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1888

Samstag, den 20. Oktober.

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1 M. 50 Pf.,

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Erstes Blatt.

8. Zur sozialen Frage.

IV. (Schluß.)

O, wenn man doch die reichen, glanzgewohnten Fabrikherren in ein solch' trostloses Arbeiter heim führen und fie angestchts dieses Elends bestimmen könnte, aus eigenem Antriebe, ohne gesetzlich ge» zwungen zu werden, besser für die Arbeiter zu sorgen! Wenn man ihren in Sammt und Seite gekleideten Frauen, die ihre Kinder oft mit wahrer Affenliebe verhätscheln, diese armen verlaflenen Würmer zeigen und ihnen zurufen könnte: Auch ihr seid Gattinnen, Mütter! Habet Mitleid mit diesen Aermsten, die nicht dafür können, daß ihre Wiege in der Hütte des Arbeiters und ,licht in einem Palaste gestanden! Erbarmt euch über fie und sorgt dafür, daß ihnen wenigstens die Mutter bleibt!" Vielleicht würde ein solches Wort an solcher Stelle das Gefühl in der Brust dieser Personen wachrufen. Jndeff-n dürfen wir mit einem „Vielleicht" nicht rechnen, wir müffen das Geßtz zur Erreichung unserer Ziele zu Hilfe nehmen. Das Gißtz kennt und darf keinen Unter­schied der Stände kmnen, vor ihm find und müssen Alle gleich sein!

Ist der Arbeiter, find sein Weib und seine Kinder nicht auch Menschen, wallen sie auf ihrer dornigen Bahn nicht demselben Ziele wie die an­deren zu? Betraten letztere weniger nackt und weniger hilflos diese Welt wie sie, und deckt diese früher oder später nicht dieselbe Erde, wie die, von denen sie jetzt gering geschätzt werden, wett ihrer Hände Arbeit ihnen die Mittel gewährt, Marmorpaläste zu bauen, sich kostbar zu kleiden, Diener, Pferde, Wagen und Hunde zu halten? Und wenn sie dieselben Menschen, dieselben Kinder eines Vaters, hervorgegangen aus der Hand eines Schöpfer», sind, steht ihnen dann nicht auch das­selbe Recht zu? Gewiß I Und deßhalb laßt uns dafür sorgen, daß ihnen dieses nur schon zu lange vorenthaltene Recht zu Theil werde! Laßt uns dem Arbeiter seine Gattin, seinen Kindern die Mutter zurückgeben I Laßt uns mit allen Kräften darnach streben, daß das Weib des Arbeiters nicht mehr gezwungen wird, sein Heim zu verlassen, um in den Räumen der Fabrik in einer der Frau unwürdigen Weise täglich den Lebensunterhalt mit- zuerwerbcn. Und bi6 Weiteren laßt uns auch dafür sorgen, daß die Eltern ihren Kind ern eine Jugend gönnen und eine entsprechende Erziehung angedeihen lassen können! Richt schon im zarten Alter soll das Kind Roth und Elend in der schrecklichsten Gestalt kennen lernen, nicht soll es seinen Eltern entfremdet wer­den und ohne Aufsicht heranwachsen zu einem Leben, das uns mit Abscheu erfüllt! Eine schöne Jugendzeit ist für manchen Menschen in seinem später» Leben der einzige Freuderquell, aus dem er schöpfen kann. Soll das Kind des Arbeiters diesen Quell' nicht kosten, soll sein Lebensbecher nur gefüllt sein mit Wermuth und Galle? „Laßt die Kleinen zu mir kommen ;«nb wehret es ihnen nicht, denn ihrer ist vaS Himmelreich!" sagt bet göttliche Heiland, unb in demselben Evangelium heißt eS: „Sehet zu, daß ihr keines aus diesen Kleinen verachtet, denn ich sage euch, ihre Engel sehen allezeit das Angesicht meine» Vater« im Himmel!" Laßt dieses Wort tief in unsere Seele dringen, damit wir r cht erkennen, wie innig der Gottmensch die Kinder liebt, und wie sehr er es wünscht, daß Alle, die seine Wege wandeln, sich ihrer annehmen sollen. — Was ist aber auch schöner, kostbarer al» ein unschuldSoolle» Kinder - herz! So rein, so heilig I Ach, und wie bald geht

für die Kinder so vieler Arbeiter da» erhabene Kllinod der Unschuld verloren! Roth und Elend und mit ihnen tausend andere Ursachen bewirken, daß schon in der Frühlingszeit ein kalter Reif der Unschuld Blüthe tödtet 1 Verwahrlost wachsen die Kinder der Arbeiter heran, ausgestoßen als Paria« au» der Gesellschaft anderer Kinder. Einem er­bärmlichen Leben geweiht, betreten sie in frühester Jugend schon einen rauhen unwegsamen Pfad und kaum vermögen die kleinen Händchen etwa» zu schaffen, so werden sie zur Arbeit angehalten, ein winzige» Scher flein zum Lebensunterhalte der Familie beizutragen. Zwar verbietet das Gesetz die Verwendung von Kindern unter vierzehn Jahren in Fabriken, aber die Zahl der viel jüngern, die die verschiedensten Verrichtungen aursühren müffen und denen kein Augenblick freie Zeit während de» Tages vergönnt wird, ist Legion. Wie oft hat man früh Morgens Gelegenheit, kleine Knaben von sieben, acht Jahren und Mädchen desgleichen Alters zu beobachten, wie sie in Kälte und Nässe, Sturm und Wind die Straßen mit schwergefüllten Körben durchziehen und von Haus zu Haus frische Back- waare abliefern. Nachher müssen dieselben Kinder Stunden lang in der Schule zubringen und sich dann mit Dütenkleben rc. beschäftigen. Von einer Erholung, von frohem, munterm Spiel ist bei diesen Kleinen feilte Rede, und wenn man sie so sieht in ihren fadenscheinigen Kleidchen, mit hohl­wangigen bleichen Gesichtchen, zitternd vor Hunger und Kälte, dann muß man schon jedes Gefühles baar sein, wenn man nicht tief ergriffen wird von solch' einem Anblick, der die „Humanität" Lügen straft, welche sich in unseren Tagen so breit macht und mit so herrlich klingenden Phrasen von Menschenrecht und M.nschenglÜck spricht! Menschen­recht und Menschenglück! Welch' ein entsktzlicher Hohn sind diese Worte angesichts des entsetzlichen Elendes, das schnöde Selbstsucht, niederträchtige Habgier schon den Kindern al» Loos bereitet!

Menschenglück läßt sich nicht mit schön Hingen, den Reden schaffen, dazu gehört eine tiefe, echt christliche Bruderliebe und mit ihr eine opferfreu­dige Thatkraft. So lange man nur in behaglicher Ruhe bei Wein und Bier und ausgesuchten Speisen für die Besserung der sozialen Lage der Arbeiter schwärmt, wird ihr Loos dasselbe bleiben. Mit Phrasen ist'» nicht gethan, es gilt die Hand an'» Werk legen! Das muß die Parole dessen fein, dem es ernst ist mit dem Wohle des Arbeiter­standes! Er muß dahin wirken, daß die gerechten Forderungen der Arbeiter zur Geltung kommen und auf gesetzlichem Wege erfüllt werden. Unb um bies zu verlangen, müssen Männer in den gesetzgebenden Körper gewählt werden, die ein Herz für die Arbeiter haben und auf ihrer Fahne die Devise tragen:

Abschaffung der Sonntagsarbeit! Einführung einte Maximal-Arbeitstages, Erhöhung des Lohnes und Verbot der Frauen- und Kinderarbeit in den Fabriken.

Deutsches Reich.

Berlin, 19. Oktober.

* Alle jene Blätter, welche vor den Septen- natswahlen unrühmlichen Angedenkens in einer rein politischen, ja sogar militärischen Reichrfrage den Papst al« Eibeshelfer citirten unb bem ip dem Jakobim'schen Briefe ausgesprochenen „Wünsche", da« Cmtrum möge, „wenn möglich", für da« Sep- tennat stimmen, als einen päpsilichen Befehl unb sogar als eine Aufforderung zur Wahl von Kar- tellkanbidaten ausriefen, eifern jetzt in ben stärk­sten Ausdrücken gegen ben Wahlerlaß bes Erzbischofs von Köln, ber sich doch wahrlich

nicht in politische ober gar militärische Fragen einmisckt, sondern sich lediglich auf die dringende Mahnung beschränkt, christliche und gottesfürchtige Männer zu wählen, die „den christlichen Charatter der Schule sicherzustellen und die vom Herrn der Kirche verliehenen unveräußerlichen Rechte zu ver- theidigen entschlossen sind." Läßt sich der christ­liche Charakter der Schule, lassen sich die von Gott der Kirche verliehenen Rechte, auch nur im Entferntesten mit der Frage vergleichen, ob die Friedenspräsenzstärke der deutschen Armee für drei oder für sieben Jahre bewilligt werden soll ? Schon diese bloße Gegenüberstellung gibt das gegnerische Gebühren anläßlich des erzbischöflichen Wahlerlas­ses dem Fluche ber Lächerlichkeit preis. Der Erz­bischof von Köln hat in seinem Erlasse nicht mit dürren Worten zur Wahl von Centrumsmän- nern aufgefordert, sondern er hat streng christ­liche und kirchliche Grundsätze ausgestellt, welche er von einem Erwählten des katholischen Volkes verlangt. Diejenigen, welche sich gegen den erzbischöflichen Erlaß in Wuth reden, beweisen dadurch, daß sie weder „den christlichen Charak­ter der' Schule sicher zu stellen", noch auch „die vom Herrn der Kirche verliehenen und un­veräußerlichen Rechte zu vertheidigen" entschlossen sind, daß sie also Ziele verfolgen, welche den Grund- sätzen der katholischen Kirche widerstreben. Denn im anderen Falle brauchten sie ja nur ihr christ­liches und kirchliches Programm zu produziren, um die erzbischöfliche Mahnung zu ihren Gunsten fruchtbar zu machen Feinde der christlichen Schule und Feinde der kirchlichen Freiheit sind es also, welche den erzbischöflichen Erlaß bekämpfen! Unb das sollen „politische" Dinge sein, welche der Erzbischof empfiehlt? Wenn man stch aber über­haupt darüber beklagen will, daß em Bischof fich von Amtswegen um die preußisch n LandlagSwah- len kümmert, wenn man sagt, litztere seien rein politische Dinge, welche die Kirche nichts angehen, so sorge man doch dafür, daß Landtag, Gesetz­gebung und Verwaltung stch in keinerlei Weise in Dinge einm fchen, welche lediglich und allein die Kirche angehen. Hierzu gehört die ganze kirchen­politische Gesetzgebung, hierzu gehört vor allem auch der Religionsunterricht in der Schule. So lange der „moderne Staat", der doch bekanntlich konfessionslos fein will, Kirchenpolitik treibt und sich in die eigensten Angelegenheiten der katholischen Kirche einmischt, so lange kann er sich nicht beklagen, wenn die Kirche als solche mit ihren Obern und ihren Dienern sich für den Ausfall ber politischen Wahlkämpfe, welche für ihr Wohl unb Wehe von entscheidender Bedeutung sind, lebhaft interessiren und dieses Interesse auch äußerlich bethätigen, namentlich dann, wenn von anderer Seite versucht wird, das Volk glau­ben zu machen, die kirchlichen Oberen seien zu­frieden, wenn man offene Gegner der christlichen Schule und der christlichen Freiheit in den Landtag wähle. Es ist uns schier unverständlich, wie die Herren Mütelparteiler vergessen haben können, mit welchem Fmereifer sie selbst im Februar vorigen Jahres Den Siptennatswuusch „Sr. Heilig­keit des Papstes", also eine kirchenobrigkeitliche Meinungsäußerung in einer rein politischen und militärischen FcaHe, im Wahlkampfe gegen die „Ultramontanen" auSgebeutet haben. Selbst in Form amtlicher Erlasse wurde diese päpst­liche „Wahleinmischung" dem Volke näher gebracht. Unb erst die nationalliberalen Blätttr ! Sie, welche fich bei den vorigjährigen Faschingswahlen in eine Kapuzinerkutte ftedfrti uno alle Katholiken, so gegen Den päpstlichen Sptennats wünsch sich ver­sündigten, mit dem Verluste der ewigen Seligkeit bedrohten, sind jetzt vor lauter sittlicher Entrüst-