J\g 194.
Freitag, den 24. August.
1888
Jiliner W Jeitixg.
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Der Anfang des Romans
> „Die Tochter des AlamauneuKönigs", W wird gegen Einsendung der Post-Quittung gratis und franko nachgeliefert.___________________________________
Parität!
„Parität" ist ein schönes Ding. Das wird jeder ohne weiteres zugeben, der schon in der Lage war, das Fehlen derselben zu empfinden. Wirpreu- tzische Katholiken, Bürger eines paritätischen Staates, haben nun leider allzuoft Gelegenheit, über die merkwürdige „Parität", welche uns gegenüber waltet, uns Gedanken zu machen. Wenn wir z. B. das Thun und Soffen des sog. „Evangelischen Bunde»" betrachten, der da unter den Augen der hohen Behörden zu schalten und zu walten scheint, als ob gar kein Vereinsgesctz existire, da fällt uns unwillkürlich der — M a i n z e r Katholikenverein und die vielen sonstigen kath. Vereine ein, die im Kulturkämpfe als politische Vereine angesehen und aufgelöst wurden, während der „Evangelische Bund" ganz unbehelligt zu bleiben scheint.
Und doch ist der „Evangelische Sunb" unbestreitbar ein politischer Verein im Sinne des preußischen Vereinsgesetzes. Er bezweckt ganz ohne Zweifel „eine Einwirkung auf öffentliche Angelegenheiten" (V.-G. § 2), denn er will ja, das beweist feine ganze Thätigkeit von der Gründung in Frankfurt bis zur jüngsten Duisburger Generalversammlung, direkt oder indirekt die Verhältnisse de» katholischen und des protestantischen Bekenntnisses in anderer Weise abgegrenzt wissen, al» es zur Zeit der Fall ist. Er will ja, und ruft es laut genug aus, die protestantische Bevölkerung zu einer Kampfstellung gegen die katholische veranlassen.*
* Daß diese Kampfstellung eine „abwehrende" gegen vorgebliche katholische Angriffe sein soll, thut nichts zur Sache, zumal ja im „Aufruf" des Bundes auch vom „Angriff" die Rede ist.
Die Tochter des AlamMMdöiigs.
Historischer Roman von Antonie Haupt.
(1. Fortsetzung.)
Mehr aber fesselt uns eine Gruppe ernster Männer, welche fich um eine mild und würdevoll blickende Matrone geschaart haben. Die Dame mit der Kleidung und dem Benehmen einer vornehmen Römerin ist Julia Dryadia, die Schwester de» hochgefeierten Dichter» und Staatsmannes Decimus Biagnus Aufonius. In dem hübschen jungen Manne neben ihr, dessen ansprechende, weich modellirte Züge auf den ersten Blick bekunden, daß fie nicht immer solchen Ernst zur Schau tragen, lernen wir de» Dichters einzigen Sohn Hesperu» Aquilin» kennen. Früh schon mutterverwaist, hatte er zu Burdigala, ’) woselbst sein Vater Professor der Beredsamkeit war, unter Dryadia'« und Ausoniu»' Leitung eine ausgezeichnete Erziehung erhalten. Er folgte dem Dichter, der im Anfänge des Jahres 368 von Valentinian al» Lehrer und Erzieher des kaiserlichen Prinzen Gratian an den Hof berufen wurde, nach Triveri«, woselbst er fich zum Staatsdienst vorbereitet. Er
’) Bordeaux.
Der Nichtjurist wird nun vielleicht einwenden, es handle fich hier um einen kirchlichen Verein. Wir lesen diesbezüglich in Lisco's Kommenlar zum VereinSqesetz (©. 10):
„Einestheils ist unzweifelhaft, daß religiöse und kirchliche Vereine sich mit öffentlichen Angelegenheiten befassen, ja sogar eine Einwirkung auf öffentliche Angelegenheiten in Anspruch nehmen. Andern- theils ist nicht zu verkennen, daß grade in religiösen Vereinen viel gefährlicherer Stoff vorhanden sein kann, daß die Stifter derselben gewöhnlich besonders befähigt sind, auf Geist und Gemü'.h einzuwirken, daß oft solche Vereine den kirchlichen und religiösen Zweck nur zum Scheine verfolgen, in der Wirklichkeit aber auf ein ganz anderes Gebiet übergehen und auf ein ganz anderes Ziel hinarbeiten. (Verhandl. V., S. 2771.)"
Der „Evangelische Bund" ist also, das unterliegt keinem Zweifel, ein politischer Verein, und es find auf ihn die Bestimmungen des Vereinsgesetzes unbedingt zur Anwendung zu bringen, zumal es, wie da» Zirkular-Reskript vom l.Aug. 1850 (a. a. O. S. 11) sagt, dazu
„nicht erst einer Prüfung der Frage bedarf, ob jene Gesellschaften sReligionsgesellschaften und diesbezügliche Vereines sich auf die Verfolgung religiöser Zwecke beschränken, oder ob sie, wie dies allerdings nur zu häufig der Fall ist, letztere nur als Deckmantel für Bestrebungen anderer Art gebrauchen." **
Nach § 8 de» preuß. VereinS-Gesetze» nun dürfen politische Vereine a) keine Frauenspersonen als Mitglieder aufnehmen, b) nicht durch Ausschüsse, Zentralorgane oder ähnliche Einrichtungen oder durch gegenseitigen Schriftwechsel zu gemeinsamen Zwecken in Verbindung mit anderen Vereinen gleicher Art treten, d. h. keine Zweigvereine und keine Oberleitung haben. Der „Evangelische Bund" verstößt gegen beide klare Vorschriften, da er sowohl weibliche Mitglieder, als Zweigvereine besitzt.
Wir erlauben uns nun die bescheidene Frage, wie er möglich ist, daß der „Evangelische Bund" bislang noch nicht die Bekanntschaft des preußischen Vereins - Gesetze» gemacht zu haben scheint, speziell de» § 8 b und des § 16, die von der vorläufigen Schließung de» Vereins, den Strafen gegen Vorsteher und Mitglieder (15—150
** Es braucht wohl nicht hervorgehoben zu werden, daß wir die Zulässigkeit der Anwendung jener Vor- schriften auf rein kirchliche Vereine durchaus bestreiten. Aber während des Kulturkampfes haben wir grade diese Bestimmungen in denkbar schroffster Weise gegen unsere teilt kirchlichen Vereine anwenden sehen. (Vergl. z. B. Schulte, Kulturkampf II., S. 845 ff.)
ist in da» glänzende Schneeweiß der Toga can- dida gekleidet, da er, um seiner wissenschaftlichen Bildung die letzte Feile zu geben, fich augenblicklich noch an einem praktischen Kursus in der Schota palatina, einer Art Juristenschule, betheiligt, hier- mit aber schon auf der Vorstufe zu hohen Ehrenstellen steht. Mit großer Theilnahme lauscht er dem feurigen Vortrag eines schwarzlockigen Jünglings in dunklem Philosophenmantel. Wie aus Marmor gemeißelt hebt fich dessen edelgeformtes Haupt aus feiner Umgebung; eine Welt von Geist, von Thatkraft flammt aus seinen dunklen Augen. Er bildet heute den Mittelpunkt in einem Hörerkreise von jüngern und ältern Männern, sowie er später zum Mittelpunkte der christlichen Welt werden sollte.
Der jugendliche, kaum zwanzigjährige Philosoph dort ist Hieronymus, der später so heilige und wissensreiche Kirchenlehrer, der „Löwe der christlichen Polemik", wie man ihn nannte. Mit seinem Freunde BonosuS ist er vor wenigen Wochen von Rom nach der Metropole an der Mosella gekommen, um auf der treverischen Hochschule neben philosophischen und sprachwissenschaftlichen Studien fich auch der Pflege ter Redekunst zu widmen;
Mark oder Gefängniß von 8 Tagen bis 3 Monaten), und von der definitiven Schließung des Vereins handeln.
Wer unsere Ausführungen für unrichtig hält, der muß folgerichtig behaupten, der Mainzer Katholikenverein" sei zu Unrecht aufgelöst. Wir warten auf diese Behauptung. Jedenfalls ist die anscheinend schonende Behandlung de» „Evangelischen Bunde»" im Gegensätze zum Mainzer Katholiken - Verein ein beachtenswerther Beitrag zur Frage der
Parität!
Deutsches Reich.
Berlin, 23. August.
* Wie offiziös verlautet, wird beim nächsten Landtage eine auf die Verwendung der im Kulturkampfs einbehaltenen Staatrzuschüffe für römisch-katholische Bisthümer bezügliche Vorlage eingebracht werden. Der „Sperrfonds", welcher fich in Folge de» sogenannten „Brodkorbgesetzes" angesammelt hat, betrug am 15. Juni d. I». 16,003,033 M. 45 Pf., also über sechszehn Millionen Mark. Nach den offiziösen Andeutungen soll ein Theil für katholisch-kirchliche Bauzwecke verfügbar gemacht werden.
• Die schon einige Male kurz erwähnte Ernennung de» Marburger Professor» Dr. Harnack für eine Berliner Professur der Theologie wächst sich allmählich, wie die,Germ.' heute näher ausführt, zu einer cause celdbre aus. Sie führt zu Erörterungen prinzipieller Art über Kirche und Staat und zu Erörterungen über das geltende positive Recht und dessen Handhabung, bei welchen es an Lebhaftigkeit bei den kämpfenden Richtungen nicht fehlt und die schwierigsten und tiefgreifendsten Gegensätze staats- und kirchenrechtlicher und auch protestantisch-dogmatischer Natur wachgerufen werden. Die ,Nat.-Ztg.' knüpft an die in der Berliner Presse darüber gepflogenen Erörterungen folgende sonderbar geheimnißvolle Ankündigung: „Binnen Kurzem dürfte übrigen» ein au» der eigensten Initiative des K a i s e r » hervorgegangener Schritt bekannt werden, der die unbefangene Stellung des Monarchen zu der Gesammtheit der inneren Politik darthun wird." Nous verrons.
* Für die polnischen Landestheile sollen Bauern aus Schwaben als Ansiedler herange- zogen werden. Vornehmlich zu diesem Zwecke soll denn Gallien ist durch seine Sprachgewandtheit berühmt.
Besteigen wir die Tribüne, mischen wir uns ungesehen in den klein.n Kreis, der unsere Aufmerksamkeit ftffelt, und erwarten wir hier den nahenden Triumphzug. Der lebhafte Vortrag des jungen Gelehrten geht zu Ende, wir hören noch seine letzten Worte:
„Soll der Christ die Meisterwerke Plato'S, dis Schriften Virgu's, die Abhandlungen Cicero'» verwerfen, well sie viel JrrthümlicheS enthalten? Sollen diese großen Schätze der Menschheit ver- loren gehen? Ich habe diese Frage in meinem Innern mit aller Gründlichkeit erwogen. Nein, die Philosophie schadet nicht dem christlichen Leben. Weit davon entfernt, durch leere» Blendwerk da» Rechte zu verdunkeln, gibt sie uns > ein Bollwerk der Wahrheit mehr und hilft wie eine Schwester- wifsenschaft den Glauben begründen. Denn die Philosophie erzog die Griechen wie der Glaube die Juden, um beide zu Christus zu führen."
„Dein Vortrag, mein Hieronymus, ist reich an philosophischer Kraft und wohltönender Harmonie. Wahrlich, der Gott der Beredsamkeit vermählte fich an Deiner Wiege mit der Göttin der Weis-