längst formulirte Aktion de» Centrums mit den jüngsten Creignisten in Zu- sgmmenhang zu bringen, die sachliche Begründung der Aktion zu verneinen und sie nur — man höre und staune - als Pression zu Gunsten der römischen Frage hinzustellen! Wir wollten dieser Bubenstück der Verlogenheit schon jetzt gleich, da er in den ersten Entwickelungs-Stadien fleht, signalifiren, um es von jetzt ab in seinen Winkelzügen zu verfolgen und allen Katholiken zu­zurufen: Achtung!"

• Die Ansprache, welche Kaiser Wilhelm am Samstag an die städtische D°putation richtete, die ihm di- Schenkungsurkunde über den proftktirten Prachtbrunnen überreichte, hat großes Aussehen gemacht. Der wichtigste Satz lautet: „Vor allem bäten Seine Majestät sich aus, daß das fort-

Zahn niu Zahn.

Roman von Gabriele d'Arvor.

(6. Fortsetzung.)

Die Mutter nahm keinen Antheil an der frohen Aussicht ihres Sohnes. Sie hatte etwas auf dem Herzen, das sie nicht auizufprechen wagte. Schwei- gend senkte sie das Haupt.

Tomy begann feine Festtoilette.

„Ich möchte Dich gern mitnehmen, Susy, sagte er, seine Schwester umarmend; „später hoffe ick, werde ich noch einmal im Stande fein, Dich schön aufzr putzen, und dann kannst Du zu Festlichkeiten gehen, wie die anderen jungen Mädchen Deine« 2lltc T6 "

Die Mutter schluchzte laut. Tomy wandte sich zu ihr hin:

„Mutter, wa« fehlt Dir!"

„Nicht«, mein Kind!"

„Man könnte meinen, ich ginge fort auf Nimmer­wiedersehen. Susy, gehe und hole meine Joppe au« dem Schranke, ich will sie au«bürsten, ehe ich mich ankeide."

Da» Mädchen eilte zu einer altmodischen Kiste mit gewölbtem Teck-l, in welcher verschiedene Be­kleidungsstücke ihr Unterkommen fanden. Sie suchte

dauernde Citiren Allerhöchst Ihre» seligen Vaters gegen Ihre Person endlich unterbleibe." Der kaiser­liche Tadel über da» Hereinziehen der intimen Beziehungen seiner Familie in die Presse ist um so berechtigter, als diese Sucht epidemisch zu wer­den drohte. Die Centrumspreffe hat sich von diesem Vorgehen fern gehalten, sie hat sich lediglich aus das Registriren solcher Aeußerungen beschränkt und kann dem kaiserlichen Tadel voll und ganz bei­stimmen. Das ewige Hineinziehen des Monarchen in die politische Diskussion oder gar in Partei­kämpfe muß das monarchische Gefühl im Volke erschüttern. In dieser Hinsicht aber haben sowohl die Kartellpreffe wie auch einige freisinnige Blätter sehr viel gesündigt. Wenn aber der Kaiser seinen besonderen Unwillen über das Citiren seines Vater» gegen ihn aussprach, so trifft dieser Tadel in erster Linie auch die osf i ziöse .Nordd.', welche mehrere Spalten auf den Nachweis ver­wendete, daß zwischen Kaiser Wilhelm I. und Kaiser Friedrich in vielen Punkten der auswärtigen und der inneren Politik Meinungsverschiedenheiten existirten. Auf die .Norddeutsche' aber hat der Berliner Magistrat absolut keinen Emfluß, wohl aber andere Leute, welche die kaiserliche Mahnung auch al« an sie gerichtet betrachten dürsten. Die Hauptschuld an der Besprechung der intimen Familienv.rhältniffe aber trägt die Kartei l- presse. Sie hat noch bei Lebzeiten Kaiser Fried­richs den Anfang gemacht mit Besprechung des Battenbergischen Heirathsprojektes, wobei dann über »r StriebriA, Mu G-mablin und b«-

jin die schmachvollsten Mutzerungen fielen. Die Kartellpreffe war es wieder, welche das Hei- rathsprojekt jüngst auswärmte und ganz auffällige Absätze des Bismarckffchen JmmediatberichteS auf die Initiative des Kaisers Wilhelm zurückführte. Dazu kamen dann die Taktlosigkeiten einer Hintzpeter und die Extravaganzen des Grafen Douglas. Die Hauptsünderin ist also die Kartellpreffe und dar­unter wieder besonders jene Blätter, welche in übergroßem „ Diensteifer" selbst Kaiser Friedrich noch im Grabe schändeten. Anderseits ist aber auch ein Theil der freisinnigen Preffe, welche dm Kaiser Friedrich gegm den Kaiser Wilhelm II. auszuspielen suchte, nicht von Schuld loszusprechen. Darauf weist schon der Umstand hin, daß der Kai­ser die Konfiskation der ,Freis. Ztg.' wegen Ver­öffentlichung des Tagebuches von 1866 beantragt

alle» aus, aber die blaue Joppe mit den blanken Knöpfen wollte sich nicht zeigen.

„Tomy, wohin hast Du die Joppe denn gelegt ?" „In den Kasten natürlich!"

Susy suchte noch einmal.

„Ich finde nur die alte, braune."

„Frage die Mutter."

Diese fuhr fort zu meinen.

„Mutter, was ist au« meiner Joppe geworden?" fragte Tomy ängstlich.

„Tomy, werde nicht böse, Du kennst unsere Armuth — zehn Personen zu ernähren — vor einigen Tagen —"

„Du hast sie verkauft?!"

„Leider ja! Wir hatten nicht« mehr zum Ver­kauft ober für da« Pfandhaus; olle meine Kleider find bereit« dorthin gewandert; mein Trauring ist längst nicht mehr an meiner Hand!"

„Wie viel hast Du für meine Joppe erhalten, Mutter?" fragte Tomy mit erstickter Stimme.

„Einen Shilling nur, mein Sohn; e« ist wenig, aber die Händler find überlaufen mit Angeboten, sie geben fast nicht« mehr."

„Meine schöne blaue Joppe für einen Schilling!" jammerte Tomy, „mein Gott, mein Gott 1"

„Mutter, e« wäre beffer gewesen, den Hut zu

haben soll. Di- Centrumspreffe hat sofort die Publikation de« deutschen Aerzteberichtes als einen Fehler bezeichnet, da sich daran sehr unliebsame und nrtzlose Erörterungen knüpf.u würden. Die Thatsachen haben dieft Befürchtung gerechtfertigt. Am nächsten liegt nun die Frage: wie c« möglich gewesen, daß eine solche Unsitte in der Puff. Metz greifen tonte. Wir führen diese Unsitte auf- die Reptilienpresfe zurück. Diese und ihre Leiter haben von jeher die Person des Monarchen in die Debatte gezogen, so den Geschmack an solchen Dis­kussionen dem Volke in weite Kreise getragen und das Gefühl für die Diskretion, die man der aller­höchsten Person schuldet, vernichtet. Wenn nun diese Rücksicht vielfach geschwunden ist, so trägt daran die R ptilrenpreffe keinen kleinen Theil der Schuld. Ist da» Reptilienunwesen aber der Haupt- schuldige, so sollte der kaiserliche Tadel jetzt dahin führen, die Axt an die Wurzel de» liebel» zu legen und e» mit Stumpf und Stiel auszurotten. Nur ein solcher Schritt würde helfen, zugleich aber auch dem Ansehen der deutschen Puffe förderlich sein.

* Heute Vormittag reiste der Kaffer zur feier­lichen Grundsteinlegung des neuen R ichsgerichts- gebäube« nach Leipzig, woselbst er auf dem Bahnhofe vom Könige von Sachsen und dessen Bruder, dem Prinzen Georg, empfangen wurde. Dann erfolgte die Begrüßung durch die Spitzen der Civil- und Militärbehörden, wobei Oö.rbürger- meister Dr. Georgi die BewillkommnungSansprache hielt, auf welche der Kaiser mit huldvollen Danke«- Herrschaften nach dem Festplotzr durch die in reichem Schmucke prangenden Straßen. Die Feier verlief programmgemäß. Der Kaiser that den ersten Hammerschlag, dann folgten der König von Sachsen und die" übrigen Herrschaften. Zum Schluß brachte ReichSgerichtSpräsident Dr. von Simfon das Hoch auf die Maj-stäten aus. Kurz nach Beendigung der Feier trat der Kais r die Rückreise nach Potsdam wieder an.

* Die englisch-deutschen Verhandlungen über die ostafrikanische Frage sind dem Standard' zufolge von England eröffnet worden. Dar Ergebniß der Verhandlungen ist nach der­selben Quelle eine Parallelaktion beider Länder zur Unterdrückung des Ausstands und der Sklaverei.

♦ Posen, 30. Okt. In B-tteff der Candidaten der katholischen Theologie, welche sich gegenwärtig verkaufen, den mir mein Pathe geschenkt hat," meinte William.

„Ach, mein armes Kind, Dein Hut gehört un­schön seit Monatsfrist nicht mehr!"

Eine tiefe, schmerzliche Stille herrschte in der armen Hütte. Willy Podgey, schweigend, erschü!- tert, starrte auf den Boden. Die Kinder schluchz- ten leise. Tomy, ohne ein Wort zu sagen, legte die Sachen, tie ihm Susy so sorgsam hergerichtet hatte, bei Seite. „Ich danke Dir, Schwester", sagte er schmerzlich. Hierauf zog er seine ArbeitS- blouse an, stülpte den alten Hut mit zeriflenem Rande auf den Kopf und v rluß die Hütte.

Finsteren Blicke« und aufgeregt ging er fort bi« zur Landstraße; dort ließ er sich in das Gras am Graben nieder und fing an zu meiner. Seine geballten Fäuste schienen da« Loo« zu verwünschen, das sie nicht überwinden konnten; das unerbittliche Elend verfolgte ihn auf Schritt und Tritt, hielt ihn fest mit blutigen Krallen und entlockte feinem gepreßten Herzen Schreie der Verzweiflung.

Auf Patrick'» Pachthoft fammelte sich Alle» zum Feste; Tomy fah im Geiste Nelly, munter und und lustig, am Arme William Pody's, ihr an- muthiges'Lächeln und ihre heiteren Scherze an ,hm verfchwendend. Ob sie ihn wohl vermissen würde?