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1888

Donnerstag, den 18. Oktober.

J\S 241.

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L Die Geburtstagsfeier am Grabe.

Heute, am 18. Oktober, find 57 Jahre ver­flossen seit jenem Tage, al» dem Prinzen Wilhelm von Preußen der erste Sohn geboren wurde, welcher nach Gotte» Rathschluß der Stolz und der Liebling seine» Volke», aber in der Blüthe seiner Jahre al» Opfer einer tückischen Krankheit auf dem kaum bestiegenen Kaiserthrone dahin­sterben sollte.

Heute würden wir mit herzlichem Jubel Kaiser»« geburtstag fe'ern, wenn es der ärztlichen Kunst gelungen wäre, der Krankheit Herr zu werden. Es hat nicht sollen sein! Wir müssen heute im Geist zur Friedenskirche in Potsdam wandern, um an der Gruft zu klagen und zu beten, welche feit dem 18. Juni die sterblichen Reste de» königlichen Dulders, des gefallenen Helden, der geknickten Hoffnung Deutschlands umschließt. Statt der be­geisterten Lebehoch'» tönt durch da» ganze Land der Seufzer: Ruhe in Frieden!

Furchtbares hat er gelitten, bi» der Tod ihn au» dem irdischen Elend erlöste. Niemand hatte den Frieden des Grabe» so schwer verdient, wie er, und wie oft und wie arg ist dieser Frieden gestört worden in den vier Monaten, welche heute seit der Bestattung verflossen sind. Immer von Neuem erheben sich Hände, welche sein Gedächt« niß zu fälschen, die ihm geweihten Lorbeerkränze zu zerpflücken oder sein Andenken au» dem Herzen de» Volke» zu reißen suchen.

Doch im Grunde ist die Verfolgung, welche selbstsüchtige Parteien seinem Namen noch über da» Grab hinaus zu Theil werden lassen, auch eine unwillkürliche Anerkennung seiner Größe. Nur 99 Tage hat er als todtkranker Mann auf dem Thron gesessen; aber Alle, deren Streben seinen hohen Ideen entgegengeht, fürchten die Nachwirk­ung des hohen, freien Geistes, der den zu früh zusammengebrochenen Körper bewohnte.

Der Strrit am Grabe hat des Widerwärtigen genug; aber cs ist eine tröstliche Thatfache, daß alle Wirren bisher nur den Erfolg hatten, das Bild des Verewigten immer herrlicher erstrahlen, die Bewunderung und Liebe der Mitwelt wachsen zu lassen.

Die Wittwe Kaiser Friedrich'» war, wie ohne Widerspruch berichtet worden ist, eifrig be­müht, den öffentlichen Zank der Aerzte nach dem

Die Sechter des Almemkidömgs.

Historischer Roman von Antonie Haupt.

(50. Fortsetzung.)

Aller Augen waren auf den Nahenden gerichtet, Alle bestürmten den Ahnungslosen mit Fragen. Niemand bemerkte, wie Todtenblässe die Züge des Feldherrn überdeckte, wie er im Sattel wankte u. in tiefster Gemüthserschütterung das Antlitz in den Händen vergrub. Als er das Haupt wieder cm- porhob, da glaubten feine Franken, niemals ein so schmerzdurchwühltes Menschenantlitz gesehen zu haben. Zum ersten Male im Leben hatten sie das Schauspiel ihren König, zu dem sie gewohnt waren aufzublicken, wie zu der verkörperten Be­sonnenheit und Ruhe, völlig fassungslos zu sehen. Jedoch wenige Augenblicke nur hatte die Schwäche den majestätischen Mann besi gt, er richtete sich auf und rief mit weithin! öneuder Stimme:

„Wer mir B>ssula wiederbringt, der verlange Alles von mir, und sei es meine Königrkrone, ich werde sie ihm geben!"

„Rathlos, in traurigem Schweigen standen die Männer um ihn her. Die enisttzliche Aufregung des geliebten Fürsten begriff-n ste nur zu wohl, haftete er dem römischen Kaiser doch mit seiner

Hinscheiden ihres Gemahls zu verhindern. Es ist ihr nicht gelungen. Da» ist au» verschiedenen Rück­sichten zu bedauern; aber der Streit der Arzte bringt auch etwas Gutes zu Wege. Das deutsche Volk und die theilnehmende Welt wäre ohne ihn sich nicht so recht der wahrhaft heroischen Dulder­kraft, des unvergleichlichen Starkmuthe« des dahin- gefchiedenen Monarchen bewußt geworden, wenn nicht die Geschichte der Krankheit von den beiden streitenden Parteien so eingehend (und in diesem Punkte vollständig übereinstimmend) an die O-ffent- lichkeit gebracht wäre.

Die neueste Streitschrift von Mackenzie wird gerichtlich verfolgt und ist mit Beschlag belegt worden. Aber wir können zur wehmüthigen Feier dieses 18. Oktober keine bessern Worte finden, als die folgende, sicherlich nicht verfolgbare Stelle aus dieser Schrift bietet. Mackenzie schreibt nach der Schilderung des Todeskampfes:

So verschied einer der edelsten Männer, welche jemals zu kennen mein Vorzug gewesen ist. Es wäre Anmaßung von mir, über seinen militärischen Ruhm und seine poli­tische Weisheit zu sprechen. Sein Muth auf dem Schlacht­felde ist der ganzen Welt bekannt; sein Mitgefühl für die Leidenden und Unglücklichen und seine ritterliche Schonung gegenüber den Schwachen werden am meisten von denen anerkannt, die er im Kriege besiegte. Mein Geschick ist es, ihn unter ganz anderen Umständen zu kennen; zu sehen, wie er Krankheit und Leiden mit demselben Heroismus entgegentrat, wie dem Feinde auf dem Schlachtfelde; ihn zu sehen, wie er schon fast am Rande des Grabes stehend, doch noch eifrig darnach strebte, Alles, was er nur vermochte, für das Wohl des Volkes zu thun, über welches er herrschte. Nur Die­jenigen» welche das Glück beständigen Verkehrs'mit Kaiser Friedrich hatten, wiffen, um wie viel ärmer die Welt durch seinen Tod wurde. Niemand konnte ihn auch nur im Ge­ringsten kennen, ohne ihn zu lieben; Niemand konnte etwas genauer mit ihm bekannt werden, ohne ihn als einen der edelgesinntesten und hochherzigsten aller Männer zu verehren. Obgleich von Natur aus reser- virt und würdig, liebte er es doch, offen mit allen Klaffen von Leuten zu sprechen. Ein Zug, der mir ganz besonders bei dem Kaiser auffiel, war seine absolute Natür­lichkeit und durchleuchtende Ehrlichkeit. Er gab sich nie den Anschein von Kenntniffen, die er nicht besaß, sondern war besch-iden denjenigen gegenüber, welche er für besser unterrichtet hielt, als sich selbst. . . . Der männ­lichste unter allen Männern, besaß er die Sanftmuth und die Reinheit der Seele eines Weibes.

Fügen wir hinzu, was Mackenzie vom 10. und 11. Juni 1888 (5 bezw. 4 Tage vor dem Tode) berichtet:

Da ich sah, daß der hohe Patient Tag für Tag an Kräften abnahm, hielt ich es am Morgen des 10. Juni Mannesehre für die Sicherheit der jungen Domina, deren holdes, liebliche« Wesen Aller Herzen ge­wonnen, zu deren Rettung ein Jeder auch ohne Aussicht auf Lohn das eigene Leben eingesetzt hätte. Doch, das verhehlte sich Keiner, wenn nicht ein Wunder geschah, so war BiMa verloren. Was war mit ihr geschehen? Wo sollte man sie suchen? Die bewunderungswürdige Geistesgegenwart des jungen Fürsten besiegte all ihre Bedenken.

„Ihr Beide", wandte er sich nach kurzem Usber- legen an zwei Männer, „besteiget diese hohe Warte und zündet ein Feuer auf ihrem Gipfel an, da» weithin zur Leuchte und zum Wahrzeichen dienen soll. Ihr Anderen aber zerstreut Euch augenblick­lich nach allen Richtungen, um die Domina zu suchen; ohne daß wir ste lebend oder tobt gefun­den haben, verlassen wir diese Gegend nicht. W-r da» Glück hat, ste anzutnfftn, der eile so bald al» möglich mit ihr zurück nach der Warte — die Spuren im Schnee werden j'tzt nicht mehr verwischt und können al» sichere Wegweiser dienen — auf daß von dort au» mit dem Horne und her aufgehißten Flagge die frohe Kuude nach allen Seiten verbreitet werde. Seid vorsichtig, unter­sucht jeden Schneehügel, jede Tiefe!"

Nach dieser kurzen Anweisung spornte er sein

für meine Pflicht, dem Kaiser mitzutheilen, daß es nicht gut stehe. Ich sagte zu ihm: „Ich Bebaute, Ihnen sagen zu muffen, Majestät, daß Sie keinen Fortschritt machen." Se. Majestät antwortete: „Ich fühle mich ziemlich wohl heute." Nichts weiter wurde gesagt; aber einige Stunden später gab mir der Kaiser ein Blatt Papier, auf welchem er geschrieben hatte: „Ich bin sehr traurig, daß ich keinen Fortschritt mache." Diese rührenden Worte zeigten mir, daß der sterbende Monarch vollständig die Bedeutung beffen, was ich ihm gesagt, verstauben habe. Selbst um diese Zeit noch kämpfte der Kaiser gegen bie Nieberge- schlagenheit an, welche enblich begann, seine bisher un­bezwingliche Energie zu paralysiren. Am 11. Juni noch schrieb ber Kaiser beinahe ben ganzen Vormittag und die Menge der Arbeit, welche er bewältigte, war unter den obwaltenden Umständen eine staunenswerthe. Ich bemerkte stets, daß der Kaiser, roenn er sich schlechter als gewöhnlich fühlte, angestrengter als jemals arbeitete; er besaß ein überwältigendes Gefühl der Pflichten seiner Stellung und schien entschlossen, buchstäb­lich genommen, auf seinem Posten zu sterben.... Das Arbeiten schien den Kaiser Friedrich aufrecht zu er­halten.

Sehr rührend ist d>'e Mittheilung, daß Kaiser Friedrich am Morgen de» 15. Juni, al» er selbst schon im Todeskampfe lag, noch durch Geberde und Blick seine Theilnahme kund gab an einem asthmatischen Anfall, den sich der Arzt zugezogen. Noch im Todcskampfe war er für Andere bedacht 1

Eine ähnliche Ankündigung, wie am 10. Juni, gewissermaßen das Todesurtheil, hatte der Kaiser schon dreimal vorher zu vernehmen gehabt. Zwei­mal in San Remo. Am 6. November erklärte ihm zunächst Mackenzie allein, daß die Veränderung im Halse „sehr nach Krebs aussehe". Der Kranke nahm die Mittheilung mit vollständiger Ruhe ent. gegen, schwieg einen Augenblick und sprach dann seinen Dank für die Offenheit aus. „In meiner ganzen langjährigen Praxis," sagte Mackenzie, „sah ich niemals einen Mann unter ähnlichen Um- ständen mit solchem natürlichen Heroismus sich be­nehmen. Er zeigte nicht da» geringste Merkmal von Niedergeschlagenheit, sondern verbrachte den Tag mit seinen gewöhnlichen Beschäftigungen und beim Diner Abends war er heiter ohne anschei­nende Anstrengung und sprach ungezwungen in seiner gewöhnlichen Weise. Um die außerordent­liche Seelenstärke, welche dieser großherzige Mann an den Tag legte, zu würdigen, muß man be­denken, daß das, was er gehört hatte, viel schlimmer, als ein bloßes Todesurtheil war. Ec glaubte in jenem Augenblicke, daß ihm nur zu sicher eine langsame Agonie beoorstehe, die

Pferd an und sauste wie ein Sturmwind davon. Wohin, das wußte er selber nicht; es war ja auch gleichgültig, wo er ste suchte. Die Unwahrschein­lichkeit, Bissula jemals zu finden, stand in ihrer ganzen erschütternden Klarheit vor ihm und drohte ihm das Herz stille stehen zu machen. Die schreck­lichsten Bitder folterten seine Scele: Wenn das arme, verlassene Kind auf die trügerische Decke eine» Sees gerathen und versunken wäre! Wenn ste zerschmettert in einem Abgrunde läge, oder auch nur vom Rosse abgeworfen, betäubt im Schnee begraben, längst erstarrt, vielleicht eine Beute der hungrigen Wölfe geworden wäre! Wie von Furien gepeitscht, jagte er weiter bei diesen Vorstellungen. Der bitterste Reueschmerz zerkrallte ihm d'e Brust.

„Feigling, der ich war!" schalt er sich selbst. „Warum verließ ich sie und übertrug die Sorge für ihren Schutz gemietheten Söldnern? Warum nahm ich ste nicht an meine Seite und b hütete selber jeden ihrer Schritte? O, mein Gott, Deine Strafe ist furchtbar, aber gerecht! Habe Ercarmen, wenn nicht mit mir, so doch mit dem lieben, un» schuldsvollen G-.schöpfe!"

Schöner, lieblicher als je tauchte ihr Bild vor ihm auf und er fühlte ein zuckendes Weh bei dem Gedanken, sie auf ewig verloren^ zu haben. Wie