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JM 240

Mittwoch, den 17. Ottober.

1888

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Zweites Blatt.

* Aus Dr. Mackenzies Recht- fertignngsschrift.

Das Motto der am Montag erschienenen Bro­schüre Mackenzie's ist aus Shakespeare'« Heinrich IV. und lautet: „Nun merkt auf, wie die ganze simple Geschichte Euch zu Nichte macht." Mackenzie wälzt den größten Theil der Schuld auf den Professor Gerhardt. In den ersten Kapiteln setzt Mackenzie auseinander, daß Gerhardt ihn fälschlich be­schuldigte, in Berlin dem Kronprinzen dar Stimm­band verletzt zu haben, welche Beschuldigung nur erhoben worden sei, weil ihn (Gerhardt) Macken­zie's Erfolge ärgerten. Als es ihm gelungen war, ein Stück zu exstrrpiren, wollte man ihn in den Augen seine» Patienten dadurch schädigen, daß man die Exstirpation als einen gelungenen Theater- koup erklärte. Gerhardt'« Benehmen sei unredlich gewesen, auch dem Kronprinzen gegenüber. Er sei absurd, alle Schuld auf ihn zu wälzen. Wenn, trotz dem Berichte von Prof. Virchow, Gerhardt und Bergmann bei der Ansicht beharrten, daß die Krankheit der Krebs sei, so war es ihre zwin­gende Pflicht, offen danach zu handeln. Wenn Bergmann und Gerhardt zu jener Zeit überzeugt waren, daß die Krankheit Krebs war, und zu der­selben Zeit kein Vertrauen zu mir besaßen, so lag, sagt Mackenzie, für jene Aerzte der einzig ehren­hafte Weg vor, ihrem Patienten gegenüber das zu erklären, sich offen von mir loszusagen und separate Berichte zu erstatten.

In dem Kapitel über künstliche Erzeugung von Krebs erzählt Mackenzie, Gerhardt habe bei der galvanokaustischen Behandlung die glühende Spitze eines Drahtes 14 Tage lang täglich in dar Innere des Kehlkopfes applizirt. In dieser Weise dürfe man den Kehlkopf nicht ungestraft brutalt- firen. Diese Behandlung war unwtffenschaftlich und unverständlich. Wiederholtes Brennen sei bar­barisch. Gerhardt müffe für die nachfolgende Um­wandlung des ursprünglichen gutartigen Gewächses verantwortlich gemacht werden. Uebcr Gerhardt'- Assistenten Landgraf beklagte sich der Kranke wiederholt. Ec war, sagt Mackenzie, roh und un- geschickt. Die bekannte Scene in San Remo schildert Mackenzie folgendermaßen: Ohne vom Stuhle aufzustehen, theilte ich Sr. Hoheit mit, daß eine sehr ungünstige Veränderung im Halse statt­gefunden. Er fragte: „Ist es Krebs?" Ich ant­wortete : „Ich bedauere, sagen zu müffen, es steht danach aus; doch ist es unmöglich, darüber sicher zu sein." Der Kronprinz nahm meine Mitthetlung mit vollständiger Ruhe entgegen. Rach einigen Augenblicken des Stillschweigens ergriff er meine Hand und sagte mit jenem eigenthümlich sanften Lächeln, welche» so gut die Milde und gleichzeitig die Stärke seine» Charakter» ausdrückte: „Ich fürchtete seit einiger Zeit etwas Derartige». Ich danke Ihnen, daß Sie mit mir so offen sind."

Vernichtend beurtheilt Mackenzie auch Bra- mann'» Thätigkeit. „Bramann," so erklärt Mackenzie, „untersuchte mit dem Spiegel, wie er e» etwa an einem Papiermache - Modell gemacht hätte. Auf meine Bemerkung: „Ich kann sehen, daß Bramann nicht gewohnt ist, das Laryngoskop zu gebrauchen," erwiderte der Kronprinz: „Sie sehen es und ich fühle es." S.i der Operation in San Remo wäre in Folge der Anwendung von Chloroform durch Bramann beinahe eine Kata­strophe entstanden.

In den folgenden Kapiteln schildert Mackenzie den Mißerfolg der Bramann'schen Kanülen. Mackenzie erklärte Bramann, daß seine Kanülen

antiquirt seien, worauf dieser beleidigt das Zim­mer verließ. Bergmann verhinderte, eine kurze Kanüle einzusetzen, wodurch eine unaufhörliche Jrre- tation de« Kehlkopfes entstand. Siebzehnmal mußte die Kanüle in einer Nacht gereinigt werden. Als die Nothwendigkeit der Rückkehr nach Berlin ein­trat, sagte der Kranke: „Es gibt Gelegenheiten, wo es die Pflicht des Mannes ist, sich der Gefahr auszusetzen, und eine solche Gelegenheit steht jetzt vor mir. Ich werde zurückkehren. Treffen Sie alle Arrangements für die Abreise." Mackenzie glaubt, daß selbst in Charlottenburg eine Opera­tion noch möglich gewesen wäre, ohne jene unglück­liche Behandlung des Falles durch Bramann und Bergmann. Der rasche Verlauf nach der Tracheoto­mie rührte davon her, daß ein fortwährendes Schütteln des Kehlkopfes stattfand, was nur auf den Hustenreiz in Folge der schlechten Kanülen zu­rückzuführen sei. Hier wirkten, fügt er hinzu, ins­besondere Bergmann'« „stümperhafte Versuche" mit.

lieber den bekannten Vorgang in Charlotten­burg, al« Bergmann zur Einsetzung der Kanüle geholt wurde, erzählt Mackenzie: „Zu meinem Entsetzen stieß Bergmann den Finger tief in die Wunde. Nach wiederholten vergeblichen Versuchen Bergmann'«, die Kanüle einzusetzen, wurde Bramann geholt. Der Kaiser hustete fortwährend und ver­lor viel Blut. Der Kaiser sagte mir, ich solle Bergmann nicht mehr an ihm Operationen vor­nehmen laffen. Der Kaiser sprach auch wiederholt über Bergmann'« Rohheit und schrieb mir hierüber sehr bezeichnende Worte, die zu publiziren mir nicht gestattet wurde." — Ferner wird ein Brief der Kaiserin Friedrich an Mackenzie abgedruckt. Die Kaiserin bezeugt ihm, er habe auch nach Virchow'« Befund da« versteckte Vorhandensein eines bösartigen Gewächses für möglich gehalten, auch wiederholt betont, daß das Alter und der Kräftezustand des Kaisers die vorgeschlagene furcht­bare Operation nicht zulaffe, welche überdies keine Sicherheit der Heilung böte. Die Kaiserin Friedrich erlaubte Mackenzie, diesen Brief Jedermann zu zeigen.

Dir Sichtkr des JUummMgs.

Historischer Roman von Antonie Haupt.

(49. Fortsetzung.)

Auch Biffula hatte sich einem sanften Schim­mel anvertraut, ihren Wagen mußte man zurück- laffen, da es unmöglich war, ihn durch die Schnee­regionen mitzuschleppen. Auf ein Kommandowort des Feldherrn setzte sich der Trupp langsam und bedächtig in Bewegung. Der Taifale ritt voraus und suchte den Weg, ihm auf dem Fuße folgte Merobaudes, dann kam eine Anzahl Soldaten, von denen Jeder vorsichtig die Spuren des Andern innehielt; der jungen Dame fast zur Seite ritt mit wachsamem Auge der Illyrier, und ein be­waffneter Nachtrupp schloß den Zug. Lautlos be- wegte man sich dahin. Die gespannteste Aufmerk­samkeit der Führer war erforderlich, um inmitten de» wüthenden Flockentreiben» die Erhöhung de» schmalen Straßendammes von den übrigen Schnee­gefilden zu unterscheiden. Zuweilen kam ein Wir­de'wind, 6er ganze Wolken mit sich führte und in tobendem Sausen um sie herumfuhr, daß ihnen die Sinne fast schwanden. So ging e» stunden­lang eintönig fort, bergauf, bergab über die weiße Decke; bisweilen sanken die Pferde bis über die Knie in den Schnee, doch „Vorwärts" galt die Losung, und man ritt weiter, ohne jemals mehr als einige Schritte weit in die Umgebung zu sehen. Dann und wann zeigten sich matt die Umrisse zer­klüfteter Lavafelsen, doch die Abgründe, an welchen man auf klippenvollem Boden vorüber mußte, ver­barg der schneeigte Vorhang. Jetzt führte der Weg

durch Wald; wie phantastische Gestalten streckten die Bäume ihre starren Arme aus den Schnee­wolken hervor. Gespenstisch schienen sie sich zu be­wegen, zu kommen und zu verschwinden; doch ihr Anblick erweckte unseren Reisenden kein Grauen, sondern ein Gefühl der Sicherheit, denn so lange man diese Bäume auf beiden Seiten wahrnahm, hatte man die Straße nicht verlaflen. Nach und nach aber verschwanden die Wegweiser, die um­gebende Schneewolke verhüllte undurchdringlich jede, auch die geringste Aussicht, der Straßendamm war vollständig zugeweht, verschüttet. Verfolgte man trotzdem den rechten Weg? Hielt man die vor­gezeichnete Richtung inne? Wo in aller Welt be­fand man sich überhaupt? — Da» waren Fragen, welche Keiner beantworten konnte. Die Lage war zum Verzweifeln; e» fehlte nur noch, daß man über die trügerische Eisdecke eines der vielen Seen seinen Weg nahm und versank. Doch rasten durste man in keinem Fall, also blindlings voran, wo­möglich aufwärts I Mit unsäglicher Anstrengung, jeden Tritt prüfend, ging es dahin. Plötzlich ver­kündete der Illyrier laut und freudig, daß er eine bekannte Felsengruppe erspäht zu haben glaube, und der Frankenkönig entbot ihn sofort an die Spitze, um mit ihm über die einzuschlagende Rich­tung zu berathschlagen.

„Beschützet mir unsere Dominä!" rief der Illyrier rückwärts gewandt, ehe er dem königlichen Begehr Folge leistete, dann trieb er fein Roß an und verschwand im nächsten Augenblicke aus Biffula» Gesichtskreis.

Ob das Tosen de» Sturmes feine Mahnung übertäubt hatte? Keiner der Zurückgebliebenen be­eilte sich, schützend an Biffula» Seite zu kommen, und sie mußte sich allein auf ihre eigene Kraft verlassen int Kampfe gegen die entfesselten Ele­mente. Mechanisch ritt sie nach der Himmelsgegend weiter, in welcher der Illyrier verschwunden war. Daß man sie ohne Obhut gelassen, beachtete sie kaum. Brauste und stürmte es denn nicht gerade so in ihrem Innern wie in der umgebenden Natur? — Jetzt wußte sie, weßhalb der Hohe, Herrliche, der mit so räthselhafter Gewalt ihr ganzes Wesen gefangen nahm, sie meiden mußte, weßhalb sie ihm als Feindin galt — oder ihm nicht» sein mußte. O, daß diese» tägliche Zusammensein ein Ende nehmen wollte! Und doch — wie schmerzlich be­rührte e» sie, daß er sie heute mehr noch zu fliehen schien al» sonst, daß er ihr nur au» der Ferne den Morgengruß geboten, nicht ein einzige» theil- nehmendes Wort an sie gerichtet hatte. Das arme Kind ahnte freilich nichts von den furchtbaren Kämpfen in des Helden Brust, von jener berücken­den Macht, welcher er vergebens zu entfliehen strebte. Sie wußte nicht, daß dieser hohe Mann der wie ein Weltgebieter seine Umgebung beherrschte, ein heißes, schmerzlich zuckendes Herz hinter dem Schilde ruhiger Würde barg, daß er den Forde­rungen des eigenen Herzens fast erlag. In schmerz­liches Sinnen vertieft hatte sie den Zaum au» der Hand gleiten lassen, achtete sie nicht darauf, wo­hin ihr Roß sie trug. Um sie her brauste es, als wenn die Welt in Stücke gehen wollte, vor ihren Augen flimmerte es verworren und gestaltlos. Keine Huffpur war mehr sichtbar, keine Menfchen- ftele schien mehr in der Nähe. Ein schreckhaftes Bewußtsein de« Alleinseins Überkam sie plötzlich. Sie rief; doch Niemand antwortete. Sie lauschte und rief wieder und wieder. Vergebens! Das Sturmestosen verschlang ihre Stimme. Ein nie- gefühltes Grauen bemächtigte sich ihrer. Hilf Himmel! Da jagt es schattenhaft heran mit der Windsbraut wie das wilde Heer in weißen phan­tastischen Gestalten, und dazwischen recken und dehnen dunkle, steingewordene Ungeheuer ihre