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JV 222.

Mittwoch, den 26. September.

1888

Maer

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♦ Kaiser Friedrichs Tagebuch.

(Schluß).

Den Kulturkämpfern kommen die für uns Katho­liken interessanten Mittheilungen des Tagebuches Kaiser Friedrichs sehr ungelegen. Am meisten zeigt sich die »National-Ztg.' erbost über die schon be­sprochene Mittheilung vom 24. Oktober 1870, wonach Fürst Bismarck geäußert habe, daß er „nach Beendigung des Kriege« gegen die Unfehl­barkeit vorgehen wolle." Das Kulturpauker- Blatt nennt die Publikation dieser Mittheilung nicht nur indiskret, sondern bemerkt auch dazu: „Diese Angabe kann nur dazu dienen, den leiden­schaftlichen Str eit darüber, wer den k i r ch e n p o l i« tischen Kampf begonnen hat, wieder anzufachen und dabei dem Ultramontanismus eine Waffe zu liefern." Das Blatt wünscht also diese hochinter- effante Erklärung unterdrückt, die Wahrheit soll nicht an den Tag kommen, damit ja nicht die offiziösen Märchen über den Anfang des Kultur­kampfes gestört werden. Aber wie durch diesen einen Satz Licht über den Ursprung und die Ver- anlaffung des gegen die katholische Kirche unter­nommenen Kampfe» kommt, so wird später die Geschichte die Schuldfrage im Allgemeinen nach« weisen und da wird es fich zeigen, daß weder Rom, noch der deutsche Episkopat den Kampf veranlaßt, sondern daß derselbe zu ganz eigen- thümlichen, schon jetzt ziemlich aufgeklärten Zwecken von unseren Gegnern allein unternommen wurde.

Auf Seite 15 wird sodann im Tagebuch mit- getheilt unter dem 9. Oktober 1870, daß König Wilhelm die „ Jnfallibilität studire", gegen welche Fürst Bismarck nach dem Kriege vor­gehen wolle. Welche Hilfsmittel der König bei dem Studium dieses ihm fern liegenden katholischen Dogmas gebraucht hat, wird zu unferm Bedauern nicht angegeben. Hätte der König kathol. Schrif­ten zu Rathe gezogen, von einem kathol. Bischof sich Aufklärung über die Bedeutung des Glaubens­satzes geben laffen, so würde er sicher erkannt haben, wie unsinnig das Gerede der Katholiken­hetzer von der „Staatsgefährlichkeit" dieses Dog­mas war.

Jndeffen machte sich in Versailles der Ein­fluß des grimmigen Katholikenhaffers, des Ge- sandten Grafen Harry Arnim, geltend. „Harry Arnim, der Graf geworden" — heißt es unter dem 3. März 1871 in dem Tagebuch — sagte:

Mit Sichter des AlemNkMchs.

Historischer Roman von Antonie Haupt.

(30. Fortsetzung.)

Gerettet! Dem Herrn sei Preis! Biffula fühlte ein heißes, ein überwältigendes Dankgefühl für ihren muthigen Beschützer. Dem mächtigen Antrieb ihres Herzens folgend, eilte sie auf ihn zu und ergriff mit beiden Händen feine Rechte.

„Wie soll ich Dir danken!" stammelte sie in bebenden Lauten.

Er aber wich zurück, als habe eine Natter feinen Arm berührt.

„Ich will Deinen Dank nicht!" rief er heftig. „Nicht weil ich Dein Leben bedroht sah, töitete ich den Eber; nein, ich wollte den Wald nur von einem schädlichen Ungethüm befreien.

Einen Augenblick schwieg das junge Mädchen tief betroffen; bald aber gewann das edle Gefühl der Dankbarkeit wiederum den Sieg über die Empfindung des Gekränktfeins.

„Herr", fügte sie ruhig und würdevoll, „ich weiß nicht, welchen Grund Du hast, mich Deine Verachtung fühlen zu laffen. Doch ich weiß, daß nie, nie vergessen werde, daß ich Dir meine

der „Vatikan fei ein Narrenhaus und nicht der Sammelpunkt alles Scharf­sinnes." Harry Arnim war bekanntlich bei dem­selben Vatikan als preußischer Gesandter beglau­bigt, über welchen er ein so beleidigendes Urthell fällt. Schon solche Taktlosigkeit zeigt, weß Geistes­kind dieser Mann war, und was er mit dem Papst und der katholischen Kirche vorhatte, das zeigen seine Depeschen über da» Konzil, sein schmachvolle« Verhalten beim Einzuge der Revolutionäre durch die Bresche an der Porta Pia am 20. September 1870 und besonder« seine Broschüre „Pro nihilo“, worin er unter Verurteilung der preußischen Art de» Kulturkämpfe« wahrhaft diabolische Vorschläge zu einer schlimmeren Knebelung der katholischen Kirche in Preußen machte. Indessen hat Arnim, gegen den man den Hochverrat» - Prozeß durch­führte und der verurtheilt in’» Ausland floh und dort nach langen furchtbaren Leiden starb, seinen Lohn erhalten.

Der Mann, derIfich nicht scheute, den Vatikan ein „Narrenhaus" zu nennen, beging kurz darauf Narreustreiche, die ihn, den Allerweltsweisen, der Alles „besser verstand", al« Fürst Bismarck, in’s Verderben stürzen mußten. Jndeffen steht nicht fest, ob Arnim nicht doch diesem ober jenem seine Meinung über den Vatikan eingeflößt hat. Sonst würde man Rom nicht derart unterschätzt haben, wie das im Kulturkämpfe geschehen ist. Ein so despektirliches Urtheil über den Papst und seine Räthe mußte zu dem Kampfe gegen die Kirche er- muthigen. Denn mit Gegnern, die in’« „Narren- Haus" gehören, durfte man bald fertig zu werden glauben.

Neugierig sind wir, ob Harry Arnim auch im Vatikan sich so ausgesprochen. Wahrscheinlich nicht, im Gegenteil dürfte er hier stets voll An­erkennung, also der größte Heuchler gewesen fein. Er, welcher die kirchenpolitischen Pläne Pius’IX. für so staatsgefährlich hielt, daß er die ganze Welt dagegen auf die Beine zu bringen suchte, muß gleichzeitig im Vatikan Preußen als den größten Freund des heiligen Stuhles darge­stellt haben, denn nur so ist es erklärlich, daß der Papst kurz vor der Arnim'fchen Aeußerung „Auf­nahme in Preußen" zu finden hoffte.

Von nicht geringem Interesse ist die Mit­theilung über die, allerdings stark optimistischen Zukunftrpläne des Kardinals Bonnechose, Erz­bischof von Rouen, in Betreff der Lage de«

Rettung danke, und keine Beleidigung von Deiner Seite wird dieses Bewußtsein in mir tilgen."

„Unerträglich!" Der Franke stampfte mit dem Fuße und wandte sich zornig ab. Biffula sah, wie seine breite Brust mühsam nach Äthern rang. Nach einer Weile schlug seine Stimme wieder an ihr Ohr:

„Wenn Du durchaus Dankbarkeit bekunden willst," so sprach er leise zwar, doch mit scharfer Betonung, und fein Antlitz war bleich wie Mar­mor, „so danke Deinen Göttern, daß mein Speer nicht Dich an der Stelle des Ebers getroffen hat. Beim zermalmenden Hammer Donars, ich bürge nicht dafür, daß meine Waffe nicht statt eines Wildes Dir die Brust durchbohren wird, wenn Du mir wieder auf dem Pürfchgange in den Weg wirst laufen!"

Empörend! Glaubte dieser hochfahrende Franke wirklich, daß sie eine Begegnung mit ihm gesucht habe? Biffula preßte die feinen Lippen fest auf­einander, drehte ihm schweigend den Rücken und trat den Heimweg an.

Der Frankenkönig dagegen wandte seine ganze Aufmerksamkeit dem gefallenen Keiler zu. Nach einer Weile hob er da« Haupt und sah der Ent-

Papstthums. Der Autor des Tagebuches be­richtet, daß der Kardinal Bonnechofe am 14. Februar 1871 bei ihm gewesen, die Frage der Kontribution vorgebracht und dann auf die Lage des Papstes gekommen fei. Dann heißt es wört­lich: „Er hofft durch die Herstellung des Kaifer- thums dem Papste den ihm durchaus nöthigen Länderbesitz wiederzugeben und Italien auf Lom­bardei und Venetien zu beschränken, den König von Neapel und den Großherzog von Toscana wieder einzusetzen, für ersteres werde Ruß- land, für letzteres Oesterreich eintreten, während Deutschland durch seinen Kaiser die Revo­lution niederzuhalten wissen werde, so daß e« hierdurch gleichzeitig Frankreich einen Dienst er­weise, weil sonst sicher nach Abzug unserer Truppen Anarchie ausbreche. Auf meine Frage, wie denn das Alles zu bewerkstelligen fein solle, meinte er, durch einen Kongreß. Selbst Konvertit, spricht er milde über die Evangelischen."

Kardinal Bonnechofe setzt also in der römischen Frage noch Hoffnung auf Deutschland, während Fürst Bismarck schon damals gegen die Unfehl- barkeit vorzugehen gedachte. Indessen hatte der Kardinal in der That Grund zu dieser Hoffnung, denn in demselben Monate (Febr. 1871) hatte ja Kaiser Wilhelm zu einer Deputation rheinisch- westfälischer und schlesischer Malteser - Ritter ge­äußert: Seine Gesinnungen für den Papst als das kirchliche Oberhaupt feiner katholischen Unter» Hanen seien noch „stets dieselben". Er sehe in der Okkupation Roms einen „Gewaltakt", so­wie eine „Anmaßung von Seiten Italiens" und er würde nach Beendigung des Krieges in Ge­meinschaft mit anderen Fürsten „Schritte dagegen in Betracht ziehen". Freilich, als im Monate darauf der erste deutsche Reichstag er­öffnet wurde, betonte die Thronrede mit deut­lichem Bezug auf die Lage Italien» das Prinzip der Nichtintervention. Heute find unsere Gegner, wie z. B. die ,Post', schon so weit, daß sie die Zwangseinigung Italiens als den „größten Fort­schritt" unseres Jahrhunderts preisen, ja sogar die für den Papst beleidigende Behauptung nicht scheuen, derselbe protestire, blos durch die In­transigenten (Unversöhnlichen) gezwungen, gegen den Raub Roms.

Eigenthümlich berührt auch die unter dem 25. Dezember 1870, also am ersten Weihnachts­tage verzeichnete Aeußerung des Kaiser Friedrichs: fliehenden nach; dieser Anblick schien seinen Ent­schluß zu ändern. Rasch zog er die Lanze au» >em Körper des Thieres, und einige Schritte brachten ihn an ihre Seite.

„Du willst wohl mit Gewalt die Zähne galli- cher Raubthiere kennen lernen, daß Du Dich ohne chützende Begleitung zur Heimkehr anschickst?" redete er sie zürnend an.

~ „Die Krallen und Zähne wilder Thiere find das Schlimmste nicht, dem ich entfliehen möchte," ent­gegnete sie erregt mit fliegendem Äthern.

„Ja es gibt schlimmere Feinde als Bären urb Eber: es gibt finstere Gedanken, tödtliche Kämpfe n der eigenen Brust, denen man nicht entrinnen ann," sagte der Franke in eigenthümlich gepreßtem Tone leise vor sich hin. Laut fügte er hinzu:

„Bis wir den Wald verlassen haben, stehst Du unter meinem Schutze; ich begleite Dich zum Saravus."

„So muß ich tiefe unwillkommene Begleitung Hüben, wie ich die nicht zu rechtfertigenden Kränk­ungen von Dir ertragen mußte," gab Biffula mit bebender Stimme zur Antwort. Zugleich beschleu­nigte sie ihre Schritte, um möglichst rasch den aufgedrungenen Beschützer los zu werden.