1888
Montag, den 20. August.
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„Sie sind uns entwischt I" hörte ich oben sagen. Und wirklich gelang es zweien durch die Dach- bodenthür hinab springen und trotz der geschlosienen Kolonne zu entkommen. Die denselben nachgesandten Kugeln trafen die Fliehenden nicht. Auf dem Boden wurden unterdessen zwei verwundete Banditen dingfest gemacht. Den Zusammenstoß bezahlte ein Soldat mit seinem Leben. In der Hoffnung, in den Räumlichkeiten noch andere Banditen versteckt zu finden, ließ ich das ganze genau durchsuchen. Was wir suchten, fanden wir nicht. „Gibt es in diesem Hause einen Gemüsekeller?" fragte ich die Soldaten. „Mir scheint ja," erwiderte ein Soldat. „Vorwärts, alles durchsuchen I" befahl ich hierauf. In einem Winkel der Küche fanden wir eine Bodenthür. Ein Soldat hob dieselbe auf. Eine Stiege führte in den Gemüsekeller. Ich leuchtete hinab. In dem Hintergründe derselben saß eine menschliche Gestalt, bloß und eingefallen mit langen Haaren und wirrem Bart, ein Bild des Elends. Diese Jammergestalt war der Bandit Rade. Er war seit längerer Zeit krank und
1452
tti.
Deutsches Reich.
Berlin, 18. August.
• Die Rede, welche Kaiser WilhelmII. kürzlich zu Frankfurt a. d. Oder hielt, gibt den meisten hiesigen Blättern keine Veranlaffung zu eingehenderen Besprechungen. Im Publikum wird sie desto eifriger besprochen wegen der auffallend kräftigen Betonung der Entschlöße nheit, das wiedererworbene Reichrland unter Aufbietung aller Kräfte zu behaupten. Die verstorbenen Kaiser Wilhelm und Friedrich vermieden gifliffentlich eine solche Betonung, obwohl sie nicht minder entschloßen waren, an den Errungenschaften des Jahres 1870/71 festzuhalten. Sie glaubten eben auf diese Weise am besten dazu beizutragen, daß die Franzosen allmählig mit der neuen Ordnung der Dinge sich abfänden, und die deutsche Diplomatie unterstützte die vorsichtige Sprache derselben durch ein fast unumschränktes Gewährenlaffen französischerWünsche auf dem großen politischen Gebiet. Diese Hoffnung scheint mit den beiden Kaisern zu Grabe gegangen zu sein. Der neue Kaiser schlägt einen andern Ton an, um den Frieden sicher zu stellen, indem er alle etwaigen Illusionen des Nachbarlandes zerstört. Es ist die Politik der kalten Mafler- strahlen. In diesem Sinne beurthsilt die englische Preße die Rede al» ein Friedens-Symptom. Die französische und die russische Preße haben es mit ihrem Urtheil nicht so eilig. Wenn man nach der Halt» iper Urse int gegenwärtigen
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testen Freundschaft leben. Das eine russische Bahn- Anleihe in Berlin zu Stande kommt, kann kaum noch bezweifelt werden. Die Bankhäuser Mendelssohn und Robert Warschauer sollen die Führung übernommen haben; Bleich:öder ist bei dem Geschäft, wie der Korrespondent der ,Köl. Ztg.' bestimmt versichern kann, nicht betheiligt. Auch das hiesige Auswärtige Amt legt Gewicht darauf, nicht den mindesten Zweifel aufkommen zu laßen, daß es die Fortdauer des Friedens für gesichert halte. Man erzählt sich sogar in diesen Kreisen, Fürst Bismarck habe noch in den jüngsten Tagen seins Ansicht dahin ausgesprochen, daß wenigstens in diesem Jahre der Friede erhalten bleiben werde, und daß er fast die Garantie übernehmen möchte, daß auch das nächste Jahr in Frieden vorüber- gehen werde. Der Reichskanzler soll gleichzeitig
geäußert haben, er fühle sich so wohl, daß er in diesem Jahre auf eine Kur in Kisstngen verzichten könne; er werde demgemäß in Friedrichsruh bleiben, auch vorläusig nicht nach Berlin kommen, da hier nichts vorläge, was feine Anwesenheit erforderlich mache. In unabhängigen politischen Kreisen dagegen hat die Stimmung an Unbehaglichkeit eher noch zugenommen. Aus Hoskceisen wird von durchaus vertrauenswürdiger Seite mitgetheilt, der Kaiser habe sich zwar über den Empfang in St. Petersburg hocherfreut geäußert, aber selbst in der unmittelbaren Umgebung des Kaisers wisse man absolut nichts von irgend welchen politischen Abmachungen mit Rußland. Die offiziösen Auslastungen der .Nordd. Allg. Ztg.' und der Wiener ,Pol. Korr.' sind ebenfalls nicht geeignet, beruhigend zu wirken.
' * Der Staatssekretär des Innern, Staatsminister von Bötticher ist zum Vizepräsidenten des preußischen Staatsministeriums ernannt worden.
* Wie man aus Rom meldet, wird der italienische Ministerpräsident Crisp i in den nächsten Tagen seine Reise nach Friedrichsruh zum Besuch des Fürsten Bismarck antreten. Von Friedrichsruh begibt sich Herr Crispi nach Karlsbad, wo besten Gattin zum Kurgebrauch noch weilt.
* Die deutsch-ostafrikanischs Gesellschaft hat gemäß der wohl schon seit Jahresfrist getroffenen Vereinbarung mit dem Sultan von Sansibar die ihr übertragene Verwaltung des Küstengebiets welches sich an ihre Besitzungen an- 'schließt, nunmehr offiziell übernommen und dem- entsprechend in 14 Häfen ihre Flagge gehißt.
♦ Die bedeutungsvollen Worte, mit welchen der hl. Vater alle Katholiken Deutschlands, denen ihre Verhältniffe cs erlauben, zur Theilnahms an der Freiburger Katholiken - Versammlung aufgefordert hat, sind allenthalben mit großer G> nugthuung und Befriedigung ausgenommen worden. Wenn auch bisher kein Zweifel darüber bestehen konnte, daß der hl. Vater im Verein mit dem gesummten deutschen Episkopat den Katholikenversammlungen, welche sich alljährlich besonderer päpstlicher und bischöflicher Huldbezeugungen zu erfreuen hatten, mit ganzem Herzen zugethan war, so ist doch der diesjährige unzweideutige Ausspruch des Papstes von unschätzbarem Werthe; denn er benimmt nicht nur der katholiker.feindlichen Gegnerschaft jede Handhabe zur Ableugnung des wahrhaft katholischen, universellen Charakters der leidend und lag in diesem unterirdischen Raume versteckt. Neben seinem Lager saß ein weibliches Wesen — sein Eheweib Stana. „Ergib Dich, Radel" rief ich ihm zu. „Jawohl aber nur tobt, lebendig nie!" antwortete mir der kranke Bandit in resignirtem Tone. Bevor ich über seine Worte Nachdenken konnte, drückte er die Pistole gegen mich los. Die Kugel summte bei meinem Kopfe vorbei.'
Einige Soldaten richteten ihre Gewehre gegen den Banditen. Ich befahl die Hähne zu versorgen, weil es eine Schande ist, auf einen Kranken zu schießen, selbst wenn er ein Bandit ist. „Ergib Dich, Rade!" wiederholte ich. „Warum willst Du thörichterweise Deinen Kopf verlieren? Es ist ja möglich, daß Du pardonirt wirst." „Jawohl, pardonirt, wenn mir der Henker das Genick bricht," erwiderte Rade kalt. Die beiden Gatten lispelten sodann etwas mit einander. Einige Sekunden herrschte tiefe Stille in dem Keller. Auf einmal blitzte es auf. Dem Blitz folgte unmittelbar wieder ein Schuß. Aber dieser galt nicht uns, denn als ich in den Keller leuchtete, sah ich den Banditen Rade todt in seinem Blute liegen. Neben ihm stand sein Weib Stana mit der rauchenden Pistole
Generalversammlung, sondern er enthält auch einen indirekten Tadel gegen jene staatskatholischen und auchkatholischen Elemente, welche bisher eine gewiße vornehme Zurückhaltung oder sogar eine mehr oder minder offene Feindseligkeit gegenüber den Katholikenversammlungen zur Schau trugen. Der hl. Vater hat „alle Gläubigen Deutschlands" ermahnt, wenn möglich, an den Berathungen in Freiburg theilzunehmen. Damit sind alle Einwendungen, als ob es sich hier lediglich um eine „Partei"-Veranstaltung handle, mit welcher der Katholizismus an sich nichts zu thun habe, von kompetentester d. h. rechtmäßiger Stelle über den Haufen gestoßen. — Auch der liberalen Presse dämmert allmählig die Erkenntniß, daß die diesjährige Generalversammlung von besonders hervorragender Bedeutung sein wird. Ein Jeder legt sich natürlich diese Bedeutung nach seinem Geschmack und seinem Gesichtskreise zurecht. So meint der ,Schwäb. Merkur', die Generalversammlung „bilde einen sorgsam vorbereiteten Bc- standtheil des ultramontanen Kriegsplans für Baden", es habe „den Anschein, als wolle man durch außerbadische, ja selbst durch außerdeutsche Elemente den agitatorischen Druck auf die badische Bevölkerung verstärken." Die liberalen Blätter sollten doch ruhig den wirklichen Verlauf der Generalversammlung abwarten. Allerdings erhoffen wir und mit uns Alle, denen die kirchenpolitischs Aschenbrödel-Stellung Badens zu Herzen geht, von den Freiburger Tagen eine Kräftigung des katholischen Bewußtseins, einer, neuen Sporn zu thatkräftiger, verfassungsmäßiger und gesetzlicher Selbsthilfe der in ihren Rechten gekränkten kathol. Bevölkerungsmehrheit in Baden, aber der Gesichtskreis der deutschen Katholikenversammlungen geht denn doch naturgemäß weit über die rothgelben Grenzpfähle hinaus, die kathol. deutschen Jntereßen sind universeller Natur, und auch in anderen deutschen Staaten gibt es fürwahr noch genug der „großen Uebelstände unserer Zeit", in religiöser und sozialer Hinsicht, über deren Abhilfe nach den Worten des h. Vaters berathschlagt werden muß. — Eine echt pharisäische Mahnung glaubt das ,Franks. Journal' an die Katholikcnversammlung richten zu müßen. In einer Besprechung über die Duisburger Generalversammlung des Evangelischen Bundes heißt es nämlich zum Schlüße wörtlich: „Alles in Allem ist durch diese Generalversammlung eine Mahnung an die in der Hand. Sie hatte ihn durch einen Schuß dem Arme der Gerechtigkeit entrißen und seinem Leiden ein Ende gemacht. „Unglückliches Werb, was hast Du gethan?" rief ich der Gefährtin des Banditen zu. , ,
Sie antwortete nichts, sondern warf sich aus den entseelten Körper des Banditen nieder und wehklagte. Die Soldaten brachten sie in dre Küche und seßelten sie, um sie an einem etwaigen Fluchtversuch zu verhindern. Ich suchte den Hauptmann auf, der verwundet im Grase lag. Die Kugel durchbohrte das Fleisch des rechten Oberarmes, daher war die Wunde nicht lebensgefährlich. Wir traten den Rückmarsch an und ließen sechs Mann zur Bewachung zurück. Nach unserer Rückkehr wurde mit den Gefangenen sofort ein Protokoll ausgenommen. Wir verhörten Stana.
Sie gestand, daß ihr Gatte bei einem Zusammenstöße mit dem Militär verwundet wurde und seit derselben Zeit im Keller versteckt lag, um seine Wunde zu heilen. Sie habe ihn gepflegt, wozu sie als sein Eheweib verpflichtet war. Sie habe ihn niedergeschoßen, weil er sie darum gebeten hat, um dem schändlichen Tode auf dem
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