M 210.
1888
Mittwoch, den 12. September.
Alter W ^kiliiz.
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Erstes Blatt.
Schlußrede des Abgeordneten Dr. Windthorst,
gehalten in der Sitzung der sünfunddreißigsten General-Versammlung der deutschen Katholiken in
Freiburg am 6. September 1888.
Staatsminister Dr. Windthorst (von lebhaften Beifallsrufen begrüßt): Den verehrten Herren, die jetzt und jedesmal, wenn ich Gelegenheit hatte, hier in Thätigkeit zu treten, mir ein so freundliches Willkomm zurufen, sage ich aufrichtigen und herzlichen Dank. Ich würde gar nicht in der Lage sein, so viele Auszeichnungen hinzunehmen, wenn ich nicht wüßte, daß dieselben entspringen aus der Sympathie für die heilige Sache, für die wir eintreten, und daß Sie in mir ehren wollen die Centrumsfraktion, die nun schon so lange für ganz Deutschland in dem Kampfe steht für die Rechte und Interessen unserer heiligen Kirche. In diesem Sinne allein, wie gesagt, kann ich diese Auszeichnung annehmen, in diesem Sinne danke ich herzlich dasür.
Hochwürdigster Herr Erzbischof, hochverehrte, hochansehnliche Herren I Wir kommen zum Schluffe unserer Versammlung, und da ziemt es sich, einen Rückblick zu halten auf das, was in diesen Tagen hier vorgegangen, eine Umsicht nach dem, was daraus wohl entstehen könne. Es handelt sich darum, gewiflermaßen das Facit zu ziehen. Eine derartige Arbeit ist immer etwas trocken, etwas ernst und reißt nicht zu der Begeisterung hin, die sonst Gegenständen, wie rott sie verhandelt haben, leicht entlockt werden kann; aber sie ist jedenfalls nicht ohne Nutzen, da wir uns dann recht klar sind, was wir gethan haben und ferner noch zu thun genüthigt sind. Ich meine nun, daß das Generalfacit dieser Versammlung dahin zusammengefaßt werden kann, daß die Versammlung eine der großartigsten Manifestationen des katholischen Deutschland ist, die in den letzten Jahren vorgekommen sind. (Beifall, Bravo I) Ich habe recht vielen Versammlungen beigewohnt; keine hat diese übertroffen. Und das zu konstatiren ist um so wichtiger, als von keiner vorher so skeptisch geurtheilt worden ist wie von dieser. Man meinte, das Terrain, auf dem wir hier stehen, sei nicht geeignet — es waren unsere Gegner, die das sagten — die badischen Katholiken würden uns abweisen, sie hätten ganz andere Ideen als wir, folgten unserer Anschauung nicht und wollten — das war für mich noch eine ganz besondere Ehre — mit dem Windthorst absolut nichts zu thun haben. (Heiterkeit.) Die Herren haben ihre Landsleute schlecht gekannt. Sie kennen das Terrain nicht und wiffen nicht, wie tief und wie fest auch in dem badischen Lande die katholischen Herzen für ihre katholische Kirche schlagen (Bravo!), und wenn sie nicht zu jeder Zeit in derselben lebendigen Weise diese ihre Gefühle zum Ausdruck gebracht haben, so liegt das vielleicht daran, daß sie nach langem Ringen glaubten, es sei fruchtlos, es könne doch nicht durchdringen gegenüber den kompakten Verhältnissen, die sich hier gebildet hatten. Meine Herren, ich hoffe, daß diese unsere badischen Freunde, nachdem sie gesehen, wie sie ganz noch zu dem alten katholischen Körper gehören, nachdem sie gesehen, wie aus weiter Ferne die Katholiken hierher strömen und sich ihnen anschließen, nachdem sie gesehen, daß sie nicht isolirt sind, nicht muthlos zu sein brauchen. Sie dürfen nur ernst und fest die Arbeit in die Hand nehmen und Sie werden unter allen Umständen dann bessere Geschäfte machen, als es bisher geschehen ist. (Bravo!) »Nur Courage, nicht verzagen, immer sind die Freunde nah." Das ist ein Spruch, der in einem Opernchor gesungen wird. Ich möchte ihn jetzt auch als Devise auf den Bericht schreiben, den wir über unsere Versammlung zu erstatten haben. „Rur Courage, nicht verzagen, immer sind die Freunde nah." (Bravo!) Aber ich bin der Meinung, daß die Herren in Baden nicht verzagen, an keiner Stelle im schönen badischen Lande, am wenigsten aber in dem schönen Schwarzwalde. Ich habe schon bei einer andern Gelegenheit in diesen Tagen gesagt ober erzählt, daß mein großer Lehrer Thibaut in Heidelberg, wenn er schwierige Materien des Rechts vorzutragen hatte, immer auf den gesunden Menschenverstand der Schwarzwälder Bauern eremplifieirte. Ich bin in Folge deffen in den Schwarzwald gekommen und habe diese wackeren, tüchtigen deutschen Männer kennen gelernt und ich habe gesunden, daß der alte Thibaut vollkommen Recht hatte. Sie haben einen solchen Rechtssinn, eine so feste Auffassung, einen so gesunden Menschenverstand, daß ich glauben darf, sie hätten zehn Jahre Jura fiudirt. (Heiterkeit.) Ich möchte diese meine Standeegenoffen — so nenne ich die Herren — (Heiterkeit, Bravo I) ersuchen, die Verhandlungen, die hier stattgefunden haben, die betreffenden Paragraphen der Verfaffung und alles dasjenige zu lesen, was rott in Preußen im Kulturkampf manchmal gehabt haben, und
ich werde mit Ihnen gemeinschaftlich den Herrn, die anders denken, eine Pandekten-Vorlesung über diese Angelegenheit halten. (Lebhafter Beifall.) Meine Herren: „nur Courage, nicht verzagen, immer sind die Freunde nah!" Und da bin ich so glücklich, Ihnen aus meiner innersten Ueberzeugung zu sagen, daß Sie einen mächtigen, einen entscheidenden Freund in unmittelbarster Nähe haben. Und dieser Freund, auf den ich Sie hier Hinweise, ist kein Geringerer als Se. Königliche Hoheit der Großherzog von Baden. (Lebhafter, stürmischer Beifall und Hochrufen.) Meine Herren! Wir haben in jüngster Zeit gesehen, wie ein Anlauf genommen worden ist, um die Verhältniffe der Kirche in Baden zu bessern. Diese Initiative verdanken wir Seiner Königlichen Hoheit und Ihm allein. (Bravo!) Das weiß ich bestimmt. Und wenn seine hochherzigen Intentionen nicht zur Erfüllung gekommen sind, so verdanken Sie das einer Mehrheit, die Ihrem Großherzog nach meiner Ueberzeugung entgegengetreten ist. (Sehr richtig!) Wenn die Wahlen wiederkommen, so wählen Sie Männer, die Ihre Rechte voll und ganz vertreten, schaaren Sie sich um Ihren Landesherrn, der ein warmes Herz für alle feine Untertanen hat. (Bravo !) Und Sie werden dann mit ihm das erreichen, was er zu einer andern Zeit schon hat erreichen wollen, was ihm aber auch da verdorben ist, als man mit Rom sich geeinigt hatte. Meine Herren, die Gelehrten von Karlsruhe werden Ihnen aus- einandersetzen, man wolle Sie in das Dunkel führen ; man wird Ihnen wieder sagen, die Frohnden sollen hergestellt werden, und was das nicht alles für Gespenster mehr sind. Darum handelt es sich gar nicht, meine Herren! Die Katholiken ganz Deutschlands sind von Hause aus — wenn sie's nicht aus Ueberzeugungskraft thäten und thun müßten — die geborenenFreunde der Frei- heit und die geborenenFreunde des Volkes. (Bravo!) Denn wie die Dinge sich nun einmal gestaltet haben, ist nut in dem katholischen Volke noch eine feste Basis, und von dieser Basis aus allein können die Rechte wieder erobert werden, die uns allmählig entzogen worden sind. (Bravo!) Darum müssen Sie für die Freiheit des Volkes und für das Volk selbst eintreten. Aber das ist nur ein eigennütziges Interesse; die Ueberzeugung aber bleibt die Hauptsache und die Pflicht. Und wenn Jemand berufen ist, in der Oeffentlichkeit zu wirken, so hat er vor allem die Pflicht, für das Volk einzutreten, für seine Interessen, für sein Recht und für feine Freiheit. (Bravo!) Und wenn die Leute Ihnen ferner sagen, wir hätten Ihnen gar nichts zu Bieten, gar nichts für Sie zu thun, als bloß kirchliche Fragen zu behandeln, so irren die Herren wieder. Lesen Sie die Verhandlungen, die wir in Berlin gehabt haben jahraus, jahrein; Sie werden finden, daß überall, wo es sich um die Rechte und die Freiheit deS Volkes handelt, um feine Interessen und die Lösung der sozialen Frage und alles, was damit zusammenhängt, die Centrumsftaktion in der vordersten Reihe stand. Und wenn man allerdings in die Nothwendigkeit kam, in den letzten Jahrzehnten, viel und oft von der Kirchenfrage und nun in der Folge mehr von der Schulfrage zu sprechen, so ist das deßhalb nvthwendig, weil es gewissen Koterien gelungen ist, auf diesem Gebiete uns aus dem Felde zu schlagen, und weil wir der Meinung sind, daß ohne eine freie Kirche die Freiheit des Volkes niemals gewahrt werden kann. (Bravo I) Wenn wir also mit diesem wesentlichen Mittel Sie öfters unterhalten müssen, so ist es deßhalb, weil die anderen Ihnen dieses Mittel entzogen haben oder entziehen möchten. Und wenn Sie wählen, so wählen Sie die Leute, welche für die kirchliche Freiheit und für eine gute Schule eintreten, auch in gleichem Maße für Wahrung der Freiheit des Volkes, seiner Rechte und Interessen, und von den Frohnden wird niemals mehr die Rede fein. DaS ist nach meiner Ansicht eines der wesentlichsten Resultate, die in diesen Versammlungen erreicht worden sind, daß das jetzt ein wenig mehr zum Bewußtsein gekommen ist und baß unsere Freunde auch in diesem Theile Deutschlands das Gefühl bekommen haben, sie gehören einem großen, geschloffenen Körper an, der bereit ist, einzutreten für Ihre Rechte wie für die Rechte aller Katholiken, und, wie ich hinzufüge, aller Deutschen ohne Ausnahme. (Bravo!) Die Protestanten gläubigen BekenntniffeS können an bet Centrumsfrattion vollkommen theilnehmen, sie werben nichts barin finben, was irgendwie verletzt, unb es ist in bet That seit ihrem Bestehen ein guter Theil tüchtiger, gläubiger Protestanten in ber Mitte biefer Fraktion gewesen, unb sie haben uns große nnb wichtige Dienste geleistet. (Bravo!) Das ist anscheinenb hier gar nicht bekannt, unb da: um habe ich geglaubt, es wäre sehr gut, bas zum Bewußtsein zu bringen, bamit auch biefer Wahn verfliege, daß etwas Intolerantes in dieser Centrumsfraktion fei. Nein, gar nicht; wir sind tolerant gegen Jedermann; Jeder kann deßhalb auch zu uns kommen. Aber allerdings muß er die wichtigsten Prinzipien des Rechtes anerkennen; mehr verlangen wir gar nicht. Wer die Herren kennen lernen
will, die zu uns gehören, dem werde ich es gerne sagen, wenn er mir Gelegenheit dazu geben will, und ich kann Ihnen sagen, daß die Zahl derer, die außen stehen, noch viel größer ist. Ich stehe mit einer ganzen Zahl der tüchtigsten und ausgezeichnetsten Protestanten in persönlicher Verbindung, und sie gehören ganz und voll den Bestrebungen an, die wir haben, ohne Katholiken werden zu wollen — da« fällt ihnen nicht ein; aber sie sehen ein, daß für alle Deutschen gleiches Recht, gleiche Berechtigung auf allen Gebieten, nothwendiz ist, sie finden, daß ohne eine derartige volle paritätische Behandlung das Deutsche Reich auf die Dauer nicht bestehen kann. Und wenn ich nun auf das Deutsche Reich komme, so muß ich auch da wieder hervorheben, wie man uns auf die allerungerech- teste Weise beschuldigt, daß wir Reichsfeinde seien. Meine Herren, wir sollten Feinde des Vaterlandes sein?! Wir sollten nicht ebenso glücklich fein wie alle andern über den Ruhm und über die Kraft des Reiches?! Es wäre ja unnatürlich in jeder Art! Wir sind freilich nicht national- liberal. Allerdings ein großes Verbrechen! (Heiterkeit.) Und ich befinde mich mit meinen Freunden in der Sage, in fortgesetzter Ueberschreitung des Nationalliberalismus zu sein. (Heiterkeit.) Das ist nämlich eine Erschwerung bei Kriminalsachen. (Heiterkeit) Wir haben als ferneres Resultat, daß wir die Versammlung hier und alle Versammlungen haben halten können und gehalten haben ohne irgend jemals, auch nur mit einem Worte, die Mit- brüder deutscher Zunge, die anderer Konfession angehören, zu verletzen. (Bravo!) Ich würde tiefe Trauer empfunden haben, wenn irgend ein verletzendes Wort für unsere andersgläubigen Mitdeutschen hier gefallen wäre. Denn das ist gegen das katholische Prinzip, in irgend welcher Weise schmähend ober verletzend ober lästernd gegen Andersdenkende zu fein. Nun hat aber ein Blatt, das hier in Baden erscheint und anscheinend eine gewisse Autorität hat — ich weiß es nicht — die Landeszeitung in Karlsruhe, welche mir zugeschickt wurde, behauptet, daß die Erscheinung, daß wir hier nicht auf die Andersdenkenden schimpften, dadurch allein zu erklären sei, daß der Ratio- nalliberalismus uns bei verschiedener Gelegenheit nach Hause geleuchtet hat und wir gefürchtet hätten, das würde uns hier auch geschehen. (Hei-erkeit.) Ich muß sagen, ich habe hier nur Gelegenheit gehabt, mich glücklich und vergnügt zu finden; sonst würde dieser Passus mir ein herzliches Lachen abgerungen haben. M. H., wir sollten furchtbar fein?! Das ist uns gar nicht eigen. Ich versichere Sie, ich habe gar keine Furcht vor gar keinem Menschen und am wenigsten vor den Gelehrten der Lan- deszeitung und noch weniger vor denjenigen, die dahinter stehen. (Lebhafter Beifall.) Ich habe, glaube ich, die Ehre gehabt, manchen dieser Hintermänner im Reichstage in Berlin zu sehen. (Heiterkeit.) Ich habe sehr gern mit ihnen verkehrt, sehr liebenswürdige Leute, aber gefürchtet habe ich sie bis jetzt noch nicht. (Heiterkeit.) Sie sind dort auch ungeheuer viel zahmer, als in Karlsruhe. (Große Heiterkeit.) Sie sind dort auch gar nicht so liberal, wie sie sich hier geberden. Sie sind ur gemein beflissen, alles unb jebes, was gefordert wirb, zu bewilligen (Heiterkeit), tabeln uns recht sehr, baß wir irgenb eine Bemerkung bagegen mach n, unb erklären uns sofort für Rcichsfeinde. Also bie Gelehrten von ber Landeszeitung werben wissen, baß wir nicht aus Furcht vor ihnen, fonbern aus Prinzip unserer anbersbenkenben Mitbrüber unverletzt lassen. (Bravo 1) Mögen sie bas auch thun! Ich habe schon Bei ber Einleitung, wie wir uns Begrüßten, gleich gesagt, wir hätten keinen Schimpfparagraphen aufzuheben inöthig, weil wir für unsere Versammlungen einen bessern Stoff haben, als zu schimpfen, es scheint, baß biejenigen, welche solche Anträge stellen, außer bem Schimpfen keinen anbern Stoff haben. (Große anbauernbe Heiterkeit.) Also, meine Herren, Treue bem Landesherrn, Nächstenliebe für alle, Gerechtigkeit für alle, unb Eintreten für bie Rechte aller, bas ist bas, was wir hier haben bolumentiren wollen, unb ich benke, man wirb mich nicht widerlegen, man wird mir nicht beweisen können, daß hier in ber Hinsicht irgend etwas versäumt worden ist. (Bravo!) Es ist das auch begriffen worden, sonst würde ich es gar nicht erklären können, wie sich täglich bie Zahl unserer Genossen so hätte vermehren können; wie so viele, bie gar nicht zu uns gehören, boch auch sich unter die Zuhörer stellen, rote es möglich wäre, daß überall, wo wir gehen und stehen, Arme und Hände uns entgegenstrecken. Nein, m. H , einen liebevollem, einen freundlicheren Eytpfang, als er nur hier auf allen Straßen, in allen Hausern, bet allen Ständen zu Theil geworden ist, kenne ich nicht (Bravo!) — und wenn ich eine volle Freiheit über mich selbst hatte, ich roütbe wahrhaftig in dem schönen Freiburg meinen Wohnsitz aufschlagen (Lebhafter Beifall!), und um so lieber, als, wenn man mich hier einmal angriffe, ich an meinen Schwarzwäldern eine sichere Reserve hätte. (Heiterkeit). Nun, m. H., habe ich ein klein wenig noch einzugehen auf diejenigen, denen wir Dank schuldig sind für die Ziele, die wir bereits erreicht haben, unv da stelle ich nun nicht ohne Absicht diesesrnal an bie Spitze bie katho-