1888
JV 219.
Samstag, den 22. September.
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Erstes Blatt.
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* Gegen die Centrumswähler werden jetzt angestchts der bevorstehenden Landtagswahlen Drohung und Schmeichelei gleichzeitig in Anwendung gebracht. Es scheint auch sonst eine Aktion gegen uns in Vorbereitung begriffen. Anzeichen dafür liegen mancherlei vor. Das Hauptziel ist die Schwächung oder gar die Vernichtung unserer parlamentarischen Vertretung. Warum? Als diese früher so schwach war, da konnte man uns Alles bieten. Wir wogen ja nichts in der parlamentarischen Wagschale. Dr. Windthorst hat in Freiburg mit Recht so großes Gewicht auf die katholische Presse gelegt. Sie hat der Centrumsfraktion in der Vertheidigung von „Wahrheit, Freiheit und Recht" trotz vielfacher Gesängnißstrafen muthig und treu zur Seite gestanden. Gegen beide richtet sich deshalb die Aktion unserer zielbewußten Gegner. Von diesen wird das Centrum wie die katholische Presse als „Störenfried" hingestellt. Man sucht glauben zu machen, der ewige Friede werde für die Katholiken Preußens anbrechen, wenn diese Störenfriede beseitigt wären. Indessen, das sind die Predigten von Reinecke Fuchs, der wohl weiß, was er sofort thut, wenn man sich in die Falle begäbe. Rur die größte Kurzsichtigkeit kann das nicht merken. Die Rollen der Droher und der Schmeichler sind übrigens geschickt vsr- theilt. Von der Presse derselben Partei ergehen sich einige Blätter in der Drohung mit einem neuen Kulturkampfs, wenn wir weitere Rechte re- klamiren und unsere Forderungen wegen der „römischen Frage", der Schule und der Jesuiten nicht einstellen, andere wieder schwören fast ihr nationalliberales Kulturkämpferthum ab
Die Tochter des ^laminatnliiitiigs.
Historischer Roman von Antonie Haupt.
(27. Fortsetzung aus dem zweiten Blatte.)
In aufrechter Haltung stand Viktoria ihm gegenüber, die leidenschaftlichen dunklen Augen starr auf sein Antlitz geheftet. Wortlos deutete sie auf einen Ruhesitz. Nachdem man Platz genommen, begann der Prätor:
„Vergib, wenn ich zur Begründung von Sem- pronius' Ansinnen etwas weitschweifig werde. Während der Hof gestern den CirkuSspielen zusah, benützte Dein Verlobter die freie Zeit, um seinen Freund Hieronymus zu besuchen. Richt nach jener einsamen Felsenhöhle am jenseitigen Berges- abhange, wohin düs.r geflüchtet, um aller Slör- ung durch d.e Welt enthoben, ungehindert dem Verkehre mit Gott und dem eifrigsten Studium obliegen zu können, war er gezwungen, seinen Weg zu nehmen. Im nahen Thcle der Olivia steht ein Monasterium, dessen Grundstein der große Bischof Athanasius von Alixandrün im Anfänge dieses Jahrhunderts zur Zeit seiner Verbannung nach Treveris gelegt hat. Bet den frommen Anachoreten dieses Klosters verbringt Hieronymus je einen Tag
und laden gar die „patriotisch denkenden Katholiken" zu ihrer Partei ein. In der drohenden Rolle gefällt sich die alternde Magdeburger Ztg.', eins der giftigsten katholikenfeindlichen Organe, die besonders für alle Ablagerungen des „Evangelischen Bundes" dient, dagegen ist die Schmeichlerrolle einem „Hamburger Korrespondenten" übertragen, der über seine Romfeind- lichkeit sich hinreichend ausgewiesen hat. Die Droher verlangen, daß wir Katholiken alle unsere Herzenswünsche preisgeben, ja enen Verzicht auf Rückforderung weiterer Rechte Schwarz auf Weiß unterzeichnen. Rur dann, wenn ihr die euch jetzt gegebene „Probezeit" besteht, sag-n sie, sollt ihr in Ruhe gelassen werden; sonst aber droht man uns bereits einen neuen Kulturkampf an, der ja bet der „Mehrheit der Protestanten" im deutschen Reiche sehr leicht sei. Eine erniedrigendere Forderung, eine schlimmere Verkennung unsere» Rechtes auf Existenz und Freiheit der Kirche in Deutschland al» die Forderung einer solchen Generalquit- tung ist kaum denkbar. Wer mit solcher Frechheit uns entgegentritt, beweist nur, daß er bereits auf der Such« nach Scheingründen zu einer neuen Befehdung des katholischen Deutschlands und seiner Kirche ist. Eine solche Unverschämtheit muß dem Blödesten die Augen öffnen in Bezug auf das, was uns bevorsteht, wenn wir nicht fest und treu wie bisher zusammenstehen. — Und angesichts solcher Drohungen versprechen sich dann noch die Schmeichler einen E.folg? Man hält an der Erdichtung eitus „konservativen" „und demokratischen" Theilr" de» Centrum» fest. Ersterem schmeicheln die konservativen Blätter, letzterem suchen sich die Rationalliberalen in jüngsten Tagen zu näheren. Indessen es besteht kein Unterschied al» in der Phantasie der Gegner. Die Wahlen werden e» ja zeigen: einig und fest wie früher wird da» Centrum wiederkehren. Und nun erst gar die nationalliberale Selbsttäuschung, al» ob jemals „patriotisch-denkende Katholiken" für den exkulturkämpferischen Nationalliberalismus zu ködern seien. D-r nationalliberale Köder riecht schon von Weitem so stark, daß kein Gimpel auf die Leimruthe fliegt. Von einem Katholiken, der einem Nationalliberalen seine Stimme gäbe, würden die Spatzen auf den Dächern pfeifen: „Nur die allergrößten Kälber u. s. w."
Neben dem Centrum möchte man aber auch der katholischen Presse zu Leibe gehen. Daher der Woche in gemeinsamen religiösen Uebungen, und gestern, so thetlte man Sempronius mit, war einer der hierzu bestimmten Tage. Ec begab sich raher ohne Säumen in Begleitung eines gewissen Pontitian und einiger anderer gleichgesinnter Freunde nach den stillen Klosterzellen der Olivia'), re fanden jedoch bei ihrer Ankunft das Haus zänzlich menschenleer, da die Mönche zum Gottes- >ienst versammelt waren. Während ein Theil der ungen Männer bis zur Beendigung dieser Feier n den anstoßenden Gärten umherwandelte, ver- enkte Semproniu» sich in den Inhalt eines Buche», ras auf dem Tische lag. Es war diese» eine von >em Bischof Athanasius selbst verfaßte Lebens- ieschreibung seines Freunde«, de« großen Emfi-d- er« Antonius, der einst als reicher, zwanzigjähriger Jüngling in dem Tempel die Worte Jesu ver- ünden hörte: „„Willst Du vollkommen werden, o verkaufe, was Du hast, und gib es den Armen, dann komm' und folge mir nach."" Ec handelte nach diesen Worten und zog sich in die tiefste Wüste Aegyptens zurück, wo er den größten Sieg errang, nämlich den Sieg über fich selbst. Die
i) Nach einer Erzählung aus den Bekenntnissen des hl. Augustinus.
die unaushörlichen Denunciationen gegen katholische Redakteure und besonders gegen die paar Geistlichen darunter. Da man den Laien-Redakteuren nicht gut beikommen kann, so denuncirt man die wenigen Priester, um sie mit Hilfe der Bischöfe au» der Stellung zu drängen, in welche sie in Folge Absetzung au» dem Seelsorgeramt hineingezwungen worden sind. Indessen auch in dieser Spekulation werden sich unsere Gegner täuschen. Selbst wenn ihr Druck, von Anderen unterstützt, einen Erfolg hätte, an die Stelle der Verdrängten würden Andere treten, um für „Wahrheit, Freiheit und Recht" mit derselben Energie einzutreten.
Die gegenwärtige Lage aber mahnt Alle, die Augen offen zu halten. Jeder muß in seiner Sphäre den Beweis liefern, daß die Spekulationen der Gegner eitel sind. Am Hohn unserer Gegner würde es im entgegengesetzten Falle sicherlich nicht fetten. —
Deutsches Reich.
Berlin, 21. September.
* Se. Heiligkeit Papst Leo XIII. hat an den Präsidenten der diesjährigen Generalversammlung der deutschen Katholiken in Freiburg, Herrn Rechtsanwalt Müller in Koblenz, folgende« Schreiben gerichtet:
Geliebter Sohn! Gruß und Apostolischen Segen!
Die Verhandlungen der jüngst in Freiburg abgehaltenen, so zahlreich besuchten Katholiken - Versammlung, über deren Verlauf Du, geliebter Sohn, im Namen so vieler hervorragender Männer Deutschlands Uns unverzüglich Mittheilung machen ließest, legen ein wirklich herrliches und bemerkenswerthes Zeugniß ab von der unbesiegbaren Glaubenstreue, der außerordentlichen Charakter- sestigkeit und Unerschrockenheit, von welcher alle des christlichen Namens wahrhaft würdige Männer beseelt sein sollen, wenn es gilt, die höchsten Güter der Religion zu vertheidigen und zu schützen. Sodann waren auch diese so großartigen und so bedeutsamen Kundgebungen Uns ein wohlthuender und sehr erwünschter Trost inmitten der Bedrängnisse und Sorgen, welche in dem langwierigen und gefahrvollen Kampfe, den die Kirche zu bestehen hat, gar drückend auf uns lasten. Wir sind zwar, soweit Unsere Kräfte reichen, auf jede Weise bemüht, das schon seit langem wider alles Recht dem Römischen Papste auferlegte Joch der Knechtschaft von Uns abzuschütteln, können aber gleichwohl kein Mittel zu diesem Zwecke für geeigneter erachten, als wenn um einer so großen Sache willen die einmüthige Begeisterung der katholischen Völker und der Eifer aller Gleichgesinnten sich öffentlich kund gibt. Sehr freut es Uns, daß man durch Gottes Gnade schon damit begonnen hat. Ihr, geliebte Söhne, fahret fort, in dieser Gesinnung und Ergebenheit, welche Ihr gezeigt habt, standhaft und zuversichtlich zu verharren.
Erzählung von dem Leben und Wirken des großen Anachoreten ergriff unfern Semproniu» so mächtig, daß er sogleich mit dem ihm eigenen ungestümen Feuer in die Worte ausbrach: „ „Saget mir doch, nach welchem Ziele streben wir mit all' unserem Bemühen? Was suchen wir? Weßwegen stehen wir im kaiserlichen Dienst? Kann e» für uns eine größere Aussicht bei Hofe geben, als Freunde des Kaisers zu fern? Welche Gefahren aber birgt die» zweifelhafte Glück, und durch welche Wagnisse gelangt man eist dazu! Will ich jedoch ein Freund des Allerhöchsten werden, so werde ich es gleich."" Als Hieronymus eintrat, war des Freundes Entschluß bereits zur Reife gehrngt; denn er empfing ihn mit den Worten: „„Ich habe mich jetzt von allem irdischen Hoffen und Streben losgeriflen, ich will Gott dienen von dieser Stunde an; und hier an dieser Stelle beginne ich."" Alle Vorstellungen de« bestürzten Philosophen, daß ec fich erst eingehend prüfen möge, ehe er seiner Laufbahn entsage, waren fruchtlos; Sempronius verharrte bei seiner Absicht, sogleich im Monasterium zu bleiben. Ec ersuchte sogar den Freund, zu Dir, zu seiner Braut zu gehen und Dich zu fragen, ob Du ihm das bindende Wort zurückgeben, ob