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J\g 201

Samstag, den 1. September.

1888

Die ,Fuldaer Zeitung' erscheint täglich, Sonn« und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf., mit der belletristischen Wochenbeilage ,Sterns und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M 75 Pf.

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Zweites Blatt.

SKRT Warum man keinen Landrath als Volks­vertreter wählen soll, dar ist eine Frage, deren richtige Beantwortung wohl bet den meisten Lesern vorausgesetzt werden darf, nachdem dieses Thema anläßlich der in den letzten Jahren stattgehabten Wahlen von den Cen­trumsblättern des öfteren ausführlich genug er­örtert worden ist. Da indessen trotz aller War­nungen immer wieder der „Herr Landrath" als Wahlkandidat auftaucht, — so muß auch die Presse immer wieder ihre Warnungsrufe erneuern. Die bevorstehenden Herbstwahlen zum preußischen Landtage beschäftigen die Blätter unserer Pro- \ vinz bereits ziemlich lebhaft, und von Allem, was wir bis jetzt darüber lasen, erregte unser Interesse nichts in solchem Maße, wie der nachstehende Ar­tikel der nationalliberalen.Hessischen Morgenzeitung', den wir deßhalb auch unseren Lesern seinem vollen Wortlaut nach unterbreiten. Dieser Artikel des nationalliberalen Blattes ist um deßwillen von ganz besonderem Werthe, weil er die Frage, warum man keinen Landrath als Volks­vertreter wählen soll, in so schlagender und zugleich volksthümltcher Weise beantwortet, daß die« von Seiten eines Centrumsblattes nicht besser geschehen könnte. Zudem ist dieser Artikel sehr vergnüglich zu lesen, so daß wir nicht zu fürchten brauchen, trotz seines großen Umfangs unsere Leser damit zu langweilen.

Doch nun zur Sache. Nachdem die .Hess. Mzlg.' bereits früher darauf hingewiesen hatte, daß man endlich einmal einen anderen Kandidaten, einen unabhängigen Mann aus dem Volke, und nicht immer den „ewigen Landrath" als Wahlkandidaten aufstellen solle, erhielt sie aus dem Kreise Mel­sungen folgende Zuschrift vom 24. d. Mts.:

Geehrter Herr Redakteur!

Als ich letzten Sonntag in Ihrem geschätzten Blatte las, daß sich in Homberg wieder der Land­rath als Kandidat für den Landtag ausstellen wolle, dachte ich bei mir selbst: „Gott sei Dank, daß unser Herr Landrath das nicht thun wird, da ist doch der zu vernünftig zu." Nun denken sie sich meinen Schrecken, als mir gestern ein Herr aus Melsungen erzählte, er habe selbst au» des Herrn Landraths Mund gehört, daß er — der Land- rath — vom konservativen Komitö in Kassel die Aufforderung erhalten habe, sich zu stellen und er auch dieser Aufforderung nachkommen werde. Ich nahm mir sofort vor, selbst zum Herrn Landrath zu gehen und ihn zu bittm, von der Kandidatur abzustehen und ihm auch die Gründe dafür dar­zulegen. Aber e» ist die» so eine eigene Sache mit mir, denn wenn ich mir zu Hause auch Alles noch so nett zurecht gelegt habe, so will es mir, wenn ich vor einem solchen Herrn (Freilich, freilich I Red.) stehe, nicht über die Zunge, obschon unser Landrath ja ein sehr liebenswürdiger Herr ist, mit dem sich gut reden läßt. Da habe ich denn gedacht, Sie, Herr Redakteur, zu bitten, das, was ich dem Herrn Landrath sagen wollte und welches ich mir ausgeschrieben habe, genau so zu drucken, dann hat sowohl der Herr Landrath, sowie man­cher Andere Muße, meine Worte zu beachten und will ich hoffen, daß dieselben, wenn auch nur von einem schlichten Landmanne herrührend, doch nicht alle auf unfruchtbaren Boden fallen.

Ich würde also folgendermaßen sprechen:

Hochgeehrter Herr Landrath!

Ich habe die Kunde vernommen, daß Sie sich als Kandidat für den Landtag aufstellen wollen und bin darüber sehr betrübt. Sie sind erst wenige Jahre hier und muß ich Ihnen schon sagen, daß ich bei Ihrer Ankunft so meine Bedenken über den jungen Herrn Landrath hatte. Ich hoffe, Sie neh­men mir meine Dreistigkeit nicht übel, geehrter Herr Landrath, aber----vom Lieute­

nant bei den Ulanen auf einen solchen Posten ver­setzt zu werden, da» schien mir damals etwas ge­wagt, heute gestehe ich mit Freuden, daß meine Besorgniß eine unbegründete gewesen ist. Sie haben bewiesen, daß Sie sich Ihrer verantwortlichen Stel­lung bewußt sind und sich nach Kräften in die­selbe einzuarbeiten versuchen. Sie werden aber auch zugeben, daß es selbst bei dem größten Fleiß nicht möglich ist, in 2 Jahren sich alle die Amts- kenntniffe und praktischen Erfahrungen anzueignen, die zur gediegenen Leitung eines 4- solchen Amtes unbedingt von Nöthen sind. Sie befinden sich bezüglich Ihres Amtes noch im Stadium der Entwickelung, wie können Sie dann aber schon Ge­setzgeber sein wollen? Lieber Herr Landrath, stehen Sie zurück von Ihrem Vorhaben, hier können Sie uns nützlich sein, in Berlin gar nicht. Was wollen Sie dort? Selbst wenn Sie ein Red­ner wie Cicero wären, — was Sie ja leider nicht sind — so müßten Sie noch Stoff zum Argumen- tiren haben, und wo sollten Sie sich den bi» heute gesammelt haben können? Wenn Ihre Er­fahrungen nun noch nicht zu der Reife gelangt sind, um, hierauf fußend, in einer gesetzgebenden Versammlung über die Zweck- oder Unzweckmäßig­keit neuer Vorschläge mitreden zu können, was wollen Sie dann dort machen? In Kommissionen sitzen? Das ist auch leichter gesagt als gethan, das soll auch geübt sein. Und was würden Sie dabei erzielen? Sie würden sich einfach Ihrem hiesigen Berufe entfremden. Glauben Sie mir, werther Herr Landrath, wenn ich mich unterfange, in dieser Weise zu Ihnen zu reden, so will ich da­mit nur mein Interesse für unfern Kreis bekunden, dessen Wohl mit Ihrem und dem meinigen identisch ist. Bleiben Sie hier, arbeiten Sie weiter, wie Sie begonnen, Sie haben ein großes und lohnen­des Feld für Ihre Thätigkeit vor sich, unserer freudigsten Mitwirkung find Sie gewiß. Wenn Sie dann einmal nach Jahren — was ich ganz bestimmt hoffe — auf die Erfolge Ihres hiesigen Wirken» mit berechtigtem Stolz zurücksehen können, dann, geehrter Herr Landrath, wird auch das Wort des gereiften und erprobten Beamten an gesetzgebender Stelle so in's Gewicht fallen, daß der Durchschlag nicht ausbleiben wird.

Was ich Ihnen bis j tzt gesagt habe, ist haupt­sächlich dem Gefühl und meiner Anhänglichkeit an Ihre liebenswürdige Persönlichkeit entsprungen, jetzt bitte ich noch, mir gütigst zu gestatten, auch meine sachlichen Gründe gegen Ihre Kandidatur klar legen zu dürfen: Sie sind Landrath und beziehen al» solcher den mit diesem Amt verbundenen Ge­halt. Ich behaupte nun gar nicht, daß dieser Ge­halt für das, was sie dafür leisten sollen, zu hoch ist, hier steht einfach die Leistung — die Arbeit — der Gegenleistung — dem Gehalt — gegenüber. Ganz ander» wird da» Verhältniß aber, wenn Sie Ihren Gehalt al» Landrath weiter beziehen und al» Abgeordneter nach Berlin gehen und sich hierfür extra honoriren lassen. Sie müfsin in diesem Falle absolut mit ihrem bekannten peinlichen Ehrgefühl in Konflikt kommen, und wird Ihre etwaige Einwendung, daß andere Landräche e» auch so machen, diese Thatsache nicht wegdisputi- ren können. Nun weiter: Wenn Sie hier Ihre»

Amtes walten wollen, können Sie dasselbe nicht in Berlin thun, und umgekehrt ebenfalls nicht. Nun haben Sie sich aber «meinem Gewährsmann gegenüber dahin ausgesprochen, daß Sie hier zu entbehren seien und während der Einberufung des Landtags ständigen Aufenthalt in Berlin neh­men wollten. Wenn nun alle Landräthe derselben Ansicht sind wie Sie, — nämlrch, daß sie sämmt- lich in ihrem Amte zu entbehren sind — wozu sind dann überhaupt die Herren Land­räthe da? Als Gesetzgeber haben Sie doch in erster Linie dahin zu wirken, daß dem Lande eine jede unnütze Ausgabe erspart bleibt, denn wir haben wahrhaftig nicht» wegzuwerfen, wie wollen Sie und Ihre Herren Kollegen e» aber dem von Ihnen zu vertretenden und zu schü­tzenden Lande gegenüber verantworten, wenn Sie demselben die Steuer für ihre Gehälter auf­bürden helfen, trotzdem Sie nachJhrer eigenen Aussage in Ihrem Amte zu entbehren sind? Soll da» Amt vielleicht eine Sinecure (Nichtsthun) sein? Diese Verdächtigung werden Sie, Herr Landralh, doch ganz entschieden abweisen. Und doch wird dieselbe bei Macht bleiben, sofern Sie sich wählen lassen. Nehmen Sie einmal den Fall, ich würde gewählt, — entschuldigen Sie gütigst diese Vermessenheit — so müßte ich doch einen Knecht dingen, der meine häuslichen Arbeiten besorgte, und dann würden Sie es doch höchst lächerlich finden, wenn ich an den Staat die Zu- muthung stellen wollte, mir außer meinen Diäten als Abgeordneter auch noch die Unterhaltungs­kosten meines Knechtes zu bezahlen. Sie würden ausrufen: „Ein närrischer Kauz, der Mann", und das mit vollem Recht. Genau so liegt aber der Fall bei Ihnen, das können Sie nicht abstreiten und wären wir demnach über diesen Punkt fer­tig, gehen wir jetzt zu einem zweiten, ebenso wich­tigen über: Ich habe vorhin gesagt: „wenn Sie sich wählen lassen" und bitte die» auch wörtlich zu nehmen, man wird sie nämlich nicht freiwillig wählen, Sie werden sich einfach wählen lassen. Geehrter Herr Landrath, al« ich diente und Bursche bei Ihrem Freund und Kameraden Lieutenant v. A. war, mußte ich häufig auf diesen flotten Herrn bis in die Nacht hinein warten, um ihm die Stie­fel auszuziehen, ich that die» aber gern, denn der Herr Lieutenant hatte schöne Bücher, welche ich durchlas, und ich habe immer gerne gelesen. Au» dieser Zeit erinnere ich mich unter anderen eines Buches „Gil Blas“ oder der „Hinkende Teufel", welch' letzterer seinem Begleiter jede Nacht einen Einblick in alle Wohnungen gewährte, indem er die Dächer von den Häusern wegnahm und da­durch dem Beschauer den Unterschied zwischen dem Schein und der Verstellung de» Tage» und der nackten Wirklichkeit de» Nachts klar machte. Lieber Herr Landrath, wenn Sie auch einmal auf einige Tage einen solchen Hinkenden Teufel zu Ihrer Disposition haben könnten, der den Ihnen unter­stellten Bürgermeistern und Ortsvorstehern einmal die Klappen an ihren Herzkammern öffnen wollte, so würde Ihnen eine so ernüchternde Wahrheit offenbar werden, daß Sie schleunigst Ihre Kandis datur zuiückziehen würden. Diese Herren werden ja selbstverständlich alle für Sie stimmen und auch ihren ganzen Einfluß aufbieten,' um Ihre Wahl zu sichern, aber könnten Sie Allen, die Ihnen ihre Stimme geben, in'« Herz sehen, so würden Sie bei 9/10 derselben gegen das I a des Mundes, das Nein des Herzens finden. Man wählt Sie, weil Sie eben der Herr Landrath sind, mit dem es Niemand verderben mag. Und welche Ehre haben Sie von einer solchen Wahl? Greifen Sie an Ihr eigenes Herz und dann fragen Sie sich: „Verträgt es sich mit