JW 234.
Mittwoch, den 10. Oktober.
1888
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* Zur Romreise des Kaisers.
Wie sich die Zeiten ändern! Kaiser Wilhelm LL zieht nach Rom, um dem König Umberto, den Sohn des großen italienischen Annekteurr, Viktor Emanuels, in der Stadt Rom, in der Hauptstadt des annektirten Kirchenstaates, seinen freundlichen Besuch zu machen. Diejenigen Blätter, welche sich Mühe geben, die Bedeutung dieser dem Papst- thum ungünstigen Thatsache abzuschwächen, streuen sich und ihren Lesern blos Sand in die Augen. In Wahrheit ist und bleibt es Thatsache, daß dieser kaiserliche Besuch die Anerkennung der italienischen Annexion und da der Besuch in Rom stattfindet, an erster Stells die des Kirchenstaates in sich schließt. Aber es gab eins Zeit, wo man in den preußischen Regicrungskreisen, freilich ist es schon lange her und in Deutschland ist mittlerweile Aehnliches wie in Italien geschehen, über den piemontestschen Ländererwerb ganz anders dachte. Von Koblenz aus, wo sich der damalige Prinzregent, nachmaliger Kaiser Wilhelm I , aufhielt, erging am 13. Oktober 1860 — es werden also gerade zur Zeit, wo sein Enkel in Rom weilt, 28 Jahre sein - eine Rote an den preußischen Gesandten Grafen Brassierde St. Simon zu Turin, in welchem es heißt:
Koblenz, 13. Okt. 1860. Herr Graf! Indem die Regierung Sr. Majestät des Königs von Sardinien uns durch Vermittelung ihres Bevollmächtigten in Berlin das Memorandum vom 12. Sept, hat mittheilen lassen, hat fie uns anscheinend bewegen wollen, ihr den Eindruck zu erkennen zu geben, welchen ihre letzten Akte und die Prinzipien, wonach sie selbige zu rechtfertigen gesucht, auf das Kabinet Sr. königl. Hoheit des Prinzregenten hervorgebracht haben.
Um irrigen Auffassungen vorzubeugen, werde ich Ihnen auf Befehl Sr. königl. Hoheit des Prinzregenten ohne Rückhalt den Gesichtspunkt darlegen, nach welchem wir das jüngste Vorgehen der sardinischen Regierung und die in ihrem vorerwähnten Memorandum entwickelten Prinzipien beurtheilen.
Alle Beweisgründe dieses Aktenstückes zielen auf das Prinzip von dem absoluten Recht der Nationalitäten ab. Obwohl die preußische Regierung dem Nationalitätsprinzip eine große Wichtigkeit beilegt, so kann sie doch daraus nicht die Rechtfertigung einer Politik herleiten, welche auf die dem Prinzip des Rechts schuldige Achtung verzichtete. Im Gegentheil, weit entfernt diese beiden Prinzipien als unvereinbar zu betrachten, hegt sie vielmehr die Ansicht, daß eine'regelmäßige Regierung einzig und allein auf dem gesetzlichen Wege der Reformen und unter Hochhaltung der bestehenden Rechte die legitimen Wünsche der Nationen verwirklichen darf.
Die Tochter des Almmomkömgs.
Historischer Roman von Antonis Haupt.
(43. Fortsetzung.)
„So ist also nichts mehr im Stands, Dinen so bestimmt geäußerten Beschluß zu erschüttern, mein Merobaudes ?" fragte er in traurigem Ton. „Du willst die heitere Moselstadt, Deine treuen Freunde verlaffen, weil Dich Dein ruheloser Heldengeist zum fernen Kriegsschauplätze hinlockt. Meine Feldherrn Bauto und Arbogast sehe ich mit Freuden an der Spitze eines Heeres dem bedrängten Theodosius zu Hilfe eilen, doch Dich, meinen ge- liebten Freund und Waffenbruder, der so oft sein Leben für das meinige einsetzte, auf deffen ritter- liche Treue ich stets bauen konnte, entlasse ich mit schwerem Herzen von meiner Seite.
„Zürne mir nicht, mein Imperator," sagte der Franke bewegt, „ich folge einer höheren Gewalt, die mich von dannen treibt. Doch wohin mich auch der Sturm des Lebens werfen mag, Dein edles Bild wird in meinem Herzen wohnen, so lange ich athme."
Der Kaiser seufzte. „So folge dem Geiste, de r Dich ruft, ich halte Dich nicht länger. Möge die Gnade des Allmächtigen Dich begleiten."
Nach dem sardinischen Memorandum sollte alles den Anforderungen nationaler Bestrebungen weichen, und hätten dann dir bestehenden Autoritäten, so oft die öffentliche Meinung sich zu Gunsten dieser Bestrebungen aussprechen würde, einfach ihre Gewalt zu Gunsten emer solchen Kundgebung niederzulegen.
Eine den elementarsten Regeln des Völkerrechtes so diametral entgegengesetzte Maxime ließe sich nicht ohne die schwersten Gefahren für die Ruhe Italiens, das politische Gleichgewicht und den Frieden Europas in Anwendung bringen. Durch ihre Unterstütz, ung verläßt man den Weg der Reform, um sich aus den Weg der Revolution zu stürzen' Nun hat dre Regierung Sr. Majestät des Königs von Sardinien emzig aus Grund des absoluten Rechts der italienischen Nationalität, ohne irgend ein anderes Motiv beizubringen, vom HI. Stuhle verlangt, daß er seine nichtitalienischen Truppen entlasse, und, ohne nur eine abschlägige Antwort, einen Einfall in die päpstlichen Staaten unternommen, von welchen sie im gegenwärtigen Augenblick die größere Hälfte in Besitz hält. Unter dem gleichen Vorwand hat man die Aufstände unterstützt, die im Gefolge jener Invasion allenthalben emporloderten; hat man das Heer, welches der heil. Vater zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung gebildet hatte, angegriffen und zerstreut; und anstatt auf dem eingeschlagenen Wege stille zu halten, hat die sardinische Regierung dem mternatw- nalen Recht zum Trotz ihrer Armee den Befehl ertheilt, auf verschiedenen Punkten die Grenzen des Königreichs Neapel zu überschreiten, um eingestandenermaßen der Insurrektion die Hand zu reichen und das Land militärisch zu besetzen. Zu gleicher Zeit liegt in den sardinischen Kammern ein Gesetzentwurf vor, welcher auf neue Annexionen kraft der allgemeinen Volksabstimmung oojtelt und auf diese Art die Bevölkerung Italiens auffordert, förmlich den Abfall von ihren Fürsten zu erklären. Dergestalt scheut die sardinische Regierung, trotzdem sie sich immerfort, auf das Prinzip der Nichtintervention zu Gun- stens Italiens Beruft, in ihren Beziehungen nut den übrigen italienischen Staaten nicht vor bett flagrantesten Verletzungen desselben Prinzips zurück.
Weil man uns einmal aufgefordert, uns über solche Handlungen und Principien auszusprechen, so können wir sie nur gründlich und ausführlich auseinandersetzen, und wir glauben eine unabweisbare Pflicht zu erfüllen, wenn wir die Principien und die Anwendungen, die man glaubte davon machen zu können, in der entschiedensten und förmlichsten Weise mißbilligen.
Ich ersuche Ew. Hochwohlgeboren, dem Herrn Grafen Cavour vorstehende Depesche vorzulefen und ihm Abschrift davon geben zu wollen. gez. v. Schweinitz.
Er ist nicht möglich, die sardinische Politik schonungsloser zu verurtheilen, als es hier im direkten Auftrage des nachmaligen deutschen Kaisers geschieht; es giebt wenige diplomatische Aktenstücks, welche eine so deutliche Sprache reden., Satz für Satz paßt die Schiloerung der Cavour'schen Politik gegenüber dem Kirchenstaat auf dasjenige, war zehn Jahre später sich abspielte.
Der Frankenfürst wollte sich entfernen, als der Graf der Haustruppen am Eingänge erschien und die Meldung machte, der Konsul bitte um Gehör.
„Laffe ihn eintreten", gebot der Cäsar rasch. „Und Du, mein Freund bleibe, bis wir wiffen, was den edlen Ausonius zu so ungewöhnlicher Stunde hierherführt", richtete er das Wort an Merobaudes. Dann ging er seinem hochverehrten Erzieher bis zur Thüre entgegen, um ihn zu begrüßen und herzlich willkommen zu heißsn.
„Du bringst frohe Botschaft, mein Vater, ich sehe es, aus Deinen Augen leuchtet Freude! «es er. Hast Du einen Namen jener Orientalen er- kündet?"
„Mehr als da», ich bringe Nachricht über Swana- hild", lautete die in glücklichem Ton gegebene Antwort. „ , .
„Ah, so enthalte sie uns nicht länger vor", bat Gratian mit jugendlichem Ungestüm.
Gerne willfahrte Ausonius seiner Bitte; mit geflügelten Worten berichtete er:
„Vor etwa einer Stunde meldete sich ein junger jüdischer Eleazar bei mir. Er erzählte mir, daß er in Konstantinopel gebürtig, als Knabe häufig eine Anzahl jüdischer Händler von seiner Vaterstadt nach der Augusta Treverorum und
Deutsches Reich»
Berlin, 9. Oktober.
* Wie sieht es gegenwärtig auf dem Wahl« schlachtfelde aus? Hinter den preußischen Landtags wählen steckt kein lebhafter Zug, wie er sich bei der Reichswählbewegung kundgibt. Das liegt zum großen Theil an dem Wahlsystem. Aber wenn wir klug sind, laffsn wir uns von der allgemeinen Mattigkeit nicht anstecksn. Der Een« trumsausruf ist erschienen und belehrt uns, daß es sich im nächsten fünfjährigen Landtage um sehr großeJntereffen handelt: nicht bloß um materielle, dis besonders mit der „Steuerreform" verknüpft sind, sondern besonders um die höchsten geistigen Jntereffen, d. h. 1) um die Ausgestaltung de» kirchlichen Friedens, zu dem bisher bloß der „Zugang" geschaffen ist, und 2) um dis Sicherung der christlichen Schule. Also alle Mann auf Deck! Dis Nationalliberalen haben große Versammlungen gehalten: in Hannover hat Herr Miquel an Stelle des von der Parteileitung zurückgetretenen v. Bennigsen gesprochen. Es ist wohl zu beachten, daß Herr Miquel in allen Fragen sich vorsichtig, unbestimmt und müde aurdrückte, aber in der Schulfrage mit außer« ordentlicher Heftigkeit gegen die Vorkämpfer für die christliche Schule und den kirchlichen Religionsunterricht loszog. Da steckt eben der Kern des zukünftigen Culturkampfe»! Das Centrum fußt in seiner ganzen Politik auf der Verfassung des preußischen Staates. Namentlich verlangt es in der Kirchen« und Schulfrage nichts anderes, als die ehrliche Ausführung der Grundsätze, welche die Väter der Verfassung zum Heil des Landes festgestellt haben. Unter dem Zeichen der Verfassung ziehen wir in den Wahlkampf und diese einfache Thatsache zerschmettert alle Ver« dächtigungen, als ob wir staatsfeindliche oder un« friedliche Absichten hätten. Nein, diejenigen, sind vielmehr die Friedensstörer und die Gegner der bisherigen Staatsentwicklung, welche das Staats grundgesetz fälschen oder leugnen wollen zu Gunsten ihrer Parteitendenzen. Wer auf die kleinen Ca rtellzänkereien Hoffnungen baut, wird sich getäuscht finden; die Leute schlagen sich und vertragen sich. Die Cartellsippe erhebt jetzt kecker und herrschsüchtiger als je ihr Haupt. Sie hoffen in den nächsten fünf I ihren jede Oppofitwn zurück begleitet habe, um den Wunsch seiner Eltern gemäß den Handel zu erlernen. Vor elf Jahren habe er zum ersten Male die gefahrvolle Reise mitgemacht, er sei daher im Stande, die Namen der nun zum größten Theil verstorbenen Männer anzugeben. Ich erklärte, daß rch dieses nicht verlange, wenn er selbst mir genügende Aus« kunft über das, was ich zu wissen begehre, verschaffen könne. So erfuhr ich denn durch meine Fragen, daß die Juden wirklich vor elf Jahren zu Anfang des Dezemder eine majestätisch schöne Frau, deren Züge von tiefem Leid sprachen, von Treveris nach Konstantinopel mitgeführt und dort an einen Patrizier Titus Faustinus als Slkavm verkauft haben. Eleazar behauptet, sich dies« Umstandes so genau zu- entsinnen, wert er die außergewöhnliche Schönheit und das schimmernde Blondhaar der Frau siets habe anstaunen müssen, und weil auch die Männer sie mit größerer Sorgfalt als die übrigen Sklaven behandel» hatten.
„Ha, so beginnt sich das Dunkel zu lichten! rief der Kaiser. „Ich zweifle kerne« Augenblick, daß die blonde, hsheitsvolle Frau unsere so schmerzlich gesuchte Königin ist." „„ ,
„Deine Ansicht ist die meine. Wir müssen han- I deln," versetzte Ausonius.