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226.

Montag, den 1. Oktober.

1888

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Die .Fuldaer Zeitung- «scheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis »hn- Bring-rlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf. " mit der belletriMchen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda 1 Mark 70 Pfennig, auswärts 1 Mark 75 Pfennig.

Inserate: Die einspaltige geile ob« deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

O Echt oder gefälscht?*)

Man wird er uns nicht verübeln können, wenn wir durch den Jmwediatbericht des Kanzlers von unserer Auffassung, baß die Tagebuch-Auszüge der »Deutschen Rundschau' echt sind, nicht kurirt wor­den sind. Der Jmwediatbericht stellt ja auch selbst die Möglichkeit der Echtheit nicht in Abrede. Nach dem gegenwärtigen Stande der Sache müssen wir aber dringend wünschen, daß es alsbald über allen Zweifel erhaben klargestellt werde, ob das Tage­buch echt ist, oder nicht, und wer die Publikation veranlaßt hat. Wenn es wahr ist, daß an mehrere Personen Abdrücke des echten Tagebuchs verschenkt wurden, so muß sich die Frage der Echtheit durch Vergleichung sehr leicht lösen lassen. Uebrigenr wäre ja die Mutter des regierenden Kaisers, die Kaiserin Friedrich, am ersten in der Lage, authen­tischen Aufschluß zu geben. Weßhalb nichtsdesto­weniger der BiSmarLsche Jmwediatbericht fich nur auf Vermuthuugen bezüglich der Unechtheit gestützt hat, kann man ahnen, aber nicht mit Sicherheit behaupten. Bis jetzt steht Meinung gegen Meinung. Fürst Bismarck geht selbstredend von dem Standpunkte der Unechtheit aus, wenn er in seinem Berichte die seiner Ansicht nach von dem Tagebuch gefälschten Urtheile und Anschauungen des Kronprinzen in der schärfsten Weise kritifirt, und zwar in einer Form, die für den hochseligen Kaiser Friedrich höchst kränkend und verletzend sein würde, wenn das Tagebuch dennoch echt wäre, was ja allerdings der Kanzler nicht annimmt. Aber auch unter Berücksichtigung dieses letzterm Dafür­haltens des Fürsten Bismarck lassen sich einige Ausführungen der Denkschrift nur durch eine hoch­gradige Erregtheit über die Veröffentlichung der »Deutschen Rundschau' erklären. Die scharfen Hiebe auf „Jemand aus der Umgebung" des Kronprinzen wirken überraschend, noch über­raschender die Mittheilung, Kaiser Wilhelm I. habe nicht erlaubt, mit dem zukünftigen Thron­erben über die intimen Vorgänge unserer Politik zu sprechen, „weil er einerseits--Indis­

kretionen (!) an den englischen Hof fürchtete, andererseits Schädigungen unserer Beziehungen zu den deutschen Bundesgenossen wegen der zu weit gesteckten Ziele und der Gewaltsamkeit der Mittel, die Seiner Königlichen Hoheit von politischen Rathgebern zweifelhafter Befähigung empfohlen waren." An einer anderen Stelle der

*) Nachdruck nicht gestattet.

Die Sechter des Almameiikönigs.

Historischer Roman von Antonie Haupt.

(35. Fortsetzung.)

Dieses Gebäude entstammte der ersten Periode römischer Bauthätigkeit in treverischer Gegend und wurde wohl schon von Trojan oder Hadrian nach edlen griechischen Motiven errichtet. Den Kern desselben bildete ein ausgedehnter Prachtsaal, an welchen fich zu beiden Seiten eine Reihe von reizen­den Gemächern anschloß; von diesen aus sprangen zwei Flügel vor und umgaben einen mit Blumen und Strauchwerk bepflanzten, mit mächtigen Spring­brunnen geschmückten Vorplatz. Die großen bis auf den Fußboden heruntergehenden Arkadienfenster de» Prachtsaals öffneten sich auf die Terrasse, unter welcher dieser Vorplatz sich ausbreitete. Säulen­hallen und Laubgänge »steckten fich ringsum nach allen Seiten.

Seit mehreren Tagen schon herrscht außerge­wöhnliches Leben und Bewegung in jedem Winkel de« Hauses. Geschäftige Diener sind bemüht, dem Landsitze ein möglichst festliches Gepräge zu geben, denn man erwartet ja den Sohn des Herrn mit

Denkschrift heißt es, es fei eine „Verleumdung" des Kronprinzen, daß dieser „beabsichtigt haben könnte, Gewalt gegen unsere Bundesgenossen an­zuwenden." Wir vermögen es nicht, den Wider­spruch zwischen den beiden Behauptungen bezüglich der Gewaltsamkeit — hier negativ, dort positiv — zu lösen. Was bei der strafrechtlichen Ver- folgung der .Deutschen Rundschau' und des Ur­heber» der Publikation herauskommen wird, bleibt abzuwarten. Die juristische Deduktion, daß es fich falls das Tagebuch echt wäre, um den Verrath von „Staatsgeheimnissen" handeln würde (mindesten» 2 Jahre Zuchthaus nach Art. 92 des Strafgesetzbuches), können wir nicht als richtig an­erkennen. Im Art. 92 find ganz andere Dinge gemeint, als die Tagebuch-Aufzeichnungen eines Kronprinzen. Wenn dagegen die Publikation wirk­lich gefälscht wäre, so würden auch wir dem Ur­heber eine recht, derbe Strafe gönnen. Jedoch be­tonen mir nochmals, daß wir an die Fälsch­ung nicht glauben. Die .DeutscheRundschau' ist kein Winkelblatt, dessen Spalten Jedermann offen stehen. Es sei nur daran erinnert, daß gleich­zeitig mit den Tagebuch-Auszügen ein Aufsatz aus der Feder des regierenden Herzogs von Koburg-Gotha in der .Deutschen Rundschau' erschien. Das Blatt hat also augenscheinlich Ver­bindungen mit sehr hohen Kreisen. Vielleicht wer­den dieselben Blätter, welche zu Lebzeiten Kaiser Friedrich'» gegen die „Frauenpolitik" und „eng­lische Politik" eiferten, jetzt das geflügelte Wort von den „Indiskretionen an den englischen Hof" aufgreifen. Die Sache hat einen hochpolitischen Hintergrund, wir brauchen das nicht einmal anzudeuten. Aber das soll heute nicht ungesagt bleiben, daß Niemand auf der Welt es fertig brin­gen wird, das hehre, ideale Bild Kaiser Fried- rich's, welches das deutsche Volk in seinem Herzen aufgerichtet hat, anzutasten und zu verdunkeln. Wehmuth und Schmerz müssen den wahren Vater- landrfreund erfassen, wenn er steht, wie eine ge­wisse Presse schon die bloße Verherrlichung des historischen Charakters Kaiser Friedrich's als ein Verbrechen auslegt und an die Gestalt des hehren Kaisers die engherzigste, jeder individuellen Eigenart und Selbständigkeit abbolde Parteischablone anlegt.

Deutsches Reich.

Berlin, 29. September.

• Die Verlagshandlung der Deutschen Rund­schau' hat das Manuskript des Tagebuchs de» seiner Braut; auch der Cäsar hat versprochen, da» Freudenfest auf der Villa mit seiner Gegen­wart zu beehren.

Der Morgen des Tages, an welchem die werthen Gäste erscheinen sollen, ist gekommen. In der Küche schmort Wild und Geflügel am Spieß, sieden und braten mancherlei köstliche Fische der Mosella, welch' letztere stets willkommene Gerichte auf der Tafel des Aufonius bilden. In dem Prachtsaale aber, dessen himmelblaue mit goldenen Sternen gezierte Decke durch eine große Lichtöffnung von mattem Glas durchbrochen wird, dessen Wandsockel und Friese auf schwarzpolirtem Grunde schwim­mende Delphine, Urnen und Schilstüschel zeigen, während die großen Wandfelder landschaftliche Szenen tragen, ist eine Anzahl Diener beschäftigt, mit angefeuchteten Schwämmen den in maßvoller Farbenpracht prangenden Mosaikboden zu üb-r- streichen. B.ssula selbst überwacht die pünktliche Ausführung dieser Arbeit und hilft zugleich dem Trikltnarch in geschmackvoller Weise die Tafel ordnen. In der geschlossenen östlichen Hälste des Saales steht nämlich das kostbare Monopodium, um dessen obere Rundung das Sigma, eine Huf-

Kaisers Friedrich ausgeliefert. Da» Manuskrip besteht zum Thell aus metallographifch vervie l- fältigten Blättern, zum Theil rührt es aber von der Hand des Einsenders her. Als Einsender des Tagebuch« muß nach den vorliegenden An­deutungen Prof. D r. Geffcken in Hamburg gelten. Derselbe war ftüher hanseatischer Ge­sandter in Berlin und in den fiebenziger Jahren Professor in Straßburg. Jetzt lebt er in Ham­burg. Daß der konservative Dr. Geffcken der Autor der Tagebuchsauszüge sein soll, reizt natürlich die deutsch-freisinnige Presse zum Spott. So schreibt die .Vossische Zeitung': „In der sitzt eingeleiteten Staatsaktion gegen dar Tagebuch Kaiser Friedrichs droht der auf ver­nichtende Entlarvungen lüsternen Kartell- presse, wie cs scheint, bereits die erste Ent­täuschung. Wie bekannt konnte nach der Be­hauptung dieser Organe die Veröffentlichung des Tagebuchs nur im schnöden Parteiinteresse, und zwar in dem der Freisinnigen, erfolgt sein, und auch der Jmmediatbericht des Ministerpräsidenten sieht in der Bekanntgabe de» Tagebuchs nur das Interesse „des Umsturzes und des inneren Un­friedens". Da wird man denn demnächst wohl näher prüfen können, wo die schnöde Parteisucht ihren Sitz hat, und von welcher Seite der Un­friede und der Umsturz betrieben wird. Nie­mand hat weniger mit dem Einsen­der und derEinsendungzuschaffen, als die freisinnige Partei." Die ,Vofl. Ztg.' hat damit Recht, sie kann Dr. Geffcken nicht entfernt zu den Ihrigen zählen. Die ,Voff. Ztg.' meint weiter: „Vielleicht wird man ver­suchen, auch Herrn Geffcken den Freisinnigen an die Schöße zu heften. Indessen die Freunde des Herrn Stöcker wissen am besten, welcher .in hohem Grade konservativer und orthodoxer Mann Herr G.ffcken ist. Er hat diese Gesinnung bei allen Gelegenheiten auch in seinen Schriften bekundet; zudem ist er mit einigen anderen pietistischen Kon­servativen der Begründer einer „Sammlung von christlichen Jugendschriften". Solche Leute pflege« sich nicht dazu zu drängen, den Freisinnigen Dienste zu leisten."

* Der Ka iser verläßt Montag Nachmittag die Insel Mainau, woselbst er morgen an dem Ge- burtstage der Kaiserin Augusta theilnimmt, und begiebt sich von dort über Lindau nach München, woselbst die Ankunft an demselben Tage Abends erwartet wird. Nach den bisherigen Dispositionen

eisenförmige lange Lagerstätte für die Gäste fich hinzieht, während in der westlichen Hälste in der Nähe der Arkadenfenster ein marmorbelegtes statuen- geziertes Wasserbecken erfrischende Strahlen in die Höhe sendet.

Die junge Dame schaut ernst und nachdenklich in die Welt, und ihre Stirne scheint gedanken­voller, als ihre leichte Beschäftigung dies bean­spruchen dürfte. Gedankenvoll ist dieses reizende sonuenhaarige Mägdlein letzter Zeit freilich immer, und was der Gegenstand seines ernsten Sinnens und Forschens sei, das erfährt Aufonius aus den nur allzuhäusig an ihn girichteten Fragen, denen er kaum schlau genug zu entschlüpfen vermag; heute aber hat ein Zufall die Kleine ganz beson­ders nachdenklich gestimmt, beim Aufräumen in ihres Pflegevaters Studirzimmer fiel ihr ein Blatt in die Hand, das ihrem Grübeln neue Nahrung gab; es war ein „B ssula" überschriebenes Gedicht von Aufonius, also lautend:

„Biflula über dem Rhein, dem kühlen, gezeugt und erzogen, Bisiula, welche den Quell kennt von Danubius' Strom, Ehemals Siegender Beut', jetzt frei, herrscht sie zu der

Wonne

Dessen, dem ftüher als Beut' fiel aus dem Kampfe sie zu.