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J\3 188.

Freitag, den 17. August.

1888

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□ Das Stelldichein in Freiburg.

Die Herren vom „Evangelischen Bunde" haben in Duisburg sich versammelt und aus Leibes- krästen versucht, den Felsen Petri umzublasen. Wie revanchiren wir uns für die ehrenvolle Auf­merksamkeit, welche die Romhaffer durch ihre müh­samen Aerger- und Zornergüfle dem Katholizismus in Deutschland zollen? Nichts einfacher als das: Wir versammeln uns in imposanter Zahl in Frei« bürg und — schweigen die lärmenden Gegner mit gebührender Achtung tobt! Ach, wie würde Herrn Thümmelr Brust sich heben, wenn die bevorstehende katholische Generalversammlung ihn einer Entgegnung würdigte. Darauf kann er lange warten. Wenn die deutfchen Katholiken stch um ihren großen Familientisch zusammensetzen, so haben ste bessere« zu thun, als sich über die Jünglinge zu unterhalten, die draußen auf der Gasie zu pfeifen belieben.

Die Versammlung in Duisburg und die zahl­reichen sonstigen Versammlungen protestantischer ©nippen können uns aber immerhin als ein wei­terer Ansporn dienen, unsere Generalversamm­lung so großartig zu gestalten, daß sie alle geg­nerischen Zusammenkünfte weitaus überragt. Wir können das, wir haben'- dazu. An tüchtigen Rednern — die kleine Excellenz wie immer voran — fehlt es uns wahrlich nicht; die Zahl der Theilnehmer an unserer Jahresversammlung ist nach Ausweis der offiziellen Berichte fortwährend weit über die üblichen Versammlungen auf der Gegenseite hinausgegangen. Dieses Mal wäre er aber sehr erwünscht, daß die Betheiligungsziffer noch höher als gewöhnlich, sich stellte, um der Welt recht deutlich zu zeigen, wie weit wir den Duisburgern über sind. Die offiziöse Telegraphen­agentur hat bei ihren Berichten über die Präsenz, ziffer in Duisburg riesig geflunkert. Nachdem man stch zuerst mit der Zahl „4000" lächerlich gemacht hatte, ging man auf 2000 zurück, was auch noch eine arge Uebertreibung war, well der Verfamm- lungsfaal höchstens 1500 Personen faßt und von Raummangel nichts zu spüren war. Bei unfern Versammlungen pflegt nicht die Phantasie die Lücken der Präsenzliste zu ergänzen. Wenn also die Freiburger Liste recht imposant werden soll, so gibt es nur ein Mittel zu diesem Zweck: e» müffen recht viele Katholiken und noch einige da­rüber nach Freiburg fahren.

PiMims fdjönflt Woche.

(Schluß.)

Pietro machte kein sonderlich vergnügter Gesicht bei dieser unerwarteten Unterbrechung der lustigen Fahrt, aber er fügte sich schweigend, reichte dem Bruder die Geige hinab, nahm sein eigenes kleine« Bündelchen auf den Rücken und folgte dem hastig Voranschreitenden. Die Brüder standen still an einer grünumrankten Pforte. Der Ton der Klingel durchzitterte schrill ein mächtiges, geräumige» Ge­bäude, das am Ende des weiten Hofes sich erhob. Rach einer Weile öffnete sich das kleine Thor, um die Brüder Paganini einzulaffen.

Nikolo hatte zunächst mit bebender Stimme"nach dem Pater gefragt, der so schön Geige spiele. Da er selber einen Geigenkasten in der Hand trug, hatte man ihn in den Garten gewiesen, dort werde er den Pater Silvestro schon finden. Der Pietro ttollte geduldig hintendrein. Ja, die Geigentöne waren freilich da, — fie lockten und riefen den Suchenden fort und fort; aber es wchrte eine Weile, ehe Nikolo den Spielenden entdeckte. Der saß nämlich wie ein Vogel in seinem Reste in den Zweigen einer niedern Pla-

Es ist das zugleich eine kirchlich-politische Wall­fahrt und auch eine Vergnügungsfahrt. In letzterer Hinficht eine der beffern Sorte oder vielmehr besten Sorte. Manche Leute wenden Zeit, Kraft und Geld an eine Rundreise, welche eine Hetzjagd, auf alle an der Strecke liegenden Sehenswürdigkeiten darstellt und deren Endresultat ist: verschlissene Kleider, überreizte Nerven ein leeres Portemonnaie und ein leeres Gemüth. Jede vernünftige „Er- holungs-" oder Vergnügungsreise muß ein Haupt­ziel haben, wo man in Behaglichkeit die gewünschte Erquickung findet, sei es nun eine heilsame Erftischung des leidenden Körpers, oder eine Auf­frischung für Geist und Gemüth. Wer sich körperlich nicht wohl fühlt, dem ist eine Reise zur Katholiken-Versammlung nicht anzurathen, denn die rege Theilnahme an den Verhandlungen und den zugehörigen Veranstaltungen erfordert Anstren­gung. Wer aber einen leidlichen Gesundheitszu­stand hat und seine im Alltagsleben etwas matt gewordenen Seelenkräfte aufmuntern möchte, der bestelle sich schleunigst ein kombinirtes Rundreise- billet nach Freiburg zusammen; er wird dort in den fünf Tagen der Versammlung eine „Kur" durchmachen, ,au» der Herz und Hirn ein ganzes Jahr lang neue Kräfte schöpfen können. Wieviel ron den badischen oder schweizerischen Natur­schönheiten mitgenommen werden soll, da« hängt von den individuellen Verhältniffen ab; wer Zeit und Geld hat, kann gerade von Freiburg aus die „lohnendsten" Ausläufe machen.

Freiburg liegt sehr weit, wird Mancher vielleicht sagen. Freilich, die Eisenbahnfahrt kostet einige Mark mehr, als zu einer Stadt der eigenen oder der Nachbarprovinz. Aber wenn man die Sache recht betrachtet, so treiben wir beim Bü cher­kaufen und beim Eisenbahnfähren viel zu viel Pfennig-Fuchserei. Wer sein leidliches Aus­kommen hat, der kann an den körperlichen Genüffen leicht wieder heraussparen, was er für geistige Genüffe der bezeichneten Art ausgibt. Je weiter die Entfernung von irgend einer Ver- fammlungrstadt, desto größer pflegt der Genuß und Gewinn des Reifenden zu fein. Er kommt in ganz andersartige Verhältniffe, unter einem Volks stamme — mit eigenem Charakter, eigener Lebensweise, eigener Sprache; die vergleichenden Studien find lehrreich und die persönliche An­näherung an Leute, welche in der Hauptsache mit uns eins, in den Einzelheiten von uns recht ver­

tane versteckt, deren knotige Aeste stch zu einer bequemen Bank zusammengeschoben hatten.

Da stellte der junge Paganini leise seinen Geigenkasten auf den Sand de» Wege«, nahm da« Instrument heran« — und plötzlich wieder­holte unfern von dem Platanenbaume seine Geige da« Thema de» ersten. So ging er eine Zeit laug fort im seltsamen, schönsten Wettgesang, bi« au» dem dichten dunklen Blättergewirr ein freund­liche« Männer-Antlitz schaute und der Pater Sil­vestro heiter rief:

„Dieser Gast ist mir willkommen, denn er kann mehr al« ich! Den Helligen sei Dank, daß fie ihn hergeführt!"

Erstaunt ruhten nun seine Augen auf der zar­ten KnabengestÄt. „Bist Du e« wirklich, der da gespielt?" fragte die Sttmme weiter, und eine kleine behende Gestalt im Mönch«gewande, die Geige im Arm, löste stch jetzt au« dem Grün. — — Nikolo begegnete einem Blicke voll Kinderfreu- digkell und Frieden, wie noch keiner ihn getroffen.

„Ist es eine Amati, die Du spieltest, mein jun­ger Freund?"

„Ja, ein Geschenk meine« Lehrmeister« Pater!" „Dann mußt Du ein guter Schüler diese» be-

schieden sind, ist von besonderem Reiz und Vor- thell. Wie wir in den früheren Jahren die Süd­deutschen aufgefordert haben: Kommt mal nach Münster, Brerlau und Trier und seht euch eure nordischen Brüder etwas näher an I — so rathen wir jetzt den Norddeutschen: Mischt euch unter die Badenser, die Württemberger, die Sagern, die Elsässer, die Schweizer, welche sich in Freiburg in großer Zahl zusammenfinden werden; die Mannig­faltigkeit in der Einheit wird anregend, erbaulich, förderlich auf allen Seiten wirken.

Die gegnerischen Blätter behaupten vielfach, die Versammlung sei nach Freiburg verlegt, um die badischen Katholiken bcffer auf den „ultramon­tanen" Trab zu bringen. Da» ist eine einseitige Auffaffung. Auf solchen Versammlungen scheidet man stch nicht in Geber und Nehmer, in Anreger und Anzuregende, sondern jede Gruppe und jeder Einzelne ist zugleich Geber und Nehmer; er trägt nach seinen Kräften zum Gelingen de« ganzen erbaulichen Werke« bei und er sucht und findet für stch selbst die Erbauung bei den Ge- nosien. Daraus ergibt sich gerade da« gehobene Gefühl aller Betheiligten an einer solchen Zu­sammenkunft , daß fie sich bewußt sind, Mit- thäter bei einem großen, edlen, heilsamen Akte zu sein und für die geleistete Thellnahme al« Mitempfänger von der allgemeinen Segens­und Freudenfülle sich belohnt zu sehen. Eine der­artige Vereinigung gleich gestimmter, nach dem­selben Ideale strebender Seelen ist gleichsam eine moralische Genossenschaftsbank von ungeheurem Er­folge: Jeder schießt ein, was er an sittlichem Ka­pital hat und erhält es vermehrt um Wucherzinsen zurück.

Man hört manchmal sogar, daß in unserem papierenen Zeitalter die persönlichen Zu­sammenkünfte in den Hintergrund treten müßten. Wer eine Rede hält, könne höchstens zu ein-oder zweitausend Zuhörern sprechen, wer dieselben Ausführungen drucken laffe, könne ebenso viel Hunderttausende erreichen. Wer so spricht, verkennt die ungleich tiefere und nachhaltigere Ein­wirkung des gesprochenen Werkes im Vergleich zu dem gedruckten, und läßt die ungeheure, geheim- nißvolleKraft,das moralische Fluidum außer Betracht, welches sich durch das persönliche Bei­sammensein zahlreicher Gesinnungsgenoffen bildet und gewissermaßen alle Theilnehmer elektrisirt. Es ist ja eine allseitige Erfahrung, daß in Ver-

rühmten Meisters gewesen sein. Bist Du vielleicht der kleine Paganini?"

Nikolo erzählte nun Alles: wie er hierher ge­kommen, und daß der Vater ihm acht Feiertage geschenkt, und wie er froh und glücklich hinausge­zogen in die Welt mit seinem Bruder.

„Und wohin willst Du nun ziehen, mein Sohn?"

„Ach, ich möchte jetzt nm noch Eines: nicht von der Stelle weichen, hier bleiben, bis zur letzten Stunde meiner Ferienzeit — von Euch lernen."

„Ist das Dein Ernst?"

„Mein helliger Ernst!"

„Aber was fangen wir mit Deinem Bruder an? Er macht kein zufriedenes Gesicht."

„Er wird schon zufrieden fein, wenn er mich glücklich sieht. Nicht wahr, lieber Pietro?" Er schlang seinen Arm um den Hals de« guten Jun­gen. Pietro wurde roth und lächelte.

„So kommt denn," fuhr der Pater fteundlich fort, daß ich Euch dem Prior vorstelle und um die Erlaubniß bitte, Euch im Nebenhause einzu- quartieren für einige Tage."

Die Erlaubniß erspielte sich Nikolo Paganini schnell. Der Prior wie die Brüder waren entzückt von diesem wundervollen Talent. Wie ein junger