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1888

Mittwoch, den 31. Oktober.

Zeitung

fiiliiucr

Erstes Blatt

ruhe der Verstorbenen, wiegt da tausendmal mehr, als alle Pracht von Blumenspenden und äußeren Erinnerungszeichen. Weit entfernt, den Brauch des Gräberschmuckes zu tadeln, finden wir ihn so­gar finnig und so recht aus den menschlichen Empfindungen herausgewachsen; was wir verwerf­lich finden, ist nur die Uebertreibung, die schließ­lich zu garstiger Eifersucht und Hoffahrt aurartet, und worauf wir das Hauptgewicht legen, das ist das Gebet nach der Intention der Kirche, die ja auch an diesem Tage in feierlicher Provision hinauszieht auf die Kirchhöfe und die Fülle ihrer Gnaden reicher fließen läßt für Alle ohne Ansehen der Person. Ohne das Gebet hat die A'.lerseelen- feter gar keinen höheren Sinn und Zweck.

Wer im Kampfe um's Dasein oder im Getriebe de« öffentlichen Leben« die Aufregungen, Bitter­keiten und Sorgen der irdischen Pilgerfahrt in reichem Maße zu kosten hat, ohne daß kaum je­mals ein Tag der Rast und inneren Sammlung ihm winkt, der möge am Allerseelentage hinaus- gehen auf den Gottesacker und hier so recht leben­dig aller derer gedenken, die vor ihm auf Erden gestritten und gelitten haben. Da wird'« ihm leichter werden um'« Herz, die Kümmerniffe und Bitterkeiten, die ihm im Gewühl der Tages riesen­groß und fast unüberwindlich dünken, fie werden ihm erbärmlich klein und gering erscheinen ange­sichts der Größe der bereinigen menschlichen Be­stimmung, der unermeßlichen Ewigkeit und der allerbarmenden Liebe des Allmächtigen. Ja, was ist der Mensch, daß er fich ab quält Tag für Tag um der wichtigsten Dinge willen, daß er neben seiner Pflichterfüllung noch tausenderlei andere Sorgen und Inten ssen betreibt, die sür sein ewi- ge» Heil nicht nur zwecklo», sondern vielleicht gar verderbenbringend sind ? Was ist das kleine Kreuz, welche« der Einzelne zu tragen hat und gegen das er fich aufbäumt, im Vergleich zu der unend­lichen Qual einer Ewigkeit? Wie einfältig und klein erscheinen uns die Verfolgungen, die Belei- digungen und Kränkungen der Menschen, die uns schier das Herz abpreffen wollen, die uns zur Ver­geltung und Rache, zu Zorn und Neid und Haß hinreißen, im Anblick eine« Grabhügel« und der Gebeine längst Dahingeschiedener? Sie waren Menschen, wie wir, sie hatten ähnliche Gedanken, Empfindungen, Sorgen und Kämpfe, wie wir. Und wa« ist von alledem übrig geblieben? Nur ein Häufchen Staub m d klappernde« Gebein. An­den leeren Höhlen eine« Schädel« blickten einst lebhafte Augen, welche al« getreue« Abbild der inneren Empfindungen Liebe und Haß, Stolz und Eitelkeit, Sinnenlust und Egoismus wiederspiegel- ten. Und der Mund, von dem nur noch starre Knochen und grinsende Zähne übrig blieben, sprach manches Wort, va« dem Anderen wehe that oder sonstiges Unheil anrichtete. Wa« ist daraus ge­worden, was ist davon übrig geblieben? Und Du selbst, du armes Menschenkind mit deinen Hoff- nungen, Jntereffen und Plänen, deinen Sorgen, Beschwerden und Bedürfniffen, mit deiner Liebe und deinem Haß; — wirst nicht auch du über kurz ober lang unter dem kühlen Rasen ruhen, wird nicht auch dein sterblicher Leib, bett bu jetzt mit so viel Sorgfalt umhegst, in Staub zerfallen, werben nicht auch über deinem Grabhügel körn- menbe Geschlechter dahinschreiten, werden fie nicht, wenn vielleicht ein Kreuzchen oder Stein ihnen die Stätte anzeigt, einen Augenblick verweilen und der Vergänglichkeit alle« Irdischen gedenk, n?

Und doch dürfen solche Erwägungen un« nicht muchlo« machen, fie müffen uns im Gegenthell stählen und befestigen in der treuen Pflichterfül­lung, in der strengen Gewissenhaftigkeit bei Lösung jener Aufgaben, die unser Berus an un» gestellt

o Allerseelen.*)

Spätherbst ist'« geworden, und selbst der milde ,Allerheiligensommer" , desien wir uns in den jüngsten Tagen erfreuten, täuscht nicht hinweg Über den allgemach sich vorbereitenden Einzug des Win­ters, der schon unlängst seinen Vorboten, den er­sten Schnee, entsandte. Draußen in den Gärten und auf den Feldern zeigen sich allenthalben in der Pflanzenwelt die dorrenden Spuren de« be­ginnenden Winterschlafes, und im Walde schreitet der Fuß über weite Flächen raschelnden dürren Landes, und da» Ange freut sich über das lebhafte Farbenspiel der Natur, welche die absterbenden Blätter und Blättchen in die sattesten Töne vom Hellen Gelb bis zu Purpurroth und dunklem Braun gekleidet hat. An dieser Scheide der Jahreszeiten feiert die Kirche die beiden Feste Allerheiligen und Allerseelen, da» Gedächtniß der Dahingeschiedenen, jener, die zur ewigen Glorie eingegangen sind und jener, die noch in Fegseuer quälen der endlichen Reinigung und Erlösung harren. Und namentlich da» Allerseelensest ist e», welche» die menschliche Natur so recht tief ergreift, welche» die empfind­lichste Saite de» Menschenherzens zum Tönen bringt. Wer eine« von seinen Lieben auf dem stillen Fried- Hofe zur letzten Ruhe gebettet hat, der wird, und wenn auch Hunderte von Meilen ihn von dem theuren Grabhügel trennen, am Allerseelentage mit verstärkter Inbrunst de« Entschlafenen gedenken, die Tage de« Zusammenleben« nochmals an seinem geistigen Auge vorüberziehen laffen, und wenn er katholisch denkt und fühlt, ein andächtiges Gelet für die Seelenruhe de» Verstorbenen zum Himmel senden. Mit Blumen und Kränzen, bett letzten Gaben der scheidenden Natur, schmückt die mansch- liche Liebe und Erinnerung die Stätte der Todten und zündet am Abend in finnigem Gebrauch Lich­ter, Laternen und Fackeln aus den Gräbern an.

Man hat gegen den übertriebenen Luxus, den die moderne Welt zu Allerseelen mit Blumen und kostbaren Kränzen treibt, nicht mit Unrecht geeifert, diese Uebertreibung ist vor allem dann verwerflich, wenn fie nur auf die Sucht, selbst zu glänzen und fich vor Anderen hervorzuthun, hinausläuft. Das schlichte, thränenbenetzte Kränzlein der armen Witwe, das schmucklose, von rohem Holz gezim­merte Kreuz, der mit den bloßen Händen aufge­schüttete und geebnete Grabhügel wird dem Herrn wohlgefälliger sein, al« hochgethürmte Palmenzweige und Kränze au« den kostbarsten Blumen und Pflanzen. Denn nur selten steht man an diesen Luxusgräbern ein Knie stch beugen zu innigem Gebet und selbst die verweinten Augen ticfverschleierter Damen zei- gen gar zu oft noch Jntereffe genug für die Be- wunderung der neugierigen Menge. Wo dagegen auch an einem schlichten, schmucklosen Grab der Schmerz den Menschen auf die Knice zwingt und in heißen Gebet für die arme Seele sich auflöst, da bedarf e» nicht der Kränze und be» Flitter»; ein andächtiger Rosenkranz gebetet für die Seelen­

*) Nachdruck nicht gestattet.

hat, nicht nur für un« selbst, sondern auch für da» kommende Geschlecht. Nur von jenen häß­lichen Schlacken de« Tagerkampfe», der Tagessorgen und de» TageSgenuffe» soll da» Gedächtniß der Todten und der Anblick der Gräber un» reinigen ; fie werden un» die Vergänglichkeit alle» kleinlichen irdischen Flitter« und Getriebe«, fie werden un» zugleich da» große Geheimniß der Liebe lehren, die uns mit allen Menschen verbinden soll, denn am letzten Ende harret unser Aller nur ein Loo», und mag auch des Einen Gebeine ein Sarkophag aus kostbarem Stein und Edelmetall umschließen, während der Andere nur ein schlichtes Bretterhau­seine letzte Ruhestätte nennt ober gar auf bem Grunde des Weltmeers den letzten Schlaf schlafen muß: vor dem Richterstuhle Gottes find fie alle gleich, und nur die Grüße der Verantwortung bestimmt fich nach dem Umfang der Pflichten, des Ansehen» und der Macht, die man auf Erden ge» habt hat.

Deutsches Reich.

Berlin, 30. Oktober.

* Unter der Rubrik: „Abhängige Beamte im Parlament," schreibt die .Freis. Zig.'u. A.: Die Volksvertretung hat die Ausgabe, die Aus­übung der Gesetze, die Handhabung der Verwal­tung, die Grundsätze der Politik zu überwachen. Eignen fich zu solchen Befugniffen etwa Landräthe, etwa Staatsanwälte, etwa Regierungsbeamte, welche von dem Ministerium jeden Augenblick zur Verfügung gestellt, ihre» Amte» entkleidet, im Ein­kommen geschmälert werden können? Weiß denn die Welt nicht mehr, wie e» den Landräthin Woedtke und v. Gottberg ging, welche Über die Verwaltungsgesetze anderer Meinung waren al» der Herr Minister? Es sollte nur ein Landrath, ein Staatsanwalt die Courage haben, der Re­gierung entschieden entgegenzutreten, wa» doch jeder Abgeordnete nach bestem Gewiffen muß, wenn er eben den Glauben faßt, daß die Wege der Rc» gierung zum Unheil führen — er würde sicherlich schöne Erfahrungen machen. Der Herr Reichskanzler läßt sich ein Parlament von Beamten nur ge­fallen, wenn die Herren fich entsprechend verhalten. Darüber hat Fürst Bismarck schon vor Jahren gar keinen Zweifel gelassen. So sprach er im Reichstag am 28. März 1867! „Ich bin als Minister sehr bereit, mir die stärksten Vorstellungen von einem Beamten, der von seinem Pflichtgefühl geleitet wird, in einem Schriftstück gefallen zu lassen; aber ich würde e« schwer ertragen, Minister zu bleiben, wenn ich genöthigt wäre, in meinem Ressort einen Beamten fortdauernd zu beschäftigen, der mir öffentlich diejenige Achtung versagt, auf die ich in meiner Stellung Anspruch mache!" „Je mächttger die parlamentarischen Einflüsse," sagte Fürst Bismarck weiter, „auf da« Staatsleben ein- wirken, desto nothwendiger ist meine» Ermessen» eine straffe Disziplin in dem Beamtenstande!" Aber damit nicht genug! Der Herr Reichskanzler hat auch mit unverhohlenem Spotte von den Be­amten gesprochen, die stch etwa einbilden könnten, im Parlament ihren Vorgesetzten Oppofition zu machen, die Regierung »belehren und ihre Meister meistern zu können. So erklärte Fürst Bismarck am 5. Mai 1881 int Reichstage: „Wenn ich mir einen Beamten in guten oder geringen Verhält­nissen denke, der nach einer Reichstag»- (oder Adg> ordnetenhau«-) Sitzung bei gutem Sommer- wetler in warmen Tagen wieder seine staubigen Bureaux besuchen und seinen strengen Dienst thun und demselben Vorgesetzten wiederum eine gewisse Anerkennung zollen soll, auf den er bi» dahin von seinem curulischen Sessel mit einer gewissen Ge-

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