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1888

Montag, den 15. Oktober.

JW 238.

Meer

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zu befriedigen! Der Arbeiter ist kein Schwamm, den man aurprcßt und bei Seite wirst, kein Ka­pital, von dem man nur möglichst hohe Wucher­zinsen erzielen soll, und vor allem kein Lastoieh, gut genug, unter der ihm aufgelürdeten Last zu­sammenzubrechen! Der Arbeiter ist Mensch, nach Gottes Ebenbilde erschaffen und daher ebenso be­rechtigt, wie der verdienstvollste Staatsmann, der größte Feldherr und der wohlgenährteste Fabrik- befitzer, er muß daher wie diese auch als Mensch geachtet und behandelt werden! „Ja", sagt viel- leicht der Eine oder Andere, „auch mir liegt da« Wohl des Arbeiters am Herzen, und ich möchte gern seine Lage verbessert sehen, aber wird auch der Arbeiter, wenn er weniger lange beschäftigt und besser bezahlt wird, seine freie Zeit gut au»- nützen, das mehr erhaltene Geld zu guten Zwecken verwenden und zum Theil für die Tage der Roth und des Alter» zurücklegen?"

Was soll man auf diese Frage, die an und für sich schon der Berechtigung entbehrt, antworten? Die Verachtung des Arbeiterstandes, den Gottes Sohn einst selbst geadelt hat, geht bei Manchen soweit, daß man seine Mitglieder des sittlichen Gehaltes für baar erachtet! Gewiß ist nicht zu leugnen, daß.es leider auch Arbeiter gibt, die einer Aufbesserung ihrer Lage nicht würdig sind, die ihre freie Zett nur dazu benutzen würden, da» mehr erhaltene Geld nebst dem andern in Brannt­wein anzulegen, die ihre Angehörigen nach wie vor darben lassen würden, aber was will da» be­sagen? Sind auf Grund dieser Thatsache alle Arbeiter al» Trunkenbolde und verkommene Sub­jekte anzusehen? Unter den Millionen Arbeitern gibt e» Millionen, die sich darnach sehnen, ihren Familien ein besseres Loo« bereiten, einen Roth- Pfennig zurücklegen zu können, und nur die Wenigsten gehören zu der Sorte, die aller Moral entbehren! Und wenn wir bei diesen genau nach der Ursache forschten, weßhalb sie so verkommen und dem Schnapsteufel ergeben find, dann würden wir es erfahren, daß schlechte Erziehung, böse Be­spiele und endlich die Behandlung, die ihnen die „besseren" Menschen angedeihen lassen, die Schuld an ihrer Verkommenheit tragen. Mancher der „gebildeten" Fabrikbesitzer, der jetzt seine „Horde" nicht ohne Abscheu betrachtet, er würde, unter denselben Verhältnissen ausgewachsen, vielleicht nicht besser sein, als diese bedauernswerthen Unglück-

8. Zur fozialenIFrage.*) m.

Die zweite Forderung, die die Gerechtigkeit für die Arbeiter stellt, ist die Einführung eines Ma­ximal arbeitstage». Es muß eine Grenze gezogen werden, die Hab- und Geldgier nicht über­schreiten kann, eine Grenze, die bestimmt: bi« hier­hin und nicht weiter, eine Grenze, die jede gewis­senlose Ausbeutung des einzigen Gute», das der Arbeiter sein nennt, die Ausbeutung feiner Ge­sundheit und Kraft unmöglich macht! Durch eine messe Eintheilung der Arbeitrzeit würde düs mög­lich fein. Die Arbeit während der Nachtszeit muß im Allgemeinen verboten und beschränkt nur dort gestattet werden, wo fie unumgänglich nothwendig und zur Verhütung großer Verluste erforderlich ist. Nie aber dürften zu solchem Nachtdienst Leute verwendet »erden, die tagsüber thätig gewesen. Ein Mangel an Arbeitskräften würde durch solche Bestimmungen nicht eintreten, denn e» gibt Tau­sende von Arbeitern, die unter den gegenwärtigen Verhältnissen beschäftigungslos sind; ihnen würde durch die erwähnte Bestimmung Gelegenheit ge­boten, für sich und ihre Familien den jetzt fehlen­den Lebensunterhalt zu erwerben. Solche Forder­ung, wie die gestellte, ist gerecht, sie muß erfüllt werden, denn der Arbeiter hat als Bürger des Staate« Anspruch auf Gerechtigkeit. Er hat nicht nothwendig, im Staube zu kriechen und um Gnade zu betteln, wo er seine Ptimme frei erheben und verlangen darf: Gleicher'Wind und gleiche Sonne für Alle! Einem Jeden da« Seine!

Des Weitern gilt es eine Erhöhung des Lohnes auf gesetzlichem Wege zu erstreben. Ein Utopien oder Eldorado für die arbeitenden Klassen zu schaffen, ist unmöglich, und kein vernünftig denkender Mensch wird auf diese verrückte Idee kommen. Indessen steht e» dem Arbeiter nach Recht und Gerechtigkeit zu, zu verlangen, daß er und die Seinen, den Ansprüchen der Lebensstellung entfprechend, essen und trinken, wohnen, sich kleiden und ab und zu ein Vergnügen bereiten können. Da» ist nicht zu viel verlangt! „Dem Ochsen, der da drischt", heißt es in der heiligen Schrift, „sollst du nicht das Maul verbinden." Der Arbeiter, dessen Dienste man nöthig hat, soll so bezahlt werden, daß er in der Lage ist, seine Bedürfnisse

*) Nachdruck nicht gestattet.

Dir Tochter M MmumMchs.

Historischer Roman von Antonie Haupt.

(47. Fortsetzung.)

„Es muß ein Ende nehmen, ich ertrage e« nicht länger I Sie soll den Abgrund kennen, der MS trennt," murmelte er. Dann sprang er auf und ging in mächtiger Erregung im Zelte auf und nieder.

Mtt Bestürzung gewahrte Bissula die erschreckende Verwandlung seine» ganzen Wesens, doch wagte fie e» nicht, nach der Ursache seiner Verstimmung zu fragen. Die Aufklärung follte ihr bald zu Theil werden. Mit dem Ausdrucke fester Ent­schlossenheit trat Merodauder vor fie hin, sein Amlitz war bleich und feine Brust dehnte sich Mter tiefen Athemzügen.

„Du wolltest einst da» Verhängniß kennen, das mich zwang, Dem Todfeind zu fein," begann er tonlos, „und wahrlich, Du hattest ein Recht zu dieser Frage. Nun wohl, heute hast Du nicht» mehr von mir zu fürchten, Md ich will fie Dir beantworten. Du sollst erfahren, weshalb ich Dir nach dem Leben streben mußte, Du sollst den Ab­grund sehen, der bi» in alle Ewigkeit sich klaffend zwischen uns aufthut."

Bissula erbebte. Was würde sie zu hören bekommen? Doch welcher Art seine Eröffnungen auch sein mochten, er sollte sie nicht schwach sehen.

„Rede! Ich bin stark und muthig," entgegnete sie leise.

Er verschränkte die Arme über der Brust, lehnte sich an einen Pfeiler des Eingangs und schaute eine Welle in die unruhig flackernden Flammen des vor ihm stehenden Dreifußes, dann hob er an:

„Die Königreiche unserer beiden Väter waren Nachbarländer, und unsere Stämme bekriegten sich, so lange ich zu denken vermag. Die Grenze war selbstverständlich der Gegenstand de» Streite». Auf rot ff en Seite sich da» Recht hinneigte, würde ich vergeblich zu erforschen suchen; der Mensch sieht gar zu leicht da» al» sein ihm zukommendes recht­mäßiges Eigenthum an, was er durch die Kraft feines Armes erreichen zu können glaubt. So mochte auch Dein tapferer, unternehmungslustiger Vater denken, al» er plötzlich sengend und ver­wüstend mtt bewaffneten Schaaren in unser ahnungslose» Land einbrach und un» mitten in einem Friedensfeste — wir feierten meinen vier- zehnten Geburtstag — überraschte. Mit großer Geistesgegenwart rief mein Vater zu den Waffen,

lichen! Es wächst der Mensch mit seinen besseren Zwecken, und die meisten Arbetter werden in jeder Beziehung vollkommener werden, wenn fie erst von der drückendsten Roth befreit sind unb ein menschen­würdiges Dasein führen können! Roth lehrt zwar nach dem Sprichwort und der Erfahrung beten, aber das Elend ist auch dazu geeignet, Glauben und Sitte zu vernichten! Jeder, der es nicht als Vergnügen betrachtet, die Geißel über dem „er­bärmlichen Sklavengefindel" zu schwingen, und e» für „natürlich" erklärt, von dem Schweiße der Arbeiter in Ueppigkeit leben zu wollen, wird daher die Forderung: „Schaffung eine» menschen­würdigen Daseins der Arbeiter!" gerecht finden und mit aller Entschiedenheit für ihre Ver­wirklichung ernteten!

Der Arbeiter muß nach seinen Leistungen bezahlt werden! Daß dies in unserer Zeit ttur sehr selten geschieht, beweist die Thatsache, daß die meisten Arbeiter gezwungen find, ihre Frauen und ihre Kinder in die Fabriken zu schicken. Das muß ander» werden! Es ist eine Schmach für den Mann, eine Entwürdigung der Frau und ein Verbrechen gegen die armen Kinder, daß man dem Arbeiter einen Lohn zahlt, der nicht ausreicht, die Bedürfnisse seiner Familie, für die zu sorgen er nach göttlicher und menschlicher Bestimmnng ver­pflichtet ist, zu bestreiten! Da« Ansehen de« Manne», feine Selbstachtung und da» Gefühl der Unabhängigkeit werden hierdurch ebenso bedenklich erschüttert, wie die Frau entzogen wird der Aus­übung ihre» Berufes; eine wahre Gattin, eine forgfame Sachwalterin im Haushalte, eine segens­reich wirkende Erzieherin und Lehrerin, mit einem Worte eine gute Mutter ihren Kindern zu fein! Wie der Mann, fo ist die Frau vom frühen Morgen bi« zum späten Abend in der Fabrik thätig. Wer sorgt während dieser Zeit zu Hause für die leiblichen Bedürfnisse sowohl der Gatten al» der Kinder? Wer wartet der Kleinen, die noch in der Wiege liegen oder kaum die ersten Gehversuche gemacht haben? Wer macht fie mit Gott und seiner hl. Religion bekannt? Wer lehrt fie beten unb ba» Herz zum Allliebenden erheben? Wer nimmt fich der Kinder an, wenn sie au» der Schule zurückkehren in die kalten unfreundlichen Räume, die die Arbeiterfamilie ihre Heimath nen­nen? Wer pflegt den Gatten, wenn ihn Krank­heit auf da» Lager wirft? Wer tröstet ihn mtt

und bald vermochte er an der Spitze eine» in der Eile gesammelten Häuflein« tapferer Krieger dem König Rando gegenüber zu treten. Ein Zwei­kampf entspann sich in der Hitze de« Gefecht« zwischen den beiden Herrschern, und da« mörderische Breitschwert Rando'« fuhr mit tödtlichem Stoße meinem Vater in die Brust. Ec starb in meinen Armen. Seine letzten Worte waren: „Räche mich, mein Sohn!"

Merobaude« beschattete die Augen mtt der Hand und lehnte eine Weile schweigend da wie von der Erinnerung überwältigt; dann fuhr er mit leise bebender Stimme fort:

„Inzwischen hatte meine heldenmüthige Mutter sich den Schlachthelm auf da« Haupt gesetzt und befehligte die bei dem. Tode ihre« König« ent- muthigten Schaaren der Unfern. Ihr hehre» Bei­spiel entflammte alle zu wunderbarer Tapferkeit; doch ein alamannischer Wurfspeer machte auch dem Leben dieser herrlichsten aller grauen ein jähe» Ende. J-der Gedanke, jede» Gefühl in mir neben meinem Schmerze war nun Haß, glühende Rach­begier. An dem Grabe meiner Eltern schwur ich Tod und Untergang dem König Rando und seinem ganzen Hause, ich schwur, da« Kind in der Wiege nicht zu schonen. Und diesen Eid wiederholte ich