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1888

Donnerstag, den 16. August.

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Die Wnlbaet Reituna* erscheint täglich. Sonn- und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld: 1 M. 50 Pf. Ste ,F°ldaer ü-'mng ^^°r bellettistischen Wochenbeilage Sterne und Blumen- in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf.

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Deutsches Reich.

Berlin, 15. August.

• Die politisch stille Zeit gestattet einen kurzen Rückblick, und dieser sagt uns, daß wir in den letzten Monaten eine große, mit vielen Kleinig- ketten und kleinlichen Nörgeleien verbrämte Zeit durchlebt haben. Wenn Kaiser Friedrich den Thron seiner Väter gesund bestiegen hätte, würde manches wohl nicht so sein, wie es jetzt ist. Eine staats­männische Kraft, wie den Fürsten Bismarck, würde Kaiser Friedrich unter allen Umständen dem Reiche zn erhalten gesucht haben, aber eine andere Frage ist es, ob so zwei ausgeprägte Individualitäten, trotz des besten Willens, dauernd mit einander ausgekommen wären. Es wäre ein Meisterstück in der Politik gewesen, aber undenkbar ist es nicht, daß sowohl Kaiser Friedrich wie Fürst Bismarck dieses Meisterstück fertig gebracht hätten, denn in der Ueberwindung von Schwierigkeiten zeigt sich der Künstler. Der geliebte Kaiser, auf den so viele Hoffnungen gesetzt worden, starb; die wirklichen oder vermeintlichen „Schwierigkeiten" verschwanden, sie klangen in einem sensationellen Roman aus, und Kaiser Wilhelm H. bestieg in vollem Glanze, umgeben von den deutschen Fürsten, den Thron; Fürst Bismarck brachte wieder ein Meisterstück zu Stande und die Reise des jungen Herrschers nach Petersburg, Stockholm und Kopenhagen drückte seiner Friedenspolitik das Siegel auf. Der Gang der äußern Politik wird die Ferienreisen der Minister nicht stören, aber in der innern Politik- scheint sich eine Wandlung zu vollziehen, die da­durch ihr charakteristisches Gepräge erhält, daß der Nationalliberalismus sich wieder als brauchbares Material fühlt. Und je mehr dieser sich fühlt, um so bedeutungsloser treten die Konservativen in den Hintergrund, und der Kampf um die Schule wird in dieser neuen Aera ein brennender werden. Im Jahre 1872 äußerte Virchow: „Ich will ab- solut nicht, daß es in die Hände der Regierung gelegt werden soll, den Kindern einen bestimmten Religionsunterricht ertheilen zu lasten, durch eine beliebige Person, die der Regierung genehm ist." Mehr verlangt auch das Centrum nicht, und trotzdem behauptet die .Norddeutsche' mit kühner Stirn, „der Zweck seines Vorgehens könne nur der fein, neues Oel in die verglimmende Flamme des Kulturkampfes zu gießen und das Mißtrauen

üagatimis schönste Woche.

Wer kennt den Namen Paganini nicht? Ist er ja doch der größte und berühmteste Geiger der Welt gewesen, der alles durch sein wundersame» Spiel hingeristen und bezaubert hat. Aber seine Jugend war nicht so glänzend und freudenvoll, als man sich vielleicht denkt. Zuerst mußte er sich halbtodt martern durch jahrelange Uebungen und dann zog sein geldgieriger und unbarmherziger Vater mit ihm von Stadt zu Stadt, und der arme Knabe mußte, oft todtmüde, Tag für Tag konzertiren. .

Endlich hatte der junge Künstler Vakanz er» halten - volle acht Tage. Nikolo Paganini und sein lustiger Bruder Pietro wanderten froh und in unaussprechlichem Jubel frei in die Welt hin­aus, in der Tasche einen Zehrpfennig, auf dem Rücken den Geigenkasten.

Es war am ersten Tage; die Brüder mochten ein paar Meilen gewandert sein unter dem sonnigen Himmel ihrer Heimat (Oberitalien). Da holte sie ein seltsam gebauter offener Wagen ein, von welchem lustiges Singen herüberklang. Bunt und lustig, wie die mit Bänder» geschmückten kleinen Pferde, erschien auch die Gesellschaft, die ihn

der katholischen Unterthanen gegen den Staat von neuem zu schüren." Man mag nun die Sache so­viel drehen und wenden, deuteln und erklären, wie man will, — sie spitzt sich einfach zu der Frage zu: Soll die Kirche oder der Staat be­stimmen, von wem und wie der Religionsunterricht in der Volksschule ertheilt wird? Die National­liberalen schwärmen natürlich wie in allen Dingen für die Staatsallmacht; das Centrum sagt mit Recht, daß dies Sache der Kirche sei, und die christlich gesinnten Konservativen würden daffelbe sagen, wenn sie dürften.

• Das Militär-Wochenblatt' veröffentlicht die Ernennung de» Generalfeldmarschall» Moltke zum Präses der Landesverthetdigungskommisfion unter gleichzeitiger Entbindung als Chef des Generalstabes. Graf Waldersee wird unter Stellung ü la suite des 13. Ulanenregiments zum Chef des Generalstabs ernannt. Auf ausdrückliche Bestimmung des Kaisers bleibt Graf Moltke noch ferner in Beziehung zum Generalstabe und behält auch feine bisherige Dienstwohnung im General­stabsgebäude bei. Als besonder» hohe Auszeichnung muß es außerdem angesehen werden, daß der Feldmarschall einen persönlichen Adjutanten erhält. Dem Rücktritt Moltkes find natürlich eine ganze Anzahl von Artikeln der Berliner Blätter gewidmet. Graf Moltke hat nahezu 31 Jahre an der Spitze des preußischen Generalstabes gestanden. Sein Vorgänger war der General der Kavallerie v. Reyher, der am 7. Oktober 1857 starb. Unter dem 29. Oktober 1857 wurde der Generalmajor Freiherr v. Moltke mit der Führung der Ge­schäfte als Chef de» Generalstab» der Armee be­traut und am 18. September 1858 endgültig zum Generalstabschef ernannt. In der preußischen Armee befindet fich der jetzt beinahe 88 Jahre alte Feldmarschall seit dem 12. März 1822, nach- dem er vorher schon seit 22. Januar 1818 in dänischen Diensten gestanden hatte. 1828 wurde Moltke zum topographischen Bureau de» großen Generalstabs kommandirt und bereits 1833 unter Beförderung zum Premierlieutenant in den Ge­neralstab versetzt. 1836—1839 war er nach der Türkei zur Instruktion und Organisation der dortigen Truppen kommandirt, 1845—46 war er Adjutant de» Prinzen Heinrich und 1855 bi» 1857 Adjutant de» damaligen Prinzen Friedrich Wilhelm; die ganze übrige Zeit gehörte er dem füllte. Phantastisch war die Kleidung der Männer und Frauen; glänzende Augen und lachende Ge- fichter schauten auf fie herab. Man hielt in un­mittelbarer Nähe der Brüder an, da man eben am Saume eine» kleinen Olivenwalde» angelangt war, wo die Straße fich in Windungen bergan zog. Ein Imbiß wurde rasch ausgepackt; man lagerte stch auf allerlei Decken, die man vom Wagen nahm.

Wie frisch und fröhlich erschien da» braune junge Mädchen, das fich jetzt den jungen Wan­derern näherte, in seinem rothen Röckchen, blauem Mieder, über und über behangen mit goldenen Münzen und Wachsperlschnüren, e» lachte da» Brüderpaar an, betrachtete Nikolo von allen Seiten, tippte endlich mit dem Finger auf den Geigen­kasten und fragte: „Kannst Du die Violine spielen?"

Er nickte lachend.

„Spielei" gebot e» nun, und blendende Zähne blitzten zwischen den Purpurlippen auf.

Während Molo die Geige aurpackte, erfaßten die Hände de» Mädchens einen Becher. Es that einen Zug, dann hielt es den Brüdern den würzi* gen Trank hin und befahl mit der Miene einer kleinen Herrscherin: „Trinkt!"

Nikolo gehorchte wie im Traum; der Trank

Generalstabe in den verschiedensten Stellungen an. 1866 wurde er General der Infanterie und er* hielt den Schwarzen Adlerorden; am 28. Oktober 1870 erfolgte seine Erhebung in den Grafenstand, und am 16. Juni 1871 wurde er General-Feld« marschall. lieber Moltkes Nachfolger, den Grafen Waldersee, Näheres im morgigen Blatte.

* Der König von Portugal ist heute Vor­mittag 8 Uhr über Dresden nach Prag abgereist.

* Aus München, 13. Aug., wird der,Germ.' gemeldet:

lieber die gestrigen und heutigen Berathungen derDe- legirten der katholischen kaufmänischen Vereine kann Ihr Korrespondent nur nach Privat-Jnforma- tionen berichten, da die Berathungen unter vollständigem Ausschluß der Oeffentlichkeit stattfanden und auch die sich legitimirenden und mit Festkarten (!) versehenen Vertre­tern der katholischen (!!) Presse der Zutritt nicht gestat­tet wurde. Die katholischen Zeitungen Münchens mißbil­ligen diesen Entschluß des Kongresses, von dem sie be­haupten, daß einige norddeutsche Delegirte die Schuld daran trügen, in scharfer Weise. — Ueber die Begrüßungs­feier am Samstag Abend ist noch nachzutragen, daß Herr Bankbeamter Bernhard die Eintracht des Verbandes betonte und auf die Vertreter der oberbayerischen Handels­und Gewerbekammer, sowie des Münchener Gemeindekol­legiums ein Hoch ausbrachte. Herr Kommerzienraih H a r n le antwortete Namens des Münchener Gemeindekollegiums, Herr Großhändler Wilhelm als Vertreter der oberbaye­rischen Handels- und Gewerbekammer. Der Ferien-Ord­ner des katholischen Studentenvereins „Ottania", Herr cand. theol. Mayer, überbrachte dem Verbände den Gruß der katholischen Studentenschaft, der Vertreter des katholischen kaufmännischen Vereins in Stuttgart, Herr Martin, schilderte in schwungvoller Rede das Wirken des Verbandes, der Vertreter des neuen Vereins in Halle «. «., qp »in •■«i

das katholische München aus. Gestern Morgen 8 Uhr wurde in der St. Bonisatiuskirche ein feierliches Pontifikal- Amt vom hochw. Herrn Stiftsabte Zenetti celebrirt. Der hochwürdige Herr Stadtpfarrer Huhn hielt eine nach Form und Inhalt meisterhafte Predigt, die demnächst im Druck vervielfältigt, den Kongreßmitgliedern übergeben werden soll.

Nach dem Festgottesdienste begannen die Berathungen der Delegirten. In das Bureau wurden gewählt: Si- lette-Essen zum 1. Präsidenten, Ortwein-Koblenz zum 2. Präsidenten, Bernhard-München zum 1. und Kremann-München zum 2. Sekretär. Zu Kassenrevi­soren wurden gewählt: Martin-Stuttgart und Schmitt- Fulda. Auf Antrag des katholischen kaufmännischen Ver­eins Dortmund, des zeitigen Vorortes des Verbandes, wurden die katholischen kaufmännischen Vereine zu Chem­nitz, Erfurt, Gelsenkirchen i. W., Halle a. d. S., Limburg an der Lahn und Wien definitiv in den Verband ausge­nommen, Wien vorerst als befreundeter Verein. Von den aufgenommenen Anträgen erwähnen wir den von Hiller- Breslau gestellten, wonach jede ordnungsmäßig einberufene floß feurig durch seine Adern, er hob die Geige empor, setzte den Bogen an und spielte. Nach den ersten Takten wandten stch alle Köpfe zu ihm hin; dann sprangen die Minner auf, um den Spieler zu umringen; die Frauen winkten ihm zu — — tiefe Stille trat ein. Alles lauschte fast athem« los. Dann und wann erhob stch ein unterdrücktes Gemurmel — ein geflüstertes „Bravo" und Bra­vissimo I“ Immer dichter wurde der Kreis, immer leidenschaftlicher tanzte der Bogen über die Saiten. Dann brach das Spiel plötzlich ab, der Knabe athmete tief und ließ fich ermattet langsam auf den Boden nieder sinken.

Ein Sturm des Jubels brach nun unaufhörlich los. Al» er sich gelegt hatte, sagte ein älterer Mann, dessen Hand flüchtig über Nikolos Haar strich: „Ihr müßt bei uns bleiben! Ihr sollt es gut haben und seid in bester Gesellschaft. Wir sind auch Künstler, wie Ihr! Für Euch beide ist Platz in unserm Wagen und an unserm Tische zu jeder Stunde. Kommt her und eßt und trinkt; erzählt uns dann Euere Geschichte und fahrt mit uns weiter. Ihr werdet es sicher nimmer bereue« l"

Es war eine umherziehende Seiltänzerbande, in die Nikolo und fein Bruder gerathen waren. Al» er feinem enthusiastischen Bewunderer seine Ge*