JV 232.
Montag, den 8. Oktober.
1888
Mimr K Jtilsig.
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Deutsche- Reich.
Berlin, 6. Oktober.
* Auf seiner großen Reise hat Kaiser Wilhelm zunächst die Höfe von Stuttgart und München besucht. Wenn die bekannte Stelle im Tagebuch Kaiser Friedrich'», an welcher der damalige Kronprinz von der MöglichkeU einer Pression auf die süddeutschen Kabinete behuf» Errichtung de» Kai- serthum» spricht, in Süddeutschland hier und da verstimmt hatte, so dürste dieser Eindruck rasch verwischt worden sein. Der Empfang war in Würtemberg wie in Bayern nicht bloß ein glänzender, sondern auch ein herzlicher und der junge Herrscher hat nicht verfehlt, seinen Dankerworten jene Wärme zu leihen, die sonst bei offiziellen Veranstaltungen nicht gefunden zu werden pflegt. Der von ihm beim Diner in der baierischen Rest« denz ausgebrachte Trinkspruch ist bezeichnender Weise in einer Extra-Ausgabe de» Reichs-Anzeiger» veröffentlicht worden. Die Kaiser-Zusammenkunft in Wien, wohin Wilhelm II. von München au» sich begab, hat dann zu einer sehr deutlichen Demonstration für da» deutsch-österreichische Bündniß sich gestaltet: beide Monarchen haben bei dem Galadiner am Donnerstag desselben gedacht. Ein ganz ungewöhnlicher Vorgang war e», daß dann sowohl Franz Joseph wie Wilhelm n. sich nochmals erhoben und ihr Gla» dem Wohle der Armee de« befreundeten und verbündeten Fürsten widmeten. Nach einer Jagd in Steiermark wird der Kaiser da« dritte Mitglied de« „Friedensbunde«", den König Uulberto in Rom besuchen, wo die Rücksicht auf Leo XIII. die Aufgabe unseres Kaisers zu einer besonder« delicaten macht. Die deutschen Katholiken hegen da» Vertrauen, daß der Kaiser dieser Aufgabe gerecht werden und dem Papste alle diejenige Rücksicht erweisen wird, welche die Stellung, das Alter und die bedrängte Lage des h. Vaters, und auch das Gefühl von Millionen deutscher Katholiken bedürfen.
* Unter Italien bringt die .Köln, Ztg.' folgende anscheinend offiziöse Aurlaffung: „Die Entscheidung der französischen Regierung, daß ihr Botschafter beim Könige von Italien dem Empfange des deutschen Kaisers in Rom fern zu bleiben hat, ist, wie französische Blätter ver- fichern, nicht gegen Deutschland, sondern gegen Italien gerichtet, und um diese einseitige Spitze
Die Sichter des AlammeMmg».
Historischer Roman von Antonie Haupt.
(41. Fortsetzung.)
AusoniuS ging mit Bissula, und finster, mit dem Ausdrucke innerlichen Widerstrebens, geleitete Asper sie zum Thore. Kaum hatten sie die Heerstraße betreten, al» der Illyrier an Ausoniu»' Seile kam.
„Die trübe Wolke auf Deiner sonst so heitern Stirn, mein Herr und Gebieter, belehrt mich, daß Dein Forschen bei dem trotzige« Gallier vergeblich war; während dessen aber hat mein Spürsinn mich auf die rechte Fährte gelenkt," redete er ihn lachend mit jener sicheren Dreistigkeit an, die Ausoniu« dem tapferen Kriegsmanne verzieh. —
„Ha, so hättest Du etwa« erkundet? Sprich!" gebot er rasch.
„Run wohl. Da mir al« Deinem Diener Einlaß in da« verschlossene Hau« geworden war," berichtete der Soldat, „so machte ich, al« Du im Atrium verhandeltest, auf eigene Rechnung einen Ruudgang durch die wettschweifige Besitzung. Wa« konnte mir denn Schlimmere» dabet geschehen, al» daß man mich mit groben Worten
recht deutlich hervortreten zu lassen, wird der Vertreter der Republik bei dem Enpsange Kaiser Wilhelm» im Vatikan zugegen sein. Bi«her war er diplomatische Gepflogenheit, bei derartigen Anlässen da» diplomatische Korp» möglichst vollzählig zu versammeln. Wenn Frankreich fortfährt, sich von derartigen internationalen Höflichkeitterwei- sungen fern zu halten, so zwingt e» oie beteiligten Mächte, auch die Republik künftighin, al« quan- tite negligeable zu behandeln. „Quantite negli- geable“ ist ein Lieblings-Ausdruck unserer vffiz Öfen Presse. Im vorliegenden Falle scheint es die französische Regierung allerdings mehr darauf abgesehen zu haben, da« italienische Mnistenum zu ärgern, al» dem Papste eine Aufmerksamkeit zu erweisen.
* Als Tag der Reichst agseröffnung soll der 20. November in Aussicht genommen sein. Der Reichstag würde somit vor Weihnachten noch etwa vier Wochen Zeit haben und sich erst von Mitte Januar an mit dem Abgeordnetenhause zusammen einrichten müssen.
* Durch die Blätter war kürzlich die Meldung gegangen, nach welcher der Lanvralh des Kreis.s Pyritz, Graf von Schliessen, einem Amtrvorsteher de» Kreises von einem Verbot für die Landräthe, betreffend die Wahl agitation, Mitcheitung gemacht hätte. Herr Landrath Graf v. Schlieffen, theilt jetzt dem .Kreisblatt' feine« Kreise« mit, daß er von einer derartigen Verfügung „durchaus keine Kenntniß habe" und selbstverständlich von dem Erlaß eines solchen einem Amtsvorsteher nicht Mittheilung gemacht haben könne."
* Köln, 6. Okt. Der geschäftsführende Ausschuß de« Wahlkomitö's der Kölner Centrum«- partei erließ folgende Einladung: „Die Delegirten- Versammlung der rheinischen Centrum-partei zu Köln vom 12. September d. Js. hat beschlossen, anläßlich der bevorstehenden Landtagswahlen einen allgemeinen Rheinischen Parteitag einzuberufen. In Ausführung diese» Beschlüsse» laden wir unsere Gesinnungsgenossen zum Parteitage der rheinischen Centrumspartei auf Sonntag, 14. Oktober dieses Jahres, Nachmittags 3 Uhr, im großen Saale des Gürzenich zu Köln hierdurch ergebenst ein. In Anbetracht der befonbern Wichtigkeit der Wahlen zum nächsten Landtage, welche zum ersten Male für eine fünfjährige Legislaturperiode statt firnen, hoffen wir auf zahl-
vor die Thüre gefetzt hätte? Doch Niemand kümmerte fich um mich; die Sklaven mochten wohl glauben, daß ich hier umherzug hen ein Recht habe. In der Säulenhalle des Perrstyl« fand ich zwei spielende Kinder, einen Knaben und ein Mädchen, die anfangs etwas scheu waren, durch kleine Geschenke aber sehr bald zutraulich wurden und Freundschaft mit mir schloff -n; ste zeigten mir ihre Spielsachen und wurven sehr mittheil- sam; so erfuhr ich, daß ihre Eltern gestorben, und Asper ihr Großvater sei. 6m glücklicher Gedanke gab m.r die Frage in den Mund, ob außer ihnen, den Großeltern und Sklaven Niemand tm Hause wohne. Der Knabe sah sich erst vorsichtig nach allen Seiten um. „„Doch,"" sagte er dann leise, „„aber ich darf nicht davon sprechen, der Großvater hat e» verboten."" „„Ach was, mir darfst Du alles sagen,"" versicherte ich lachend und machte Kunststückchen mit einer neuen, funkelnden Münze. „„Siehe einmal, da» schenke ich Dir, wenn Du mir etwa« davon erzählst."" Alle Bedenke« de» Kleinen schwanden bei dieser Verlockung dahin, er kam dicht zu mir herau und flüsterte: „ „Jedesmal, wen« unsere Leute draußen tm Felde find, geht eine bleiche Frau in einem der hinter« Gärten auf und nieder. Ich habe ste oft gesehen
reichen Besuch, der zum Ausdrucke bringen soll, daß die Centrums-Partei der Rgeinprovin; ent» schloffen ist, auch fernerhin festzustehen auf dem Boden des seit achtzehn Jahren bewährten Programm« der Fraktion. Herr Staat«minister a. D. Dr. Wind t hör st hat fein Erscheinen zugefagt. Bor dem Parteitage, und zwar Morgen« um 11 Uhr, wird im Fränkischen Hof, Komödienstraße Nr. 34/36, eine Sitzung de« geschäft-führenden Ausschuss s des Central«Waylkomitä'» der rheinischen Centruma-Partei stattfiaden, wozu wir hierdurch die Mitglieder desselben ebenfalls ergebenst einladen."
* Au« Bayern, 6. Okt. Da» Sigl'fche Münchener .Vaterland' hat vor einigen Tagen Enthüllungen über die Haltung König» Ludwig» II. zur Reichs- und Kaiserfrags gebracht, welche der Darstellung derselben in dem Birmarck'fchen Jmmediatberichte schnurstracks zuwiverlaufen und darthun sollen, daß der König erst nach langem Widerstreben und nach vergeblichen Bemühungen beim Kaiser von Oesterreich, beim König von Württemberg und sogar beim russischen Czaren, völlig gebrochenen Muthe« den bekannten „Kaiserbries" geschrieben habe. Die Sigl'fchen Mutheilungm treten mit einer solchen Sicherheit und mit solchen Detail« auf, daß man sich nur wundern muß, weshalb nicht schon längst die,Nordd. Allg. Ztg.' ober sonst Jemand dieser „die Sicherheit des Reiches gefährdenden" Geschichtsfälschung ober Preisgabe von „Slaatsgeheimmss n" entgegengetrete« ist. Freilich wird man die Sigl'fchen Enthüllungen minder ernst und wichtig nehmen, als das Tagebuch des deutschen Kronprinzen.
Ausland.
* Holland hat zum erstenmale — Dank dem Zusammengehen der gläubigen Protestanten mtt den Katholiken — eine nichtlibera le Kammermehrheit. Dasselbe wäre auch in den meisten deutschen Staaten, besonder» in Bayer«, Preuße« und im Reichstage za erreichen, wenn die konservativen Protestanten, statt in ihrer Mehrheit den „Kulturkampf" mitzumachen, von vornherein e« ebenso gemacht hätten, wie ihre holländischen Genossen, die fich vor dem Zusammengehen mit ben Kaiyoliken Nicht fürchten. Da» neue konservative Ministerium in Holland bat unlängst bie Kammer mit einer Thronrede eröffnet, die den Wunsche«
von unserer Spielstube au«, doch al» ich den Großvater fragte, wer sie sei, wurde er sehr böse und sagte mir, ich dürfe keinem Menschen ver» rathen, daß ich etwa» davon wisse. Wir bekamen auch sogleich ein andere« Spielzimmer, wo wir nicht mehr in ben Garten schauen konnten; ich habe bie Frau aber doch noch heimlich gesehen von unferm Taubenschlage au«,"" setzte er triumphirend hinzu. „„In welchem Theile Eure« Landhäuser wohnt sie denn?"" fragte ich. „„Ja, da« habe ich bi» jetzt noch nicht erforschen können,"" erwiderte der Knabe altklug."
„Wir aber werden e« mit Gotte« Hilfe erforschen!" rief sitzt Ausoniu» freudig. „Ich zweifle kaum, daß die geheimnißvolle Frau Asper'» Tochter sei. Eile in die Burg und kehre sogleich mtt bewaffneter Mannschaft wieder ; wir bfirfen dem arglistigen Heuchler keine Zeit zur Ueberlegung lassen, ehe wir eine Haussuchung beginnen. Spute Dich, wir harren hier Deiner Rückkehr."
Unverzüglich führte der Krieger den Befehl bei Konsul» au», so daß nach kaum einer Viertelstunde Ausoniu« an der Spitze einer bewaffneten Schaar wieder Einlaß in da« Landhaus begehren konnte. —