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JW 227.

Dienstag, den 2. Oktober.

1888

fHlintr

Zeituiz.

Di. ftsfbaet Reituna' erscheint täaltch, Sonn- und Feiertag« ausgenommen. Vierteljährlicher «bonnementSpreiS ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., »te .S-U-aer Leitung ,^n«Vnd SIumen- in Fulda 1 Mark 70 Pfennig, auswärts 1 Mark 75 Pfennig.

Inserate: Die einsaitige Zeile oder deren Staunt 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 1. Oktober.

♦ Mehrere preußische Blätter haben der,Münch. Allg. Ztg.' eine längere Schilderung des Lebens­laufes des panflavistifchen Bischofs Stroß- mayer nachgedruckt, in welcher dem Bischof alle möglichen Schlechtigkeiten nachgesagt werden. Im Uebereifer der Verlästerung rechnen diese liberalen Seelen dem Manne sitzt das als Verbrechen an, was fie im Jahre 1870 als eine Heldenthat des­selben gepriesen haben, nämlich seinen Widerstand gegen die päpstliche Unfehlbarkeit, welcher er sich nachher fügte. Ja, fie gehen noch weiter und schildern jetzt den bestgehaßten Gegner, wie folgt: „Die Anerkennung des neuen Dogma» versagend, kehrte Stroßmayer von Rom nach Diakovar zu­rück und versuchte sogleich in Kroatien Propa­ganda für die Idee einer nationalen Kirche mit Priesterehe und slavischer Liturgie zu machen. Wäre es ihm gelungen, genügenden An­hang zu finden, so hätte er stch von Rom losge- K." Ja, wenn aber das alle» wahr wäre, n hätte ja der Bischof schon seit 1879 zu den unmittelbarsten Gefinnungrgenoffen der Kultur­kämpfer und einer Münch. Allg. Ztg.' gehört, dann umschlänge sie ja im Herzen da» einigende Band de» „Los von Rom", der „Priesterehe", mit einem Worte: des Altkatholizismus. Wozu aber dann das Schimpfen und Schelten über den guten Freund, und weshalb Rom und den „Ultra- montanismus" für einen Mann verantwortlich machen, der im Herzen zu den Kirchenfeinden hält und von Rom nichts wiffen will?

* Der am Sonnabend Abend verhaftete Ber­fa sier des Tagebuchs Kaiser Friedrichs, Professor Geffcken, hatte gestern eine dreistündige Ver­nehmung vor dem Oberstaatsanwalt Dr. Hirsch; heute erfolgt die verantwortliche Vernehmung vor dem Untersuchungsrichter. Wegen G.ffcken» Ueber- führung nach Berlin schweben Verhandlungen.

* Ueber Herrn Julius Rodenberg weiß die Magdeb. Ztg.' Folgendes zu berichten:

„Der jetzt viel genannte Redakteur der .Deutschen Rundschau' studirte 1851 in Heidelberg die Rechtswissen­schaften, Er stammte aus Roder,berg im Hannoverschen und hieß eigentlich Julius Levy. Sein freundliches Wesen, sein sanfter Charakter und seine gründlichen Kennt« niste machten ihn sehr beliebt, und er gewann auch die Freundschaft seiner welfischen adeligen Landsleute in hohem

Pik Sachter des JUamannrnftönigs.

Historischer Roman von Antonie Haupt.

1.36. Fortsetzung.)

Träumerisch ruht ihr Auge auf der wundervol­len Mosaik de» Fußbodens, die in edler Maßhal- tung eine Darstellung der Kämpfe und Spiele des Amphitheaters vorführt. Reiche Bandgeflechte, Rosetten, Arabesken und Mäander umgeben die einzelnen Medaillons mit den farbenreichen bild­lichen Darstellungen und verknüpfen alle zu einem prächtigen Ganzen, da» in einem geschmackvollen Grund von einfachem kräftigen Schwarz und Weiß ruht. Beim Eintritt von der Terrasse in den Prachtraum fällt der Blick auf ein Medaillon, dessen Inschrift den Gründer der Villa, seine Würde und Verdienste angibt. Die Gruppen der beiden Medaillon« zur Rechten und Linken de» großen Wasserbecken» beziehen sich auf die Venatio (Thier­hitze) und zwar auf ihren Anfang und Schluß: Tiger und Löwe Haden ihrer Lteblingsbeute, dem Waldesel, nachgejagt; der Eiste hat sie soeben er­griffen, der Zweite fie bereit« aufgezchrt und wird von seinem Wärter nach der Cavea zurückgebracht. Da» dritte und vierte Medaillon zeigen Bären und Panther im Kampf mit Venatoren. Da» fünfte

Maße. Einer der Letziern, der als hannoverscher Auditor in tragischer Weise verstorbene Wilhelm v- Meding (nicht zu verwechseln mit dem bekannten Günstling des Königs Georg), führte Levy-Rodenberg als sog. Mitkneipanten bei dem aristokratischen studentischen Korps Vandalia ein, zu dessen Mitgliedern damals auch v. Bennigsen (der jüngere), v. Maltzahn, der jetzige Staatssekretär des Reichsschatz­amts, und der Geh. Kabinetsrath Dr. v. Lucanus ge­hörten. Aus dieser Zeit schreibt sich auch die innige Freundschaft her zwischen Rodenberg und dem bekannten Welfen Langwerth v. Simmern, dem lutherischen Reichs- tagsmitgliede, welcher in den meisten wichtigen Fragen mit dem Centrum stimmt; auch dieser Langwerth gehörte zu den Vandalen. Rodenberg ist Mitglied der literarischen Sachverständigen-Kommission int preußischen Kultusmini­sterium, mithin ein Mann, dessen Bekanntschaften auch in literarische Kreise hineinreichen. Er hat sich lange Jahre als Schriftsteller in London aufgehalten und ist mit eng­lischen Zuständen wohl besser vertraut, als irgend ein deutscher Publizist." An der „Reich-treue" des Herrn Rodenberg ist hiernach wohl nicht zu zweifeln.

* Rach Meldungen au» Thorn rst ein bedeuten­der Theil der Arbeiten am Nordostsee-Kanal dem dortigen Festungsbau-Unternehmer L. D e g e n übertragen worden. Die Vollendung der Arbeiten ist auf sechs Jahre berechnet. Die anderweitige Meldung: Der Gesammtbau sei an eine hollän­dische Firma vergeben, ist demnach unrichtig.

Ausland.

• Rom 1. Okt. Der bekannte päpstliche Erlaß an den Prästdenten de» Freiburger Katholikentage», Herrn Rechtsanwalt Müller in Koblenz, welch' Letzterer stch ebenso durch seine sichere und con- cihante Leitung, wie durch seine schneidige Bered­samkeit das Vertrauen aller Theilnehmer an der imposanten Kundgebung katholischen Lebens und Selbstbewußtseins im Kuge zu erobern verstanden hatte, wird vom Moniteur de Rome' wie folgt kommentirt: „Diese päpstliche Kundgebung ist eine der wichtigsten, welche über die lieklagenswerthe Lage des hl. Stuhles an die Katholiken des Aus­landes je ergangen sind. Es ist ein Erlaß, welcher die ernstesten Folgen zeitigen wird. Ec entwickelt ein stolzes und nobles Programm, ganz würdig des Papste», welcher dem amtlichen Italien die Hand der Versöhnung weit entgegengestreckt hatte, und er erinnert die Katholiken, alle Katholiken, an die Erfüllung ihrer Pflichten, an die Wahr­nehmung ihrer Interessen. Mit Recht erklärt der hl. Vater, daß er alle Mittel vergeblich versucht habe, „dar Joch der Knechtschaft abzuschütteln" — was sowohl im Inter, sse Italiens wie der

Medaillon deutet die Zwischenspiele an, zwei junge Fechter mit Stab und Peitsche ausgerüstet stehen einander zu leichtem Kampfe gegenüber. Das große Hauptbild, um welches die übrigen sich gruppiren, stellt den Glanzpunkt der grausamen Spiele, den Gladiatorenkampf dar: Der zu einem entscheiden­dem Moment vorangeschrittene Kampf hat stch entsponnen zwischen dem Retiarius und dem Mir- millo und wird von dem Lanista gelenkt. Das letzte der Medaillons führt uns die Musiker und die Musikinstrumente bei den Festspielen vor, den Cornicen mit den großen, da» Zeichen zum Ge- fechte gebenden Horn und den Hydraules, der die weithintönende, stimmenreiche Waflerorgel spielt. Ernst sinnend steht Bissula bald vor der einen, bald vor der anderen dieser Gruppen, die ein dämmerndes Erinnern in ihr wachrufen. „Eigen- thümlich", denkt sie, „ich kann diese Darstellungen in Wirklichkeit ja nie gesehen haben, da Gratian die Kämpfe des Amphitheaters streng verboten hat, und doch ist es mir........." Sie

beschattet da» Gesicht mit der Hand, und ihre Ge­danken suchen in längst vergangener Zeit. So gewahrt sie nicht, daß schon lange unter dem Thür- bogen, der den Saal mit dem säulenumgedenen Peristylum verbindet, der Konsul erschienen ist,

Kirche liege. Mit sektirerischer Erbitterung hat die italienische Regierung den Ring der Gefangenschaft um die 100jährige Wohnung der Päpste enger geschlossen. Sie hat dem Papstthum um so hef­tiger Wunden geschlagen, je eifriger der hl.Stuhl seine Bemühungen, den Frieden wieder herzustellen, fortsetzte. — Da der hl. Stuhl niemals versäumt hat, allen Gläubigen ihre Pflichten einzuschärfen, fällt die Verantwortlichkeit dieses Schrittes (des Briefer an den Präsidenten der deutschen Katho­likenversammlung) auf die Gegner des Papstes zu­rück. Der Protest der deutschen Katholiken gegen die Unterdrückung des Papstthum» durch die ita­lienische Regierung wird stch gleich dem Funken einer Zündschnur durch die ganze Welt verbreiten und willkommene Aufklärung darüber verbreiten, wie die Katholiken über die Vergewaltigung ihre» Oberhauptes denken. Es wird sich eine Art von Plebircit vollziehen, und wenn nach der Annahme mancher moderner Staatsmänner dasselbe maß­gebend ist, bürste der Sieg der katholischen Sache unzweifelhaft sein.

AuS Stadt, Provinz und Nachbargebiet.

Fulda, 2. Oktober.

§ Am 1. Oktober ist der Herr Oberlehrer Prof. Gegenbaur nach 44jähriger Dienstzeit auf seinen Antrag in den Ruhestand versetzt worden. Aus diesem Anlasse haben ihm Se. Majestät der Kaiser Md König den Rothen Adlerorden vierter Klasse verliehen.

* Zur Eröffnung der Rhönbahn Fulda» Gersfeld ist im Anschluß an unseren gestrigen Bericht noch Folgendes mitzutheilen: In dem ersten Zuge, welcher von hier nach Gerrfeld ab- gelassen wurde, befanden sich als auswärtige Gäste Herr Regierungspräsident Rothe aus Kassel, Bauinspeklor Riese aus Frankfurt a. M. als Vertreter der dortigen kgl. Eisenbahndirektion, Bauraih Schmitz al» Vertreter des königlichen Eisenbahn - Betriebsamt», Bauinspektor Siegel au» Frankfurt a. M. und die Herren Eisen­bau-Inspektoren Corde» und Domschke, die von Gersfeld mit dem Frühzuge hier angekom­menen Festtheilnehmer Graf Frohberg, Landrath Krekeler, Oberförster Rasch und mehrere Gers­felder Rhönklubisten, ferner aus Fulda die Herren

daß sein Blick mit sorgenvollem Ausdrucke auf ihr ruht, daß er kopfschüttelnd ihre Haltung, jede ihrer Mienen beobachtet.

„Ist meine lebensfrohe, kleine Bissula denn ganz zur ernsten Träumerin umgewandelt?" fragte er endlich sanft und liebevoll.

Bei dem Tone seiner Stimme fuhr die Kleine erschreckt zusammen, im nächsten Augenblick aber flog fie auf ihn zu und schmiegte ihr Lockenköpf- chen zärtlich an seine Schulter.

„Ach, theurer Vater", sagtefie erschauernd, „es mag ja thöricht sein.......aber beim Be­

trachten dieser Mosaik kann ich mich de» Gedan­ken» nicht erwehren, al» habe ich einst selbst den wilden Thieren de» Amphitheater» gegenüber ge­standen. Täusche ich mich hierin?"

„Kind, wie kommst Du zu solchen Vorstellungen!" rief Ausoniu» heftig erschreckt. „Ich werde diese musivischen Darstellungen, die Schöpfungen edler Kunst aurbrechen und durch freundlichere Bilder ersetzen lassen, wenn sie Deine Einbildungskraft in so beängsttgender Weise erregen. Entschlage Dir diese seltsamen Grillen, mein Liebling, und sorge dafür, recht bald in geziemenden Glanze die Gäste empfangen zu können."

Schweigend neigte Bissula da» Haupt und be-