Samstag, den 8. September.
1888
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Erstes Blatt.
35. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands.
* Freiburg, 6. September.
VI.
Zur dritten öffentlichen Generalver- s a m m l u n g ist der große Saal der Festhalle zum Erdrücke« voll, die Tribünen sind mit Damen dicht besetzt. Präsident, Rechtsanwalt Müller, verliest bei der Eiöffnung folgendes Telegramm: „Der hell. Vater übersendet den dort versammelten Katholiken die besten Glückwünsche und ertheilt ihnen au» vollem Herzen den Apostolischen Segen. Ram- polla." Ferner ist ein Begrüßungstelegramm von der Versammlung der deutschen Katholiken in Cincinnati eingetroffen.
Erster Redner ist der Präsident der schweizerischen Pius-Vereine, Gerichtspräsident Wirz, welcher Grüße aus der Schweiz an die deutschen Katholiken überbringt. Der Glaubensmuth, die Opferkraft und die felsenfeste Treue hätten die Schweizer ermannt, die Versuche eines Kulturkampfs ab- zuwehrcn. Da Redner bei seinen Grüßen au» der Schweiz, unter Anerkennung des Opfermuthes der deutschen Katholiken im Kulturkämpfe, wiederholt den Namen Windthorst unter stürmischem Beifall der Versammlung genannt, nimmt der Präsident Müller zunächst Veranlassung, dem Schweizer Volke zu danken.
Excellenz Windthorst: Ich danke dem Redner aus der Schweiz für seine sympathischen Worte. Wa« aber die besonderen an mich gerichteten Worte betrifft, so gebühren dieselben nicht mir, sondern der Centrumsfraktion, die alles geleitet hat, was man mir hier und da zuschreibt. (Heiterkeit.) Ich kann versichern, daß es kaum in der Geschichte jemals eine parlamentarische Vertretung gegeben hat, die eine schwierigere Aufgabe zu lösen hatte und noch heute zu lösen hat. (Zustimmung.) Wer da glauben sollte, unsere Arbeit sei zu Ende, der irrt sich. Sie war niemals schwerer als heute. Im offenen Kampfe, in der Brandung findet man leicht die richtige Situation, dis richtige Stellung, das richtige Wort. Schwieriger ist es in dem Augenblicke, wo eine gewisse Ruhe eintritt, denn dann muß man stets daraus bedacht sein, daß man die Ruhe nicht stört. Ich bin von Süddeutschland und von Baden aus wiederholt gewarnt worden, nicht in Freiburg zu
Nie Lichter des AlmiMmkömgs.
Historischer Roman von Antonie Haupt.
(14. Fortsetzung.)
Der Augenblick war nun gekommen, in welchem die ersten der zum Tode verurtheilten römischen Verbrecher die Arena betraten. Zuerst mit athem- loser Spannung, dann mit teuflischem Wohlbehagen wohnte das Volk den nun folgenden Greuelszenen bei. Mehrere Stunden lang dauerte da» Gemetzel, bissen Schilderung allein un» mit Schauder und Entsetzen erfüllen würde. Die unmenschliche Zuschauermenge tobte und jauchzte in grausamer Aufregung so lange, bi» man da« letzte Opfer vermittelst eingeschlagener Hacken durch die Pforte de» Tode» [Porta libitinensis] in die L.ichen» kammer [da» Spoliatorium) geschleift hatte.
Während der nun folgenden großen Pause verließen der Kaiser, der Hof, sowie die gesammte vornehme Welt den Ort des Schreckens, um einen erfrischenden Rundgang durch die blumenduftenden, herrlichen Gärten zu unternehmen und in der angrenzenden Säulenhalle sich an Wein und Früchten zu laben. Das Volk aber benützte die hierzu ge-
erfcheinen, es werde mir nicht gut gehen. (Große Heiterkeit), ich würde zum Fiasko beitragen. Sehen Sie doch hier die Versammlung, die Schaaren, die aus der Schweiz und Elsaß-Lothringen gekommen find I Ihr Zionswächter von Baden, wo ist da» Fiasko? (Gro e Heiterkeit.) Wenn das ein Fiasko ist, dann möchte ich erst einen Triumph sehen. Die diesjährige Generalversammlung ist angefichts der Konstellationen, unter denen wir leben, die wichtigste, die jemals in Deutschland abgehalten worden ist. Ich habe aber die Hoffnung, daß die Empfindungen, denen wir Ausdruck geben, die Zwecke, die wir verfolgen, immer allgemeiner gewürdigt werden, und daß auch andere katholische Völker ganz in dieselbe Stimmung eintreten. (Beifall.) Die babylonische Sprachenverwirrung wird schließlich verschwinden vor dieser Einmüthig- kett und wird dem Gefühl weichen, das man hat, wenn man auf der Spitze de» Rigi den Sonnenaufgang erlebt. Ein solche» Schauspiel de» Sonnenaufgang» haben wir, indem wir sehen, wie wiederum an der Spitze der Kirche der hl. Vater e» ist, der seine Leuchte aufsteckt, vor der wir niederknien und uns beugen. (Stürmischer Beifall.)
Abgeordneter Hitze, lebhaft begrüßt, spricht über da» Thema: Christenthum und soziale Frage sind solidarisch, und behandelt dasselbe unter spezieller Berücksichtigung der Arbeiterfrage. Die foziale Frage sei Frage des Eigenthums und des Einkommens, des öffentlichen Arbeiterrechts und de« gesellschaftlichen Friedens. Es gelte, der Massen- armuth zu steuern, einen wirksamen Arbeiterschutz einzurichten, da» rechtlich-sittliche Verhältniß zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer wiederherzustellen, Hilfskaffen einzurichten, die Wohnungsfrage zu lösen, Acbeiterschiedsgerichte einzuführen. Redner bedauert, daß der sozialen Frage in den Schulen, in der TageSprefle, von hoch und niedrig, viel zu wenig Pflichtgefühl entgegengebracht werde. Besonders ersucht er den Klerus, sich der Lösung der sozialen Frage zu widmen, zu bedenken, daß das Christenthum die Arbeit geadelt, die Würde der Frau und Familie wiedergegeben habe. Man dürfe nicht ruhen und rasten, bi» diese Güter dem christlichen Arbeiterstande wieder errungen seien.
Pfarrer E i s e n r i n g aus Wangs (Kanton St. Gallen) spricht über die Schulfrage. Richt Centrum und Katholiken allein, sondern alle braven Christen müßten auf dem Boden des Windt- horsr'schen Schulantrages stehen. Wenn man die Schule von der Kirche losreiße, reiße man
botene Zett nicht, um sich draußen unter Gottes freiem Himmel oder in den nahen Schenken zu e quicken und zu stärken, denn keiner wollte den glücklich von ihm eroberten Platz verlassen, aus Furcht, der interessanteste Tyeil der Festspiele, der Gipfelpunkt, bei welchem die barbarische, gemeine Phantasie schon Tage lang verweilt, könne seinen Augen entgehen. Die mitgebrachten Erfrischungen wurden daher an Oct und Stelle unter lebhaften Unterhaltungen ausgepackt und verzehrt. Die im ganzen Zuschauerraum vertheilten Bildwerke sprühten verschwenderisch wohlriechende Flüssigkeiten über ihre Umgebung au», während die aufgewühlte, mit Blut übergossene Arena gereinigt und in eine liebliche Blumenau verwandelt wurde. Mich hochgradiger Erregung und Spannung sah man allenthalben der kommenden Tragödie entgegen; selbst in den Kreisen der dienstthuenden Soldaten machte stch eine gew sse Unruhe bemerkbar. Do.yphorian, der uu» bekannte Geheimsekretär de» Prätor», hatte die Gefangenen zu überwachen und die Vollziehung der TodeSurtheile zu beaufsichtigen; er ging scheltend und befehlend von einem zum andern.
nach den Worten Hermann v. Vicari's den Menschen lo» von Gott. Dte Lehrer, welche seiner Zeit die staatliche Schulaufsicht herbeigeführt hätten, würden jetzt mit den Ruthen gepeitscht, die sie früher geküßt. Dagegen sei der Pfarrer nicht bloß der natürliche Berather, sondern auch der Freund de» Lehrer» und könne demselben Achtung in der Gemeinde verschaffen. Im Namen de» Vaterlandes, dessen Seele das Christenthum ist, im Namen der Familie und im Namen der Frei- heit müsse man fordern, daß die Schule der Kirche zurückgegeben werde, denn die Schule gehöre der Kirche wie der Mutter da» Kind.
Professor Sch eich er aus St. Pölten (Niederösterreich) spricht über katholisches Leben und Versumpfung. Schlimmer al» der Kulturkampf, der die Katholiken mindesten» aufgerüttelt habe, sei die Versumpfung. Man könne sehen, wie der Klerus fich nach dem Augenwinken der Behörde richte, allen sozialen Mißständm gegenüber sich jedoch ruhig verhalte und dadurch seine Stellung im Volke erschüttere. Redner geißelte die heutige Wirthschaftsordnung, die den oberen Zehntausend alle Genüsse gebe, den unteren Klaffen aber nur Lasten auferlege. Eine solche Ordnung müsse geändert werden. Der Kleru» müsse stan dhaft bleiben und auf der Wacht stehen, sonst werde die gefährliche Versumpfung noch weiter um sich greifen.
Pfarrer Werber-Radolfzell spricht über die Bedeutung der katholischen Presse, deren Wichtig- keft vom Papste wie den Bischöfen wiederholt anerkannt sei. Papst Leo selbst habe die Presse al» nothwendige Unterstützung seine» apostolischen Amte» bezeichnet. Er sei daher Pflicht jede» Kathc- liken, insbesondere des Klerus, die katholische Presse zu unterstützen, sowohl geistig al» durch Abonnement und durch. Beseitigung der antikatholischen Presse. Redner schließt mit dem Gelöbniß, daß die katholische Pr.ffe Baden» die schwäbische Devise, Furchtlos und treu, stets aufrecht erhalten werde.
Nachdem noch Pfarrer Keller aus Gottenheim sich über die Zwangrmifchfchule verbreitet und dieselbe al» Schule der Unduldsamkeit und al» Vorschule der Sozialdemokratie charakteristrt hat, wird die Versammlung mit dem katholische Gruße: „Gelobt sei Jesu» Christus" um 8 Uhr geschlossen.
Nach der Versammlung fand eine prachtvolle Illumination de» Münsterthurme« und de» Schloßberger statt. Der Eindruck war unvergleichlich schön. Der Schloßgarten war mit Tausenden von Lampions iHuminirt. (Schluß folgt.)
„Ich möchte wissen, was der schlangenglatte, stutzerhafte Mensch mit dem langen Illyrier so Geheimnißvolle» zu verhandeln hat," flüsterte einer der Soldaten, welche in dem Gange zur Arena Posten standen, seinem Kameraden zu. „Wenn meine Augen nicht blöde geworden sind, so zeigte er ihm soeben einen vollen Beutel, und der Lange nickte dazu vergnügt im Einverständniß."
„Dein Scharfsinn ist nicht groß, mein Freund," entgegnete der Angeredete. „Du weißt doch, daß der braune Sohn Illyrien» die Todten in die Lsichenkammer schafft; wa» ander» kann der geldsüchtige kleine Stutzer von ihm verlangen, al» daß sein hakenbewaffneter Arm die tobte Königin rechtzeitig bei Seite bringe, auf daß er schnell den reichen Schmuck und die Juwelen, womit man ste behangen, fich selber aneigne I"
„Es ist jammerschade um da» schöne, helden- müthige Weib, daß e» so hartem Tod geweiht ist," brummte der Erste wieder. „Die besiegten Alamannen könnten zwar kein reiche» Lösegeld für ihre Fürstin zahlen, doch bin ich sicher, daß die fremden Handelsleute sie mit vollen Beuteln Golds» kaufen würden."