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Donnerstag, den 4. Oktober.

1888

Marr

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* Den Wahlaufruf der Centrums- FraMon des preußischen Ab­geordnetenhauses,

welcher gestern auch in unftiem Blatte veröffent­licht rouib?, begleiiet die .Germania' mit folgen­den aufmunternden, begeisternden und erhebenden Worten:

Auf zu den Wahlen! Diesen Ruf läßt jetzt, da der Wahltermin bekannt ist, auch das Cen­trum erschallen, eindringlicher und herzlicher al» irgend eine der anderen Parteien, und in der Einleitung mit einem Rückblick auf seine gründ» satztreue Haltung, wie ihn keine andere Partei wegen ihrer Vergangenheit mögen biitfte. E» schwellt uns bas Herz vor Stolz unbHoffnung, daß unsere hochverehrte Een- trumrpartei so reden darf in einer Zeit, wo Cha­rakterlosigkeit und Haltlosigkeit auch in Deutschland und Preußen so furchtbar breit fich machen und vielfach geradezu dis zu gesinn­ungsloser Corruption fortgeschritten sind. Und auch, daß unsere Partei in einer so materiel­len Zeit weitaus den größten Theil des Wahlauf­rufes, zu Anfang wie zu Ende, den idealen Gütern widmet, den christlichen, sittlichen und rechtlichen Grundlagen des Staats- und Volks­lebens, ist vor Allem in unserer so tief erschüt­terten Zeit ein weiterer Grund zu der Berech­tigung, den Namen des Centrums zu führen, der Partei, die Gott und feine Gebote und Ord­nungen zum Centrum all r ihrer Bestrebungen macht und Alle anzuziehen, um sich zu schaaren und mit sich zu verbinden sucht, welche guten Willens find, im gleichen Sinne zu wirken.

Daß dabei das Centrum die Fragen der So- zial-Wirthschafts- und Steuer-Politik, die Fragen der Verwaltung«ordnungen und der­gleichen niemals vernachlässigt hat, sondern auch hier oft geradezu bahnbrechend gewesen und immer im gesundesten Sinne mitgewirkt hat, ist in die Annalen unserer Parlamente eingetragen. Der Aufruf des Centrums erwähnt diese Aufgaben auch jetzt, kündigt ihre weitere Behandlung in demselben Geiste wie bisher an, wie dieser ja vom Centrum niemals verleugnet ist und noch in den jüngsten parlamentarischen Debatten über alle diese Fragen von Den Rednern des Centrums seine F xirung

nie Sechter re» AlmmAndSnigs.

Historischer Roman von Antonie Haupt.

i38. Fortsetzung.)

Lndia's letzte Voraussetzung erwies sich nicht als richtig. Ein jähes Erschrecken überflog das Antlitz ihrer blonden Freundin, schauernd dachte sie an jene Wafferfahrt, die sie einst int Kahne des Frankenkönigs machen mußte. Letzterer, der die Kleine beobachtet und recht wohl den plötzlichen Wechsel in ihren Zügen bemerkt hatte, entgegnete in höflichem, aber entschieden ablehnendem Tone:

,So gern ich Deinem Wunsche entsprechen würde, verehrte Herrin, so muß ich doch zu Dei­nem eigenen Wohl Dir von dem ermüdenden Un­ternehmen abrathen; auf der Heimfahrt dagegen stehe ich al» Lehrer Dir gerne zu Diensten."

So laßt uns hier im Saale bleiben und uns die Zeit mit Plaudern verkürzen," schlug Biffula vor.

„Ei sei; doch damit die Unterhaltung feffelnd werde, soll Jeder da« intereffanteste Ereigniß seines Lebens erzählen," gebot Lydia lächelnd.

„Einverstanden!" klang es im Chor zurück.

„So mag die Herrin dieses Hause», die holde Gastgeberin beginnen. Theuerste Biffula, wir har­ren Deine» Vortrags."

„Lydia ahnte nicht, wa» sie mit diesen im

Scherze gesprochenen Worten heraufdeschwo^ sie ahnte nicht, wie ihr Einfall da» Lebensschicksal dreier Menschen entschied. Eine Weile sah Biffula nachdenklich vor fich nieder, dann sagte ste ernst : „Ihr verlangt Unmögliche» von mir. Wie könnte ich in wenigen Augenblicken mein ganzes Leben im Geiste an mir vorübergleiten -assen unb darüber urtheilen, welches wohl da« wichtigste Er- eigniß darin gewesen sei! Doch," fügte sie nut plötzlichem Entschluß hinzu, „ich, will Euch da« grausige Bild entrollen, welche« meine Embildung«- kraft, seitdem ich die musivischen Darstellungen die- ses Saales gesehen, mir stets auf'» Reue vortpic- gelt, so lebhaft, daß ich glauben muß, da» Schreck- liche in Wirklichkeit erlebt zu haben. Denkt Euch, ich kann die Vorstellung nicht verbannen, als ob ich vor Tausenden von Zuschauern in blumenbe­streuter Arena einst wilden Thieren gegenüberge- ^".Kind^dies ist kein Trugbild Deiner Phantasie," rief Viktoria rasch. „Wenn nicht em Zufall Dich gerettet, so hätten die Krallen der Baren Dich ebenso wie Deine Mutter in Siücke ger-flen.

Mit tödtlich erblaßtem Angesicht war der Fran­kenkönig aufgesprungen und streckte den Arm wie abwehrend gegen Viktoria aus.

„Unselige, was redest Du!" rief Hesperu« vor

erhielt. Wie das Centrum seinerseits z. B. et- wa-ge Ueberschüffe aus den Einnahmen de» Reiches im Staate zu verwenden wünscht, hat Freiherr v. Hüne bei der letzten Budgetdebatte im preußi­schen Abgeordnetenhause eingehend auseinanderge­setzt, die Stellung des Centrum» zu den Fragen der Selbstverwaltung, bei denen jetzt die Land­gemeindeordnung in den Vordergrund tritt, ist bekannt, seine Haltung zu den wirth sch aft- lich en und sozialen Fragen, die ja vorzugs­weise den Reichstag beschäftigen, aber doch auch vielfach zur preußischen Kompetenz gehören, ebenso.

So konnte hier, eben wegen der Klarheit und Folgerichtigkeit der Centrumsstellung, der Ausruf kurz sein, und er geht deßhalb bald wieder zur Verkündigung der richtigen Grundsätze über, bereit Vertretung wichtiger ist als alle anderen Aufgaben und ohne deren Hochhaltung und Wirk­samkeit wirklich gute Gesetze auch auf dem mate­riellen Gebiet-, dem Gebiete der Verwaltung»- ges tze n. s. w. theil» nicht zu Stande kommen und theil» nicht ihre vollen und guten Folgen haben. So stellt sich der Aufruf de» Centrum» vor Allem dar al» ein zunächst an die Mitglieder dec Centrumspartei, dann aber darüber hinaus an das ganze Volk gerichteter

Mahnruf zur Erinnerung an die höchsten Güter der Menschheit und an die Nothwendigkeit guter und fester Rechtsordnungen. Das ist bei der großen Mehrheit unserer j tzigen Gebildeten und Volksleiter, die gar sehr realistisch und oppor- luilistisch 8erooeb<m, -in fo.hr veralteter Standpunkt. Aber gerade darum muß der Mahn ruf um so lauter und eindringlicher erschallen, weil die Gefahr nur um so größer ist! Mußte doch neulich selbst eine konservative ZeÜschrift^ freilich mit Jgnorirung der doch vielfach noch befferen katholischen und eines kleineren Thetis auch noch befferer protestantischer Jugend Folgen- ^^Sowei? das neue, unter den Eindrücken der Jahre 1866-1886 emporgekommene Geschlecht nicht rem so,t«. Misck aesinnt ist, huldigt dasselbe konservativen [.], auf den derbsten Realismus gegründeten Anschauun- aen In Hinsicht auf religiöse Kälte und Glere^ giltigkeit übertreffen diese Söhne ihre Vater aber noch um ein Erkleckliches. Daß Kirche und ReUgionb a» Volk unentbehrlich seien, ziehen die Realpoimker neuester Schule keinen Augenblick im Zweifel; um die Nothwendigkeit eines faßbaren politischen Gla

^ensinhalts wissen diese neuen Männer sogar besser Bescheid als ihre Lehrer; „unbefangen" aber find sie, weil sie sich von religiösen Bedürfnissen eben so frei wissen, wie von anderen idealen Bedürfnissen. Mit den Kämpfen und Skrupeln, die uns während der entscheidenden Bildungsjahre verzehrten, haben sie in Tertia abgeschlossen und sich so zeitig wie immer mög­lich auf greifbare Ziele gerichtet, deren Erreichung für den Mangel einer bestimmten Weltanschauung überreichlichen Ersatz bieten soll. Bonden kühlen Höhen dieses „Realismus" aber läßt sich auf die religiösen Kämpfe und Meinungsverschiedenheiten der glaubensbe« dürftigen Massen mit vollendeter Ruhe und mit anstren­gungslos erworbener Duldung herabsehen.

Auch Die .Köln. Ztg.' klagte neulich üb.r bie Jugenb, welche bie Bierbänke fülle, aber an der Behandlung öffentlicher Jntereffen keinen Sinn mehr habe! Wie bie Alten Jungen, so zwitschern bie Jungen — das Beispiel der Väter, bie Im­pulse, welche bie „leitenden Klaffen" bewegen, kommen in den Massen und auch in der Ju­gend zum Ausdruck. Deutschland ist bei aller Macht innerlich nicht vorgeschritten, sondern steht höherenGefahren gegenüber, als jemals im Laufe seiner Geschichte. Deshalb haben wir den so zeitgemäßen nothgedrungenen Mahnruf des Centrums vor jeder Einzelbesprechung des Auf­rufs in den Vordergrund gestellt! Möge man die Warner hören!

Deutsch-« Reich.

Berlin, 3. Oktober.

* Der Kaiser ist heute Vormittag in Wien eingetroffen und großartig empfangen worden. Hälfet »iiibuif uuv

Erzherzöge hatten sich auf dem Bahnhofe zur Be­grüßung eingefunden. Als der kaiserliche Zug eingelaufen war, schritt Kaiser Franz Joseph zu dem Salonwagen, auf dessen Tritt Kaiser Wil­helm in der Obersten-Uniform seines österreichischen Infanterie-Regiments stand. Die beiden Kaiser umarmten sich und küßten sich, ebenso war die Begrüßung der Kaisers mit dem Kronprinzen Rudolf und den Eczherzögen Karl Ludwig und Albrecht eine herzliche. Als bie beiden Monarchen Arm in Arm das Bahnhofsgebäude verließen und nach dem Wagen schritten, brach die Bevölkerung in Hurrah- und Hochrufe au«. Enthusiastische Zurufe begleiteten bfe Kaiser auf dem Wege bi» zur Hofburg, wo Kaiserin Elisabeth und Kcon- Zorn und Schrecken übermannt. Doch zu spät. Biffula'» Blick irrte entsetzt von Viktoria auf Merobaude» und von diesem auf den geliebten Bruder.

„O mein Gott, ist e» wahr?" flüsterten ihre bleichen Lippen tonlo». Dann stürzte sie vor, krampfhaft umklammerte ihre Hand den Arm Vik- toria's, unb mit bebenber Stimme rief ste:

„Sage mir die volle Wahrheit, starb meine Mutter unter den Tatzen der Bären?"

„Warum sollte ich Dir die Wahrheit vorent­halten? Deine Mutter ward auf Befehl Valen- tinian'» von den Bären zeniffen und ihr Körper mit hunderten Deine» Volke» verbrannt," lautete Viktoria'» kaltblütige Antwort. „Geht mir doch mit Eurer lächerlichen Weichlichkeit, mit Eurer ewigen Schonung!" wandte, sie sich an die empör­ten Männer. „Die Kleine muß, wie wir Men­schen alle, den Schmerz ertragen lernen, der ihr im Leben nicht erspart bleibt; je sorglicher ihr die zarte Pflanze behütet, um so empfindlicher wird jede» spätere Ungemach fie treffen."

Mit leisem Weheruf war B ffula zurückgetau- weit und lehnte halb ohnmächtig an einer Mar­morstatue. Der Ausdruck tiefsten Mitgefühls brach bei diesem Anblicke aus dem Auge de» Franksn- fürsten. Er eilte auf fie zu. Wollte er ste stütze