Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

JM 180. Dienstag, den 7. August. 1888

Die »Fllldaer Zeitung" erscheint täglich. Sonn, und Feiertage ausgenommen. Vierteljährlicher Abonnementspreis ohne Bringeclohn und Bestellgeld: 1 M. 50 mit der belletristischen Wochenbeilage Sterne und Blumen' in Fulda 1 M. 70 Pf., auswärts 1 M 75 Pf.

Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender Rabatt.

Deutsches Reich.

Berlin, 6. August.

* Mit der Bismarck'fchen Denkschrift über den Battenbergischen Heirathrplan ist es also offenbar nichts. Madame Adam hat stch einen schlechten Scherz erlaubt oder ist hereingefallen, und Dr. Mackenzie, Graf Seckendorff und die übri­gen Herren oder Damen, die des Depeschendieb­stahls verdächtigt wurden, können wieder ruhig schlafen. Die neueste Censur der ,Köln. Ztg.' über die Stilübung der Nouvelle Revue lautet: „Die Veröffentlichung vermögen wir nunmehr be­stimmt dahin aufzuklären, daß wir mit aller Sicher­heit die wörtliche und auch die satzmäßtge Echtheit der „Denkschrift", welche Madame Adam veröf­fentlicht hat, nicht nur bestreiten, sondern ver­neinen können. Es finden fich in der französi­schen angeblichen Uebersetzung solche Lücken und solche offenbar ohne bestimmten Anhalt gemachten Zusätze und Ergänzungen, daß bestimmt gesagt werden kann, da» Ganze sei entweder au» der .Kölnischen Zeitung' kombinirt oder nach unvoll­ständigen Mittheilungen aus dem Gedächtniß einer Person zusammengestellt, die selber das Original nur sehr hastig gelesen oder erörtern gehört haben kann. Inhaltlich zutreffend ist vieles, widerspre- chend nur wenige»; aber da» erstere ist nicht neu und da» letztere ist absurd." Vor ein paar Tagen freilich war ebendaselbst zu lesen: „Da» Schrift­stück enthält auch nicht eine einzige Druckzeile, au» welcher die Falschheit derselben bewiesen oder auch nur mit Sicherheit vermuthet werden könnte." — Auch die .Norddeutsche Allgem.' erklärt jetzt den Bericht der,Nouvelle Revue' für eine auf reiner Compilation beruhende, ohne irgend welche amtliche Unterlage erfundene Fälschung.

* Hebet den Besuch des Kaisers Wilhelm beim König Humbert von Italien hat, nach der .Köln. Ztg.', in den letzten Tagen ein Briefwechsel statt- gefunden. Demzufolge ist nunmehr endgiltig fest­gesetzt, daß Kaiser Wilhelm nach Beendigung seines Besuches am österreichischen Hofe noch im Laufe des Oktober von Wien aus nach Rom fahren und dort der Gast des Königs von Italien fein wird.

* Der König von Schweden trifft etwa am 20. in Berlin ein, um bei der Taufe des jüngsten Sohnes des Kaisers Pathenstelle zu vertreten. Gleichzeitig werden der König von Portugal und der Kronprinz von Italien hier anwesend sein.

Moordrüke.

Novelle von I. v. Dirkink.

(5. Fortsetzung.)

Mühsam richtet sie sich empor. Heute fühlt sie die Last ihrer siebzig Jahre; die Füße wollen sie kaum noch tragen; sie taumelt weiter und tastet fich — die Augen vom Weinen fast blind — nach der Kammer und sucht ihr Lager.

Vielleicht ist Gott gnädig und nimmt sie von der Erde hinweg, und Drükchen kommt an ihrem Sarge zur Besinnung. Ach, wenn ihr Tod dem armen verblendeten Kinde die Augen nur öffnen würde, so war er ihr nicht zu bitter. Und je näher bei Gott, je kräftiger ihre Fürbitte, das Kind den rechten Weg wieder finden zu lassen. Mit diesem Gedanken finkt Drücke vor ihrem Lager auf die kalte Lehmdiele nieder, den Kopf auf die am Bettrand verschränkten, verkommenen Hände gestützt. Und der Schlummer naht sich ihr und nimmt fie mitleid-voll in seine Arme.

Der Tag neigt fich dem Ende zu; in der Kammer, wo die Greisin ruht, ist e» ganz unheim­lich still und stockfinster; aber in der Küche, wo jetzt ein mit Holzscheiten genährtes Heerdfeuer

* Die Kaiserin Friedrich, welche leider fort­gesetzt an neuralgischen Beschwerden leidet, wird dem Vernehmen nach erst Anfang September Potsdam verlaffen und mit den Prinzessinnen Töch­tern einen mehrwöchigen Aufenthalt in Schottland nehmen. Den Winter gedenkt die hohe Frau vor­zugsweise in Berlin zu verbringen; in Italien ist nur ein kurzer Aufenthalt in Aussicht genommen.

■ * Kultusminister Dr. v. Goßler, der sich kürzlich nach Tarasp in der Schweiz begeben hat, ist augenleidend. Wie der ,Post' berichtet wird, mußte er sich in letzter Zeit so viel wie möglich des Lesen» enthalten. Auch trug er zur Schonung der Augen eine blaue Schutzbrille.

* Der Minister des Innern ist heute ins Ueberfchwemmungsgebiet nach Schlesien abgereist.

* Der preußische Gesandte beim Vatikan Herr v. Schlözer hat sich heute Vormittag zum Reichskanzler nach Friedrichsruh begeben.

* Für die deutschen Konsulate sind die Vor­schriften über Ertheilung von Unterstützungen an hilfsbedürftige Deutsche verschärft worden. Unter­stützungen sollen fortan nur in Fällen wirklicher und unverschuldeter Noth an Personen mit voll- giltigen Legitimationspapieren gewährt werden. Auch Reiseunterstützungen werden nur behufs der Rückkehr nach Deutschland verliehen.

* Der Wasserschaden am Bahnkörper der Gebirgsbahn Hirschberg-Laubau mit den Neben­bahnen Greiffenberg-Löwenberg und Greiffenberg- Friedeberg wird auf ungefähr 1 Million Mark geschätzt.

Ausland.

* Der türkische Botschafter in Berlin, soll, wie die .Times' aus Konstantinopel meldet, der Pforte angezeigt haben, daß zwischen Deutschland, Oesterreich und Italien wegen Bulgarien nächstens Unterhandlungen angeknüpft werden würden. Fürst Bismarck und Giers würden eine Zusammenkunft haben und danach würde der Zusammentritt eines Kongresses in Berlin beschlossen werden, der einzig die Lösung der bulgarischen Frage zum Zweck hätte.

* Paris, 6. Aug. Zwischen den strikenden Erdarbeitern und der Polizei gab es heute wieder- holte Zusammenstöße, da die Ersteren die Nicht- strikenden am Arbeiten verhindern wollten. Nach der heutigen Versammlung der Strikenden zog

prasselt und glüht und Hellen Schein verbreitet, herrscht ein geheimnißvolles, seltsames Treiben. In Begleitung ihres Oheims ist Gertrud — Beide mit Körben beladen — in der Moorhütte angelangt.

„Ich wußte es," flüstert das Mädchen und eilt auf den Fußspitzen von der Kammerthüre hinweg, wo sie gelauscht hat, „ich wußte, daß Bestmoder um diese Tageszeit ihr Unterstündchen zu halten pflegt, um Licht und Feuerung zu sparen. Und schläft fie einmal, so schläft sie den Schlaf des Gerechten, wir können ruhig hantiren und selbst die Kaffeemühle drehen, fie wird nicht davon er­wachen."

Und während der Amerikaner eine zierliche Tanne mit dem Beil zurecht stutzt und ihren Fuß mit einem viereckigen Stehklotz versohlt, huscht Gertrud eilfüßig auf den Heuboden und kehrt mit dem zu einem Bündel geknoteten Taschentuch zurück, dessen Anblick Großmutter den Todesstoß versetzt hat und dessen Inhalt nichts als die Ueberbleibsel eines vorjährigen Christbaumes sind, welche Frau Behrnsen Gertrud zur Verfügung gestellt hat, weil sie Mutter Drüke durch das Geschenk eines Christbaumes überraschen wollte.

Beide beginnen nun den Baum zu schmücken,

| eine Schaar von Kaffeehauskellnern ins Oper Haus- und Börsenviertel und drohten, die dortigen Kaffeehäuser zu plündern und zu demoliren. Er gelang jedoch der Polizei, dieselben zu zerstreuen.

Aus Ttadt, Provinz und Nachbargebiet.

Fulda, 7. August.

+ Aus unserem Leserkreise wird uns geschrieben: Die ,Fuld. Ztg.' brachte in Nr. 178 eine Notiz aus Neustadt a. d. Saale betr, die Restauratton jener Kapelle auf der Salzburg, zu der vor nahezu fünfzig Jahren die Bischöfe von Würzburg, Eich- stätt und Fulda den Grundstein legten. E» war ein sinniger und pietätvoller Gedanke, der damals diese geistlichen Oberhirten in den altersgrauen Trümmern der einst so glänzenden Kaiserpfalz der Rhön zusammenführte, um hier die durch St. Bonifatius vor 1100 Jahren vollzogene Gründung ihrer bischöflichen Sitze zu feiern, als Nachfolger der Heiligen Burkard, Willibald und Witta. (Letzterer hatte auf dem Baraberge bei Fritzlar ! seinen Bischofssitz, von wo dieser jedoch wegen all- mäliger Entvölkerung des Ortes schon unter dem zweiten Bischof Megingoz nach Fritzlar verlegt wurde, um dann viele Jahrhunderte später an Fulda zu gelangen.) Die drei Kirchenfürsten, welche am 12. Juli 1841 auf der Salzburg zusammentrasen, waren: Georg Anton von Stahl, Bischof von Würz­burg, Karl August Graf von Reisach, Bischof von Eichstätt und Johann Leonard Pfaff, Bischof von Fulda. König Ludwig I. von Bayern, jener ebenso streng kirchlich gesinnte als kunstbegeisterte Regent, dessen Name gerade jetzt wieder in ganz Deutschland auflebt, da man ja neulich seine 100jährige Gedächtnißfeier begangen, verherrlichte durch seine Gegenwart den erhebenden Akt. — Man kann uns Fuldaern nicht nachsagen, daß wir keinen Eifer für Kirchenbauten zeigten, ebenso ist es ja auch ein Verdienst unserer Stadt, daß von ihr gerade die Anregung ausgegangen, das Interesse für da» schöne Rhöngebirge auch in weiteren Kreisen zu wecken — sollten wir da nun theilnahmlo» bleiben bei der Wiederherstellung eines herrlichen Baudenkmales, das, wenn auch nicht zu unserer Diözese gehörig, doch für uns von ganz besonderer Bedeutung, da es ja, nach den Worten eines geistvollen kathol. Schriftstellers, „ein Zeugniß ist sowohl der Dankbarkeit für

und der Oheim kann das Auge nicht abwende n von der schlanken Mädchengestalt. Wie anmuthig sind ihre Bewegungen, wie strahlen ihre Augen in der Vorfreude über da» erstaunte Gesicht, da» Bestmoder beim Anblick diese» Wunderwerke», von dem fie keine Ahnung hat, aufsetzen wird.

Bald beginnen die Tannenzwetge unter der Last ihrer Leuchttugeln, vergoldeten Aepfel und Nüsse und Spekulatius auf und nieder zu schwanken. Ein würziger Duft durchdringt die muffige Küche, ein Gemisch von Kuchen-, Wachslichter- und harzigem Tannenduft; denn Gertrud zündet die Kerzchen an. Ein Knistern und Sprühen beginnt; allein schnell löscht fie die Lichter wieder aus. Zuerst gilt es, ein „Tischchen deck dich" an der Heerdmauer her­zustellen, wo die Bunzlauer Kaffeekanne und der Teller mit Gebäck und die zinnerne Zuckerschaale, mit Candis bis oben angefüllt, zierlich aufgestellt wird. Schmunzelnd, beide Hände in die Seiten­taschen seiner Joppe versenkt, umkreist der Oheim den schmuckgeputzten Christbaum auf dessen Spitze ein Engel aus Wachs thront, ein Fähnchen von Flitter­gold mit der Devise „Ehre fei Gott in der Höhe" in der Rechten schwingend. Endlich ist Alles fertig, und während Gertrude die Lichter entzündet, be-