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JM 252 Mittwoch, den 31. Oktober. 1888

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Zweites Blatt.

Mn nm Mn.

Roman von Gabriele d'Arvor.

(5. Fortsetzung.)

Lady Walwich hatte sich seit dem Tage von Ketty'« Geburt nicht mehr sehen lassen, ohne Zweifel hatte sie anderwärts den gewünschten Erben gefunden und dachte wenig mehr an die armen Leute, die durch ihre trügerischen Ver­sprechungen auf immer um ihre Ruhe gebracht waren. Die Engländer sind in der Mehrzahl kalt berechnend und eigennützig; ihre vielgerühmte Großmuth ist oft nur scheinbar; sie werfen wahn­sinnige Summen zum Fenster hinaus, um eine phantastische Laune zu befriedigen, oder sich das Verdienst einer prunkenden Handlung zu ver­schaffen, aber die wahre, uneigennützige und ver­borgene Lieberthäitgkeit ist den Anglikanern meistens fremd. Sie ist eine Fundamental- Tugend des Katholizismus und wird nur von Jenen geübt, die den Worten de» Erlöser» folgen: „Liebet einander I"

Seit einem Monate arbeitete Tomy als Hand­langer beim Wiederaufbau eines benachbarten Ge­höfte«, da» durch Feuersbrunst zerstört war. Es war etwa eine Stunde Wege» bi« dahin; Mor­gen« und Abend« konnte er noch seinem Vater helfen und sein Tagelohn, obwohl niedrig genug, ver­schaffte der Familie einige Hilfsmittel. Tomy war zufrieden; sein Charakter änderte sich zusehends, er wurde weniger barsch, weniger mürrisch, sein Gesicht fing an, jenes wilde Aussehen zu verlieren, das ihn bisher so entstellt.

Welche neue Wendung war denn [in seinem Leben eingetreten? Wenn wir ihm einmal auf dem Rückwege von der Arbeit folgen, so werden wir den Schlüssel zu diesem Räthsel finden.

Eine« Abend« schlug Tomy nach vollbrachter Arbeit langsam den Heimweg an. Er marschirte, versunken in melancholische Betrachtungen, gesenkten Haupte« vor sich hin, ohne zu bemerken, wer seinen Weg kreuzte, al« er plötzlich durch eine frische, fröhliche Sttmme hinter sich au» seinem Brüten aufgestört wurde.

„Holla, Master Tomy, Du gehst so stolz vor­über, daß man glauben möchte, Du wolltest keinen Menschen mehr kennen!"

Der junge Mann erhob den Kopf und erwiderte lächelnd:

„Guten Abend, Nelly; ich hatte Dich nicht ge­sehen."

„Ich glaube da» gern, Du blicktest wie einer, der tief in Gedanken versunken ist."

Die so Redende war ein hübsche» junge» Mäd­chen von kaum siebenzehn Jahren, blond, frisch, mit lebhaftem Blick und schelmischem Lächeln. Sie lehnte sich an den Zaun einer Wiese, auf welcher mehrere prächtige Kühe ihre Nahrung suchten.

„An was dachtest Du denn eben, Tomy?" forschte neckend da» junge Mädchen.

„Er würde höflich sein, zu antworten, ich hätte an Dich gedacht, Nelly, aber, um die Wahrheit zu sagen, meine Gedanken versteigen sich selten zu einem so liebwürdigen Gegenstand."

„Da» nenne ich ein drollig gewundene» Kom­pliment!" erwiderte lustig lachend die junge Ir­länderin.

Tomy fühlte, daß er wenig geschickt gewesen; er erröthete und stotterte:

„Wenn man unglücklich ist, belustigen sich die jungen Mädchen über un».

„Werde nur nicht böse, Tomy", gab Nelly zurück, mit sichtlicher Mühe eine ernste Miene auf­setzend.

„Lache nur, Nelly, genir Dich nicht," ließ sich der junge Mann in etwas gekränktem Tone ver­nehmen. „Wenn das übrigens Alle« war, was Du mir zu sagen hattest, so lohnte es nicht der Mühe, mich anzuhalten."

Das junge Mädchen, fröhlichen Sinnes wie Mädchen ihres Alters sind, amüstrte sich sehr an dem Zorne ihres Freundes Tomy.

„Thu' mir den Gefallen, Tomy, und lege diese» tragische Aussehen ab; man muß nicht ewig den Närrischen spielen, weil eines Tages der gehoffte Reichthum ausgeblieben," rief sie halb vorwurfs­voll, halb scherzend.

Die Anspielung war wenig geeignet, die Züge des jungen Mannes zu erheitern.

„Und dann," fuhr Nelly fort, was hast Du denn verloren? Viel alberne Hoffnungen, aber Eure Lage ist geblieben, wie sie war. In Deinem Alter, Tomy, muß man mehr Muth haben; man arbeitet, und wenn Sorgen sich einstellen, und Einem den frohen Sinn trüben wollen, so lacht man ihnen in'« Gesicht."

„Du hast gut reden, Nelly; unsere Lage ist sehr unglücklich, unglücklicher, al» Du es vielleicht be­greifst; Arbeit ist selten zu erlangen und das Leben erfordert so viel."

„Nur nicht so verzagt, Tomy! Um aber die trüben Gedanken ein wenig zu verscheuchen, hilf mir meine Kühe Heimtreiben."

Der junge Mann gehorchte gern. Auf dem kurzen Wege zu Nelly'« Wohnung gewann die Unterhaltung einen freundschaftlicheren Ton. Nelly und Tomy kannten sifl seit ihrer Kindheit, aber die Armuth hinderte Tomy, sich unter die Jugend der Gegend zu mischen; er lebte fast stet» für sich und kam selten au« dem Kreise seiner Familie heraus.

„Wirst Du Samstag zu Patrick Amky's Hoch­zeit kommen?" fragte das Mädchen.

„Gehst Du hin, Nelly?"

„Gewiß."

„Ich werde da sein," versicherte nunmehr Tomy.

Das junge Mädchen lächelte mit Befriedigung.

„Das ist schön. Wir werden rasch wieder Freunde werden wie ehedem. „Bringe auch Deine Schwester Susy mit; ich habe sie gern und würde mich freuen, sie dort zu treffen."

„Ich glaube nicht, daß Susy kommt."

„Warum nicht?"

Tomy schüttelte den Kopf, ohne zu antworten; er dachte, daß seine Schwester in ihren alten ab­getragenen Kleidern keine vortheilhafte Rolle auf der Hochzeit spielen würde.

„Du bist kein angenehmer Gesellschafter," Hub Nelly mit bezeichnendem Schmollen wieder an; „glücklicher Weise wird William Pody auf dem Feste sein."

Tomy blieb stehen und sixirte seine Begleiterin mit einem Blicke, in dem man deutlich lesen konnte, welche Saite seines Herzens von den letzten Worten des jungen Mädchen« berührt worden war.

„Bin ich weniger werth, als William Pody?" fragte er mit kaum verhaltenem Aerger.

„Er ist wenigstens munter und unterhaltend."

„Weil er glücklich ist, Nelly."

„Nun, mein Gott, er hat auch seine Plage, aber er sieht nicht aus, wie Du, als ob er mit der ganzen Menschheit zerfallen sei. — Jetzt sind wir am Ziele, guten Abend, Tomy — bi» Samstag I"

„Die folgenden Tage nahm der junge Mann regelmäßig den kleinen Umweg an der Wiese vor­bei, wo Nelly ihre Kühe hütete. Er wünschte ihr Guten Abend, plauderte einen Augenblick und um sich nicht stets von dem jungen Mädchen necken zu lassen, gab er sich Mühe, seine frühere gute Laune wieder zu gewinnen.

Samstag früh wollte Tomy, der die ganze Woche von nicht» Anderem geträumt hatte, al» von Patrick D.nky's Hochzeit, oder vielmehr von dem Vergnügen, Nelly dort zu treffen und während de» Festes ihren Kavalier zu spielen, seine besten Kleider anlegen.

„Möchtest Du denn so gern auf die Hochzeit gehen?" fragte die Mutter.

„Ja, ich habe mein Wort gegeben."

„Es kommt seinem Alter zu," unterstützte der Paddy.

„Die Vergnügungen sind nicht für arme Leute," warf die Mutter ein.

„Junge Leute müssen Zerstreuung haben, Frau," erwiderte Willy Podgey; „laß Tomy da» Ver­gnügen! er hat es ehrlich verdient und kommt selten genug vor."

„Aber, mein Sohn, bedenke, wie die Anderen gut gekleidet erscheinen, und Du hast nichts Ordent­liches anzuziehen", bemerkte in gedrücktem Tone die Mutter.

„Doch Mutter; ich habe ja noch meine neue Joppe, die ich vor drei Jahren erhielt und fast nie trug."

„Sie wird Dir zu eng fein, Tomy."

„Nein, Mutter; ich habe sie noch letzte Woche versucht. Sie schließt ein wenig eng, es ist wahr, aber es geht noch. William leiht mir den Hut, den ihm fein Pathe zu Weihnacht geschenkt, meine gute kleine Susy hat meine Beinkleider von gelbem Leinen gewaschen und gebügelt und Vater« Hoch- zeitrweste hergerichtet, damit und mit meiner blauen Weste kann ich eben so gut austreten wie William Pody." (Forts, folgt.)

Literarisches.

Das erste Heft des neuen Jahrgangs der illustirt-n Zeitschrift: „Deutscher Hausschatz in Wort und Bild" (Verlag von Friedrich Pustet in Regensburg) liegt nun­mehr vor und müssen wir gestehen, daß die großen Er­wartungen, welche wir auf den neuen Jahrgang stellten, nicht getäuscht werden. Was zuerst in die Augen fällt, ist der ungemein reine und echt künstlerische Bilderschmuck. Darstellungen, wie der tabackrauchende Bauer von Woltze, die Gruppe reizender Kinder von Gude, das Landschafts­bild von Hennings und bas Genrebilds „Der erste Schritt" von Jasinski müssen zu den besten Leistungen auf dem Gebiete der Holzschneidekunst gerechnet werden. Der Text zeigt uns die Namen hervorragender Schriftsteller als Mitarbeiter. So bringt das erste Heft ungedruckte Gedichte von F. W. Weber und F. A. Muth, zwei voll­ständige spannende und poestevolle Novellen von Johanna Baltz, A. I. Groß von Trockau und Josefa Weber, sehr interessante Aufsätze von M. Herbert; H. Kerner, Dr. H. Cardauns; I. Dackweiler, I. Plaßmann und anderen. Endlich enthält das erste Heft unter der Ueberschrift: .Allgemeine Rundschau' eine Fülle von werthvollen Noti­zen aus allen Gebieten des Wissens. So dürfen wir sagen, daß der .Deutsche Hausschatz' sich den besten illu- strirten Zeitschriften zur Seite stellen und jeder Familie dringend empfohlen werden darf.

Der dritte Orden vom heiligen Franziskus, seine Regeln und Uebungen, nach der Reform L eo's XIII, Mit dem neuen Ceremonienbüchlein des Dritten Ordens. Mit einem Titelbild in Farbendruck, einem Anhang von Gebeten und den Tagzeiten der allerseligsten Jungfrau Maria. Mit Approbation des hochw. Herrn Erzbischofs von Frei­burg. Vierte, neu durchgeseheneAuflag e. 320. (VIII und 240 S.) 50 Pfg.; geb. in Halb­leinwand mit Goldtitel und Rochschnitt 75 Pfg.

— Dasselbe. Ausgabe o hne die Tagzeiten der allerseligsten Jungfrau Maria. 32« (VIII und 132 S.) 30Pfa.; geb. 50 Pfg. — Die Tag­zeiten allein. 320, (108 ©.) 25 Pfg. Freiburg im Breisgau 1888; Herder'sche Verlagshandlung.

Das Schriftchen verdient sowohl den Leitern, als Mit­gliedern des Dritten Ordens zum praktischen Gebrauche bestens empfohlen zu werden, da es alles zu diesem Ge­brauche Nothwendige und Dienliche, sowohl Regel, Ablässe und Privilegien, als Zeremonien und Gebete, auch für den Handgebrauch der Leiter des Dritten Ordens 6v-. »er Einkleidung, Profeß-Ablegang u s. w. die lateini* ,n Texte enthält.