231.
Samstag, den 6. Oktober.
1888
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Erstes Blatt.
Der feste Thurm.*)
Mit dem erprobten Schlachtrufe „Für Wahrheit, Recht und Freiheit" wurde de» gentium» unbefleckte Fahne tm heißen Wahlkampfe auch jetzt wieder aufgepflanzt. Ja, die Fahne des Centrum« P unbefleckt, da» können wir mit voller Genug- thuung sagen, und die Antwort auf die Frage, weshalb sie unbefleckt ist, gibt uns der jüngst veröffentlichte Wahlaufruf in dem stolzen Satze de» einleitenden Theile»: „Die Grundsätze der Partei find unabänderlich." Und weil die Centrumspartei eine Partei mit unabänderlichen Grundsätzen ist, weil fie ihre Haltung und Abstimmung nicht nach de» Augenblickes Nützlichkeit, sondern nach den ewigen Normen der Gerechtigkeit einrichtet, deshalb hat keine Partei in Deutschland dem „großen Staatsmann" jemals mehr imponirt, als die Centrumspartei, der er einst in seinem Unmuthe den Ehrentitel „Der feste Thurm" gegeben hat. Alle anderen großen Parteien, vor allem die Nationalliberalen, sowie die Freikonservativen und Konservativen, aber auch die Deutschfreisinnigen, haben ihre politische Haltung und ihre Taktik oft genug „nach de» Augenblickes Nützlichkeit" umgemodelt, nur das Centrum verfolgt heute noch dieselben Prinzipien, wie seit dem Tage seiner Gründung, sein Programm ist in religiösen und kirchenpolitischen Fragen sowohl, al» auch in denen der Wirth- schaft»- und Sozialpolitik unentwegt dasselbe geblieben.
Es war ein glücklicher Gedanke, gerade in diesem Augenblicke an die Spitze de» Wahlaufrufes der Centrumspartei den Satz zu schreiben: „Die Grundsätze der Partei sind unabänderlich". Denn kaum jemals ist die opportunistische Wetter« wendigkeit anderer polnischer Parteisysteme so kraß in die Erscheinung getreten, als gerade in jüngster Zeit. Der Nationalliberalismus ist das abschreckendste Exempel dieses politischen Kautschuk-Systems. Die Wandlung, welche er seit der „Heidelberger Erklärung" vor allem in der Wirthschaftspolitik und auf einigen Gebieten der Sozialpolitik durchgemacht hat, laffen wir ganz außer Betracht, denn seine Häutung vollzieht sich ja in der Gegenwart noch immerfort. Wir brauchen nur an seine Haltung gegenüber der Verlängerung der Legislaturperioden zu erinnern, welche in schreiendstem Gegensätze stand zu früheren Aussprüchen und Protesten seiner Parteiführer, an die schroffe Ablehnung der R.ichstag»- diäten, welche Ende der 60er Jahre noch in dem nationalliberalen Parteiprogramm laut und energisch gefordert wurden, endlich — um auf preußischem Boden zu bleiben — an die nachträgliche heuchlerische Hmnahme des durch die neueste Kirchengefetznooelle geschaffenen Zustandes, trotzdem die Partei wie ein Mann gegen dieses Friedensgesetz gestimmt und damals gleichzeitig hat erklären laffen, daß fie den Kulturkampf wieder aufnehmm wolle, sobald fie dazu die Macht habe. Daß die konservative Partei leider nicht diejenige Festigkeit des Rückgrate« zeigt, welche erforderlich ist, um stch weder von herrschenden Strömungen, noch von des „Augenblickes Nützlichkeit" beeinflussen zu laffen, ist auch hinlänglich bekannt. Für manche Gefälligkeiten und Nachgiebigkeiten der Pattei in politischen Fragen könnte man noch mlldernde Umstände gelte» laffen, weil diese Pattei mit dem Be- amtenthum im Osten der Monarchie gar zu eng
*) Nachdruck nicht gestatt«t.
verquickt ist und von einer oppofitionellen Haltung den Verlust von manchen Aemtern und Würden befürchtet. Aber z. B. in der Schulfrage ist ihre inkonsequente, ihrem Programme und ihren kirchlichen Grundsätzen widersprechende Haltung geradezu unverzeihlich. Wenn die konservative Partei in ihrem Wahlaufrufe auch äußerlich an der Forderung der konfessionellen Schule festgehalten hat, so ist die schroff ablehnende Stellung, die sie dem Windthorst'schen Schulantrage ent- gegenbttngt, nichts mehr und nichts weniger al» eine direkte Verleugnung der konfessionellen Schule, denn die konfessionelle Schule kann doch nur dann ihrem Zwecke entsprechen, wenn die Konfessionen selbst zum Mindesten den Religionsunterricht leiten und überwachen.
Kehren wir jedoch nach dieser kleinen Abschweifung zu dem Centrums-Aufrufe zurück. In der kirchenpolitischen Frage stellt derselbe sich vollständig auf bett bekannten Standpunkt de» heiligen Vater», welcher das letzte Friedensgesetz nicht als den Frieden selbst, sondern als den „Zugang zum Frieden" bezeichnet hat, und folgettchtig verlangt die Partei in Uebereinstimmung mit dem päpstlichen Stuhle den weiteren Ausbau und die Vollendung des Friedenswerkes nach Maßgabe der der katholischen Kirche vor dem Kulturkampf in der Slaatsverfassung feierlich gewährleisteten freien Bewegung und Selbständigkeit. Daß die Freiheit unserer heiligen Rttigiott in Preußen und in Deutschland noch nicht erstritten, ja daß sogar da» bereits Errungene in seinem Bestände gefährdet ist, das lchtt uns ein Blick in die Geschichte der jüngsten Zeit mit ihrer maßlosen konfessionellen Verhetzung theils durch einzelne protestantische Vorkämpfer, theil» durch ganze Vereinigungen, von denen sich z. B. der evangelische Bund die Bekämpfung Roms und der staatlichen „Zugeständnisse" an den „Romanismus" zur Lebensaufgabe gefetzt hat.
Der Aufruf macht sich weiterhin den bekannten Windthorst'schen Schulantrag vollständig zu eigen, er betont vor allem den christlichen, den konfessionellen Charakter der Schule und das unabänderliche Recht der Eltern auf die Erziehung ihrer Kinder, im Gegensätze zum falschen Liberalismus, welchem der „Staat" das Recht zuerkennt, die Kinder auch gegen den Willen der Eltern und in einem ihren Ueberzeugungen widerstreitenden Sinne zu erziehen. Die liberalen Zeitungen, welche eist jüngst, nach der Freiburger Katholikenversammlung, nicht müde geworden, ihren Lesern von diesem Windthorst'schen Schulantrage die schlimmsten Schauergeschichten zu erzählen, ihn bis in'» Asckgraue zu übertreiben und die Zeiten der Inquisition und der Ketzerverbrennung an die Wand zu malen, mögen stch die bezüglichen ruhigen, klaren und überzeugenden Sätze de» Centrumr- aufrufe» genau ansehen; selbst sie könnten trotz aller ihrer Voreingenommenheit erkennen, daß e» wahrlich nicht» Unbillige» ist, wa» der Antrag und da» Programm verlangen. Der Religionsunterricht soll nicht vom Staate und im Auftrage des Staates ertherlt und geleitet werden, sondern von der Kirche und unter ihrer Aufsicht. Au« diesem Grundsätze, der doch etwas int Grunde genommen ganz Selbstverständliches enthält, ergeben sich alle weiteren Forderungen bezüglich des Einspruchsrechtes gegen ttttflöfcige Lehrpersonen, bezüglich der Lehr- und Andachtsbücher, des Lehrplan» u. f. w. sowie bezüglich der Leitung de« Reli- gionrunterricht« durch die kirchlichen Oberen, ganz von selbst. Wir find überzeugt, daß auch diese Schulforderungen de« Centrum», welche nicht im Mindesten in die Rechte de» Staate» eingreifen, indem fie da» allgemeine Lehrpensum der Schule
ganz unberührt lassen, sich mit der Zeit Bahn brechen werden, wie sich auch die kirchenpolitischen Forderungen des Centrum« nach und nach durchgerungen habe».
Auch das politische Programm der Partei ist in dem Aufrufe klar und scharf, ohne unnöthige» Eingehen in die Einzelheiten, entwickelt. Wirkungsvoll ist vor Allem der Hinweis auf die von der Partei feit ihrem Bestände bekundete Verfassungstreue. Die Bezugnahme auf die goldenen Worte Kaiser Friedrich'» ist sehr geschickt angebracht: „Da» oberste Gesetz ist die Verfassung. Sie vor Allem muß in der Ehrfurcht uns in der Nation sich befestigen; ihre Bestimmungen müssen allseitig geachtet werden." Leider haben die sogen. Kartellparteien noch in der Schluß-Session der letzten Legislatur - Periode diesen Grundsatz mißachtet, indem fie ohne Roth, aus purem Partei- Egoismus, die verfassungsmäßige Legislatur-Periode von 3 auf 5 Jahre verlängerten. Wenn die Kar« tellwirthfchaft in Preußen und im Reiche noch länger andauert, so wird es bald genug auch anderen Verfassungs-Paragraphen und Volksrechten an den Kragen gehen. Möge das Volk bei den nächsten Wahlen auf die jüngste Schmälerung feiner Rechte die entsprechende Antwort ertheilen l
Die Forderung, daß die ohnehin schon so starke und drückende Steuerbelastung nicht noch weiter vermehrt werde, sondern endlich eine gerechte Verkeilung der Steuer eintreten solle, ist gewiß eine sehr populäre, gehört fie doch in Verbindung mit der Forderung größtmöglicher Sparsamkeit im Staatshaushalt zu dem Vermächtniß des hochseligen Kaisers Friedrich. Ein rechtes Wort zur rechten Zeit ist endlich der Ruf nach gründlicher Umkehr von den Wegen des falschen Liberalismus auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens. Dieser falsche Liberalismus, der so viel Unglück über Deutschland gebracht hat, dem wir den materiellen Ruin durch eine langjährige falsche Wirthschafts- politik, den wüsten friedlosen Kulturkampf mit allen seinen Konsequenzen und endlich auch die herrschende Parteiverhetzung und Parteiverfolgung zu verdanken haben, sucht heute wieder Oberwasser zu gewinnen und unter der Herrschaft de« jungen Königs und Kaisers aufs Neue eine bominirenbe Stellung zu erringen. Wenn bas gelänge, so wäre es ein wahres Nationalunglück. Eine Partei, welche bis Häffte der deutschen Nation zu den Reichs- und Staatsfeinden wirft und nach dieser traurigen Theorie ihr ganzes Denken und Handeln einttchtet, kann Preußen und Deutschland niemals glücklich machen. Darum sei auch in dem bevorstehenden Wahlkampfe die allgemeine Losung: Nieder mit dem Nationalliberalismus I
Deutsches Reich.
Berlin, 5. Oktober.
♦ Der Kaiser begab stch heute mit dem österreichischen Kronprinzen Rudolf nach Lainz zur Jagd und von dort nach Schloß Schönbrunn, woselbst Kaiser Franz Joseph, König Albert von Sachsen und Prinz Leopolo von Bayern eingetroffen waren. Heer fand zunächst das D jeuner statt. An demselben nahmen auch die Kaisettn Elisabeth und die Kronprinzessin Stefanie Theil. Nach dem Dejeuner verabschiedeten stch die beiven Kaiser und der König von Sachsen von den hohen Frauen, um stch zur Hochwildjagd nach Mürzzuschlag zu begeben. — Kaiser Franz Joseph ernannte den Prinzen Heinrich von Preußen zum Korvettenkapitän. — Der Kaiser von Oesterreich hat ferner dem Staatsminister Grafen Herbert Bismarck da» Großkreuz de« Leopold-Orden» und dem Geuerallieutmant von Hahnke da«