Mittwoch, den 3. Oktober.
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1888
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Aufruf!
Die 16. Legislatur-Periode des Preußischen Landtage» geht zu Ende. Die allgemeine Neuwahl für die stebenzehnte steht bevor. Sie wird zum ersten Male auf fünf Jahre erfolgen. Um so dringender wird sür die Fraktion des Centrums das Bedürfniß, an ihre Wähler und an alle Ge- stnnungsgenosien die Aufforderung zu richten: wenn je, dann bet der nächsten Wahl zum Hause der Abgeordneten auf dem festen Boden der seit Bildung der Partei von Wählern und Gewählten in nie gestörter Eintracht treu bewahrten und unentwegt verfochtenen Grundsätze unerschüttert auszuharren und deren fortschreitende Verwirklichung zum wahren Wohle de» Vaterlande» durch die hingebende Ausübung de« Wahlrechte», dieser höchsten staatsbürgerlichen Pflicht, mit allen Kräften anzustreben. , ,, c
DteseGrundsätze der Partei sind unabänderlich. Sie leben im Bewußtsein und der in schweren Jahren festbewährten Gefinnung Aller, die nun so lange schon ungebeugten Muthe» erfolgreich dafür eingetreten find.
Da» oberste Gesetz ist die Verfassung". „Sie vor Allem muß in der Ehrfurcht und in der Sitte der Nation sich befestigen; ihre Bestimmung en müssen allseitig geachtet werden." In diesen feierlichen Königrworten jüngster Zeit ist unsere ganze Haltung seit dem Bestände der Partei be- fiätigt. Zu ollen Zeiten haben wir mit Nachdruck «»»gesprochen, daß alle wirthschaftlichen und finan- ziellen Errungenschaften auf die Dauer werthlos find, ja daß dieselben zu einer Gefahr für das Leben der Nation werden, ohne die gewissen- hafte Achtung der Verfassung, ohne die gesunde Entwickelung unsere« gesammten Rechts- leben» auf ihrem unerschüttert zu bewahrenden Grunde. Nicht de» Augenblickes Nützlich, keit, sondern die Gerechtigkeit ist das Fundament der Reiche.
Dankbar erfreuen wir uns de« nicht zu unterschätzenden Anfangs, welchen die Wiederherstellung dieser Gerechtigkeit auf einem Gebiete genommen hat, auf welchem ste am wenigsten jemals hätte verletzt werden sollen: auf dem Gebiete der Bekenntnisse und der Gewissensfreiheit. „Der Zugang zu dem Frieden" ist während der
abgelaufencn Legislaturperiode unter unserer Mtt- Wirkung eröffnet. Aber noch immer dürfen wir durch das Errungene uns nicht einschläfern laffen. Noch ist die Freiheit unserer heiligen Religion in Preußen und in Deutschland nicht erstritten, die Aufgabe, die wir uns vorgesetzt, noch nicht gelöst. Und doch ist die freieste Bewegung und Selbstständigkeit der Kirche von der Verfassung vor dem unseligen „Kulturkampse." bedingungslos und feier- lich gewährleistet; fie bleibt des christlichen Volkes heiliges und unveräußerliches Recht; fie ist die unerläßliche Voraussetzung jedweder segensreichen Wirksamkeit für Staat und Gesellschaft.
Dem gesellschaftlichen Umstürze, der immer bedrohlicher sein Haupt erhebt, der Unter- arabung aller staatlichen Ordnung, den Gefahren für den Thron selbst wird nur ein christlich erzogene» gottesfürchtige» Volk mannhaft und treu begegnen und erfolgreichen Widerstand leisten. Aber der christliche Charakter der Schule und das unveränderliche Recht der Eltern auf die Erziehung ihrer Kinder sind noch immer beeinträchtigt. Die Kirche und ihren Organen muß vor Allem in Sachen des religiösen Unterrichts in den Volksschulen in vollem Umfange gewährt werden, was die Verfassungs- urkunde denselben zusichert; die Leitung dieses Unterrichts durch die betreffenden Reli- gionsgesellschaften muß zur Wahrheit werden in dem ursprünglichen Sinne dieser Bestimmung. Der kirchlichen Behörde muß zustehen, gegen die Personen, welche zur ErtHeilung des Religionsunterrichts zugelossen werden sollen, kirchlich-religiöse Einwendungen mit aurschlteßender Wirkung zu erheben und die für d n Religionsunterricht und die religiöse Uebung in den Schulen dienenden Lehr- und Andachtsbücher, den Umfang und Inhalt des religiösen Unterrichtsstoffes und dessen Vertheilung auf tue einzelnen Klössen zu bestimmen. Die kirchlichen Oberen allein müssen berechtigt sein, die Leiter des Religionsunterricht» in den einzelnen Volksschulen zu be- rufen; und diese LeitemMlich müssen die Befugmß haben, nach eigenem Ermessen den Religionsunterricht in der Schule selbst zu ertheilen oder dem Religionsnnterrichte de» Lehrer» beizuwohnen, in diesen einzugreifen und für dessen Ertheilung den Lehrer mit Weisungen zu versehen, welche von
Die rocht» des AlauamMSoiis.
Historischer Roman von Antonie Haupt.
37. Fortsetzung.)
Ohne längeres Zögen vertrauten die Damen sich hierauf den bereit stehenden Sänften an und gemeinsam ging es dann dem Hügel zu, von bissen Fuße die Säulenhallen der Villa herüberglänzten. Bald hatte man den in letzter Herbflpracht prangen- den Park erreicht, und nach nicht gar zu langer Wanderung durch dessen mannigfach gefärbte Laubgänge betrat man den blumengeschmückten Vorplatz des Landhauses. Auf der Terrasse unter den Arkaden stand Ausonius mit einem Kranze von Rosen und Myrthen auf dem Haupte, um freudestrahlend seine Gäste zu empfangen. Unter heiteren Begrüßungen geleitete er die Ankömmlinge in den Prachtsaal, und bald hatte man sich auf dar Sigma um die reichbesetzte Tafel gelagert. Die Diener legten duftende Blumenkränze auf die Stirnen der Gäste und reichten silberne Kannen und Becken mit wohlriechendem Wasser zum Benetzen der Finger herum, dann begann die Coena. Die heitere Stimmung des Konsuls wirkte unwiderstehlich ansteckend auf die Anderen, und muntere Reden, geistvolle Scherzworte flogen hin und her, daß es
eine Lust war, zu lauschen. Selbst Biffula« Be- klemmm g schwand mehr und mehr, ste wagte es, zuweilen gar den schüchternen Blick zum Frankenkönig zu erheben. Wenn dieser auch ernst und ge- m.ssen blieb, so war er heute nicht als ihr Feind gekommen, denn nimmer hätte er als solcher die Gastfreundschaft ihres Vaters angenommen. Nur Eine in dem Freundeskreise theilte die festltche Stimmung nicht: Schweigend in innerem Zwiespalt saß Viktoria da; unzufrieden mit sich grollte ste der ganzen Welt, doch nicht am wenigsten sich selber; cs nagte unablässig wie Reueschmerz an ihrem Herzen, daß sie der längst erkannten Wahr- heit sich verschlossen, daß ste den Glaubenrboten, der ihr, gleich wie ihrer Schwester Lydia, den Trost und" Segen de» Christenthums vermitteln wollte, in scheuem Stolz zurückgewiesen hatte. Strahlenden Auges dagegen ließ der Kaiser den Blick in die Runde schweifen:
.Zürnst Du mir immer noch, mein tapferer Freund, daß ich mit allen Künsten der List und Tücke Dich zu der Villa de» Ausonius, diesem ewig heitern Wohnsitze der Musen gelockt?" fragte er lächelnd den Frankenkönig, und zu dem Dichter gewandt fügte er hinzu:
„Hätten wir unserm Merobaudcs das schöne
Letzterem zu befolgen sind. Diese natürlichen und einfachen Gerechtsame, die wir übrigen» nicht für die katholische Kirche allein begehren und welche zudem verfassungsmäßig aktuell geltende» Recht sind, müssen wir um so nachdrücklicher rette« miren, je lebhafterem und zäherem Widerstande deren Geltendmachung bei den Parteien vielfach begegnet. Die Liebe zum Vaterland, die Pflichten gegen Thron, Staat und Gesellschaft verbieten un» gleichermaßen, länger damit zurückzuhalten.
„Nur ein auf der gesunden Grundlage von Gottesfurcht in einfacher Sitte auf« wachsendes Geschlecht wird hinreichend Widerstandskraft besitzen, die Gefahren zu Überwinden, welche unserer Zeit für die Gesammthelt erwachsen.
Diese Worte eines früh vollendeten Herrscher» sollen an un» nicht verloren fein. Zur Gotte«, furcht erzieht nur ein nach Gotte» Wort kirchlich geordneter Religionsunterricht.
Mit der Verwirklichung unserer Forderungen wird auch der konfessionelle Friede gesichert, dessen sorgfältige Wahrung jederzeit unser ernster und thatkrästiger Wille ist. Wir müssen wiederholt ausdrücklichen Einspruch erheben gegen die Versuche, durch Hervorrufung von Eifersucht und Zwietracht unter den Staatsbürgern der verschiedenen religiösen Bekenntnisse das Friedenswerk zu stören und zu verdächtigen.
Gleiche Gerechtigkeit für Alle bleibt die Losung, in deren kraftvolle Vertretung wir stet» unsere Ehre setzen.
Nicht minder müssen wir erneut betonen, was wir gleich zu Beginn der unter wesentlicher Mitwirkung des Centrums inaugurirten neuen Sozial- und Wirtschaftspolitik hervorgehoben haben, daß diese Polttik Dauer und Werth nur behaupten kann, wenn und soweit ihr eine Finanzwirth- schast zur Seite steht, welche nach den von uns stets vertretenen Grundsätzen mit weiser Sparsamkeit die Ausgaben beschränkt und dadurch die so oft und feierlich versprochene Erleichterung der direkten Steuern und Entlastung der Communen im vollem Umfange herbeiführt.
E» darf kein Zweifel mehr gelassen werden, daß unseres Volkes Steuerkraft in schärfster und überdies ungleich drückender Weife angespannt ist. Nicht in noch weiterer Steigerung der
Ziel der Reise nicht geheim gehalten, bei Gott, so wäre er uns fahnenflüchtig geworden, denn seit geraunter Zeit schon ist er frohen Festlichkeiten wenig hold, so wenig wie die finstere Nacht dem sonnigen Tage. Sein trübe« Wesen ist mir um so unbegreiflicher, als et jetzt allen Grund zur Freude hätte, denn da» beseligende Licht des Chri- stenthums ist über seinem Pfade aufgegangen. Ja, glaubt es nur, dieses stolze Haupt neigte jüngst voll Demuth sich der Taufe."
„Wäre e« möglich, Merobaudes, Du ein Christ! rief Aufonius freudig und fprang mit jugendlichem Feuer auf, um den Bekehrten zu umarmen und ihm von ganzem Herzen Glück zu wünschen.
In Biffula's Herzen jubelte es auf. So war der Zwiespalt denn gelöst! Merobaudes war Christ, von feiner frühem Feindschaft hatte sie gewiß nicht» mehr zu fürchten. Als ob ter Kaiser ihre Empfindung ahne, bat er fie, gleichsam zur Danke«, feier eine von ihrem Pflegevater gedichtete Hymne zum Preise de» Allerhöchsten zu fingen. Freudig gehorchte die Kleine. Sie nahm die Lyra und mit glockenheller Stimme und innig bewegtem Vortrag fang ste jene» wunderbar tief empfundene Gebet, welche« eine Perle der Dichtungen Anson'» genannt wird. Andachtsvolles Schweigen herrschte tittg8