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J\£ 196

Montag, den 27. August

1888

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Kaiser Wilhelms Romreise.

Römische Regierungsblätter melden, daß der Besuch des deutschen Kaisers in der Hauptstadt Italiens auf den 18. Oktober festgesetzt fei. König Humbert werde seinem hohen Gaste nach dessen Besuch in Wien bis an die Grenze Italiens entgegenreifen; die umfassendsten Vorbereitungen würden getroffen, um dem Kaiser den glänzendsten Empfang zu bereiten.

Angesichts dieser Nachricht liegt die Erörterung der Bedeutung des bevorstehenden Ereigniffes um so näher, als wegen der besonderen Verhältnisse eine solche Reise des deutschen Kaisers nach Ron: eine wesentlich andere Tragweite hat, als seine Besuche an andern Höfen.

Zwischen Kaiser Friedrich III. und dem König Hum­bert bestanden die persönlich herzlichsten Beziehungen; der König hat gegenüber dem kranken Kronprinzen, der in einem Kurorte feines Reiches Monate lang weilte, eine so lebhafte Theilnahme an den Tag gelegt, daß Jeder­mann eS natürlich finden mußte, wenn der kaiserliche Sohn jene freundschaftlichen Beziehungen seinerseits fort­zusetzen wünscht. DaS geschieht durch einen Besuch, den Kaiser Wilhelm dem König Humbert auf italienischem Boden macht, und den dieser durch einen Gegenbesuch in Berlin erwidern wird. Diese rein private und persönliche Sache hat unS jedoch hier nicht weiter zu beschäftigen.

Richten wir unfern Blick auf die politische Bedeutung beS Besuches für das deutscheReich, so wird Niemand leugnen, daß Italien in jedem Kriege, den Deutschland gegen Frankreich oder, roaS Gott verhüten wolle, je gegen Oesterreich zu führen hätte, ein Bundesgenosse von höchsten Werth wäre. Denn durch den Feind im Süden wird der Gegner gezwungen fein, sofort zwei Heere auszustellen und also feine Kräfte zu theilen, und da die italienische Armee in den letzten Jahren sich ganz außerordentlich gehoben hat, so müßte Frankreich zwei fast gleich starke Heere gegen Deutschland und gegen Italien in’S Feld führen. Ein Besuch des deutschen Kaisers.bxi^eiyUn.ffthe scheutung haben, wie der Besuch in St. Petersburg, falls zu befürchten wäre, daß bei einem in naher Aus­sicht stehenden Krieg» Italien kein ganz zuverlässiger Ver­bündeter wäre, den man durch einen speziellen Erwe.S der Freundschaft fest und unlösbar an sich knüpfen mußte. Allein es ist weder für die nächste Zukunft em Angriff auf Deutschland von Seiten deS jetzt ganz ffolirten Frank­reichs zu erwarten, noch auch ,st zu befurchten, daß Ita­lien, dessen Beziehungen zu Frankreich durch allerlei Rei- bunaen nach und nach die denkbar gespanntesten geworden ftnb® in einem Kriege zwischen Deutschland und den Franzosen sich auf die Seite der Letzteren sch agen wird. Denn mehr noch alS für Deutschland die .tal.emsche, .st für Italien die Bundesgenossenschast mit dem Deutschen Reiche von allergrößtem Werthe, im Frieden wre tm Kriege. Nur so kann es Sitz und Stimme lm Rath der europäischen Mächte beanspruchen, nur so der drohenden Macht an der Nordküste Afrikas sich entgegenstellen. Es ist der größte politische Fehler Napoleons III. gewesen, daß er feine Hand reichte, Italien zu einem Einheits­staate zu machen, der den Franzosen als Verbündeter gegen Deutschland wenig nützen konnte, als Gegner aber

Bit Stibtet des Jlaiuannenkönijs.

Historischer Roman von Antonie Haupt.

(3. Fortsetzung.)

Der Sekretär vollendet seinen Satz nicht, denn brausender, unermeßlicher Jubel bricht sich Bahn. Schon zeigt sich unter dem Bogen der Porta nigra da» herrliche Viergespann der weißen Rosse, und gleich darauf erblickt man umringt von den Adlern der Legionen den Triumphator selbst auf seinem goldenen, in blendendem Glanze erstrahlenden Wagen, ein Bild der Majestät und Würde. Die hohe, kraftvolle Gestalt de» Kaiser» ist mit der mit goldenen Palmen reich gestickten Tunika palmata und der purpurfarbenen goldgestickten Topa p cta geschmückt; in der erhobenen Rechten trägt er den Lorbeerzweig und da» mit dem Adler gezierte Sceptrum, während ein hinter ihm stehender Diener die goldene Triumph-Krone über fern Haupt emporhält. Die männlich schönen Züge de» Herrscher», au» denen Verstand und geistige Tüchtigkeit hervor­leuchten, zeigen freudige Erregung, al» er in dre jubelnde Augusta Treverorum einzieht.

Heil dem Valentinian, dem Triumphator, dem Cäsar, dem Vater de» Vaterlandes! Heil ihm, Heil 1" So klingt es tausendstimmig. Der Kaiser erwidert

int Bunde mit den Deutschen Frankreichs gefährlichster Nachbar werden mußte. Mochten früher zwischen den beiden Völkern lateinischer Race Sympathieen bestehen, seit 1870 sind diese beiderseitig mehr und mehr erkaltet, zumal aber im italienischen Volke, baS sich naturgemäß dem mächtigen beutfdjen Reiche zuneigt. Man fühlt unb sieht baS überall. Das Heerwesen ist nach beutschem Muster reorganifht, bie Gottharbbahn hat in merkantiler Bezieh­ung Deutschlanb unb Italien nahe gerückt, in allen vor­nehmen Familien müssen bie Kinder jetzt Deutsch lernen u. s. w. Eine Nothwenbigkeit, durch einen Be­such des Kaisers in Rom Italien an Deutsch­land zu knüpfen, ist daher in der Thai nicht vorhanden.

Noch weniger kann von einer etwaigen Pflicht der Dankbarkeit die Rede sein; denn Italien hat unS bisher noch keine Dienste geleistet; wohl aber haben Deutschland und Preußen bie vielfachsten Ansprüche auf ben Dank ber Italiener für die moralische Hilfe, bie ihnen mehr beim ein Mal zugewendet worden ist.

Durchaus anders gestaltet sich der Werth ders Kaiser- Reise für Italien. Was zunächst die Dynastie betrifft, so ist daS Haus Savoyen gegenüber ben republikanischen unb anarchistischen Elementen auf ber Halbinsel und in dem benachbarten Frankreich absolut auf eine möglichst innige Beziehung mit dem monarchischen Deutschland hin- geroiefen und muß naturgemäß vor jeder Koalition mit dem republikanischen Frankreich zurückschrecken. DaS HauS Savoyen ist auf den Schultern der Revolution und im Bunde mit ihr zu einer Macht emporgestiegen; eS kann ber Revolution ben verlangten Dank nur bann verweigern unb baS Piedestal mit bem Fuße von sich stoßen, wenn es sich im Bunbe mit ber mächtigsten Monarchie Europa's tat! unb unabhängig gestellt hat. Nichts aber wirb mehr >en Italienern ben erwünschten unb erstrebten monarchi- chen Charakter beS KönigthumS zum Bewußtsein und zur Erkenntniß bringen, als wenn her

DiMHuMveri S vor ihnen erscheint. In feinem etgenften Interesse muß daher König Humbert seinem hohen Gaste die möglichst großartigen Ehren und Huldigungen erwei­sen. Je mehr das Volk durch den Glanz der Feste hin­gerissen wird, um so grimmiger wird die Revolution und die Demokratie knirschen wegen des Triumphes, den bie Monarchie über sie bavon trügt. .

Für Italien überhaupt hat bie Kaiser-Reise bw Bedeu­tung, nach Innen wie nach Außen hin die enge Bundes- genoffenschast ber beiden Reiche zum Ausdruck M bringen. Was Italien bisher aus allen Kräften erstrebt hat, als Großmacht in den Rath ber Fürsten Europas emzu- treten, mit bem Empfange beS beufdjen Kaisers raub es dieses Ziel erreicht zu haben glauben und wohl auch wrrk-

Aber'di-Neffe' Kaiser Wilhelm'S hat für Italien und für König Humbert und feine Dynastie noch etne ganz besondere Bedeutung durch den angekündigten Besuch m Rom. Achtzehn Jahre sind verflossen, seitbewi das Heer Viktor EmanuelS den letzten Rest des ßirdjenftaateS er. oberte und die Hauptstadt der Christenheit, die Residenz des Papstthums, zur Hauptstadt Italiens machte; allem in all' dieser Zeit ist noch kein Monarch in Rom erschie­

ne Zurufe und da» Jauchzen des Volke» mit freund­lichem Blick und dankender Handbewegung. Der Come» Sebastian, sowie die Feldherren Jovian und Severus begleiteten zu Pferde den Wagen des Siegers. Doch die Zuschauer haben kein Auge für die tapfern Heerführer; ihre Blicke sind auf den folgenden Wagen gerichtet, in welchem Ausonius an der Seite seines kaiserlichen Zög­lings sitzt. „ ..

„Heil Gratian, dem Augustus Heil! ruft die erregte Menge, und Blumen und Kränze durch­fliegen die Luft. Der achtjährige Augustus Gratian, ein schlanker anmuthiger Knabe, dankt, nach allen Seiten sich neigend, mit gewinnender Freundlichkeit. Ausonius' Blicke fliegen spähend über die Tribüne, und seine feinen, edel gebildeten Züge beleben sich zu Heller Freude, als er die Grüße Diyadias und Hesper's lebhaft erwidert. Das lockige Haupt des Dichters ist zwar bereits ergraut, aber die Haltunc, des stattlichen Mannes ist noch ungebeugt und das Feuer seiner dunkeln Augen ungedämpft. Herz­liches Wohlwollen gegen alle Welt, unendliche Liebenswürdigkeit sprechen aus diesem vornehm gebildeten Antlitz und verlocken Manchen dazu, ein: „Heil Ausonius!" mit aller Kraft erklingen zu lasten. Den Herrschern folgen in schimmernder

nen, ber durch feinen offiziellen Besuch im Quirinal bie auf Kosten ber Kirche unb beS heil. Stuhles vollbrachte Einheit Italiens anerkannt hätte. Um nur von ber jüng­sten Zeit zu sprechen, so tarnen im vergangenen Frühjahr ber Kaiser von Brasilien, bie Königin von England, ber König von Württemberg nach Italien; aber König Hum­bert mußte nach Florenz gehen, um sie bort zu begrüßen. König Oskar von Schweben erschien als Graf in Rom, unb so haben bisher alle Monarchen, protestantische wie katholische, iS oermieben, unb sehr ostentativ vermieden, durch einen offiziellen Besuch im Quirinal ben Sturz beS ältesten, ehrwürdigsten unb auf ben legitimsten Grund, lagen auferbauten Thrones anzuerkennen.

Angesichts dieser Thatsache begreift eS sich, wie viel dem König Humbert und seinem Minister CriSpi daran gelegen sein mußte, den deutschen Kaiser zu einem Besuche in Rom zu bewegen. Da der König mit feiner Familie ben Sommer über in Monza zu weilen pflegt, so konnte ber Kaiser feinen Besuch bort ober in Turin ober Mailand ankündigen; er konnte dann zugleich bei den großen Manövern, welche in der Umgegend von Ravenna in die­sen Tagen abgehalten werden, Gelegenheit finden, von der Leistungsfähigkeit der italienischen Armee persönlich sich zu Überzeugen. Damit wäre das Band der persönlichen Freund­schaft zwischen den beiden Monarchen, sowie die BundeS- genoffenschast zwischen den beiden Reichen besiegelt ge­wesen. Allein so sehr der König feinem kaiserlichen Gaste für einen solchen Besuch verpflichtet gewesen sein würde, etwas ganz Anderes war eS doch, wenn König Humbert den Beherrscher deS deutschen Reiches nach Rom führen konnte. Und daS wird jetzt geschehen. Damit aber wird nunmehr zum ersten Mnle durch den Besuch eines Regen­ten offiziell der Einheitsstaat Italien mit der Hauptstadt Rom als politisch zu Recht bestehend an­erkannt. Daher der Jubel der gefammten liberalen Presse Italiens. lvüybie.Aiküv^i-s^i.hu»--» zu cryren des kaiserlichen'Besuches geleistet worden ist.

Das bisher Gesagte gibt uns schon bte Beantwortung ber Frage an bie Hand: welche Bebeutung hat bie Rom­reise beS beutschen Kaisers für den hl. Stuhl und, ügen wir gleich hinzu, persönlich für Leo XIII.? Das offijieUe Erscheinen des Kaisers Wilhelm in der ewigen Stadt bedeutet, daß die Rechte und Ansprüche des Papst­thums auf feinen tausendjährigen Besitz von der ersten Macht Europas als faktisch nicht mehr bestehend betrachtet werden. Die italienische Regierung wird sich dadurch noch mehr ermutigt sehen, in ber römischen Frage trotz Ga­rantiegesetz unb Zirkularnote an die Mächte eine rein in­terne, zwischen dem Quirinal und dem Vatikan ab zu- machende Angelegenheit zu erblicken. Wenn PmS IX., wie Leo XIII., wenn der gefammte Episkopat und nut den deutschen Katholiken die Katholiken beS ganzen Erd­kreises eS wieder und wieder erklärt unb ausgesprochen haben, daß der Papst zur Ausübung seines Amtes unter den modernen Verhältnissen völlig unabhängig als Sou- oerain und Landesherr dastehen müsse und daher nicht ablassen könne und dürfe, Rom als die Hauptstadt ber katholischen Christenheit zurückzusorbern, so konnten sie bis jetzt noch immer auf bas Fernbleiben ber Monarchen

Rüstung die goldbeschildeten Kohorten der präto- riantschen Leibwache unter Anführung ihres Tribunen Marcus Piaoniu» Viktorinus, deflen kunstvoll mtt Reliefs verzierter Harnisch im Strahl der Sonne hell erglänzt. Geschmückt mit der goldenen Ehren­kette und einer großen Zahl von Tapferkeits- Medaillen erscheint der Tribun hoch zu Roß an der Spitze seiner auserwählten stolzen Schaaren. Auch sein Blick fliegt grüßend nach der Zuschauer- Estrade, wo seine junge Gattin und zwei niedliche kleine Töchterchen dem heimkehrenden Helden entgegcnjubeln.

Das Heer endlich mit seinen Legionen bildet den Schluß des unabsehbaren Zuges, der sich von der Porta nigra durch die schöne breite Via Helena Iso genannt nach der Mutter Constantins in gerader Richtung bi» zu dem Prätorium 9 bewegt. Hier von dem Mittelpunkt der Stobt aus folgen wir dem kriegerischen Pomp durch dieViaPratona bi» an die Porta Dccumana und die alte Pfahl - brückt), wenden uns dann nach links und gehen dem Laufe der aus beiden Uf rn mitsäulentragenden Villen geschmückten Mosella entgegen, um an der

i) Vernmthlich in ber Nähe beS heutigen PostgebäubeS.

2) Wahrscheinlich in ber Nähe beS Jrmien-Hospitals.