JV 240
Mittwoch, den 17. Ottober.
1888
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Erstes Blatt.
Rede des Abg. Dr. Windthorst auf dem Parteitag der rheinischen Centrumspartei in Köln am 15. d. Mts.
Meine verehrten Freunde! Es ist mir wegen meines Befindens dies Mal nicht ganz leicht gewesen, dem ehrenvollen Ruf, in dieser großen Versammlung zu erscheinen, nachzukommen. Aber ich habe gefunden, daß der gegenwärtige Augenblick von ganz außerordentlicher Wichtigkeit und Bedeutung ist, daß vielleicht sogar in demselben ein Wendepunkt in den innern Verhältnissen unseres Landes angebahnt wird, und da habe ich es für meine Pflicht gehalten, auch noch den Rest meiner Kräfte zu sammeln und hier zu erscheinen, um von dieser Tribüne für die Rheinländer und für alle katholischen Mitbürger der Monarchie das Zeugniß dafür auszustellen, daß wir gerade gegenwärtig auf das allerentschiedenste und energischste in die Wahlbewegung einzutreten haben.
M. H., daß das nicht eine subjeltive Empfindung, daß das im generellen Bewußtsein der Gegenwart liegt, beweist mir z. B. zunächst die gegenwärtige überaus zahlreiche Versammlung; das beweist aber vor allem der außerordentlich schöne und vortreffliche Appell, welchen der Herr Erzbischof dieser Diözese an alle seine Diözesanen gerichtet hat. (Beifall.) Und dieser Ruf, davon bin ich überzeugt, ist kein vereinzelter; er wird von allen Oberhirten getheilt werden.
Rach solchen Vorgängen ist es vielleicht nicht mehr nöthig, auf die Wichtigkeit des gegenwärtigen Momentes aufmerksam zu machen; aber ich habe doch gemeint, es sei nöthig bis zum letzten Augenblick, weil nicht zu verkennen ist, daß an vielen Stellen geglaubt wird, es wäre nun alles schön und gut, wir könnten nun schlafen und ausruhen von den Kämpfen. Rein, m. H.I wir dürfen noch nicht schlafen, denn die Kämpfe beginnen erst; sie werden schwieriger und bedenklicher sein, als die früheren. Wir fürchten nicht den bevorstehenden Kampf; es ist nur der Marasmus, den wir zu fürchten haben, und darum habe ich geglaubt, daß es räthlich und nöthig wäre, auch meinerseits die Mahnung zu erheben, daß bei den Wahlen am 30. Oktober und auch am 6. November keiner der Berechtigten fehlen darf.
Ich halte es geradezu für eine Sünde, wenn man dieses wichtige Recht, welches zur Vertheidigung unserer bürgerlichen und kirchlichen Rechte in unsere Hände g- legt ist, unbenützt läßt; wenn wir die Sache so hinziehen laffen, wenn wir andern Händen überlaffen, zu thun, was wir selbst zu thun im Stande sind. (Beifall.) Und, m. H., wenn wir eben mit Recht haben klagen hören über Mangel an Parität, und daß wir zurückgedrängt sind, so hat das allerdings seine volle Richtigkeit. Unter den verschiedenen Ursachen ist aber an erster Stells unsere eigene Lässigkeit aufzuführen. Hätten die Herren in Köln, Düsseldorf und Effen von Anfang an ordentlich aufgepaßt und ihre Rechte energisch vertreten, anstatt andern Leuten die Arbeit zu überlaffen, so wären sie nicht so zurückgedrängt worden. (Sehr richtig.)
Dieser Unterlaffung wollen wir uns nun in dem gegenwärtigen Moment nicht schuldig machen; wir wollen selbst unser Geschick in die Hand nehmen; wir wollen Leute aus unserer Mitte wählen, Männer, die uns verstehen, die unsere Jntereffen kennen und die sich bewährt haben I (Bravo!)
M. H.! Sie hören heute von den verschiedensten Seiten, es sei jetzt gar nichtmehr so nöthig; die kirchlichen Kämpfe seien zu Ende und es sei ein voller Friede geschloffen. Einer der Beredtesten auf der anderen Seite ist der Oberbürgermeister Miquel aus Frankfurt am Main; der hat vor Kurzem in Hannover diese Melodie sehr laut gesungen. (Heiterkeit) Ich habe sehr aufmerksam zugehört. (Heiterkeit.) Er hat sehr friedlich und sehr versöhnlich zu sprechen sich bemüht und sich vortheilhaft ausgezeichnet vor Vielen seiner Genossen. Aber er meinte doch, es wäre nun ein Abschluß erreicht, es wäre ein Ende in die Sache gekommen, und wir sollten uns hüten, weitere Forderungen zu erheben; das könnte böse Rathschläge geben. Was heißt das? Das heißt doch nur, wenn wir nicht hübsch artig und zuftieden mit dem seien, was wir hätten, sollte es von vorne angehen; anders verstehe ich das nicht. Ich möchte dem Herrn Kollegen Miquel, meinem Landsmann, von dieser Stelle aus nochmals sagen: Wir fürchten den Kampf nicht, sondern den Marasmus; wir fürchten den Kampf selbst dann nicht, wenn der Abgeordnete M quel seine frühere Stellung wieder einnehmen sollte, die er — ich muß ihm das zum Ruhme nachsagen — in den letzten Jahren verlassen hat. (Bravo! Sehr gut!) Ja, meine Herren, der Abgeordnete Miquel war seiner Zeit ein distinguirter Kulturkämpf r; aber er hat begriffen, daß das seine Haare hat und ist allmählig davon zurückgekommen; wir müssen ihm bezeugen, daß er in der Ersten Kammer sich bemüht hat, das durchzubringen, was
durchgebracht worden ist. Aber es ist hier dargelegt worden, daß wir noch lange nicht alles erreicht hätten. Der Kollege Mosler hat in Trier und der Kollege Lieber hat Ihnen hier gesagt, was noch alles zurück ist. Dieses alles wollen wir haben, Herr Abgeordneter Miquel, und wir werden nicht eher ruhen, ganz positiv nicht. (Beifall.)
M. H.I Ich sage das auf die Gefahr hin, daß man mir nachsagt, ich sei eigentlich der Störenfried; die anderen seien schon zufrieden. Ich habe, um diesem Borwurf nicht allein ausgesetzt zu sein, mich ein klein wenig hinter meine jungen Freunde verschanzt und den Lieber und den Bachem ins Voidertreffen geschickt und ich habe meine Freude gehabt, zu sehen, wie tapfer die Jungens sich geschlagen. (Heiterkeit und stürmischer Beifall.) Und da man nicht weiß, wie lange man noch mitgeht, so freut man sich über solch' einen Nachwuchs. Und was mich ganz besonders an den Beiden gefreut hat, das ist der Umstand, daß Sie durch ihre Reden so recht lebendig das Bewußtsein bekommen haben, daß das Centrum und die Centrumspartei nicht allein jetzt, sondern für alleZukunft nothwendig ist. (Allseitige Zustimmung.) Das war früher nicht so im Bewußtsein Aller; man meinte, das Centrum sei nur eine vorübergehende Erscheinung. Aber nein, es ist gewachsen aus den Verhältnissen heraus, wie sie sich in der Geschichte gestaltet haben. Als die Katholiken anfangs der 70er Jahre so derb angegriffen wurden, haben sie endlich begriffen, daß es an der Zeit sei, sich zu sammeln und daß sie eine feste Phalanx bilden müssen zur Abwehr und zur Vertheidigung. Der Kulturkampf hat dies zum Bewußtsein der Katholiken gebracht und heute sagen wir: das Centrum muß eine dauernde Institution sein. (Begeisterter Beifall.) M. H.I Das Centrum eine dauernde Institution! Glauben Sie mir, dieser Gedanke wird Manchem eine Gänsehaut verursachen; denn es ist schrecklich, was alles auf dieses Centrum gehäuft wird an Vorurtheilen, Schmähungen und Lügen.
Kollege Bachem hat die Beleuchtung zweier Gegenstände besonders zu seiner Aufgabe gemacht, einmal die jetzt so heftig sich geltend machende Agitation gegen die Katholiken, die allerdings ganz besonders in der Rheinprovinz zur Erscheinung kommt, weil dort die Gegensätze so nahe beieinander liegen. Sie finden aber diese Agitation in anderen Provinzen nicht minder, selbst in Provinzen, wo der Protestantismus ganz überwiegend, fast ganz airsschließlich ist.
Das wird durch die Vereinigungen, welche da gebildet worden sind, besorgt und weiter gefördert. M. H.I Wir haben gar keine Ursache, in irgend welcher Weise uns zu beklagen, wenn die Protestanten sich zu allen guten Zwecken, zur Förderung ihrer kirchlichen Interessen und zur Unterstützung ihrer Glaubensgenossen vereinigen und mit allen Kräften ihre Interessen geltend zu machen suchen. Wir mißbilligen keinen dieser Vereine, insofern sie lediglich auf ihre Zwecke gerichtet sind. Wohl aber mißbilligen wir es, wenn in diesen Vereinen auf uns los gehauen wird, und das geschieht jetzt mehr als früher und in ganz auffallender Weise.
Wir haben niemals etwas dagegen gehabt und werden auch für die Folge niemals etwas dagegen haben, wenn die Protestanten z. B. in dem Gustav Adolph-Verein Geldmittel zusammenbringen, um für ihre Glaubensgenossen in der Diaspora zu sorgen. Das ist recht. Wenn dann aber der Gustav-Adolph-Verein in seinen Versammlungen vorgeht in einer Weise, wie das in diesem Jahre in Halle an der Saale geschehen ist, dann erheben wir Einspruch dagegen. Denn das war keine Versammlung zur Förderung der eigenen Jnterissen, das war eine heftige Manifestation gegen uns, und diese Manifestation war um so bedenklicher, als die Versammlung von einem königlichen Kommissar begrüßt worden war, und als sowohl dieser königliche Kommissar wie auch der Oberpräsident sich an den Verhandlungen belheiligten, die keineswegs so waren, wie sie hätten sein sollen.
M. H.! Wir haben alle Ursache, mit unseren protestantischen Mitbürgern in Frieden zu verkehren, wir wollen keinen andern Ehrgeiz kennen, als sie zu übertreffen in Nächstenliebe und Wohlthun. (Beifall.) Aber wenn sie aus diesem Rahmen heraustreten, werden sie uns bewaffnet finden, und wir werden uns unserer Haut wehren, so gut wir können.
Wir sind, wie der verehrte Vorredner gesagt hat, stets bereit zur Vertheidigung, aber niemals zum Angriff. Nur möchte ich, da wir einmal bei diesem Thema angelangt ind, zur Erwägung stellen, ob — namentlich in den Gegenden, wo ganz besonders gegen uns mit protestantischem Uebereifer gearbeitet wird — es nicht gerathen wäre, an den Winterabenden die Gelegenheit zu benutzen, um die Kapitel unserer Religions- und Kirchengeschichte, besonders der Reformationszeit, den Leuten zu vergegenwärtigen, aus denen gegen uns allerlei Vorwürfe hervorgeholt werden. Ich könnte es den Herren, die dazu befähigt sind, den jüngeren Gelehrten u-"6 Geistlichen, nur empfehlen, wenn sie solche besondere Vorträge in ihren Gegenden veranstalten wollten, und zwar auf Grundlage des Geschichtsbuches unseres Janssen. Wir wollen dies nicht benutzen
zu einem Angriff, wir wollen die Leute nur zu unterricht ten suchen über die Dinge, wie sie sind: es ist das zu lange versäumt worden, und zwar deshalb, weil wir es vernachlässigt haben, das Studium der Geschichte zur rechten Zeit und im rechten Umfange zu betreiben. Gerade in diesem Punkte hat sich unser Janssen einen unsterblichen Lorbeerkranz geflochten; den wollen wir weiter flechten und zu Gott hoffen, daß er ihm seine Gesundheit erhalten möge, bis er sein Werk vollendet hat.
Die Parität habe ich bereits gestreift. Ich will darauf nicht näher eingehen. Es wurde in Freiburg, wie eben auch hier, in einem besonderen Vortrage zum Bewußtsein gebracht, wie die Katholiken überall zurückgedrängt'worden sind, und zwar nicht allein in der Provinzml- und Kom- munal-Berwaltung, nein, in der Staats-Verwaltung ganz besonders. Es würde ein verdienstliches Werk sein, wenn ein fleißiger Arbeiter hier in der Rheinprovinz uns bis zum Januar einmal eine kleine Statistik geben wollte von der Zahl der katholischen und protestantischen Beamten, sowohl der höheren als der niederen. Sie werden dann ganz gewaltige Augen machen. Die Arbeit ist aber nicht so leicht, das will ich im Voraus sagen, und man wird, da uns amtliche Quellen nicht eröffnet werden, eines nicht g ringen Maßes von Umsicht und Studium bedürfen, um das nöthige Material zu gewinnen. Da wir einmal in Köln sind, wäre es gut, bei dem Regierungsbezirk Köln anzufangen und allmählich weiter zu gehen. Das wird sehr praktisch fein.
Dann sehen.Sie einmal ferner zu, in welchem Umfange der Grund- und Häuserbesitz aus den Händen der Katholiken allmählich zurückgeht. Auch da werden Sie ganz sonderbare Erfahrungen machen und vielleicht auch Gelegenheit haben, zu sehen, daß wir nicht ohne Schuld sind, wenn wir auf diesem Gebiete zurückgedrängt werden. Das sind praktische Fragen und praktische Erörterungen, die wir genugsam anstellen können.
Wir wollen unseren protestantischen Mitbürgern jede Parität auf allen Gebieten voll und ganz gewähren. Wir werden auch gar nicht so kleinlich berechnen, ob die Protestanten diese oder jene Präsidentenstelle mehr haben; aber daß wir nun so einfältig sein sollen, keine einzige Ober- Prästdentenstelle bekleiden zu können, davon sind wir nicht überzeugt.
Dann, m. H., ist eben mit Recht hervorgehoben worden, daß die Centrums-Fraktion und die Existenz des Centrums die kräf igste Stütze ist für alle derartige Erörterungen, Gedanken und Arbeiten, die ohne d'eselbe kaum erreicht werden würden. Ohne das Cen'rum würde auch die heutige Anregung unterblieben fein.
Auch unter unfern Glaubensgenossen gibt es Einzelne» welche meinen, das Centrum habe eigentlich nichts mehr zu thun, es habe seine Aufgabe gelöst, dafür wolle man ihm theilweife dankbar fein, theilweise — so glaubt man — fei es gar nicht nöthig gewesen. Jawohl, solche gibt es. (Heiterkeit.) Jndeß ist noch neuerdings ein Vorwurf gegen die Centrums-Fraktion erhoben worden, welcher, wenn er wahr wäre, alle die Zurücksetzung mit einem Schlage rechtfertigte. Bisher haben wir unsere offiziöse Presse gehabt, jetzt scheinen wir auch „offiziöse Volksredner" zu bekommen. In Aschersleben hat ein junger Graf Douglas eine ganz merkwürdige Rede gehalten, die nach meinem Dafürhalten noch nicht genugsam gewürdigt wird. Ich kann unserer Presse nur empfehlen, diese Rede ein Mal ganz gründlich zu behandeln. Hier es zu thun, würde zu weit führen bei alledem, was noch einer Erörterung bedarf. Ich will nur die eine Stelle hervorheben, welche die Centrums- Fraktion betrifft. Graf Douglas sagt, mein Landsmann, der Hr. v. Bennigsen, sei nicht allein seiner Verdienste wegen, die er sich erworben habe, zum Oberpräsidenten von Hannover ernannt worden, dies habe noch eine weitere Bedeutung, daß nämlich gezeigt werden solle, daß Se. Majestät der Kaiser und König alle Unterthanen in gleicher Weise heranziehen wolle in der Bethätigung der Kräfte zum allgemeinen Besten und zur Förderung der Wohlfahrt des Landes. Ich will das durchaus nicht anzweifeln und finde das ganz im Einklang mit der Proklamation des Vaters unseres Kaiser! und unseres jetzt regierenden Kaisers selbst, welche ganz klar und bestimmt anerkannt haben, daß alle Unterthanen ihrem Herzen gleich nahe stehen, und daß sie das Recht und die Interessen aller Unterthanen im gleichen Maße schützen wollen. Nun meint der Graf Douglas, diese gleichmäßige Behandlung würde auch dem Centrum und den Freisinnigen zu Theil werden, wenn, was leider nicht wahrscheinlich sei, sie sich entschließen könnten, die fundamentalen Grundsätze, auf welchen das Staatsleben und oas Regiment des Kaisers beruhten, anzueikennen. Die Freisinnigen habe ich hier nicht zu vertreten; das werden die selber thun, sie haben die nöthigen Kräfte dazu (Heiterkeit.) Was aber uns 6etnffc, so will ich den Herrn Grafen hiermit öffentlich aufgefordert haben, uns nachzu- weisen, welche fundamentalen Grundsätze die Centrums- Fraktion und die Katholcken verletzt oder ignotirt haben.