Einzelbild herunterladen
 

J\£ 233.

Dienstag, den 9. Oktober.

1888

filtor

Die .Fuldaer Zeitung- erscheint täglich, Sonn, und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonn-me^spr-is ohne BrinS-rlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf. ,jyuw ^elletriMchen Wochenbeilage ,Sterne und Blumen- in Fulda 1 Mark 70 Pfenmg, auswärts 1 Mark 75 Pfenmg.

Inserate: Die einspaltig« Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 8. Oktober.

* Der hohen Jagdgesellschaft zu Mürzsteg ist kein Kaiserwetter zu Theil geworden. Als die beiden Kaiser und der König von Sachsen dort- selbst eintrafen, herrschte Schneewetter und die GemSjagden mußten verschoben werden, weil der frisch gefallene Schnee Absturzgefahr für die Trei­ber bot. -Äuf die Schneewehen ist jetzt heftiges Regenwetter gefolgt, das seit Sonntag Mittag un­aufhörlich andauerte. Ob unter diesen Umständen aus der Gemsjagd überhaupt noch etwas werden wird, erscheint sehr zweifelhaft. — Die Abreise des Kaisers von Mürzzuschlag erfolgt, wie bereits gemeldet, am Mittwoch. In Villach schließt stch Prinz Heinrich dem Kaiser an. In Pontafel wird der Kaiser von dem General-Adjutanten des Königs Humbert begrüßt. — Der Besuch des Kaisers beim Papste ist auf den 12. Oktober angesetzt. Die beim Vatikan akkreditirten Gesandten, darunter der französische, Lefebvre de Bahaire, werden zu­gegen sein.

• Kaiserin Friedrich ist mit den Prin­zessinnen Töchtern heute Abend aus Kiel eingc- troffen und gedenkt hier bis zur Abreise nach Eng­land zu verbleiben.

* Der .Köln. Vztg.' wird von ihrem Berliner Korrespondenten geschrieben: In Berlin ist das Kartell für die bevorstehenden Land tag» w ah- len bekanntlich daran gescheitert, daß die Ratio- nal'Liberalen Beseitigung der „extremen" Elemente, insbesondere des Hospredigers Stöcker und Auf­stellung gemäßigter Kandidaten verlangten. Die Konservativen gingen darauf nicht ein, sondern hielten an Stöcker fest. Inzwischen ist cs aber noch gar nicht aus gemacht, ob nicht doch noch eine „Verständigung" erzielt wird. Der Abg. Cremer agitirt sehr für eine solche und hat vorgestern in einer Moabiter Wählerversammlung die Rational- Liberalen gewaltig herausgestrichen. Die Kons. Korresp. thut zwar sehr stolz und meint, die Kon­servativen würden sich nicht zu „dienenden Brü­dern" der Rational-Liberalen hergeben; aber ge­rade in der „Berliner Bewegung" ist heutzutage alles möglich. Hr. Stöcker scheint zu fühlen, daß c» bergab geht. Er hat gestern Abend in einer Versammlung der Christlich-Sozialen energisch bestritten, daß er je gegen die Rational-Liberalen

Die Tochter des Alommenköiigs.

Historischer Roman von Antonie Haupt.

(42. Fortsetzung.)

Ohne Zögern zwängte er seine breiten Schultern hindurch und riß bald eine Thür am Ende des Ganges auf. Ein helles, wohnliches Gemach zeigte sich, und in der Mitte btffdben stand wie zur Flucht gewandt eine bleiche Frauengestalt, die mit entsetztem Ausdruck die Eindringlinge anstarrte.

„Sie ist c», Doiyphoüan's Weib! Beim Schwerte des Mars, dieselbe, der ich einst die Königin zur Pflege übergab!" rief der Soldat triumphirend.

Jetzt kehrte Leben in die wie zur Bildsäule Vcr- steinte zurück.

„Ihr kommt, mich zu (übten I" rief sie. „O, habt Erbarmen und macht es kurz!" Sie hob die Hände wie beschwörend empor.

Da trat Ausonius über die Schwelle. Seine hellbraunen Augen blickten so freundlich und wohl­wollend, so mit väterlicher Milde auf die Geäng­stigte, daß bei seinem Erscheinen ein G fühl der Beruhigung in bas Herz der Armen einziehen mußte.

„Fürchte nichts, edle Frau," sprach er in seiner gewinnenden, liebreichen Weise. „Richt um Dich 1

„extrem" gewesen. Extrem gewesen sei er nur gegen Juden und Sozial-Demokraten, gegen die Rational-Liberalen immer versöhnlich. Ob er da­durch die Ratidnal-Liberalen rühren wird? Herr Stöcker will eventuell mit seinen Anhängern seine eigenen Wege gehen; aber an den früheren Auf­schwung der Berliner Bewegung scheint er selbst nicht mehr zu glauben. „Durch die offiziöse Preffe ist Verrath in unsere Reihen gebracht und die Arbeiter find uns abwendig gemacht worden", erklärte Herr Stöcker. Richtig ist, daß die Norddeutsche Allgemeine Zeitung die alte Ber­liner Bewegnng gesprengt hat; aber daß sie die Arbeiter Herrn Stöcker abwendig ge­macht habe, das ist falsch. Stöcker's christlich- soziale Partei hat nämlich immer nur eine ganz geringe Zahl von Arbeitern aufzuweisen gehabt, und es ist ja seiner Zeit ausdrücklich das Wort „Arbeiter" in dem Partei-Titel gestrichen worden. Herr Stöcker meinte weiter: „Es war nicht schön, daß bei der letzten Reichstagswahl das Geld eines sogen. „Hausjuden" eine Rolle spielte; noch schlim­mer aber war es, daß die nationalliberale Preffe es an die große Glocke hängte. Ich kenne ja den Ve rräther nicht, aber wir werden dahin wirken, daß in Zukunft so etwas nicht mehr auf uns lastet." Die Bleichröder'sche Geld-Affaire hat aller- dings viel geschadet, besonders den alten Führern der Berliner Bewegung, die sich für 10,000 Silberlinge kalt stellen ließen. Daß solchen Leuten gegenüber die Rational-Liberalen übermüthig auf­traten, kann nicht verwundern. Bleichröder ist der Vater der neuen mittelparteilichen Bewegung, und in einer solchen ist für Stöcker kein Raum mehr. Die zersprengten Reste der alten Berliner Bewegung werden stch voraussichtlich immer mehr dem radikalen Antisemitismus anschließen, zumal derselbe hier zugleich mit einem ziemlich radikalen sozialistischen Programm auftritt. Alle unselbst­ständigen Elemente aber, für welche die ,Rokd. Allg. Ztg.' die höchste Autorität ist, werden sich dem mittelparteilichen Mischmasch anschließen. Herr Stöcker dürfte über kurz oder lang in der reichs­feindlichen Schreckenskammer untergebracht sein, obgleich er es gewesen, der die „Berliner Be­wegung" wesentlich mit in's Leben gerufen und zu einer Zeit der Sozial-Demokratie hier öffent­lich entgegengetreten ist, als wirklich noch Muth dazu gehörte.

zu tödten, find wir hier, sondern um Dir das höchste Gut, die volle, ungetheilte Freiheit zu brin­gen. Weit davon entfernt, Dir nach dem Leben zu trachten, meine Tochter, wird der Kaiser Dich sogar mit seinem Schutze umgeben, wenn Du uns willig Aufklärung verschaffst über das Geschick der Alamannen-Königin Swanahild, welche Dein Ge­mahl einst widerrechtlich in seinem Hause barg."

Schweigend, unschlüssig stand Secundina vor ihm. Der edle Ausonius, der gefeierte Staatsmann und Liebling des Kaisers war ihr als Menschenfreund recht wohl bekannt; doch der Gedanke, daß man sie verfolge, daß man ihr Leben bedrohe, hatte während der Jahre ihrer freiwilligen Gefangen­schaft, so tiefe Wurzeln bei ihr geschlagen, daß ste seinen freundlichen Worten mißtraute und ängstlich überlegte, was sie antworten solle.

„Versuche es nicht, Deine Mitwiffenschaft zu leugnen, bemühte sich der Illyrier ihrem Zögern ein Ende zu machen. „Ich stehe hier als Zeuge denn ich selbst überlieferte die Verwundete einst Deinen Händen zur Pflege. Rede, wo habt Ihr die Königin hingebracht?"

„Erzähle der Wahrheit getreu, meine Tochter," drängte Ausonius. „Was Du auch berichten magst, Dir soll kein Leid geschehen. Hier meine Hand

* Professor Dr. Geffcken hat seine Verthei- digung in dem Tagebuch-Prozesse dem Rechts­anwalt Dr. Predöhl übertragen. Das Verfahren findet in Hamburg statt. Geffcken wird nicht nach Berlin überführt werden.

* Der Herausgeber der -Deutschen Rundschau', Dr. Julius Rodenberg, ist nach mehrwöchent­licher Abwesenheit von Berlin am vorigen Sonn­abend hier wieder eingetroffen. Wie in jedem Jahre um diese Zeit hat Robenberg Mitte Sep­tember seine Ferien angetreten, welche er diesmal in Santa Margherita an der Riviera di Le­vante zu verbringen gedachte. Doch wenige Tage nach seiner Ankunft daselbst erreichten ihn schon die Nachrichten von den bekannten Vorgängen, welche sich zu Berlin in rascher Aufeinanderfolge abspielten. Als er durch die Zeitungen von den amtlich gegen die .Rundschau' eingeleiteten Schritten Kenntniß erhielt, stellte er stch sofort in einem an den Justizminister gerichteten Telegramm diesem zur Verfügung.

• „Ein Hundsfott," so schreibt in der Schaumburg-Lippischen .Landeszeitung' Hr. Leu» in Stadthagen, „wer nicht Hrr. Eugen Richter mit seiner ganzen Sippschaft, diese elende, ver­hunzte Partei des Freisinns, aufs Korn nehmen will und sie von ihrem Abgeordneten- feflel schmettert, daß ihnen Hören und Sehen vergeht." Hr. Leus versteht'-, den „Ausdruck zu finden!"

* Das deutsche Emin Pascha-Komits de- mentirt kategorisch die Nachricht englischer Blätter, wonach das Projekt der deutschen Emin Pascha- Exped.tion auf Befehl der deutschen Reichsre­gierung fallen gelassen sei. In Wien hat sich inzwischen ein österreichische» Emin Pascha-Komits gebildet, welches mit der Berliner Leitung Hand in Hand geht. — Dir Stanley'sche Expedi­tion zur Entsetzung Emin Pascha'» ist vollständig zu Grunde gegangen. So meldet ein Beamter der Sanford-Kompagnie, Major Hodister, welcher gegenwärtig die Faktorei Bangala leitete, in einem vom 8. Juli datirten Schreiben. Schreiber ist überzeugt, daß Stanley längst den Tod ge­funden.

* Man hört oft die Klage, daß bei land- wirthschaftlichen Versammlungen die Redner häufig Fremdwörter gebrauchen, die dem einfachen Landmann ganz unbekannt und unverständlich sind.

darauf." Er zog sie sanft zu einem Ruhesitz und ließ sich an ihrer Seite nieder.

„Nun bekenne ohne Scheu!"

Die Frau athmete tief und strich mit der Hand über die Stirn, al» wolle sie ihre Gedanken sammeln.

„Was ich von der Alamannen-Königin weiß, ist wenig, sehr wenig," begann sie leise. „Ich weiß nur, daß man sie mir brachte dem Tode nahe, daß ich die Bewußtlose pflegte, Tage, Wochen lang, daß ich grenzenloses Mitleid mit der Un­glücklichen empfand, die in ihren Fieberphantafien Tag und Nacht nach ihrem Kinde rief, welches sie geiödtet, von den Bären zerrissen wähnte. Ich freute mich darauf, ihr bei der Wiederkehr der Vernunft mitzutheilen, daß die Kleine gerettet und vor aller Gffahr gesichert fei. Doch Doryphorian verbot es mir, der armen Mutter diesen einzigen Trost zu spenden. Seit dem ersten klaren Augen­blicke der Genesenden ließ er mich keine Minute mit ihr allein; zwei Sklavinnen mußten jedes Wort belauschen, das ich mit ihr sprach. Zum Bewußtsein war die Königin nun freilich erwacht, allein es war ein schreckliches Erwachen. Das Herz drohte mir still« zu stehen, da ich das tiefe Stib, ben innern Gram erkannte, bet ihrs Seele zerriß, unb ich ber Trostberaubten kein Wort ber Er-