Einzelbild herunterladen
 

JM 243.

Samstag, den 20. Oktober.

1888

Fvlbaer

Die .Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn, und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: IM 50 Vf mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mark 70 Pfennig, auswärts 1 Mark 75 Pfennig.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Zweites Blatt.

We lichter ta AlmmenKönW.

Historischer Roman von Antonie Haupt.

(52. Fortsetzung.)

XVII.

Wiedersehen.

Hohe Lilie, hohe Lilie! Keine ist so stolz wie Du, In der stillen, milden Ruh! Hohe Lilie, hohe Lilie! Ach wie gern seh' ich Dir zu. Hohe Ceder, hohe Ceder! Keine steht so einsam da. Doch der Adler ist Dir nah. Der Dein sich'res Nest ersah.

Achim v. Arnim.

Schon am folgenden Tage fühlte das wie durch ein Wunder vom schrecklichsten Tode gerettete junge Mädchen sich wieder so weit hergestellt und gekräftigt, daß die Reise hätte fortgesetzt werden können. Dar heitere, nicht übermäßig kalte Winter­wetter, welches dem Schneesturme folgte, schien sogar dazu aufzufordern, doch Merobaudes weigerte sich mit größter Entschiedenheit, das trauliche Asyl am See zu verlassen, da er mit Rücksicht auf Biffula einen Rasttag für unbedingt nöthig erachtete. In seinem Benehmen gegen fie war er völlig umgewandelt, er erschöpfte fich in Auf­merksamkeiten, und jedes dankbare Lächeln von ihr zauberte auch Sonnenschein auf seine Stirne. Jetzt, da er die finstere Scheu, mit welcher er ste gemieden, abgelegt hatte, lernte Biffula erst voll und ganz die. Zartheit und Gemüthstiefe des Frankenfürsten bewundern. Er schien ihr auch den leisesten Wunsch gleichsam von den Augen abzulesen und zeigte den regsten Antheil an Allem, war sie betraf. Und als dann bald vom schönsten Wetter begünstigt die Reise ohne weitere Jährlich- keilen von dem stillen See nach RigomazurV und von dort an den Ufern des Rhenus entlang nach der Kolonia Agrippina ging, da hielt er treu, was er in jener Schreckenrstunde gelobt: Er wich nicht von ihrer Seite und behütete jeden ihrer Schritte mit wahrhaft rührender Sorge, bis die Mauern der rheinischen Kolonia sie um­schloffen , und da» mit allem Glanze und Be­hagen ausgestattete kaiserliche Absteigequartier fie ausgenommen hatte.

Roch an dem Abende ihrer Ankunft wollte Biffula zu der Gattin des Tribunen eilen, da eine verzehrende Ungeduld fie drängte, möglichst bald etwas Näheres über das Geschick ihrer Mutter zu erfahren. Merobaudes wußte fie jedoch mit einer Menge überzeugender Gründe davon zurück­zuhalten und auf morgen zu vertrösten. Daß er int Geheimen befürchtete, feine Schutzbefohlene möge im Haufe des Pomponius Clemens herbe Enttäuschung erfahren, vor der er sie möglichst lange bewahren wollte, das verschwieg er. Ebenso verrieth er nicht, daß er selbst, ohne sich Ruhe zu gönnen, sogleich nach der Wohnung des Tribunen eilte, um vorläufige Erkundigungen etnzuziehen. In einem mit fürstlicher Pracht eingerichteten Ge­mache schmiegte fich Biffula während dessen mit getheilten Empfindungen in die Polster eines Ruhebettes. Die herzliche, zarte Theilnahme, welche der so schwärmerisch von ihr geliebte Mann ihr widmete, erfüllte sie mit stiller Selig­keit, mit wonnigem Glücke, mit einem Glücke, das, wie fie selbst fich sagte, fich verflüchtigen mußte, sobald das gemeinsam erstrebte Ziel erreicht war. Wenn sie die Mutter wiedergefunden hatte, so trennten sich seine Wege und die der Tochter

i) Remagen.

Rando's auf ewig. Aber wie schmerzlich ihr auch der Gedanke an jene unvermeidliche Trennung war, so hätte fie dennoch alles gethan, was ste vermochte, um möglichst bald ihre Aufgabe zu vollenden und den Tag herbeizuführen, an welchem sie die königliche Mutter aus schmachvollen Sklaven- ketten befreien durfte. DasWewußtsein ihrer er­habenen Mission richtete ihr zagendes Gemüth stets von Neuem auf.

Wer Andere glücklichI machen will,? darf laicht verlangen, daß auch er e» fei. Arme, liebe Mut­ter, Du wenigstens sollst glücklich werden", flüster­ten ihre Lippen und in ihren Augen leuchtete ein wunderbarer Glanz. Gedanken reihten sich an Gedanken: Wie mochte die Königin ihr schweres Loos ertragen? Was würde man ihr morgen über das Geschick der so schmerzlich Gesuchten verkün­den? — Eine nicht zu bemeisternde Unuhe, eine stets zunehmends Bangigkeit bemächtigte sich ihrer. Wie lang, wie unendlich lang wurden ihr die stillen Stunden!

„O, daß ich heute noch Gewißheit haben könnte!" flüsterte sie ungeduldig. „Wo bleibt Merobaudes? Warum läßt er mich so ganz allein?"

Da erklang sein schneller Schritt auf den Mar­morplatten der Vorhalle, int nächsten Augenblick schlug er die Portiere zurück. Sein Blick ruhte mit unendlicher Theilnahme auf der zarten, an- muthigen Mädchengestalt.

„Wie bleich Du bist, meine kleine Bissula!" So sprach er zärtlich und beugte fich zu ihr nie­der, um ihr forschend in die thränenfeuchten Augen zu sehen.

„Du hast geweint, Kind?HJch hoffe, daß dieß die letzten Thränen find, welche ich in Deinen Augen sehen, denn ich bringe Dir frohe Kunde."

Erstaunt und fragend sah Biffula zu ihm empor. Er lächelte ihr ermuthigend zu und nahm ihr gegen­über Platz.

„Ich war bei dem Tribunen und habe nun die freudige Gewißheit, daß Deine Mutter lebt", be­richtete er der athemlos Aufhorchenden. „Pom­ponius bestätigte, daß der Vater feiner Gattin vor elf Jahren um hohen Preis ein junges, blond­haariges Weib von großer Schönheit und Maje­stät jüdischen Sklavenhändlern abgekauft habe. Ob­gleich ihr Aeußeres sie als Barbarin gekennzeich­net, so habe ihre ungewöhnliche Bildung und ihr hehres Wesen bald verrathen, daß sie von hoher Herkunft sei; und ihrer Blldung entsprechend, habe man sie im Hause des Titus Faustinus nicht als Sklavin, sondern als Freundin und Rathgeberin behandelt. Doch niemals, wie aufrichtig man Swana — so habe sie fich genannt — in alle Geheimnifle der Familie eingeweiht, wie rückhalt­los man stein'» Vertrauen gezogen, sei nicht eine Silbe über die eigene Vergangenheit, eine Klage über den Wechsel des Geschicks ihren stolzen Lippen ent­schlüpft. In stiller, hoffnungsloser Ergebenheit habe fie sichtlich ein nagendes, unheilbares Leid in tief­ster Brust verschlossen. Der Liebe und Anhäng, lichkeit der Kinder, deren Pflege und Erziehung man in ihre Hand gelegt hatte, und welche mit schwärmerischer Verehrung an der ernsten, hoheits­vollen Frau hingen, sei es allmählich gelungen, dann und wann ein mattes Lächeln auf ihren Zügen hervorzurufen und eine gewiffe Theilnahme am Leben wiederum in ihr zu erwecken. „„Die jüngste Tochter des Hauses, meine Gattin"", sagte Pomponius, „„hegte eine solche Liebe für ihre Erzieherin Swana, daß fie sich nicht von ihr tren­nen wollte und ihre Eltern beschwor, sie mit nach Gallien ziehen zu laffen. In meinem Palaste"" so vollendete er, „„ist Swana nun unumschränkte Gebieterin; mit bewundernswürdiger Umsicht leitet ste das ganze Hauswesen, sowie die Erziehung der

Kinder, meine Gattin thuts nicht ohne ihren Rath, und ich selbst habe häufig vor der hohen Weisheit dieser Frau mich beugen müssen.""

„Du siehst also", schloß Merobaudes seine Er­zählung, „daß die Königin in der Gefangenschaft ein verhältnißmäßig glückliches Loos getroffen hat; und Dir wird, wenn nicht alle Anzeichen täuschen, morgen schon die Freude zu Theil, Deine Mutter wiederzusehen."

Biffula war keines Wortes mächtig, fassungs­los, auf» Tiefste erschüttert hatte fie die Mitthei- hingen des Frankenkönigs vernommen. So sollte fie denn unverhofft am Ziele fein. Die Gefühle, welche bei dieser plötzlichen Erkenutniß auf ste ein- stürmten, waren überwältigend; es schwindelte ihr, fie schwankte und sank ohnmächtig nieder.

Vergangenheit und Zukunft, Schwüre und Vor­sätze wurden bei dem Anblick der bleichen Mäd- chengestalt von Merobaudes vergessen. Im nächsten Augenblicke saß er an ihrer Seite und zog ihren Kopf mit unsäglicher Innigkeit an seine Brust. Ob er es ahnte, daß es nicht allein die große un­verhoffte Freude war, sondern auch der Gedanke an ihre nunmehrige plötzliche Trennung von ihm, was ihre Augen erlöschen, ihre Sinne schwinden gemacht?

„Armes Kind, ich hätte vorfichtiger sein müssen! Wie konnte ich denken, daß nach dem bewunderns­würdigen Math und der heldenmäßigen Ausdauer, mit welcher Du allen Gefahren der Reife Trotz botest, ein einziger, unverhoffter Glücksstrahl ge­nüge, um Deine Kräfte zu besiegen", so flüsterte er, und seine Hand glitt zärtlich über ihr seidige» Lockenhaar.________________________(Forts, folgt.)

Literarisches.

Frankfurter zeitgemäße Broschüren. Neue Folge, herausgegeben von Dr.J. M. Raich. Band IX. Heft 11. — Die deutsche Sage. Eine literar­historische Studie vonDr. Franz Alfred Muth. — Frankfurt a. M. und Luzern. Druck und Ver­lag von A. Foeffer Nachfolger. 1888.

Deutschland ist reich an Sagen, in welchen sich das ideale Sinnen und Trachten des Volkes offenbart. Es gibt fast keine Stadt, kein Dorf, keine Burg, woran sich nicht eine Sage knüpft, auch Kirchen, Brücken, Häuser und Bäume sind in das traute Sagennetz gezogen. Der Verfasser obiger Schrift bietet uns in eleganter Form ein Bild von dem ausgedehnten deutschen Sagenkreise, der sich zuerst um die altgermanischen Götter und das Riesen- und Zwerge-Geschlecht schlingt, dann von den christlichen Heldenfürsten und Rittern, ihrer Mannentreue und Achtung vor Frauenwärde erzählt, wohl auch die Tugenden der Söhne des Volkes und seiner Heiligen preist und zuletzt sich in Lust und Scherz ergeht. Die Belege für diese Mannigfaltigkeit der Sage sind von dem Verfaffer, dem bekannten Dichter, mit feinem Takte ausgewählt. Das Resultat dieser Studie faßt derselbe in die Worte, daß diese Sagen ein herrlicher Ehrensaal deutschen Denkens und Fühlens seien, in dem sich alle vortrefflichen Tugen­den deutschen Geistes und Gemüthes finden. Wir zweifeln nicht, daß die äußerst intereffant geschriebene Broschüre in den weitesten Kreisen Anerkennung finden wird.__________

Vermischtes.

sBo shaf t) Geck (mit einem helmartigen Touristen­hut bekleidet): „Wie kleidet mich denn dieser Hut, Fräu­lein Anna? B-ffer als mein Strohhut?" — Fräulein Anna: „O, bedeutend besser — man sieht von Ihrem Gesichte weniger."

* sVom Exerzierplatz) Ein Einjährig-Freiwil- liger spuckt aus, während er sich in Reih und Glied be- findet. „Zwei Stunden nachexerzieren!" ruft der Ser­geant, „man spuckt in der Front nicht aus — verstanden, wir sind hier nicht im Salon!"__________________________

Folgender Brief ist unserem Wiener Vertreter zugeqangen: Ich habe den mir zur Probe für Kranke de» Maria-Tderesien-Frauen-Hospital» in Wien zu- geschickten FlkischErtract von Armour & Co., Chicago, versucht uns vortrefflich befunden. Ec- gebenst! Prof. Dr. SarlFrhr. v. Koritausky, Direktor. Apmnnp L Rn’Q MgrrZleifchertrart vester, volle lUillUul ÖL UU Ui Töpfe Vs billiger rotejed. andere. Geu.-Dtp. P. Wohl, Kerlin n. FranKfnrt n. M.