J\£ 184.
Sonnabend, den 11. August.
1888
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* Die Landwirthschaft in Preußen und darüber hinaus auch in den übrigen Bundes« staaten befindet stch seit langer Zeit in einer durchweg ungünstigen Lage, die sich von Jahr zu Jahr noch verschlimmert hat und den allmählichen Ruin dieses wichtigen Faktors herbeisühren muß, wenn es der ackerbautreibenden Bevölkerung nicht gelingt, unterstützt durch eine vernünftige und auf die In» teresien der Landwirthschaft Rücksicht nehmende Gesetzgebung, wie durch sonstige zweckentsprechende Maßregeln des Staates mit gesteigerter Selbstthätigkeit eine allmähliche Besserung der Verhältnisse anzubahnen.
Der neueste Bericht der preußischen landwirth- schaftlichen Verwaltung, welcher sich auf die Jahre 1884 bis 1887 erstreckt, weist auf Anzeichen hin, die eine Wendung zum Besseren erwarten lassen, wenngleich in demselben nicht verhehlt wird, daß sich die Landwirthschaft in allen ihren Zweigen in einer schweren Krisis befindet.
Der vollständige Aufschluß großer Produktions-Gebiete durch die staunenswerthe Entwickelung der Verkehrsmittel und die dadurch gebotene Möglichkeit und Gelegenheit zu einer raschen und billigen Massenbeförderung landwirth- schaftlicher Produkte aus den entferntesten Theilen der Erde nach den westeuropäischen Märkten um die Mitte dieses Jahrhunderts konnte für unsere einheimischeLandwirthschaft nicht ohne Folgen bleiben.
Dem Westen von Europa floß in jährlich wachsendem Umfange der Ueberschuß landwirth- schastlicher Produkte aus dem Osten Europa'« und allen anderen Welttheilen zu und suchte hier seinen Markt und seine Verwendung. Schon hatten die kolossalen, stetig wachsenden Zufuhren aus Afrika, Amerika und Australien die Wollpreise so geworfen, daß die Wollschafzucht in Deutschland mehr und mehr aufgegeben werden mußte; schon waren manche Handelsgewächse, Del» flüchte, Farbpflanzen, Flachs u. a. der Konkurrenz des Auslandes oder von Außen her neu eingeführ- ten billigeren Stoffen fast erlegen, als auch der Getreidebau in Deutschland ernstlich bedroht wurde. Rußland, durch Eisenbahnen und neue Verkehrsmittel aller Art bis in die entferntesten Provinzen dem Verkehr zugänglich gemacht, brachte alljährlich ungeheuere Mengen von Getreide aller Art auf die europäischen Märkte; Amerika vermehrte seine Produktion in's Ungemessene und führte, begünstigt durch billige Frachten seine enor-
Die tttttuht Schwitzkur.
Humoristische Erinnerung eines „alten Hauses".
(Fortsetzung statt Schluß.)
Da erklangen Schritte auf der Treppe, leise öffnete sich die Thür, Hannchen steckte einen Augenblick ihr Gesicht mit einer höchst bezeichnenden Geberde herein, um wieder zu verschwinden und dann meine Frau Mama hereinzuschieben. Mama blickte erst die drei ramschspielenden Vandalen, die stch ehrerbietig erhoben, und dann mich, ihren schwitzenden filiua in dem umfangreichen Bettgehäuse mit einem Ausdrucke an, der, ich muß gestehen, an Verblüfftheit grenzte, so daß ich mich schleunigst in das Kopfkissen vergrub, um ein in diesem entscheidenden Momente jedenfalls sehr gefährliches Lachen zu verbergen. Glücklicherweise erfaßte einer der Vandalen, ein „altes Semester", dem überdies eine Brille und ein prächtiger Bollbart ein ziem- lich verttauenswürdige» Aussehen verliehen, die Situation vollkommen. Er machte vor Mama eine elegante Verbeugung, griff nach meinem Hand- gelenk, als ob er mir den Pul» fühle und sagte mit gedämpfter Stimme:
men Ueberschüfls an Weizen und Mais gleichfalls in großen Mengen nach Europa; Indien endlich mit seiner reichen Vegetation trat nach Beseitigung der Ausfuhr-Beschränkungen durch den Ausbau großer Kanalnetze und die Entwickelung seines Eisenbahnnetzes mit steigenden Massen in den Wettstreit ein. Die Getreidepreise sanken bis auf einen für deutsche Verhältnisse unauskömmlichen Stand.
Dieselbe Erscheinung vollzog sich sehr bald auch auf dem Gebiete der Thier zücht. Lebendes Schlachtvieh wurde aus den Vereinigten Staaten und Kanada in beträchtlichen, jährlich wachsenden Mengen auf den englischen Markt geführt und erschwerte dort den Absatz für unser Mastvieh; frisches ausgeschlachtetes Fleisch kam in regelmäßigen großen Transporten, in Eisschiffen verpackt, aus Australien, Nord- und Südamerika nach England und Frankreich und machte dort unserer sehr beträchtlichen und früher rechtgewinnreichen Ausfuhr fetter Hammel und fetten Rindviehes eine fast übermächtige Konkurrenz. Die Viehpreise sanken von Jahr zu Jahr und mit ihnen die Preise unserer auf den Export angewiesenen Molkereiprodukte, namentlich der Butter, welcher in der viel billigeren Margarine-Butter ein gefährlicher Konkurrent erwachsen war.
Endlich wurden auch unsere wichtigsten land- wirthschaftlichenNebengewerbe, deren steigende Blüthe noch bis zum Jahre 1883 für die heimische Landwirthschaft, andere Nachtheile ausgleichend, große Vortheile gebracht hatte, während der Jahre 1884—1887 von derselben schweren Krisis betroffen.
Deutschland, nach seinen wirthschaftlichen Verhältnissen genöthigt, die Spiritusproduktion über den eigenen Bedarf hinaus auszudehnen und einen beträchtlichen Theil derselben zu exportiren, stieß in dieser Zeit mit seinem Export auf große Schwierigkeiten. In den meisten unserer früheren Absatzgebiete suchte man durch hohe Eingangszölle die eigene Spiritus-Industrie groß zu ziehen und die Einfuhr fremden Sprits zu beschränken; außerdem hatte der deutsche Export, wo ihm ein Absatzgebiet offen stand, mit der zum großen Theile durch hohe Ausfuhrvergütungen, Exportprämien, niedrige Frachtsätze u. s. w. begünstigten österreichischen, russischen, belgischen und amerikanischen, neuerdings auch der schwedischen und rumänischen Konkurrenz zu rechnen. Bei dem stockenden Export sanken die Spirituspreise so
„Ah, Frau Oekonomieräthin wollen stch selbst einmal von dem Befinden des werthen Herrn Sohn überzeugen, die Gefahr ist vorüber! Zu meiner — und gewiß auch Ihrer Freude — kann ich, als augenblicklicher Vertreter des Herrn Dr. Windmeier, Ihnen die beruhigende Mittheilung machen, daß da» gastrische Fieber, von welchem Ihr Herr Sohn, unser lieber Kommilitone, vor einigen Tagen befallen wurde, so ziemlich wieder geschwunden, und daß die Schwitzkur, welche Dr, Windmeier anordnete, von wohlthätigster Wirkung gewesen ist. Ich glaube, daß Ihr Herr Sohn bei strenger Befolgung der bisherigen Diät bereits morgen das Bett wieder verlassen können wird, für heute ist es selbstverständlich, daß er nicht nur das Zimmer, sondern auch noch das Bett hütet, es könnte sonst vielleicht doch ein bedenklicher Rückfall eintreten. Im Uebrigen glaube ich, wird dem Patienten ein leicht gedämpftes Täubchen, in etwa zwei Stunden genossen, und gegen Abend eine gute Bouillonsuppe nichts schaden; mit den Getränken, denke, fahren wir noch ein paar Tage fort, wie bisher, al» Limonade mit Wasser."
Ich staunte den Pseudo-Doktor — es war kein
tief, daß die Lage unserer Spiritusindustrie äußerst mißlich wurde. Nicht viel anders war die Lage der Rübenzuckerfabrikation, welche in noch viel höherem Maße al» die Spiritusfabrikation darauf angewiesen ist, die Verwerthung ihrer Produkte im Auslande zu suchen. Die gewinnreichen Jahre, welche in den Jahren 1884 bis 1887 vorangegangen waren, wie die mangelnde Rentabilität des Körner-Anbaue» hatten in allen be- theiligten Ländern zu einer Ueberproduktion geführt, in Folge deren sich die Znckerpreise bi» auf ein völlig ungenügendes Maß verminderten.
Dieser schweren Krisi», welche von Stufe zu Stufe alle landwirthschaftlichen Produkte ergriff, stand die deutsche Landwirthschaft zunächst schutzlos, lediglich auf sich angewiesen, gegenüber. Vom Jahre 1879 an griff zwar die Reichsgesetzgebung ein, indem sie eine Mehrzahl landwirthschaftlicher Produkte, welche seit 1865 zollfrei eingingen, einem geringen Eingangszoll unterwarf und für andere, auch früher schon zollpflichtige landwirth- schastliche Produkte den Eingangszoll erhöhte, aber erst den Jahren 1884 bis 1887 war es vorbehalten, durch weitere Ausbildung der einschlagenden Gesetzgebung der Landwirthschaft einen hoffentlich wirksameren Schutz zu gewähren. Die Schutzzölle auf landwirthschaftliche Produkte sind bei den jetzigen Verkehrsverhältniffen allerdings nicht im Stande, die Einwirkung der großen Preis conjunc« tuten, ausländischer Märkte aufzuheben, wohl aber geeignet, dieselben zu mildern und abzu- sch wä ch en. Für Deutschland haben fie unzweisel- haste Vortheile gehabt. Sie haben die allgemeine Krisis verlangsamt, den moralischen Muth und den Unternehmungsgeist der landwirthschafttreiben- den Bevölkerung gehoben und zur gesteigerten Selbstthätigkeit angespornt, den Preisrückgang der Produkte immerhin aufgehalten und durch Vergrößerung der Staatseinnahmen die Nothwendig- keit beseitigt, den wachsenden Bedürfnissen gegenüber die direkten Steuern zu erhöhen.
Erfreulich ist es und zu weiteren Hoffnungen berechtigend, wenn der Bericht der landwirthschaftlichen Verwaltung auf die erheblichen Fortschritte Hinweisen kann, welche während der Zeit der Krisis in allen Zweigen der Landwirthschaft durch intensivere Kultur, Veredelung der Produkte, Ausbildung der Technik und Verminderung der Produktionskosten erzielt find. Insbesondere hat die Pflege der Wafferwirthschaft durch rationelle Fluß- regulirungen und in Verbindung damit durch
Mediziner, sondem ein Philologe, ein Xsemestriger Philologe, Namens Schellhorn — ob dieser Rede an . . . die beiden andern Vandalen steckten sehr gesetzte Mienen auf ... . Mama konnte sich jedenfalls noch nicht zurecht finden, immer wieder schaute sie mit einem ganz sonderbaren Ausdrucke auf mich hin, bis sie endlich, stch in den Stuhl niederlassend, den ihr Schellhorn galant präsen- tirte, ihren sie bestürmenden Gefühlen in den Worten Lust machte:
„. . . . Wie, Fritz, Du .... bist krank . . . aber warum hast Du denn mir niemals eine Silbe geschrieben .... und doch, .... wie ist das denn nur .... ich glaubte, Dich doch ganz gewiß unter den schrecklichen Menschen am „Graum Wolf" bemerkt zu haben .... Ach Gott, Fritz, Fritz . . ."
Ehe ich indessen nur im Stande war, irgend etwas zu erwidern, griff Freund Schellhorn nochmal» rettend in den Gang der Dinge ein und bemerkte im mildesten Tone:
„D, beste Frau Oekonomieräthin, er handelte sich, wie ich mir schon erlaubte hervorzuheben, nur um ein leichte» Fieberchen, da» lediglich