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1888

Montag, den 6. August.

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Fuldaer W Zeituuz.

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Inserate: Die einspaltige Zeile oder deren Raum 15 Pf., bei Wiederholungen entsprechender^Rabatt^^

x Kan« Italien Großmacht sein?

Italien ist zur „Einheit" gelangt und die qmrinalische Partei glaubt, damit sei das Land zugleich zur Größe gelangt. Wenn man etwa» vornimmt, so ist e» noch lange nicht wahr, und zu den Leuten, welche sich am meisten vornehmen, haben von jeher die Revolutionäre gehört. Revo­lutionäre waren und find die Gründer de« „eini­gen Italien", sie rühmen sich trotz der Präten­denten Loyalität dieser revolutinären Charakter», kein Umsturzmann ist kaum in der italienischen Geschichte zu finden, dem sie nicht schon ein Denk­mal gesetzt hätten.

Offiziell wird Italien al« eine Großmacht bc- trachtet, aber da« beweist nicht«. Bisher hat Italien im Raths der Völker niemals eine ent- scheidende oder auch nur eine wichtige Rolle ge- spielt; es mußte sich darauf beschränken, zugelassen zu werden, seine Stimme war mehr oder minder nur eine berathrnde. Oft genug haben offiziöse und ministerielle Organe des Quirinals t arüber Klagen geführt, in unferm Blatte haben wir selbst diese Jeremiaden mehrfach wiedergegeben und sie mit den nöthigen Randglossen versehen.

Wenn man sich Italiens Verhältnisse nur einigermaßen anfieht, so wird man, wenn man der Wahrheit die Ehre geben will, zugestehen müssen, daß diese Jammerrufe weit mehr Auf­richtigkeit enthalten, al» die. großsprecherischen Tiraden über da» „großmächige" Italien der Gegenwart. Zu einer Großmacht gehört ein Zwei- fache»; Stärke und Blüthe im Innern und die Möglichkeit der Stärke nach Außen. Beide» fehlt dem „einigen" Italien von Revolutions-Gnaden.

Im Innern Italiens kann man weder Blüthe noch Kraft finden. Die Steuern sind fast uner- schwinglich hoch, so hoch, doß eine Anzahl Land- wirthe wegen rückständiger Steuern Haus und Hof ohne weitere» verlassen uud sich jenseits de» Welt­meere» eine neue Hetmath suchen. Ist schon Italien an und für sich ein armes Land und das genüg­same Volk durchaus nicht verwöhnt, so hat diese Verarmung in den l'tzten Jahren stark zugenom­men, auch in den Gegenden, welche man früher al» gesegnete anzusehen gewohnt war und die schon zu Zeiten de» alten Rom al» Kornkammern galten. Da» fruchtbare Thal de» Po, da» schöne Venetien ist seit der „Freiheit" Italien» in steigen-

Moordrüke.

Novelle von I. v. Dir link.

(4. Fortsetzung.)

„Gertrud, wo kommst Du her?" rief die alte Frau keineswegs freundlich, indem ihre wasser- blauen Augen mit einem stechenden Blick über die Enkelin hinglitten, auf deren offenen Zügen sich eine gewisse Verlegenheit spiegelte.

„Aus W., ich wollte mir meinen rothen Bojerock holen; wundert Euch das so mächtig, Bestmoder?" fragte sie betreten und wollte an ihr vorüber in die Kammer. Doch die Alte vertrat ihr mit einer hastigen Geberde den Weg.

„Laß sehen, wa« du in dem Korbe verhehlst? Und was ist das?" Sie nahm ein paar Halme von dem Mantel, die sich an dem Knopfe festge­hakt hatten. „Du bist nicht zur rechten Thüre hereingekommen, da« verdächtigt Dich; wer Schleich­wege geht, hat kein ruhiges Gew ssen, packe Deinen Korb vor meinen Augen au»," fuhr Drüke mit grollender Stimme das Mädchen an und zerrte sie am Arme in die Nähe des Tisches. Mit auf» geregter Hast leerte Gertrud ihren Korb, während ein Gemisch von Trotz und Wehmuth steh in ihren Zügen aurprägte; aber dazwischen blitzte der

dem Rückgänge begriffen; Reisende, welche das­selbe vor Jahren kannten und es jetzt wieder er­blickten, staunen über die bedauerliche Wendung zum Schlimmen, welche sich überall dort kundgibt. Die Aufstände der ländlichen Arbeiter und Klein- bauern, die dumpfe Gährung, welche sich in Ober- Italien Jahr für Jahr kundgibt, redet eine sehr deutliche Sprache, es ist etwas Allbekanntes, daß Roth und Hunger die Ursache dieses Mißstandes ist.

Für die Kraft eines Staates ist Einhelligkeit der Bürger, Sinn für die Einheit nothwendig; Parteiungen im Innern sind der erste Schritt zur Schwäche nach Außen. Daß in Italien sich zwei große Parteien diametral gegenüberstehen, leugnet Niemand, nur über die Bedeutung der einen und andern Partei gehen die Ansichten auseinander. Diese Parteiung datirt seit der Bresche in der Porta Pia, sie wird nicht eher aufhören, als diese Bresche durch die Rückgabe Roms an seinen recht- mäßigen Fürsten, dem Papst, geschlossen wird. Nach der „Eroberung" Roms glaubte die quiri- nalische Partei, die „römische Frage" werde sich von selbst beseitigen, e» müßten nur erst einige Jahr« vorübergehen, seitdem sind fast 18 Jahre ve, flössen, und die „römische Frage" hat sich noch wesentlich verschärft. Ein neues Geschlecht ist herangewachsen, aber dieses verlangt mit derselben Entschiedenheit die Rechte de« Papste«, al« da« frühere sie forderte, und die katholischen Parteien wissen, daß hinter ihnen die 200 Millionen Katho- liken de» Erdkreise» stehen; die allgemeinen Kund­gebungen derselben zu Gunsten der Herstellung de« Riesenstaates sprechen so deutlich, ro e nur mög­lich. Die quirinalische Regierung sieht das auch recht wohl ein, sie findet, daß fie durch Tyrar- neien der römischen Frage nicht zum Ziele kommt, deßhalb sucht fie jetzt andere Wege; im angeb- lichen Lande der Freiheit soll mittelst drakonischer Bestimmungen des neuen Strafgesetzbuches die Anficht der Katholiken über die Rechte de» heil. Stuhle» niedergehalten und unterdrückt werden. Noch stet» hat man gesehen, daß im Kampfe zwischen Polizei und Ideen die erstere den Kürzeren zog, so wird e» auch diesmal werden, man kann fich nur darüber wundern, wie die Regierung eines wirthschaftlich sehr schwachen, politisch zer­splitterten Lande« fich für so stark halten mag, im Innern einen Kampf bi« auf'« Messer heraufzu­beschwören, dessen Endergebnis dem Denkenden und Schalk au« ihren Augen und al« die Großmutter sich überzeugt hatte, daß von Contrebande keine Spur zu entdecken war, verzogen fich Gertrud'« Lippen zu einem spöttischen Lächeln.

„Was hattest Du nur im Stalle zu thun? examinirte Drüke mit forschendem übellaunigen Gefichtsansdruck weiter, „und seit vier Wochen bist Du gar dreimal zu Hause gewesen, wie kommt dar ?"

„Ist mein Besuch Euch so lästig?" klang eS schroff, fast rauh zurück, während ein feuchter Schimmer in die großen, blauen Augen trat. „Vorhin," fuhr sie fort, „glaubte ich den Iltis zu bemerken, wie er auf den Heuboden schlich, und ich ihm nach, damit er Euch die Sier nicht ans dem Reste stiehlt; was Ihr doch immer mißtrauisch seid, Bestmoder," schmollte da« Mädchen, dessen innere Unruhe sich der Alten mitzutheilen schien; denn Drüke seufzte tief und schüttelte einige Male hastig den Kopf, ein Zeichen, daß ihre Zweifel immer noch nicht beschwichtigt waren. Plötzlich wandte fie sich nach der Kammer, schloß den Deckel ihrer grellbemalten, eisenbeschlagenen Truhe auf und kramte zwischen ihren paar Habseligkeiten, bi« ihre zitternden Hände ein Päckchen rothen Woll- zenge« und ein vergilbte« Schriftstück mit einer Abrisse, wie von Kinderhand geschrieben, hervor-

an Hand der Geschichte Vergleichenden nicht zweifel­haft sein kann.

Daß Italien die Bedingungen habe, nach Außen hin al« Großmacht aufzutreten, müssen wir in Abrede stellen. Eine gewisse Anzahl Millionen Einwohner genügen noch nicht zur Großmacht, außer der Leistungsfähigkeit dieser Einwohner gibt e« noch geographische Vorbe­dingungen. Eine Großmacht muß so gelegen sein, daß sie im Stande ist, sich gegen den Angriff einer anderen Großmacht wirksam zu schützen, und wenn e« erforderlich ist, auch gegen eine andere Großmacht angriff-weise vorzugehen. In beiden Beziehungen ist die Großmacht Italien in einer wenig bequemen Lage. Italien« Landbesitz liegt nicht kreisähnlich, sondern langgestreckt, die Küsten- entwickelnng ist sehr stark, stärker wie bei irgend einem andern Lande. Diese Küste will geschützt sein, sowohl durch Seefestungen, al« durch eine Marine, beide» ist enorm kostspielig und die Gelder, welche Italien in seinen Seefestungen und Marine gesteckt hat, stehen gar nicht im Verhält- niß zur Zahl und zur Steuerkraft de« Volke«. Al« Großmacht muß Italien aber auch zu gleicher Zeit ein sehr bedeutende« Landheer unterhalten, schon an und für fich, und ferner, weil e« an zwei Großmächte zu Lande grenzt, an Frankreich und Oesterreich. Co kommen die Lasten de« Landheeres zu denen des Seeheeres, nach beiden Richtungen hin muß für die Offensive gerüstet werden, zu den finanziellen Opfern kommt für das atme Land das unverhältnißmäßig hohe Opfer an Blutsteuer, denn sowohl wollen die Schiffe ihre Bemannungen, wie die Festungen ihre Besatzungen, wie die Regimenter ihre Mannschaften. Der Militarismus frißt mit doppelter Kraft an Italiens Mark, und je länger es dauert, daß der Friede durch stets neue, ge­waltige Rüstungen „gesichert" wird, desto näher rückt für Italien da» Ende der großrnächtlichen Herrlichkeit.

Zweierlei hat Italien nothwendig, wenn ihm eine gesegnete Zukunft erblühen soll: 1) Aus­söhnung mit dem heiligen Stuhle; 2) Rückkehr zu den rormalen Verhältnissen einer mittleren Macht, die fich von angreiferischen Tendenzen fernhält und in einer gesunden Defensive ihre Kraft sucht. ______________

zogen, das fie lange mit sinnenden Blicken betrachtete. — Gertrud, die ihr in die Kammer gefolgt war, hielt den Korb bereit, die Sachen in Empfang zu nehmen. Jetzt drehte fich Drüke nach ihr um, langsam, feierlich, und bohrte den Blick fest in da« Auge de« Mädchens.

„Gelt, Drukchen," sagte sie dann mit einem An- sing ungewohnter Weichheit in der Stimme, „Du hast aus meinem Munde nie ein Wort über SXine Mutter gehört?" Und als Gertrud, den Kopf schüttelnd, in Hellem Erstaunen auf die Alte sah, fuhr sie fort: „Wundere Dich nicht, daß ich heute auf die vergangene Zeit zurückkomme. 1 Du bist jetzt alt und vernünftig genug, zu wissen, wa» Du zu thun und zu lassen hast; Dein Oheim ans Amerika ist hier und will Dich mit sich nehmen. Da ist es nun meine Pflicht, Dich wissen zu lassen, weshalb ich den Namen Deiner Mutter nicht in gutem Andenken gehalten habe. Hier ist ein Schrei- den von ihrer eigenen Hand; es ist so alt, rote Du bist; gut verwahrt und versiegelt, hat e» all die Jahre hindurch in meiner Truhe gelegen; mag es Dir nun Alles das zu wessen thun, wa» ich mich Dir zu sagen gescheut habe."

Zitternd vor innerer Aufregung nahm Gertrud den Brief in die Hand, Leichenblasse bedeckte ihre