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1888

Donnerstag, den 11. Oktober

JV 235

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Frauen- und Kinderarbeit in den Fabrike" Sechs Tage sollst Du arbeiten, am stebenten a6er rühm von allen Deinen Werken und dem Herrn Deinem Gott dienen, Du und Dein Haus! so lautet das göttliche Gebot, und daß diese» Gebot in Bezug auf die Ruhr auch au» natürlichen Gründen schon seine Berechtigung hat, bedarf kaum der Erklärung. Wer während einer Reihe von Tagen angestrengt thätig gewesen, bedarf der Er­holung ebenso wie des Essens und Trinkens zur Erhaltung seiner geistigen und leiblichen Kräfte!

XV.

Im Gebirge der Taifalen.

Im Nebelgeriesel im tiefen Schnee, Im wilden Wald in der Mittemacht, Ich hörte der Wölfe Hungergeheul, Ich hörte der Eulen Geschrei.

Göthe.

In den ersten Tagen des Dezembers bewegte sich auf der Heerstraße, welche durch den südlichen und östlichen Theil des rauhen Eifelgebirges von

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S. Zur sozialen Frage.*) i.

Gott erschuf den Menschen nach seinem Eben­bilds, frei und als den König des Universum», und er ließ ihm die Freiheit auch dann noch als sein Gut, als er ihn nach dem Sündenfalle aus dem Paradiese verwies und die Strafe über ihn verhängte: „Dornen und Disteln soll dir die Erde tragen und im Schweiße deine» Angesichtes sollst du dein Brod essen!" Leider ist man in unseren Tagen, da die „Bildung" den Glauben an einen göttlichen Ursprung des Menschen nicht mehr ge­stattet, da man als „Resultat gelehrter Forschungen" die Abstammung des Menschen vom Affen zum Dogma erhebt, in Bezug auf die menschliche Frei­heit anderer Ansicht, und es kann uns daher nicht wundern, wenn ein großer Theil dieser entwür- digten Menschen von manchen „Aufgeklärten" als „Vieh, bestimmt zum Frohn" betrachtet und be­handelt wird. Sehen wir uns nur die Arbeiter in zahlreichen Berg- und Hüttenwerken, Fabriken rc. an, wie sie Tag für Tag und oft auch die Nächte hindurch thätig sind für einen Lohn, der kaum zur Beschaffung der nothwendigsten Lebensbedürf­nisse und häufig nicht einmal dazu ausreicht! Sehen wir uns die abgehärmten Gestalten mit den bleichen, hohlwangigen Gesichtern an den Feuer- effcn, in den Kupferschmelzen und Eisengießereien an, und dann fragen wir uns: „Ist denn der Mensch bestimmt zum Frohn?" Ist er in der Mehrzahl nur dazu mit einer unsterblichen Seele, mit Verstand und freiem W llen erschaffen, um in qualvollem Joche seine Tage zu verleben? Hat sein Dasein keinen anderen Zweck, als daß der Mensch seine Kräfte vergeudet, einer Minderzahl die Mittel zu einem müssigen, an Genüffen aller Art reichen Lelen zu erwerben? Betrachten wir diese Unglücklichen, denen das Elend seinen Stempel aufgedrückt hat, und wir werden sie auf das Tiefste bemitleiden müssen! Und weiter! Sehen wir, wie in zahlreichen Fabriken Frauen und Mädchen vom frühen Morgen bis zum späten Abend in dunstigen Räumen in aufreibender Thätigkeit beschäftigt sind, und dann fragen wir uns, weshalb? Um am Samstage wenige Mark nach Hause zu bringen und so einen Beitrag zu liefern zu den Aus-

*) Nachdruck nicht gestattet.

Bit iichttr des Almmrienkiinigs.

Historischer Roman von Antonie Haupt.

(-44. Fortsetzung.)

Lange antwortete der Frankenkönig nicht; end­lich schaute er auf, bleich, doch mit dem Ausdrucke eines Manne», der voll Entschlossenheit schweren Kämpfen entgegengeht.

„So sei es denn," sagte er kurz. „Ich will mich nicht undankbar zeigen. Mein königliches Wort, daß ich die edle Jungsrau vor jeder Ge­fahr beschützen und sie zu ihrer Mutter hingeleiten werde!"

Er bot den Männern die Rechte, dann stürmte er hinaus mit schwerem Zwiespalt und heißem Widerstreit der Pflichten in der Brust. So sollte sich da» Schicksal, dem er entfliehen wollte, unab- wendbar an feine Schritte heften.---—

„Mein Kind, ich bringe Dir frohe Botschaft, daß der Kaiser jede» Lösegeld sür Deine Mutter zahlen wird, und daß der Frankenkönig Mero- baude» gelobt hat, Dich unter seinem ritterlichen Schutz nach Konstantinopel zu geleiten." So sprechend, trat der Konsul zu seiner Pflegetochter in da» Gemach.

Mit weit geöffneten Augen starrte Biffula den Vater an; wa» ste hörte war ja unfaßbar.

mit der 15 U, bei Wiederholungen entsprechender Rabatts

Deutsches Reich.

Berlin, 10. Oktober.

♦ Laut der .Köln. Volkszeitung' erhält Prinz Heinrich auf Wunsch eine eigene Papstaudienz. Er besucht also den Papst nicht mit dem Kaiser zugleich. Die Unterredung de» Kaisers und de» Papste» ohne Zeugen findet nicht im Thronsaale, sondern im Kabinet des Papste» statt.

* Der Hereinfall der .Köln. Ztg.' mit dem ge­fälschten Rechtferiigungsschreiben de» Bischof» Strohmayer ist ein grandioser. Verschiedene kartellparteiliche, namentlich nationalltberale Blätter, welche sich sehr gesputet hatten, da» nunmehr al- gefälscht entlarvte Schreiben weiterzuverbreiten, haben bi» zur Stunde von der Thatsache der Fälschung noch keine Notiz genommen, obgleich die .Köln. Ztg.' selbst schon in der Sonntags­nummer die Fälschung kleinlaut konstatirt hatte. Will man vielleicht tie Leser in dem guten Glauben lassen, da» Aktenstück sei echt? Man wird sich doch wohl endlich entschließen müssen, die Fälschung einzugestehen. Einer gestern eingelaufenen De­pesche zufolge hat Bischof Strohmayer selbst an den Agramer Kanonikus Racski telegraphisch das Ersuchen gerichtet, da» angebliche Rechtfertigungr- schreiben für unecht zu erklären. Die.Köln. Ztg.' kommt nunmehr selbst etwas eingehender auf den peinlichen Fall zurück. Ein Wiener Mit­arbeiter meldet ihr, der Sekretär des Bischofs heiße gar nicht „Vuchettcs", welcher Name unter dem an das „hochgeschätzte Blatt Köln. Ztg." gerichteten schmeichelhaften „Begleitbriefe" stand, sondern Michael Cepetic, und der wirklich cxisti- renbe Agramer Kanonikus VucheticS heiße nicht Franz, wie es in der .Köln. Zig.' hieß, sondern Treveri» nach dem Rhenus führte, ein bewaffneter Reitertrupp. An der Spitze des Zuges ritt ein hochragender Jüngling in enganschließender, dunkler Ledertracht mit reichem Waffenschmuck. Sein goldner Schild flimmerte in der Sonne, und sein langes, blonde» Haar, da» unter dem mit weißen Falkenflügeln geschmückten Helme wie ein Mantel über die Schultern wallte, flatterte im Winde. Mit Wohlgefallen mußte der Blick eine» Jeden auf der gebietenden Erscheinung diese» jungen Reiterführer« ruhen, der in seiner Haltung, in jeder Bewegung hohen Adel und männliche Kraft bekundete. Kein Wunder daher, daß die junge Dame, welche in einem vor den winterlichen Eifelstürmen schützenden Reisewagen den Zug be­gleitet, den Blick häufig und lange dorthin richtet, wo der Ebelfalke seine Schwingen über dem Haupte des königlichen Jünglings ausbreitet.

In der mit Pelzwerk und Decken verhüllten Dame, deren liebliche», jugendfrisches Gesichtchen uns zwischen bett Purpurvorhängen bet Rheda sichtbar wirb, erkennen wir unsere Freunbin Biffula wieber. Ihre Reise geht unter bettt Schutze bes Frankenkönigs vorläufig nach bei Colonia Agrippina. AusoniuS hat nämlich in Erfahrung gebracht, daß der bis vor Kurzem auf dem Kriegsschauplätze bei Konstantinopel thätige

gaben, die die Unterhaltung der Familie er­fordert, und die der Mann, der Vater trotz alle« Fleißes, aller Sparsamkeit allein nicht aufbringen kann, weil ihm ein wahrer Hungerlohn ge­zahlt wird.

Wohl ist ein Standesunterschied int Leben un­erläßlich. Nicht Jeder kann reich, gelehrt sein und sozusagen auf den „Zinnen der Menschheit" stehen; das Gesetz der Ordnung erfordert den Unterschied; die Gaben und Talente sind nach Gotte« weisem Rathschluß verschieden vertheilt und schon deshalb ist eine Gleichheit aller Menschen unmöglich, aber Eine» ist nicht unmöglich, und dieses Eine zu er­langen, sollen alle Edeldenkenden Hand an s Werk legen! Sie sollen thätig sein für die Verwirklichung der berechtigten Forderung: „Jeder Mensch soll ein menschenwürdiges Dasein führen können. Mtt dieser Forderung wird selbstverständlich nicht ver­langt, daß allen Menschen die Mittel zu beschaffen seien, in Palästen wohnen, üppige Mahlzeiten ein­nehmen und nur dem Vergnügen leben zu können. Wer da» erstreben will, verdient, daß man ihm eine Narrenmütze aufsetzt und ihn sür verrückt er­klärt.

Die falsche Auffassung der Idee von Freiheit und Gleichheit, die zu Ende de» vorigen Jahr- hunderts während der französischen Revolution zahlreiche Menschenopfer forderte und die noch heute sehr Viele beherrscht, ist nicht zu verwirk­lichen. Er kann nicht Jeder Rechte und Niemand Pflichten haben, und ebenso unmöglich ist es, daß Jeder genießen und Keiner arbeiten soll, wie e« gewisse „Volksbeglücker" den Mafien vorschwindeln. Aber befiere Verhältnifie sollen und tnüffen für bie Arbeiter geschaffen werden! Der denkende Mensch weiß es und er wird sich nie darüber hinwegzutäuschen suchen, daß der „Kampf nm's Dasein" für die meisten Erdenbewohner so lange währt, bis sich da» Grab über ihnen schließt, aber er ist sich auch dessen bewußt, daß dieser Kampf vielen Menschen erleichtert werden kann, wenn man nur will! ,

Und war kann zur Erleichterung diese» Kampfe», zur Erreichung diese» echt humanen wahrhaft christlichen Ziele» geschehen? Mancherlei, und zu- nächst: Abschaffung derSonntagsarbeit, Ein­führung eine» Maximal-Arbeitstages, Er­höhung de» Arbeitslöhne» und Verbot der

„Merobaudes? Ist e» möglich, Vater? Sagtest Du, Merobaudes wolle mein Begleiter sein?" rief sie ungläubig. _., Q„

„Ich sagte so, Kind. Aber was erregt Dich? fragte Ausonius kopfschüttelnd.

„O nichts, nichts! Ich kann mein Glück noch nicht begreifen, daß ich so nahe dem Ziele sein soll," rief sie unter Lachen und Weinen.

Um Alles hätte sie dem Vater nicht verrathen, daß neben der hohen Seligkeit, welche sie bei dem Gedanken empfand, er wolle ihr Beschützer sein, auch eine unbezwingliche Furcht vor diesem Be­schützer ihr Herz in Bangigkeit zusammenschnürte. Um Alles hätte sie nichts von ihren Gefühlen ver­rathen. Wie hätte der besorgte Vater sie alsdann in Merobaudes Geleite ziehen lafien? Und bie Mutter befreien wollte sie um jeden Preis.