1888
Mittwoch, dm 8. August.
filittr W Zeitsuz.
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* Der Sklavenhandel in Afrika.
Se. Eminenz der Kardinal-Erzbischof von Algier, Tunis und Karthago, Monseigneur Lavigerie, hat eine Ansprache im Druck erscheinen lassen, welche er über die namen- und grenzenlosen Greuelthaten der wohamedanischen Sklavenhändler im Innern Afrika'» kürzlich vor einer auserlesenen Versammlung in der Kirche St. Sulpice zu Paris gehalten hat. Die Schilderung der Sklavenjagden, die Mißhandlungen von Frauen und Kindern erregten Entsetzen und übertreffen Alles, was die Phantasie eines Teufels selber erfinden könnte. Da» Herz des edlen Kardinals ist von Schmerz über diese erbarmungswürdige Lage der armen Neger zerriffen, und er glaubt, daß alle fühlenden Seelen seinen Schmerz theilen. Er hofft, eine gemeinsame Aktion der europäischen Völker in Kairo, namentlich unter Vortritt Deutschland», würde genügen, um den Schändlichkeiten jener spitzbübischen morlemitischen Sklavenhändler, deren Zahl sich auf kaum einige Hundert belaufe, jener Briganten, welche, bis zu den Zähnen bewaffnet, gegen wehrlose, nackte Männer, Frauen und Kinder wüthen, ein Ende zu setzen. Eine diplomatische Note unsere» Kanzler», so meint Se. Eminenz, werde Zustände beseitigen, deren Fortdauer eine Schmach für da» ganze Abendland und die so mächtige deutsche Nation insbesondere bilde. —
Wir wissen e» nicht, aber es verlautet glaubhaft, Se. Eminenz werde demnächst in London in diesem Sinne öffentliche Vorträge halten und sich mit den hervorragendsten englischen Staatsmännern bespreche». Später werde er auch mit der belgischen Regierung ein Einvernehmen suchen. Er erfreut sich dabei der besonderen Unterstützung des Heiligen Vater«, welcher beabsichtigen soll, demnächst die Aufmerksamkeit aller Regierungen, die in Afrika Besitzungen haben, auf diesen dunkeln Punkt zu lenken. Unter diesen Umständen dürfte e» zeitgemäß sein, unsere Leser mit der traurigen Lage der schwarzen Bevölkerung in Jnnerafrika näher vertraut zu machen.
Die köstlichste Gabe der Natur ist die Freiheit. Sie ist ein Gemeingut aller civilisirten Völker geworden. Im Innern Afrika'» aber erhebt die Sklaverei unter den Augen der europäischen Re-
Moordrrrke.
Novelle von I. v. Dir link.
(Schluß.)
„Alte Frau! Fröhliche Weihnachten! Gelt, e» ist hübsch hier? Da» Vergangene soll vergessen sein, he? Doch nein, ich habe Euch zuerst noch einen Brief vorzulesen, und von Euch hängt c» ab, ganz allein von Euch, was nun weiter mit Gertrud geschehen soll!" ruft er, mit vor Erregung zitternder Stimme.
Drüke nickte stumm; sie war überwältigt und demüthig. Der Stachel de» Selbstvorwurf» bohrt sich beim Anblick dieser ihr zu Liebe aufgebauten Herrlichkeit tiefer in die Seele. E» drängt sie, Buße zu thun, und sie will Gertrud an ihrem Glück nicht länger hinderlich sein. Nein, nein! ste ist mit Allem zufrieden, sollte diese Trennung ihr sogar den Tod bringen. Während sie Argwohn hegte, sannen der Mann und das Kind darauf, ihr Freude zu bereiten, die sie nicht verdient hat.
Ste reihen sich um den Tisch. Dort liegen die Geschenke de» Oheims; mechanisch nimmt Drüke da» eine Stück nach dem anderen in die bebende Hand; über ihre Wangen kugeln fortwährend glänzende Tropfen; ihr Herz ist übervoll und ihr Mund bleibt stumm. Zitternd läßt fi
gierungen, welche dort Kolonien gegründet haben, immer schrecklicher ihr Haupt. Der Mohameda- nismu» hat ohne Widerstand zu finden, in den letzten 50 Jahren halb Afrika erobert. Nachdem so die Moslem bis an'» Herz de» schwarzen Erd- theils gedrungen waren, dehnten sie den Sklavenhandel von Marokko, den Touaregs, Tunis, Tim- bouctou, dem Niger, Egypten und Zanfibar bis zu den großen Seen, zum Kongo, ja bis hinunter zu den englischen Besitzungen am Kap au». Ueber- all veranstalten die Sklavenhändler die gräßlichen Menschenjagden, von welchen sie leben. In der Nacht überfallen sie die stillen Negerdörfer, die wehrlose Bevölkerung erwacht und sucht sich in wilder Flucht in die Wälder, die unzugänglichen Lianendickichte, das hohe Gras der Thäler, die ausgetrockneten Flußbette vor ihren Verfolgern zu retten. Diese lösten, was sich widersetzt, und fangen heerdenweise Männer, Frauen und Kinder. Die Leiden der Gefangenen sind unsäglich. Sie werden zu mehreren an Querhölzern gefesselt und ost auch bei Männern die Füße mit Fallstricken versehen. So geht es Tausende von Meilen weit im glühenden Sonnenbrände. Eine Handvoll roher Sago bildet ihre Nahrung, Ruhe wird den Armen nur zur Nachtzeit gegönnt. Zuerst erliegen Greise und Frauen den Strapazen der Reise; sobald die Händler ihre Erschöpfung gewahren, schlagen sie die Unglücklichen mit Keulen, um ihr Pulver zu sparen, in's Genick, und von dem Hiebe getroffen, wälzen sich im Todeskampfe ihre Opfer an der Erde und hauchen ihre letzten Seufzer aus. Bald erkennen die Sklavenjäger jene, welche voraussichtlich nicht bis an den Bestimmungsort marfchiren können,. sie alle werden de» Abends ausgesucht und, um das Essen zu sparen, vor ihren Gefährten in der nämlichen Weise getödtet. Bei ihren Leichen schlafen die Ueberlebenden. Aber welcher Schlaf! Oft fahren die von Sr. Eminenz losgekausten Neger des Nacht» laut schreiend und wie im Fieber au» dem Schlummer auf und glauben noch nach Jahren die scheußlichen Szenen zu sehen, deren Zeuge sie waren. So geht der Marsch oft Monate fort. Wer sich empört oder zu entfliehen sucht, erM'ßk deMSchiSerte, und die Lebenden verschmachten am Wege mit den Tobten, mit welchen sie an die Hölzer gefesselt sind. Modernde Negergebeine bezeichnen die Straße der
sich auf dem alten Binsenstuhl nieder; ihr gegen- über fitzt der Amerikaner, den Brief der Schwester aufgeschlagen in der Hand.
„Liebe Mutter, geliebter Mann!" beginnt der Amerikaner zu lesen, während Gertrud zu den Füßen Drüken'» niederkauert und das Gesicht in die Falten von Großmutters Gewand birgt. „Armes Kind", denkt Drüke, und fährt mit der knorrigen Rechten liebkosend über den Scheitel des Mädchen»; denn was ander» als die Schmach der Mutter sollte sie erfahren. „Ist es nicht besser", stammelte Drüke in einer Anwandlung von Mitleid, „wenn wir den Brief ungelesen ins Feuer werfen? Weshalb alte Dinge aufrühren." Mangel schüttelt den Kopf. „Hört!" gebietet er bewegt und ernst und liest weiter: „Als ich von Euch ging, dachte ich zurückzukehren, um Euch mündlich Aller auseinander zu fetzen. Jetzt hat Gott es anders beschlossen; der Doktor hat erklärt, daß meine Lungen angegriffen sind und ich Euer Klima nicht ertragen könne, bis sie wieder gesund wären. Nun aber will ich Euch den Grund meiner Flucht mittheilen. Der Mann, welcher mich auf dem Schlosse heimgesucht hat, ist mein Stiefvater. Er halte uns Schande und Kummer gemacht, und wurde von der Polizei verfolgt, die ihm hart auf ~ der Ferse war, ihn dingfest zu machen. Er kam
Karawane. Ein Drittel der Gefangenen erreicht den Sklavenmarkt, um dort gleich dem Vieh verkauft zu werben.
Hier beginnt eine neue Phase ihrer Leiden. Die Käufer prüfen Füße, Hände, Zähne, jedes Körperglied. Man zankt sich über den Preis und sind die Sklaven verkauft, so reißt man Eltern von den Kindern, die Frauen von den Männern. Ihr Leben steht im Willen ihrer Herren und keine scheußliche Zumuthung bleibt namentlich den Mädchen erspart. Missionare sahen, wie widerstrebende Neger von ihren wüthenden Herren förmlich in Stücke gehauen wurden, erst fielen die Arme, bann die Beine, und so ließ man sie den Leoparden zur Beute. Frauen tödteten sich, wenn sie von ihren Familien gerissen wurden, indem sie ihren Herren da« Schwert entrissen und sich hin- einstürzten. Nach Millionen berechnen sich jährlich die Opfer de« schändlichen Handel«, und mit Vorliebe werden Frauen und Kinder geraubt, weil sie besser zur Spekulation taugen. Um 500 Frauen sich zu verschaffen, zerstörte ein Sklavenhändler zehn Dörfer mit 1500 Einwohnern , von welchen die meisten im Kampfe wider die Räuber in den Flammen ihrer eigenen Hütten starben.
Se. Eminenz schlägt vor, alle jene europäischen Nationen, deren Einflüsse auf dem Berliner Kongresse da« Innere Afrika'«, in Zonen ge- thetlt, überantwortet wurde, sollten sich verpflichten, eine genügende Macht zur Unterdrückung de» Sklavenhandel« innerhalb ihrer Territorien zu unterhalten.
Deutsches Reich.
Berlin, 7. August.
* Im Hinblick auf die bevorstehende Wahlbewegung ist es von Interesse, sich die Zusammensetzung de» alten Abgeordnetenhauses und seine landschaftliche Gliederung zu vergegenwärtigen. E» zählte, wenn wir die Fraktionslosen den ihnen zunächst stehenden Fraktionen hinzurechnen: 1) Das Centrum 98 Mitglieder. Davon fielen 4 auf Ostpreußen, 25 auf Schlesien, 2 auf Sachsen, 4 auf Hannover, 15 auf Westfalen, 3 auf Hessen- Nassau, 43 auf die Rheinprovinz, 2 auf Hohen- zollern. 2) Die polnische Fraktion 15 Mitglie-
nicht das erste Mal, Geld von mir zu erbetteln. Jetzt hatte er es dringend nöthig, um nach Bremerhafen gelangen zu können; es wurde die höchste Zeit, daß er fort kam, und ich vertröstete ihn auf den folgenden Tag; denn ich gedachte der armen Mutter, die bettlägerig war, und unter den Mißhandlungen dieses Manne» so schwer zu leiden gehabt hatte. Er sagte mir, ste läge auf den Tod krank darnieder und begehre mich noch einmal zu sprechen; darum komme er zu mir. Ich bat Hendrik, daß er mich in meine Heimath begleiten solle; aber er wies diese Bitte schroff zurück und nun bäumte sich der Trotz in mir auf. Ich reffte meine Ersparnisse, die ich in meinem Kasten in der Moorhütte aufbewahrt hielt, zusammen, händigte sie dem Vater am folgenden Tage ein und floh heimlich von meinem Manne, von Euch, liebe Mutter! hinweg, um meinem armen Mütterchen die Augen zuzudrücken. — Da» ist mein einzige» Verbrechen, für da» ich um Eure Verzeihung bitte, bevor ich meine Augen zum ewigen Schlummer schließe. Denn seit der Ge- burt meine» Kinde« sieche ich dem Grabe entgegen. Die lieben barmherzigen Schwestern, die mich so treu pflegen, machen keinen Hehl daraus, daß e« mit mir zu Ende geht, und darum empfehle ich Euch mein herzliebes Kind! Laßt ihm nicht ent.