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Dienstag, den 18. September.

1888

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Deutsches Reich.

Berlin, 17. September.

* Der ,Wests. Merkur' hat in ein Wespennest gestochen, als er vor einigen Tagen sich gegen die Kandidatur jedes Landrathes als Vertreter zum Abgeordnetenhaus« aussprach — ein Beweis, daß bei den bevorstehenden Landtagswahlen der Versuch wiederholt werden soll, die bisherigen Cen- trumrvertreter durch „gut-katholische Land- räthe" zu verdrängen. Mag ein Landrath noch so „gut-katholisch" sein, das katholische Volk wird ihn nicht wählen. Mit Recht sagte man schon zu bett Septennatswahlen: Je besser der Land­rath sei, um so weniger solle man ihn durch eine Wahl in die parlamentarischen Körperschaften in Verlegenheit bringen. Man denke sich nur einen entschieden katholischen Landrath bei der Verhand­lung und Abstimmung über den Wtndthorst'schen Schulantrag, oder — um auf Vergangenes hin- zuweisen — bei der Abstimmung über das Schul» lasten-Gesetz und die damals im Vordergrund ste­hende Verfasiungsfrage I Das Schauspiel, welches bei dieser Gelegenheit die Landräthe der konserva­tiven Fraktion geboten haben, sollte wahrlich schon davon abhalten, katholische Landräthe einer ähn­lichen unhaltbaren Lage auszusetzen. Und dann ist es einfache Pflicht der Dankbarkeit, den bewähr­ten Kämpen für Wahrheit, Freiheit und Recht auch fernerhin, soferue sie nur selbst es wünschen, das Vertrauen des katholischen Volke» zu bewahren.

* Die deutsche Kolonialgesellschaft hat bekanntlich durch ihren in Wiesbaden versammelten Vorstand der sogenannten Emin-Pascha-Expedition ihre Unterstützung zugefichert und öffentlich die Na­men de» Kaiser» und de» Fürsten Bismarck zur Empfehlung dieses Unternehmens in Anspruch ge­nommen. Auch Herr v. Bennigsen ließ seine Zu­stimmung erklären. Die Befreiung Emin Pa­schas ist Hauptzweck des Unternehmens. Es soll „durch Verschiebung deutscher Stationen im deut­schen ostasrikanischen Interessengebiet" eine Verbind­ung mit Wadelet, der Residenz Emins, hergestellt werden, d. h. unsere „Colonie" in Ostaftika soll mit dem Sudan in Verkehrs» und Handelsbezieh­ungen gesetzt werden. Emin Pascha ist der in Oppeln geborene Dr. Schnitzer. Daß die Stan­ley'sche Expedition au» Nächstenliebe und zur „Befreiung" Emin» auszog, glaubt j tzt kein Mensch

Air Sochtkt to AlmmmMnigs.

Historischer Roman von Antonie Haupt.

(22. Fortsetzung.)

Noch waren die Schranken geschloffen, und die prächtigen Rennpferde scharrten ungeduldig mit den Vorderhufen den Boden. Ein Wink des Cäsar», und fröhliche Musik ertönte; zugleich flattert da» bekannte weiße Tuch, dir Mappa, hinab auf die Bahn. Auf diese» Zeichen öffnen sich die Gitter und vier edle Viergespanne mit leichten zweiräderigen Wagen brausen gleichzeitig in die Bahn. Hochaufgertchtet stehen die Lenker auf den Wagen, in der Hand die Peitsche, die Zügel am Gürtel befestigt, bekleidet mit einer kurzen, am Oberkörper festgeschnürten Tunika ohne Aermel, auf dem Kopfe eine helmartige Kappe, im Gürtel ein Master, um nöthigenfall« die Zügel durchschneiden zu können. Die Tuniker der Lenker, die über die Wagen hängenden Tücher, sowie die Geschirre der Pferde scheiden sich in die herkömmlichen vier Farben der Faklio: blau, grün, roth oder weiß, und ebenso wie bei Den öffentlichen Rennen bilden sich auch jetzt sofort Parteien unter den Zuschauern für diese oder jene

mehr. Stanley wollte Wadelai und da» Seegebiet auf dem Wege dahin den deutschen Konkurrenten weg schnappen, und nun, da sein Unternehmen in Folge de» ungedeckten Rücken» gescheitert ist, rü­stet man fich deutscherseits das n o ch freie Gebiet in Gewalt zu bekommen. Die Führung jener Expedi­tion wurde dem Dr. Karl Peters unter Mitwirkung des Lieutenants Wismann übertragen. Wir können die abweisende Haltung, welche die .Freisinnige Zei­tung' gegen das Unternehmen einnimmt, nicht bil­ligen, wenn wir auch anderseits vor übertriebenen Hoffnungen in dieser wie in allen ostafrikanischen Colonialsachen warnen müssen. Eine nationale Angelegenheit ist es immerhin, sei es nun, daß Emin Pascha gerettet wird, sei es, daß jene Ge­biete für Deutschland gewonnen werden. Doch ist e» dringend räthlich, sich dabei mit England güt­lich zu vertragen. Auch seien Privatleute von mittlerem Vermögen davor gewarnt, fich an sol­chen Unternehmungen mit ihrem Gelde zu bethei­ligen. Das ist Sache des Reiches und wo diese» nicht mitwirken kann oder will, ganz reicher pa­triotisch gestnnter Leute, wie de» hohen Adel» oder der Großkaufleute.

* Die Ernennung de» konservativen Abg. v. Maltzahn zum Sekretär im Reichsschatzamt gilt einmal als eine Belohnung der Konservativen, dann aber auch als ein Mittel, diese Partei für weitere Steuerprojekte zu gewinnen. Herr v. Maltzahn, in seiner Haltung versöhnlich, als Redner nur mittelmäßig, hat fich in kirchlicher Beziehung al» strenger Orthodoxer der Stöcker'schen Richt­ung erwiesen, al» Parlamentarier dagegen war er stet» zu den weitgehendsten Bewilligungen bereit, denn er stimmte selbst für da» Branntweinmonopol, al» die Sache schon ausstchtslo» war. Seit Jahren Vorfitzender der orthodoxen Augustkonferenz, trat er feiner Zeit entschieden für das Sperrgesetz ein, weil es der kathol. Kirche direkt zu Leibe gehe, ohne der evangelischen zu schaden. Das hatte dann die laute Freude des Fürsten Bismarck zur Folge, daß er „endlich einmal von der konser­vativen Seite des Hauses ein freies, freudiges Bekenutniß zu unfernt Evangelium der Reformation gehört habe." Der Reichskanzler erblickte zugleich in jenes Rede Maltzahn» für das Sperrgesetz eine Brücke zur Wiederanknüpfung der alten Beziehungen zur konservativen Partei. Die Nationalliberalen machen, da ihr Bennigsen nur Oberprästdent

Farbe, oder vielmehr für die adeligen Vertreter derselben.

„Dreißigtausend Sesterzen für die Rothen!" ruft ein Senator.

„Ich halte die Wette; mein Landhaus für die Blauen!" so ein treverischer Patrizier.

In rasender Eile fliegen die Gespanne dahin, von Staubwolken eingehüllt. Ein „Enge" aus tausend Kehlen, — die erste Wendung ist umkreist.

„War gilt die Wette, Florus der Weiße bleibt Sieger!" so klingt es au» schönem Munde.

„Sprächest Du wahr, Petronia, so wäre diese goldene Spange Dein!" ruft eine junge Dame dagegen. „Seht nur, wie kühn Metellu» seine Rosse fallt!"

„Trägt Metellu» der Grüne den Sieg davon, dann, Fontana, soll mein goldener Sttrnreif Dir gehören!" lautet Petronia'» Antwort.

„Beim Nix, ich glaube, Sucht» Tutor bleibet schon um eine Pferdelänge zurück," ertönt ein Schocken«ruf.

„Vorwärts Klasfiku» I" sucht eine Anzahl junger Männer den Freund zu stacheln.

Der Boden dröhnt unter den Hufen, die Peit­schenhiebe knallen, die Werten steigen höher, die Augen der Zuschauer funkeln vor Aufregung.

geworden, zu der Maltzahn'schen Ernennung eine um so sauerere Miene als der Neuernannte ohne verherige Praxis in den Finanzen vom Assessor Minister geworden ist. Dafür dürften es aber die Konservativen an Dankbarkeit bei neuen Steuerprojekten nicht fehlen lassen.

* Die bevorstehende Reichstags-Session dürfte in sozialpolitischer Beziehung äußerst wichtig werden. Außer der Alters- und Jnvalidenver- stcherung find auch noch andere sozial-politische Vorlagen angekündigt, so die schon längst in Ans- ficht gestellte Novelle zum Unfall-Versicherungs­gesetz von 1884. Vom Centrum wird außerdem, wie der Abg. Hitze in Freiburg ankündigte, der Antrag auf Einführung eines Maxi mal-Ar­beit» tag es für den Fabrikbetrieb wiederholt und zugleich gefragt werden, welche Stellung der Bundesrath nun endlich zu den vom Reichstage mit so großen Mehrheiten angenommenen Gesetz- Entwürfen über die Beschränkung der Frauen- und Kinder-Arbeit in Fabriken und über die Sonntagsruhe einzunehmen gedenkt. Seit Jahren faßt der Reichstag in diesen Materien Beschlüsse über Beschlüsse, ohne daß der Bundesrath den­selben zustimmt. Wenn derselbe wenigstens schon während der Berathung erklären wollte, wir können das und da« aus den und den Gründen nicht annehmen, oder es müßte so und so gemacht werden, so könnte viel Zeit und Arbeitskraft ge­spart roerö n. Das jetzige schweigsame Verhalten des Bundesraths während und nach der Berathung ist geradezu unbegreiflich und muß int Auslande ganz merkwürdige Begriffe erwecken von der Rück­sichtnahme, die dem deutschen Parlamente gezollt wird. Das Centrum wird übrigen» dafür sorgen, daß die Arbeiterschutzfrage nicht von der Tage» - Ordnung de« Reichstage» verschwindet. Schließlich muß doch auch in Deutschland Recht werden können, wa» in andern Staaten nicht zum Nachtheile, sondern zum Heile der Industrie zum Theil schon seit Jahrzehnten Rechten» ist.

* Staatssekretär Graf Herbert Bismarck, der gestern von Friebrichsruh hier eintraf, um einer Gnladung zum Diner im Schlosse Folge zu leisten, hat fich heute früh zum Grafen Schuwalow nach Rußland begeben. Gestern wurde Graf Bis­marck vom Kaiser in Audienz empfangen.

* München, 17. Sept. Der Prinz - Regent Luitpold ist heute nach der Rheinpfalz gereist.

„Mir dünkt, Petronia gewinnt die Wette; Florus ist den Andern vor," wendet Lydia fich lächelnd an Bissula. „6c zeichnet sich durch hohen Adel aus; fein Urahne war der Treverer Julins Florus, der Hauptanführer eines frühen natio­nalen Aufruhrs gegen die Herrschaft Roms.l) Klaffikus, der junge Mann in rother Tunika, mit dem scharfen Blicke und dem bleichen Antlitze, steht ihm an hohem Ansehen, an Adel und Retch» thum nicht nach; er ist ein Nachkomme des aus­gezeichneten Helden Julius Klaffikus, der im da- tavifchen Freiheitskriege,*) jener letzten großen Schilderhebung der Treuerer zur Wiedererlangung ihrer alten Freiheit, fich unsterblichen Ruhm er­warb. Ganz Treveris kennt auch den kühnen Reiteroffizier Lucius Tutor, welcher die Qua­driga der Blauen lenkt; auch er ist ebelen Ge­schlechtes , beim er nennt stch einen Abkömmling bes Julius Tutor, besten Helbenruhm int bata- vischen Freiheitskriege eben so groß war, al» ber be» Klasfiku«."

Da« Geschrei ber Menge übertönt bie Worte der jungen Treverin. Zum sechsten Male nähern sich die Gespanne den Zielsäulen, Florus unb

') Im Jahr- 21 n. CH.

2) Im Jahre 69 n. CH.