J\£ 192.
1888
Mttwoch, den 22. August.
Fuldaer
W.
Jeiluug.
Die .Fuldaer Zeitung- erscheint täglich, Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf. mit der belletristischen Wochenbeilage .Sterne und Blumen' in Fulda IM. 70 Pf., auswärts IM. 75 Pf.
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Deutsches Reich.
Berlin, 21. August.
* In Bezug auf den Termin der Landtagswahlen verlautet in parlamentarischen Kreisen, daß die Wahlen bereits auf die Hälfte Oktober anberaumt werden sollen. Authentisches ist über den Wahltermin nicht das mindeste bekannt. Gerechtfertigt aber würde es fein, so liest man in mehreren Blättern, wenn die Regierung schon jetzt die Zeit näher angäbe, für weiche fie die Landtagswahlen anzuberaumen gedenkt. Im Jahre 1885 fanden dieselben bekanntlich erst Ende Oktober und Anfang November statt. Bleibt von amtlicher Seite eine Mittheilung über den ungefähren Termin der Landtagswahlen aus, so wird man allseitig auch darauf sich einrichten müsien, daß die Wahlen in diesem Jahre früher als sonst stattfinden.
* Der Ministerpräsident Crispi ist Vormittags 9 Uhr 5 Min. von Frankfurt via Bebra-Göt- tingen-Hannover nach Hamburg weitergereist und begiebt sich von dort heute Abend nach Friedrichsruh.
• Worbis, 20. Aug. In einer intereffanten Fälschungsgeschichte gegen den Redakteur des ,Worbiser Kreisblattes', Herrn Müller, stand am 9. Termin vorm hiesigen Schöffengerichte an. Trotzdem die .Eichsfeldia' auf dem Eichsfelds das verbreitetste Blatt ist, wird sie, was die amtlichen Bekanntmachungen und Inserate anbetrifft, von den Behörden beharrlich ignorirt und druckt deshalb die amtlichen Bekanntmachungen rc. re. aus den .Amtlichen Kreisblättern', den .Regierungs- Amtsblättern', dem.Reichsanzeiger' nach. Dieses Vorgehen ärgerte den Redakteur des ,Worbiser Kreisbl.' Mit ehrlichen Waffen war der .Eichsfeldia' nicht beizukommen, so fälschte denn der genannte Redakteur seit Anfang März dieses Jahres planmäßig die für Heiligenstadt bestimmten Nummern feines Organs, um durch die in die .Eichsfeldia' übergehenden gefälschten Notizen das Centrumsblatt bei seinen Lesern in Mißkredit zu bringen. Die Behörden fingen an, sich über die ,Eichsfeldia' zu beschweren, daß sie ihnen die Leute an den unrechten Tagen auf den Hals lade, und so kam der Betrug des .Worbiser Kreisbl.' an den
„A so a Wetter!"
(Wiener Kaffeehaus-Skizze.)
Ich muß sagen, daß mir da» unfreundliche und regnerische Wetter, dessen wir uns derzeit erfreuen, recht wohl behagt, weil es den andern nicht recht ist. Die andern, das find nämlich meine intimen Kaffeehausfreunde.
Zu Beginn des Sommers, als diese meine Freunde ihre sieben oder mehr Sachen packten und aufs Land zogen, beneidete ich sie sehr, denn ich dachte, es müsse doch gar zu schön sein, auf dem Lande zu wohnen, entrückt dem aufregenden Getriebe der Großstadt, so mitten unter wohlbeleibten Kühen und biederen Landleuten.
Unser Stammtisch im Kaffeehaus, wo wir im Winter die blutigsten Kartenschlachten schlugen, verwaiste, und nur ich saß dort wie Hiob und trauerte um verloren gegangene Tarokpartieen. Ich war allein mit mir und meinem Schmerze. Richt einmal der Pagat (Karte im Tarakspiel) wollte mir Gesellschaft leisten, denn auch er und SküS träumten in der Kartenpresse, die am Büffet steht, von den schönen Wintertagen.
Ab und zu kam Nachmittags einer der kartenflüchtig gewordenen Freunde in da» Kaffeehaus gehuscht, doch nur „auf einen Sprung", um einen Blick in die Zeitung zu werfen. Welcher immer
Tag. Die Staatsanwaltschaft erhob gegen Müller Anklage wegen groben Unfug». In der öffentlichen Versammlung gab der Angeklagte^die absichtliche Fälschung in ca. 20 einzelnen Fällen unumwunden zu, hielt sich aber dieserhalb nicht für strafbar, weil nur die nach Heiligenstadt bestimmten Exemplare gefälscht seien; er habe nur konstatiren wollen, ob die .Eichsfeldia' die amtlichen Bekanntmachungen noch nachdrucke oder ob Drucksteckereien seitens seines Personals oder des Landrathsamtes stattfänden. Der Amtsanwalt beantragte wegen der erwiesenen absichtlichen Fälschungen in einem amtlichen Blatte 14 Tage Gefängniß wegen groben Unfugs. Das Schöffengericht erkannte zur allgemeinen Ueberrafchung auf Freisprechung! Die Schwere der einzelnen Fälle, z. B. Kontrolver- sammlung, wurde nicht besonders betont. Daß erwiesene absichtliche Fälschungen amtlicher Bekanntmachungen straflos find, kann dem einfachen Verstände nur sehr seltsam vorkommen.
* Linz a. Rh., 20. August. Zu der angeb- lichen Zurücksetzung der Protestanten bei Besetzung von Beamtenstellen in der Rheinprovinz, wie Prediger Venter zu Kirchberg sie leichtsinnig behauptet, liefert man der .Deutschen Reichrztg.' auch von hier einen Beitrag. Das Städtchen Linz zählt 3350 Einwohner, darunter 300 Nichtkatholiken, Juden inbegriffen. Im Jahre 1802, bei Auflösung des Kurstaates Köln, nahm der Fürst von Nassau dasselbe in Besitz, und erhielt das Städtchen dadurch den ersten protestantischen Einwohner in dem fürstlich naffauischen Oberamtmann. 1815 ging Linz an Preußen über, und mit 1820 siedelten sich hier vier protestantische Familien, darunter zwei in Mischehen, an, denen nach und nach protestantische Beamte folgten, so daß 1845 eine evangelische Pfarre errichtet werden konnte. Es sind nun in Linz in Funktionen: beim königlichen Amtsgericht 3 Richter, davon 2 protestantisch ; 4 Beamte der Gerichtsschreiberei, davon 3 protestantisch; 2 Gerichts- resp. 1 Hilfs-Gerichtsvollzieher, beide Protestanten. Der Einnehmer des Untersteueramtes ist Protestant; desgleichen der Katasterbeamte, ebenso der Gefängnißwärter. Katholiken sind der derzeitige Bürgermeister, der Gendarm und der Polizist. Es sind demnach von den
auch auf einen Moment erschien, jeder hatte das gelbe mir in die Seele verhaßte Fahrordnungr- büchel in der Hand. Am unleidlichsten war mir in solchen Momenten der Meier, der doch sonst ein seelenguter Mensch ist. Was der mit seiner Landluft trieb, das grenzte schon an den LeideS- dorf. Man konnte mit diesem Menschen nicht ein vernünftiges Wort reden. Bei der Thür hereinstürzen, dem „Johann" ein pustendes „Soda mit Himbeer, aber schnell!", mir ein „Servus!" zurufen, das Soda hinunterstürzen und auch schon wieder bei der Thür draußen sein, dar war ihm nur ein Kinderspiel.
Einmal erwischte ich ihn aber beim Rockzipfel und hielt ihn fest. Ich werde das Entsetzen, das sich damals in feinen Zügen ausprägte, niemals vergeffen.
„Auslaffen!" schrie er. „Auslaffen! I versäum' den Zug!"
Ich ließ aber nicht aus und weidete mich an seiner Verzweiflung.
„Obst auslaffen wirst?! Fünfe fuchzehne geht er vom Zollamt! Glaubst, daß auf mt warten werden? Lass, aus, sag' i, oder 's g'fchiecht a Unglück! Fünfe zwölfe is 's schon, no drei Minuten... obst auslaffen wirst!" ... Ein verzweifelter Ruck — ich hielt den Rockzipfel in der Hand und der Meier raste mit blitzzugartiger
15 fungirenben Beamten dahier 10 Protestanten und nur 5 Katholiken. Im benachbarten katholischen Städtchen Unkel fungirt ein protestantischer Bürgermeister und ein jüdischer Sekretär. Der zu fünf Achteln katholische Kreis Neuwied hat einen protestantischen Landrath und desgleichen Kreis- Sekretär.
* Bingen, 20. Ang. Gestern wurde auf dem Rochusberge das Fest des hl. Rochus 4n recht würdiger Weise begangen. Um 1/210 Uhr ging die Prozession von hier auf den Berg. Die Statuen des hl. Rochus und der andern Heiligen waren wie jedes Jahr mit rothen und weißen Trauben behangen. In der Rochuskapelle fand unter sehr zahlreicher Betheiligung das Hochamt statt. Sodann hielt der hochwürdigste Herr Bischof Dr. Haffner aus Mainz eine Predigt, wobei er der großen Tugenden des hl. Rochus gedachte. Unter anbetm sprach der hochwürdigste Herr Bischof noch über die augenblicklich unter dem Volke herrschende Vergnügungssucht. Dieses sei' der Ruin des Volkes. Vielen Menschen sei die Religion in Folge dessen eine Nebensache; wenn daher alles über schlechte Zeiten a. s. w. klagte, brauche man sich nicht zu wundern. Kurz vor 12 Uhr stellte sich die Prozession wieder zum Rückmärsche auf. — Unter den Besuchern des Festes befand sich eine ganz besondere Spezies, deren Thätigkeit in früheren Jahren bei diesem Feste niemals vermerkt worden war, nämlich die edle Zunft der Taschendiebe. Nicht weniger als 12 Damen wurden in unmittelbarer Nähe des Eingangs der Kirche die Portemonnaies mit Inhalt von je M. 15 bis M. 30 entwendet.
Ausland.
* Genf, 21. Aug. Um Mitternacht brach in der Straße hinter dem Bahnhofe eine Feuersbrunst au», welche acht Wohnhäuser, sieben Magazine und viele Nebengebäude zerstörte. Der Schaden ist sehr erheblich; Menschenleben sind nicht zu beklagen.
* Paris, 20. Aug. Der Boulangismus hat gestern die Bretter des Sarges, in den man den Scheintodten vorzeitig gebettet, und die schnell-
Geschwindigkeit über die Straße, stieß einige Leute nieder, fauste durch den Stadtpark und entschwand meinen Blicken.
So eilig hatte er'», als das Wetter noch schön war. Jetzt hat aber mit meinem Freunde ein merkwürdiger Umschwung stattgefunden. Als ich heute Nachmittags in da» Kaffeehaus kam, saß der Meier beim Stammtisch und laß in aller Ge- müthsruhe die Zeitungen.
Ich war höchlichst erstaunt. „Meier", sagte ich besorgt, „wir haben fünf Uhr zehn Minuten, um fünf Uhr fünfzehn Minuten fährt er vom Hauptamt ab."
„Wer?"
„Dein Zug."
„Der fahrt mir lang gut", erwiderte Meier mit einem Tone, der für den Fünf-Uhr-Fünfzehn- Minuten-Zug eine schwere Ehrenbeleidigung invol- nirte. „Glaubst, i hab' narrische Schwammerl 'geffen, daß i bei so an Wetter um Fünfe fuchzehne außi fahr' ?" Der Meier starrte einige Zeit gedankenvoll vor sich hin, dann fuhr er plötzlich auf, fchlng mit der Faust ärgerlich auf den Tisch und brüllte mich an: „Freund, wann da« Malefiz- weiter no a paar Täg' anhalt', pack' i mi’ z'famm und ziag' wieder einer!"
„Da» thäte ich nicht an Deiner Stelle, denn die Landlust, mein lieber Meier, ist nicht zu unter-