JW 225.
Samstag, bett 29. September.
1888
Zeitung
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Erstes Blatt.
rüber wußte er sich keine Rechenschaft zu geben, und die beseligende Gewißheit machte alle trüben Tage der Zweifel» und der Sehnsucht vergessen.
Arm in Arm wandelten die Liebenden in den verschlungenen Wegen de» Parke». Sie sahen nicht, wie Vtktor'a mit freundlich theilnehmendem Buck an ihnen vorüber in da» Hau» schritt, wie der Wagen, welcher die Eltern au» der Stadt hier- hmbrachte, an der Villa vorfuhr, sie hatten ja einander so vieles zu fragen, zu berichten. Ais aber der Diener kam und zur Coena nef, da eilten sie freudig hinein, um die Zustimmung der Eltern zu dem Lebensbunde zu erbitten. Ohne Rückhalt wurde diese ihnen ertheilt; wie hätten der Tribun und seine Gattin auch zögern sollen, dem durch hohe Abkunst, durch hervorragende Stellung und durch edlen, liebenswürdigen Charakter gleich ausgezeichneten Römer die Hand rhrer Tochter zu gewähren.
So kehrte denn zum ersten Male seit Viktorias
□ Die preußischen Landtagswahlen*)
stehen in einigen Wochen nunmehr bevor, und die Vorbereitungen zu denselben sind in vollem Gange. Auch diejenigen Parteien, welche ttn letzten Frühjahre die dreijährige Wahlzeit so leichten Gewissen» durch die fünfjährige ersetzten betonen jetzt allgemein, daß die kommende Entscheidung um so bedeutungsvoller s-r, da das neue Abgeordnetenhaus zwei Jahre langer feine Befugnisse ausüben kann, als da» frühere. Wenngleich wir e» bedauern, daß die Kartellparteien sich dazu verstanden, durch Abänderung der Bestimmung über die Wahlzeit ohne lägltf&e Nothwendigkeit die Verfassung zu Ungunsten der Volksrechts zu verändern, so legen wir dennoch, von sachlichen Erwägungen ausgehend, wett weniger Gewicht darauf, für wie lange, al» wie gut gewählt wird, und letzteres steht jetzt, mindestens zum Theile, in der Macht der Wahlberechtigten.
Eine eigentliche Volksabstimmung kann man die preußische Landtagswahl nicht nennen. Da» Dreiklassensystem legt die Entscheidung weit mehr in den Besitz, der doch weder Charakter, noch Intelligenz schafft, als in die Z ff-r; zudem hat man es au manchen Stellen trefflich verstanden, durch Wahlkceisgeometrie dis „oppositionelle" Mehrheit zur Minderung hmadzudrücken. Von den b.vocsteyenden Wahlen erwartet Niemand eine ganz besondere Verschiebung der Parteistärke der Fraktionen, auch fehlt es an einer allgemeinen Wahlparole; die Regierung hat eine solche noch nicht auSgegebeu und dürfte sich darauf beschränken, je nach dem einzelne Falle ihren Landraths-Apparat, der ja „den Rummel kennt", in Bewegung zu s tzen. Rach Puttkamer S Sturz wird es unter Minister Herrfurth rm Wesent- lichen beim Alten bleiben — von alten Gewohnheiten läßt Niemand gerne.
Das Abgeordnetenhaus zählt 433 Mitglieder, also beträgt die Mehrheit 217 Stimmen. Im vorigen Abgeordnetenhaus- bestanden zwei Mehr- heiten, und zwar: Konservative (135), Freikon-
*) Nachdruck nicht gestattet.
Für die Konservativen liegen die Aussichten nicht so günstig. Sie haben zwar eine große Anzahl sicherer Kreise, aber auch eine geringe Anzahl, bei denen die Nationalliberalen nach recht» oder nach link» den Ausschlag geben können, besonders in Sachsen und einzelnen brandenburgischen Kreisen. Seitdem „die an die Wand Gedrückten" (die Nationalliberalen) beim Herrn und Meister wieder salonfähig geworden sind, geniren sie sich viel weniger; selbst mit den Freisinnigen verbündeten sie sich, anscheinend nicht ohne hohe obrigkeitliche Genehmigung, um den „Extremen" ihr Mandat zu rauben — Alles zur größeren Ehre des „selbstbewußten Servilismus". Ob der Verlust der Konservativen ein bedeutender sein wird, ist nicht zu sagen; wenn er eben eintritt, dürfte er durch Gewinne nicht leicht wett zu machen sein, da die Konservativen auf solche nur geringe Aussicht haben.
DieFreikonservativen haben ihren Besitzstand ziemlich sicher, die National liberal en geben sich große Mühe um die Wahlen, ganz ohne Erfolg dürfte sie nicht bleiben, bedeutender Zuwachs ist aber auch für sie nicht zu erwarten. Da» Häuflein der F r e i s i n n i g e n kommt im Landtage nicht in Betracht, ebenso wenig die Polen und die beiden Dänen; auch hier dürfte sich kein wesentlicher Wechsel zeigen.
Für da» Centrum ist nach diesen Erwägungen die Taktik vorgezeichnet. Zunächst wahren wir unfern eigenen Besitzstand, suchen womöglich noch einen oder den andern Sitz zu gewinnen; wenn unsere Hilfe angesprochen wird, so geben wir sie vor Allem den Konservativen, wo dieselben bedroht sind. Wir müssen wohl bedenken, daß die central-konservative Mehrheit in etwa bedroht ist, und, wenn man dies auch nicht zugibt, eine Stärkung dec Konservativen uns mehr nützen kann, al» eine Vermehrung der Freisinnigen um'» Doppelte, woran natürlich nicht zu denken ist. „ Man mag dagegen einwenden, bet bedeutender Stärkung der Konservativen käme eine konservativ-freikonser» vative Mehrheit zu Stande. Ersten» glauben wir unter den obwaltenden Umständen daran nicht, zweitens ist sie um kein Haar besser oder schlechter als die gegenwärtige Kartellmehrheit, deshalb uns gleichgiltig; drittens kommt sie durch Unterstützung der Konservativen unsererseits durch unsere Schuld nur dann zu Stande, wenn zugleich die für
Nie rechter des Aiemmenköiiiss.
ö Historischer Roman von Antonie Haupt.
(34, Fortsetzung aus dem zweiten Blatte.)
Wohlan denn," rief er erregt, „so mache mich rum Glücklichsten der Erdensöhne! Lydia, werde mein Wstb." Er streckte ihr die Arme entgegen, und glühende Liebe sprach au» seinem männlich schönen Angesicht. ,
Zweifel und Freude spiegelten sich m raschem Wechsel auf Lydia» Zügen.
„O Heip.ru»," flüsterte sie, „hältst Du mich denn wirklich solcher Ehre, solcher Seligkett werth?
Lydia!" Es war nur ihr Name, den er bebend aur'sprach, dennoch verscheuchte dieses eine Wort ihre Besorgniß. Sie legte beide Hände in die seinen und sagte innig:
„So nimm mich denn hin mit all meinen Schwächen. Ich weiß, Du wirst Nachsicht nut nur
XIII.
Die Villa an der Mosella.
Wer nur vermöchte, die Pracht unzähliger Bildungen schildernd. Treu mi beschreiben die Formen des Bau'S auf jeglichem Landgut?
Ausonius' Mosella.
Etwa vierzehn römische Meilen (sieben Stunden) moselaufwärts von Treveris schaute die Villah, welche Valentinian einst dem Dichter Ausonius geschenkt, von einem sanften Abhang herab in dar Thal der Mosella, da» h'ei: einen weiten, von Bergen umgebenen Halbkreis bildete. Auf dreifachen Wegen konnte man von der Augusta zu dem anmuthigen Landsitze gelangen: Wenn man die große, wohlbekannte Staats- und Heerstraße von Treveris nach Divodurum Mediomatricorum ) über Contiona cum, die Saravusbrücke, denHöhenzug bei Tabernae») durch Wald und Weizenland bis zum zwölften Meilensteine ver olgte und dann nach rechts in eine Querstraße einlei kte, so befand man sich nach zwei römischen Meilen im Angesichte der Vtlle. Em nicht minder angenehmer Weg war der, welcher auf dem linken Ufer der Mosella
i) Beschr. v. Wilmowsky. „D. röm. Villa z. Nennig."
2) Metz. 3) Tawern.
9” a u- cs,« und ste webrte herbem Verlust wieder allgemeine Freude im
Er zog sie stürmisch an sein Herz, und Le weg i q Tribunen ein- und selbst Viklona rahm ihm nicht, als seine Lippen 1 2’ Äern Anthetl an dem frohen Familienereigmsse,
SSTÄ * 3SÄÄSÄ °»-»r -ä1*" ,*n 8li”" Me e» s° rafch gekommen war, wie er den Muth mnng hätte erwarten dürfen.
gehabt, so schnelle Entscheidung herdeizuführen, da-
servative (67) und Nationalliberale (74), zusammen 276 oder 59 Über die absolute Majorität. Diese „Kartellmehrheit" wird zweifellos auch fernerhin vorhanden sein. Die zweite Mehrheit bildeten Centrum (98) und Konservative (135), zusammen 233 oder 16 über die absolute Majorität. Der Mehrheit sehr nahe kamen noch: Nationalliberale (74), Freisinnige (42) und Centrum (98), zusammen 214, also 3 zu wenig, welche eventuell von 15 Polen hätten gestellt werden können. Diese Mehr- heit ist jedoch begreiflicherweise nicht in Funktion ^Ane'reine „Knobloch-Mehrheit" hatte da» Hau» nicht, da Nationalliberale (74) und Freikonservative (67) zusammen nur 141 Stimmen aufbrachten , also 76 zu wenig, die ohne Hilfe der größeren Hälfte der Konservativen nicht zu be- schaffen waren. , .
Mit dem vorigen Abgeordnetenhause kam das Ministerium sehr gut aus; was die eine Mehrheit nicht durchsetzen wollte, wußte die andere schaffen. So wird es im Wesentlichen wohl auch fernerhin sein, nur ist eins nicht ausgeschlossen, nämlich daß bei bedeutender Schwächung der Konservativen die central-konservative Mehrheit verloren geht. Em bedeutender Verlust wäre das immerhin, obwohl die Konservativen sich in der letzten Zeit so jämmerlich benommen haben, daß sie sich kaum noch von den Freikon.
I fervastven unterscheiden. Da zur „Knovloch- I Mehrheit" bisher 76 Stimmen fehlten, ist an die Erreichung einer solchen diesmal noch mcht zu denken, wenn nicht regierungsseitig die Pa- tole ausgegeben wird, überall statt der Konservativen Freikonservative und Nationallwerale zu unterstützen, und das dürste kaum geschehen.
Was die A u s si ch t e n der einzelnen Parteien betrifft, so ist es schwer, unter den gegenwärtigen Verhältnissen sicher oder nur annähernd sicher darüber zu urtheilen. Die Sitze des CentrumS sind mit einigen Ausnahmen fest; wenn der eine oder andere verloren gehen sollte, so würde er wahrscheinlich durch den einen oder anderen ersetzt werden, der den Gegenparteien, besonders den Nationalliberalen, abgenommen würde. Wenn die Centrumswähler ihre Pflicht thun, wird es an dem Erfolgs nicht fehlen.