Einzelbild herunterladen
 

J\s 185.

Montag, den 13. August.

1888

Mier Ä Jeitug.

D« .Fuldaer Zeitung erscheint tüglich., Sonn« und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringerlohn und Bestellgeld' IM 50 $f mit der belletristischen Wochenbeilage Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M. 75 Pf '

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

*** Bor der Auswanderung wird oft gewarnt, aber trotzdem vermehrt sich die Zahl der Europamüden von Jahr zu Jahr. Wir find grundsätzlich keine Freunde der Auswanderer, aber erkennen an, daß mancher einen Grund haben kann, flch eine neue Heimath jenseits des Oceans zu suchen. Wenn nun die Warnungen vor der Auswanderung nichts fruchten, oder doch nur wenig, wenn der deutsche Wandertrieb sich gegen­wärtig einmal so stark äußert, so dürften wenig­sten» Warnungen für Auswanderer und Aus­wanderinnen wohl am Platze fein.

Zunächst: wohin? Wenn sich Staaten um die Auswanderer sehr bemühen, so ist da» in der Regel verdächtig, und da» ist gegenwärtig nament­lich bei dem südamerikanischen Staate Peru der Fall. Dieser Staat hat sich durch seinen unglück­lichen Krieg mit Chile ganz ruinirt, die Bevöl­kerung lebt in den traurigsten Verhältnissen, Handel und Wandel stockt, es ist kein Geld im Lande, der Staat ist bankerott, Elend und Roth herrscht überall. Schon an und für sich ist das peruanische Klima dem Deutschen nicht sehr zu­sagend, Peru hat zudem schreckliche Insektenplagen, dann aber wird ein Deutscher, der an ein geord­netes staatliches Regiment und Sicherheit im Lande gewöhnt ist, sich schwer in die verkommenen peruanischen Verhältniffe finden können. Es liegt die allergrößte Gefahr vor, daß der deutsche An- fiedler in Peru bald so arm wird wie eine Kirchen­mau», dann ist er dazu vrrurthrttl, beu- Singt» bornen Frohndienste zu verrichten, wenn er nicht Hungers sterben will.

Vor der Einwanderung nach Brasilien war bisher nicht unter allen Umständen abzurathen, aber es kommt sehr darauf an, welche Gegend von Brafilien gewählt werde; einige sind gut, andere taugen nichts. Gegenwärtig aber kommt ein besonderer Umstand hinzu, der die Auswan­derung nach Brafilien keineswegs als räthlich er­scheinen läßt. Wie bereits mitgetheilt, muffen in einigen Monaten sämmtliche noch in Brasilien be­findliche Sklaven freigelaflen werden. Da dieselben wohl kaum geneigt sein werden, bei ihren bis­herigen „Eigenthümern" zu verbleiben, müssen fich diese nach anderen Kräften umsehen, und nun haben sie ihr Augenmerk besonders auf die unbe­mittelten europäischen Auswanderungslustigen ge- gerichtet, denen gewiß kein bifferes Schicksal bc-

Die ttikiht Schwitzkur.

Humoristische Erinnerung eines „alten Hauses".

(Schluß.)

„Aber, Mama," unterbrach ich die Erregte, in dem ich mich bemühte, meiner Stimme einen möglichst leidenden Klang zu geben, „wenn meine Ehre angegriffen wird, so kann ich das doch un­möglich auf mit sitzen lassen und gerade jetzt —" ich ließ meine Stimme wie in zorniger Erregung anschwellen, „wo ich auf dem Krankenlager liege, hat dieser Kerl wieder einen so nichtswür­digen Streich ausgeführt und Du mußtest natür­lich bei der kolossalen Aehnlichkeit glauben, Du habest Deinen Sohn vor Dir .... na, warte Bursche....

„Fritz", klang da wiederum die Stimme der Mama, diesmal mit einem Anfluge von Strenge, „Du wirst mir nochmals versprechen, Dich nicht wieder zu schlagen und namentlich jenen .... Menschen in Ruhe zu lassen, ich verlange e» von Dir, ich befehle e» Dir . . . ."

„Beruhigen Sie fich nur, Frau Oekonomie- räthin," mischte fich der Pseudo-Doktor noch ein­mal ein, „es wird nicht zu dem kommen, was

reitet werden soll, als den bisherigen Sklaven. Also Achtung, wenn die betreffenden Agenten auch bei uns auftauchen sollten!

Ueber Argentinien lauten die Urtheile ver­schieden. Das Land scheint fich zu konsolidiren, aber bevor fich jemand vergew ssert hat, sollte er unter keinen Umständen bett Entschluß fassen, dort­hin zu gehen. Für Süddeutsche ist Argentinien besser geeignet, als für Norddeutsche.

Die Vereinigten Staaten bilden das Ziel der meisten Auswanderer. Wenn Jemand durch dort wohnende zuverlässtge Verwandte zur Auswande­rung dorthin aufgefordert wird, so ist das schon eine Art Gewähr, daß er mindestens Aussicht auf Fortkom­men hat. Aber auf sonstige, noch so glaubhaft klingende Empfehlungen lasse man sich nicht ein, noch weniger auf Zeitungsartikel in amerikanischen Blättern. Wie cs gemacht wird, möge ein Beispiel beweisen. Bei Little Rock hat eine Eisenbahngesellschaft kolos­sale Strecken meist steinigen und unfruchtbaren Bodens angekauft, welche sie parzelliren und an Einwanderer ablaffen will. Amerikaner geben fich natürlich nicht dazu her. Um bett Einwanberern die Sache schmackhafter zu machen, hat ble Ge­sellschaft in Little Rock ein Blatt gegrünbet, bas jeben Augenblick einen langen Artikel über jene Gegenben bringt und dieselben als herrlich, para­diesisch schildert. Mit solchen Nummern gehen nun die Auswanderungs-Agenten hausiren, Europa weniger, aber mehr in Castle-Harden zu Newyork, überhaupt wo unerfahrene Einwanderer ankommen, süieje weroei, auf oie „Farm» gelockt, oczahten den Boden meistens zum Theile, können mit sauerm Schweiße nicht so viel gewinnen, um das Leben zu fristen, schließlich verzweifeln sie, werfen die Flinte in’s Korn und ziehen unter Zurücklassung ihrer festen Habe ohne Weiteres fort. Eine solche „Farm" ist natürlich „werthvoller", auch das „Haus" wird von der Gesellschaft mitverkauft, der eine „Hereingefallene" folgt dem andern. Im Allgemeinen, so wird uns von guter Seite ver­sichert, ist gegenwärtig die Einwanderung nach dem Norden der Vereinigten Staaten nicht so sehr zu empfehlen, als nach dem Süden, das Wort „em­pfehlen" darf hierbei natürlich nicht mißverstanden werden; denn es fällt uns nicht ein, die Auswan­derung überhaupt zu empfehlen.

Spezielle Rathschläge für Auswanderer dürften folgende sein: 1) Kein Katholik soll auswandern, ohne sich längere Zeit vorher mit dem St.

Sie befürchten, der Doppelgänger Ihres Herrn Sohnes ist im Grunde genommen eine ganz gut­mütige Natur, er wird die Erklärung abgeben, daß es ihm bei der eigcnthümlichen Affaire vor dem „Grauen Wolf" gar nicht eingefallen ist, hierbei als Ihr Herr Sohn aufzutreten und damit kann sich derselbe zufrieden geben. Also, was ich vorhin sagte, verehrte Frau, noch einen Tag Schonung und strenge Diät, dann wird es sich mit Fritz schon machen. Ich habe die Ehre, Frau Oekonomieräthin, mich Ihnen zu empfehlen — Adieu, lieber Wellmann!"

Die drei Vandalen drückten fich zur Thüre hin­aus und ich blieb mit meiner Frau Mama allein. Nun, ich brauchte nicht» mehr zu fürchten, meine simulirte Krankheit, wie die Mär von dem angeb­lichen Doppelgänger hatten mich gerettet und Mama würde Stein und Bein darauf geschworen haben, daß ich vier Tage am gastrischen Fieber darnieder gelegen hätte und daß in L. ein mir zum Ver­wechseln ähnlicher Studio cxistire — die Geschichte war wirklich kostbar! Indessen, wenn mir auch soweit geholfen war, die Konsequenzen, der mir eigentlich von unserem würdigen Senior verord­neten Schwitzkur mußte ich trotzdem bi» zum

Raphaels-Verein zum Schutze der Auswan­derer in Verbindung gefetzt zu haben. Dessen Rathschläge werden bereitwilligst ertheilt, sie kosten nicht» und nützen auch der meist nicht zu über­mäßig gespickten Börse des Auswanderer» wesentlich.

2) Kein Auswanderer werde mit Persönlichkei­ten, die sich ihm auf der Reise nach dem Hafen aufdrängen wollen, familiär, er knüpfe überhaupt keine Bekanntschaften unterwegs an, e» gibt eine Unmasse von Schwindlern, welche sich darauf ver­legen, dem Auswanderer fein Geld abzunehmen, fei es durch Diebstahl ober durch Spiel. Auf ein Spiel lasse man sich nie ein; Hunderte, welche so dumm waren, werden Jahr für Jahr um ihren letzten Heller betrogen, bevor sie da» Schiff erreichen.

3) Allein reisende Mädchen oder Frauen dürfen unter keinen Umständen sich mit Personen, die sich als ihnen behülflich anbieten, auch nur im Ent­ferntesten einlassen. Sie sollen möglichst wenig Fragen stellen, möglichst wenig Erkundigungen ein­ziehen, wenn sie etwa» zu fragen haben, so thun sie es am besten bei den uniformirten Beamten.

Es wären noch manche Rathschläge zu geben, aber erschöpfend können sie doch nicht werden, wir wiederholen deshalb an alle Auswanderer die dringende Bitte: Wenn ihr Europa verlassen wollet, so wendet euch längere Zeit vorher, am lesten durch Vermittelung des Ortspfarrers, an den St. Raphaels-Verein, der über Alles gerne Auskunft gibt.

Deutsches Meich.

Berlin, 11. August.

* Die Antisemiten haben gestern Abend int hie­sigen sechsten Reichstags-Wahlkreise die Agitation für ihren Kandidaten begonnen. Liebermann von Sonnenberg hielt in einer gut besuchten Versamm­lung, die schließlich Förster einstimmig als Kan­didaten aufstellte, eine Art Programmrede. Es handelte sich um eine Probe-Mobilmachung. Daß der antisemitische Kandidat gewählt werde, sei unmöglich, werde auch nicht erwartet; aber der Antisemitismus müsse sich selbstständig machen und streben, es zu einer kleinen antisemitischen Partei im Reichstage zu bringen, die als Sauer­teig das Antisemitische im Centrum, unter den Konservativen und selbst unter den Nationallibe­ralen zur Gährung bringen werde. Gouvernemen- tal könne der Antisemitismus nur dann fein, wenn

Aeußersten tragen, denn Mama hielt andenDiät- vorschristen des nichtsnutzigen Pseudo-Dokrors ener­gisch fest. Demgemäß mußte ich, nachdem ich Mittags zwar richtig mein Täubchen empfangen, den ganzen übrigen Tag int Bette stecken bleiben und — o Hohn des Schicksals! — draußen war so prächtiges Wetter und für den Nachmittag war eine Kahnfahrt der Langobarden nach Grimmels- born, Abends aber der Anstich de» neuen köstlichen Mummelshainer Bieres auf der Verbindungskneipe projektirt — und ich mußte hier in meinem Schwitzkasten ausharren — es war empörend! Und dazu diese abscheuliche Limonade, die mich Mama gewissenhaft schlürfen ließ — Limonade auf meinen „ausgepichten" Bierwagen — entsetz­lich! Vergeblich suchte ich aber Mama nur auf ein Stündchen wegzugrauken, um dann von Hann- chen einen Krug Bier einschmuggeln zu lassen, Mama blieb standhaft auf ihrem Posten und erst in den Abendstunden verließ sie mich, um Nacht­quartier im „Grauen Wolf" zu beziehen, da —• glücklicher Weise — bet meinem Wirthe nicht ST geringste überflüssige Platz vorhanden war.

Natürlich mußte mir Hannchen sofort verschiß bette Kannen Bier besorgen — ba ich es doch