1888
Mittwoch, den 24. Oktober.
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füt Wahrheit, Freiheit «ad Reiht!
Wie schwebt es prächtig stolz das Banner Vom Thurm des Centruws in die Welt; Es ward von echten deutschen Männern Im Gottvertrauen ausgestellt.
Es flatterte in heißem Kampfe
Der tapfren Käwpferschaar voran;
Der Führer ward'» zu manchem Siege, Der Leitstern auf der rechten Bahn.
Für Wahrheit — in der Welt voll Lüge, Voll Menschenfurcht und Kriecherei — Ruft es von Neuem auf zum Kampfe, Und wer fie liebt, der eil' herber!
Für Recht, wo fich das Unrecht blähet
Und Volkeswohl mit Füßen tritt;
Kommt All', es gibt noch heiße Kämpfe, Kommt, helfet zu dem Siege mit!
O Freiheit, Lichtgestalt vom Himmel, Was hat man doch aus dir gemacht! Es werden täglich neue Fesseln Von feilen Knechten ausgedacht.
Du ringest, in den Staub getreten, Und doch erstrahlt dein stolzes Haupt;
So lang die Welt steht, wirst du leben, Wie oft man dich auch tobt geglaubt.
Drum helfet all' ihr deutschen Männer, Daß „Wahrheit, Recht und Freiheit" Regt, Drei Engel, die das Füllhorn halten, Darin das Glück der Völker liegt.
Laßt euch von And'ren nicht bethören, Zum Banner blickt auf festem Thurm, Dem L.itstern zu dem rechten Ziele, Dem Felsen in dem Wogensturm.
Kommt All', es find ja heil'ge Pflichten, Ein echter Mann thut seine Pflicht;
Für „Wahrheit, Recht und Freiheit" kämpfen: Da gibt es ein Bedenken nicht.
Fulda, 21. Okt. 1888. R. Atzert.
Die Tochter des AlammumdSmgr.
Historischer Roman von Antonie Haupt.
(Schluß.)
Eiy fröhliches Mahl vereinigte alsbald die Gäste de«'Kaisers. Das war eine Freude des Wiedersehens, ein Fragen und Antworten, ein Erzählen ohne Ende! Auf Alle ohne Ausnahme übte die Erscheinung der Königin einen unwiderstehlichen Lauber aus. Der Druck jahrelangen tiefen Leides hatte ihre hohe Gestalt nicht gebeugt, und auch jetzt im vorgerückten Lebensalter war fie in Haltung und Bewegung ein Bild fürstlicher Majestät. Der evle Gesichtsausdruck, das kluge Auge, aus dem wahrer Adel und echt weibliche Milde sprach, mußten auf Jeden einen mächtigen Eindruck machen.
„Sie ist wie zum Herrschen geschaffen," flüsterte der Kaiser, deffen Blicke lange bewundernd auf ihr geruht halten, seinem väterlichen Freunde Ausonius zu. Und der raschen Eingebung seine- feurigen Heizens folgend trat der kaiserliche Jüngling nach aufgehobener Tafel vor Swanahild hin und sprach:
Deutsches Reich.
Berlin, 23. Oktober.
• Die freisinnigen Wähler des 3. Berliner Landtags-Wahlkreises hielten vorgestern Abend im Saale des Berliner Handwerker-Vereins eine zweite Versammlung ab. Den Vortrag hielt Abg. Eugen Richter. Derselbe führte, laut der ,Voff. Ztg.', u. A. Folgendes aus: „Die Verlängerung der Legislaturperiode tritt gerade jetzt in Kraft, wo wir uns in einem politischen Uebergangsstadtum befinden. Zahlreiche Veränderungen haben stattgefunden, ein neuer Kaiser hat das Regiment angetreten, und große Autoritäten, wie Graf Moltke, find vom Schau- platze abgetreten. Freilich, Fürst Bismarck ist noch geblieben, als Mittelpunkt der Regierung«, gemalt, aber Fürst Bismarck steht auch schon im vorgerückten Lebensalter, und es ist zu bedenken, daß nicht nur unsere ganzen Verhältnisse, sondern auch die Gouvernementalen ganz und gar auf den Fürsten Bismarck zugeschnitten sind. Wie wenig beispielsweise die konservative Partei ohne den Fürsten Bismarck ist, hat recht schlagend die Erfahrung bei dem Schullastengesetze und der Frage der VerftffungSänderung gezeigt, wo 33 Konser- vative plötzlich das ursprüngliche Weiß für Schwarz erklärten (Heiterkeit) und 23 andere „in die frische Luft gingen". (Heiterkeit.) Das war nun auch den ehrlichen Konservativen zu viel; die Herren von Minnigerode und von Rauchhaupt wollen nicht mehr mitspielen, dagegen hat Herr von-Helldorff kürzlich in Halle offen erklärt: „Wenn wir von der Regierung auch mal einen Tritt bekommen, so darf uns das nicht geniren, wir folgen ihr doch." Aber Eines genirt diese Herren doch, nämlich wenn sie einen solchen Tritt öffentlich und nicht im Geheimen bekommen, so genirt sie, daß wir Freisinnigen zusehen. Die National-Liberalen anderseits hatten auch ein Mal eine Zeit gehabt, wo fie „mit aus der Schüffel" effen wollten; Fürst Bismarck konnte das aber bekanntlich nicht vertragen, und so wurden die lüsternen Herren an die Wand gedrückt. Dann ging es immer mehr bergab, den Führern selbst wurde das Verhalten der National-Liberalen zu viel, sie zogen sich zurück, und erst seit der Bildung der freisinnigen Partei hat es Fürst Bismarck für angezeigt gehalten, die National- Lüberalen wieder zu sich heranzuziehen, und von da an beginnt erst der sogen. Aufschwung. Die
„Hohe Frau, ich habe Dir Freiheit und Schutz verheißen, doch nicht genug damit, ich werde mein begonnenes Werk auch vollenden. Ich habe be> schloffen, Dich Deinem Lande, Deinem Volke al« Königin wiederzugeben. Nur verlange ich, daß Du mir Treue schwörst, daß Du mir Schutz gelobst gegen meine Feinde."
„Das ist Deiner würdig, erhabener Cäsar!" rief Ausonius begeistert, und sein Ausruf fand Wiedei hall bei Allen. Die Königin stand in wortlosem Staunen da; eine solche Gnade, ein solches Glück vermochte sie kaum zu faffen. Tief ergriffen leistete sie den Vasalleneid.
Durch die hohen Bogenfenster von St. Peters Dom siel die Maisonne strahlend auf den Blüthen- kranz der holdseligsten Braut, die je eines Mannes Auge erfreute. Vor dem Hochaltäre stand in vollem Ornat der greise Bischof Brito und breitete segnend seine Hände über dar eben vermählte Paar: Biffula und Merobaudes.
Unter den Jubelrufen der draußen harrenden Menge nahm der Hochzeitszug langsam seinen blumenbestreuten Weg nach dem Palaste des
National-Liberalen haben dann das Kartell geschloffen, anfänglich angeblich wegen de» Septennat« und gegen die „anti-nationalen" Freisinnigen. Heute aber wird es Jedermann klar sein, daß der ganze Kartellfeldzug in Wahrheit sich ri^ete gegen dm nachmaligen Kaiser Friedrich. (Stürmischer Beifall.) Die Führer der Konser- vativen wußten eben so gut wie andere Leute damals und wie das gesammte Volk heute, wo es die ,Nordd. Allg. Ztg.' frei hinaus erzählt hat, daß Kaiser Friedrich in vielen Punktm ganz anderen Grundsätzen huldigte, wie sein Vater, und da Jedermann in absehbarer Zeit die Nothwendig- keit eines Regierungswechsels herannahen sah, galt es, fich für die Zukunft einzurichten. Es kam darauf an, die ftetsinnige Partei zu vernichtm, bevor Kaiser Friedrich an die Regierung kam. Man war überzeugt, daß Kaiser Friedrich eine konstitutionelle Regierung führen würde, wie sie von dem größten Theile seines Volkes gewünscht wurde. Es galt also, dem Reichstage eine Majorität konservativer und nationalliberaler Richtung zu schaffen, um dem Kaiser Friedrich vorhalten zu können: „Das ist die Majorität, die den Wunsch des Volker verkitt." Da» ist da» ganze Geheimniß des Wahlkampfe« im Februar gewesen. Mit dem so schnellen Dahinscheiden des Kaisers Friedrich ist das Kartellbünd» niß gegenstandslos geworden, es hat feinen Zweck verloren; die früher zusammenhielten, gehen j tzt nach verschiedenen Richtungen. In einigen Wahlkreisen schlagen sie sich, in anderen vertragen fie fich. In Berlin gibt e» unter den Nationalliberalen zwei Richtungen. Während ein Theil der Nationalliberalen sich von den Konservativen abschließt, wünscht der zweite unter der Führung de» Herrn Kyllmann, Cuny und Genoffen mit allen Konservativen zusammen zu gehen, auch mit Stöcker. Da kam der neue Graf Douglas mit seiner Enthüllung, daß Kaiser Wilhelm von den extrem-konservativen und kirchlichen Bestrebungen, welche fich mit dem Namen Stöcker deckten, weit entfernt sei. Nun stutzten plötzlich die Nationalliberalen, die ihn gewissermaßen als den kommenden Mann betrachteten, Herr Stöcker sank plötzlich sehr im Kour«, und e» ist ein Abfall seiner Getreuen bis dicht heran an seine Person zu bemerken, sogar bei Herrn Cremer. Die beiden Freunde sind auseinander gekommen. Die Kartell - Freundschaft hat einen Riß erhalten, und die einzelnen Theile mar- schiren nun gesondert gegen den Freisinn. Wenn
Ausonius zurück. -Nicht ohne Wehmuth trat b'e junge Frankenkönigin durch da» mit Rosengewinden und bunten Bändern gezierte Portal in das Hau» ihre» gütigen Pflegevater», da» ihr zur zweiten Heimath geworden war, und da« nur mehr wenige Stunden ihr gastlichen Aufenthalt gewähren sollte, bi» die Reise nach dem Lande ihre» Gemahl» angdtetn würde.
Swanahild begleitete da» junge Paar auf dieser Reise bi» zu ihrem eigenen Reiche, und ehe der Frankenheld sein geliebte» Weib in den heimischen Burghof einführte, war er Zeuge, mit welcher freudigen Begeisterung die von dem Joche römischer Knechtschaft befreiten Alamannen ihre Königin empfingen. Nicht minder groß aber war der Jubel, mit dem seine Franken bald Darauf der jungen minniglichen Herrscherin an seiner Seite huldigten.
Ewige Jahre ungetrübten Glückes entschädigten da» königliche Paar schon tausendfach für die P nfungen, die e» vormals zu bestehen hatte. Merobauoes fand große Befriedigung darin, für die Wohlfahrt feiner Untertanen zu sorgen und alles Gute im Reiche zu fördern. Die höchste Seligkeit aber für ihn umschloffen jene Stunden,