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1888

Freitag, den 12. Oktober.

JV 236.

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Wit der BeHefrt^tffon gette *0^ bwen^aum 15 ßf, bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

8. Zur sozialen Frage, n.

Wie das Licht der Lampe allmählich düsterer Wird und endlich ganz erlischt, wenn die Lampe nicht ab und zu gereinigt und in regelmäßigen Zwischenräumen mit neuem Oel gefüllt wird, so nimmt auch die physische und moralische Kraft besten ab, der in unausgesetzter Arbeit und ohne wohlthuende Abwechslung seine Tage dahinlebt. Für ihn gibt es keine Freude mehr, und seine Empfindung stumpft fich mit der Zeit ab gegen Alles, er wird zur willenlosen Maschine, deren Räderwerk ineinandergreift, weil es muß l Früh Morgens geht der Mann zur Arbeit, em karges Mahl bildet feine Nahrung, spät Abend» legt er fich auf ein schlechtes Lager zur Ruhe, um nach wenigen Stunden wieder das zu thun, was er seit Tagen, Wochen und Monden verrichtet. Seine Gedanken beschäftigten sich nur mit dem, was ihm nahe liegt, sie schweifen nie hinaus in andere Regionen und bald umfaßt ihr Kreis nur noch die dumpfen, lärme, füllten Fabrikräume, in denen er fo lange verweilt, bis er nicht mehr zu arbeiten fähig ist, oder auch jäher Tod feinem Dasein em Ende macht. Soll dieser Arbeiter nie ein besseres Loos erhalten? Soll er keinen Tag haben, wo er vergesten kann die Qualen des Lebens, wo er um» ringt von seinen Kindern an der Seite seines Weibes sich frommer Betrachtung, Erbauung und einer nützlichen L.ktüre oder Unterhaltung widmen kann? Sollen die Zeiten nicht auf'» Neue er­scheinen dürfen, wo die Ehegatten mit ihren Klemen an Sonn» und Feiertagen hinaus in Feld und Wald zogen und sichln Gottes Garten erfreuten? Soll der Arbeiter fein Leben nur an der Feuer­este, den Schmelztigeln, dem Amboß zubringen und als einzigen „Freund" den Branntwein be­sitzen, der feine Sinne verwirrt und über das grauenvolle Bild seines Daseins einen Schleier aur- breitet? Soll die Selbstsucht, die Habgier nur die Geißel über dem Aermsten schwingen? — Nein, auch der Arbeiter soll sich de» Dasein» freuen, denn hat er Recht auf Arbeit, dann hat er auch da» Recht, sich zu erholen und theilzunehmen an den Freuden, die Gott jedem feiner Geschöpfe ge» währtI ,, .

Das Leben des Menschen rst an und für sich nur eine beschwerliche Wanderschaft und selten

Bit Tochter to Aimämmkömgs.

Historischer Roman von Antonie Haupt.

(45. Fortsetzung.)

Nach einer halben Stunde hatte man den Vul­kan erreicht, an besten Fuße schon ein dichtes Leder­zelt die junge Dame zum Eintreten aufforderte. Wenn Bistula geglaubt hatte, alle Bequemlichkeit entbehren zu müssen, so wurde sie aus'» Ange- nehmste überrascht, al» sie da» geschmackvoll aur- geflattete Innere desselben betrat. Eine von der Decke niederhängende Ampel beleuchtete freundlich den traulich erwärmten Raum, dessen Wände in kunstvoll reichem Faltenwurf mit indischem Gewebe behangen waren. Mehrfach übereinander gelegte schwellende Teppiche bedeckten den Boden, und Schwanenflaumkiffen thürmten sich dem Eingang gegenüber zu einem Ruhesitze empor, vor dem ein kleiner, halbmondförmiger Tisch aufgestellt war. Auf Dreifüßen brannten in marmornen Schalen bläuliche Flammen, welche Wärme und Wohlge- ruch zugleich verbreiteten und harmonisch fügte sich das zierliche broncene Feuerbccken mit glühen­den Holzkohlen in das Ganze ein. Eine Spalte in der malerischen Wandbekleidung sührte in ein kleines, beho glich eingerichtetes Schlafgemach. Nach­

findet der Waller zwischen Klippen und Dornge­strüpp ein blumenbekränzte« Plätzchen. Soll auch dieses den Arbeitern geraubt werden? Sollen sie fich nie einen Augenblick der Rast gönnen dürfen, und soll nur Noth und Entbehrung ihr Antherl bilden? Sollen sie keinen Anspruch auf Gerechtigkeit erheben können, und soll nie ein Freudenstrahl die düstere Nacht, die sie umgibt, erhellen? Das Herz de» Menschenfreunde» krampft fich bei diesen Fragen zusammen, und die Nächstenliebe, die Gott der Herr al» eine» der vornehmsten Gebote gegeben, läßt ihn verlangen: Gebt den Armen wenigstens den Sonntag frei und fügt nicht, ihr reichen Leute, deren Truhen der Schweiß der Arbeiter füllt, fie könnten da» Verdienst an diesem Tage nicht entbehren. Gönnet dem Arbeiter, dai, er wenigstens an einem Tage der Woche im Kresse der Seinen verweilen, sich mit ihnen freuen kann I Gönnet ihm — wenn ihr es für euch selbst auch für überflüssig erachtet, - daß er am Sonntage im Hause des Herrn erscheinen, Trost im Gebete und Anhören des göttlichen Wortes finden und fich durch die Heilmittel der Religion stärken kann für die vielen Mühsalen, die er feine Begleiter nennt aiss dem dornigen Pfade des Lebens! Gönnet ihm den Sonntag, damit er am Tage des Gerichts nicht die furchtbare Anklage gegen euch erhebe, daß ihr es gewesen, die aus schnöder Habsucht rhm das Leben verbittert, den Weg zum Herls ver­sperrt! Schafft dis Sonntagsarbeit ab, denn sie wird zum Fluche für euch und euere Nachkom­men! An Gottes Segen ist Alles gelegen, und wenn er nicht hilft, der Alles ausführt, dann arbeitet der menschliche Geist umsonst!

Was hat die Völker zu allen Zeiten zum Ver- derben geführt? Die Nichtachtung der Gebote Gottes! Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher; es lebt ein Gott, zu strafen und zu rächen! Was war die furchtbare Geißel der französischen Revolution zu Ende des vorigen Jahrhunderts anders, als die Folge der Frevel, die an gött­lichem und menschlichem Recht begangen worden? Und was wird die Folge der modernen Arbetter- sklaverei sein? Vor dem Sklaven, wenn er die Fiffel bricht, vor dem freien Manne erzitt're nicht! sagt der Dichter und diese» Wort in Verbindung mit jenem anderen: „Weh', wenn in dem Schooß der Städte der Feuerzunder still gehäuft, das Volk zerreißend seine Kette zur Eigenhilfe schrecklich

dem die junge Dame ihre Retsekleider mit beque­merer Gewandung vertauscht und den vorderen Raum wieder betreten hatte, erschien ein Diener, welcher auf einer Platte auserlesene Erfrischungen brachte. ä _ ...

Der Herr läßt Dir sagen, Du mögest diese kleine Labung nicht verschmähen und Dich im Ge­fühle größter Sicherheit der Ruhe hingeben. Dar Geheul der wilden Thiere dieses Gebirges dürfe Dich nicht erschrecken; Dein Zelt sei der Mittel­punkt des Lagers und kein Unthier vermöge zu Dir zu dringen," so berichtete er; und aus eigenem Antrieb fügte er hinzu: „Der Herr selbst streift mit den Waffen in der Hand umher, um womög­lich einigen der gefährlichen Gäste, die durch den Schein unserer Wachtfeuer herbeigelockt werden, den Garaus zu machen."

Er ordnete die Erfrischungen mit geschickter Hand auf dem Tssche, dann ging er, und Bsssula bsseb allein. Die junge Dame nahm den Ruhesitz ein, doch dachte sie nicht daran, etwas von den Sp'-isen zu berühren. Müde lehnte fie das Köpfchen in die Polster und starrte mit großen Augen in die Flammen der Marmorschalen, die wie neckische Geister auf und nieder tanzten. Mit welcher sorg­lichen Aufmeiksamkeit hatte man fie umgeben, und

greift" zeigt deutlich genug, welche Aussicht fich uns eröffnet, wenn nicht frühzeitig Rath und Hilfe geschafft wird. Die Reformbestrebungen, die Seitens de» Staates auf sozialem Gebiete begonnen haben und fortgesührt werden, sind an sich gewiß aner- kennenswerth, aber fie genügen nicht, das soziale Elend der arbeitenden Klaffe zu beseitigen. Deß- halb müssen die geeigneten Mittel angewendet und die richtigen.Wege eingeschlagen werden, um so schnell, wie irgend möglich, zum Ziele zu gelan­gen. Dieses Ziel aber heißt in erster Linie: gesetz­liche Abschaffungder Sonntagsarbeit! Wählen wir daher Männer in die gesetzgebenden Körper, die, durchdrungen von echter Humanität und wahr­haft christlicher Nächstenliebe, es als ihre heiligste Pflicht erachten, für da» Wohl Aller, besonder» aber der Arbeiter einzutreten und Gesetze zu schaffen, die den Letzteren den Platz in der menschlichen Gesellschaft einräumen, der ihnen ebenso wie jedem Staatsbürger gebührt. Deutsche zweiter Klasse sollen im sozialen Leben nicht existiren!___________

Deutsches Reich.

Berlin, 11. Oktober.

* Wie die sogenannten Hofnachrichten melden, wird der Kaiser bi» zum Freitag den 19. Okt., Nachmittag» in Rom verbleiben und hierauf die Rückreise nach Deutschland antreten. — Während Kaiser Wilhelm die Rückreise nach Deutschland, ohne Wien zu paffiren, direkt autreten wird, be­gibt fich Prinz Heinrich nach Wien, um Kaiser Franz Joseph seinen Dank für seine Ernennung zum Korvettenkapitain abzustatten.

* Derpolnische Wahlaufruf ist nun auch erschienen. Derselbe besagt: „Die Polen, die der preußischen Monarchie einverleibt worden find, er- füllten ihre Pflichten al» Staatsbürger, was auch preußische Könige anerkannt hätten. Trotzdem wür­den seit 15 Jahren Ausnahmegesetze gegen sie er­lassen, nur weil sie die ihnen al» Polen zukom­menden und zugeschworenen Rechte nicht aufgeben wollten. Der Kampf gegen die Polen sei noch nicht beendet, die polnischen Abgeordneten würden aber in Berlin nach wie zuvor die Fürsprecher polnischer Klagen und Forderungen bleiben.

* In dem königlichen Paßbureau in Berlin wird jetzt fieberhaft gearbeitet; denn auch hier macht sich der Einfluß des franzöfischen

dennoch wie elend und verlassen fühlte sich ihre

junge, nach Liebe und freundlicher Theilnahme ver-

langende Seele! Der Gedanke an den stolzen

Frankentönig, zu dessen seltsamen, an Wider-

svrüchen so reichem Benehmen fie vergeben» Aus-

chluß suchte, beherrschte, mehr al» fie e» selber

wußte, ihr ganze» ©ein; ja er verdrängte sogar

in diesem Augenblicke die quälende Unruhe um die

so schmerzlich gesuchte Mutter. Die Feindschaft, welche er ihr angedroht, die hatte fie nicht mehr m fürchten, er war inzwischen Christ geworden. Und war er nicht der gewissenhafteste Beschützer, welchen man sich denken konnte, behütete er sie nicht sorglich vor jedem Ungemache? Ja, fie konnte ihm rückhaltlos vertrauen; und dennoch fühlte sie recht wohl, daß er ihr diese Liebesdienste nicht aus freiem innetn Antrieb leistete, sondern daß er einem äußern Zwange gehorchte; sie fühlte, daß er die Beschützerrolle, welche er vielleicht un- fteiwillig übernommen, zwar pflrchtgetreu und doch mit sichtlichem Widerstreben durchführte, daß er scheu vor jeder Annäherung zurückbebte Die e E kenntniß war ihrem Zartgefühl unendlich pei­nigend, denn sie mußte seinen Schutz und seme Hilfe auch ferner annehmen, wenn sie zum Ziele gelangen wollte. Weich' ein unseliges Gcheimmß