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1888

Sonnabend, den 4. August.

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Zweites Blatt

Drille aber

schaute sich dieses Schwabenkind, der Tasche knuspernd, die weißen

so viel zu Schulden kommen lassen, daß ihr die Arbeit auf dem Schlöffe von meinem Bruder heute gekündigt wird. Ich hoffe, Ihr zieht es Euch nicht zu sehr zu Gemüthe, Drüke," rief er, als sie mit ringenden Händen vor ihm in die Knies sank.

„Wie viel ist's?"

„Ein paar Hundert Mark find'-," sagte er tonlos.

Aber plötzlich richtete stch Drüke empor. „Das ist nicht wahr, kann nicht wahr sein; vielleicht hai's ein Anderer genommen, denn sie hat nicht», als ein paar dürftige baumwollene Lappen; kommt mit mir, kommt mit in die Kammer, Junker! Ja, kramt in ihrer Truhe und durchsucht jeden Winkel in unserer Hütte. — O, ich spüre, es sind böse Neider im Spiel, die ihr das Weiße im Auge

nicht gönnen." „

In dieser Weise suchte Drüke sich selbst und dem Junker die Sache zweifelhaft zu machen. Kopfschüttelnd verließ der Letztere die Hütte; zorn- bebend blieb Drüke zurück. Wie langsam schlichen ihr die Stunden dahin, bleischwer legte sich der Kummer auf ihre Glieder. Mit dem Abend er­wartete sie wie gewöhnlich ihre Kinder; aber Nie­mand erschien um die gewohnte Zett. Und nun kauerte Drüke am Heerde, umgeben von den Ge­spenstern ihrer erhitzten Phantasie und zählte die Minuten. Die ganze Nacht saß sie so da; brütend, überlegend, laute Zwiegespräche mit einem unsicht­baren Wesen haltend, bi» ihr der Kopf schmerzte und sie vor ihren Augen ein riesiges, wüstes Ge­bäude sich erheben sah, mit vergitterten Fenstern und dicken Mauern und eisenbeschlagenen Thüren; und hinter diesen Mauern ein abgehärmtes, bleiches, junge» Weib — wie es durch das Gitter seiner Zelle einem Leichenzuge nachschaute; denn Hendrll, ihr braver Hendrik, konnte die Schmach seines Weibes nicht überleben. Kaum graute der Mor­gen, als Drüke die Hütte verließ. Fröstelnd in der Morgenluft, an allen Gliedern erstarrt, aber von Unruhe gestachelt, in fieberhafter Aufregung stürzte sie weiter in der Richtung der Lohburg hinaus. , ,

Diesseits der Schloßbrücke begegnete ihr einer der Dienstboten, der bei ihrem Anblicke fichtlich stutzte und nun begann, seine Thranstiefel an dem langen Ufergrase des Schloßgrabens abzu- reiben.

das ewig au» der Tasche rnusperno, ore roeiprn Mhnchen stet» in eine Honigwabe, in einen rosigen Apfel schlagen mußte, um zufrieden zu sein, mit unverhohlenem Mißtrauen an, und dachte, daß sich viel eher ein Heiligenbild für eine Kaserne eigene, al» diese Dirne für ihre Hütte.

Leider dachte Hendrik da» gerade Gegentheil, und führte eine Tage» der Mutter da» Mädchen al» seine Braut zu; e» war der gnädigen Frau ja recht so, weßhalb sollte e» Mutter Drüke nicht recht sein? Blieben sie Beide ja nach wie vor auf der Lohburg beschäftigt, von der sie allabendlich Hand in Hand nach der Moorhütte zurückkehrten. Vielleicht hätte Drüke um de» Sohne» willen sich nach und nach mit dem lebhaften Naturell der jungen Frau ausgesöhnt, wenn diese für ihre Koch­kunst nur da» geringste Verständniß gezeigt hätte hier war die Stelle, wo sie sterblich war. Kathli aber behauptete lachenden Munde«, schon der Oel- aeruch, der die Mehlkuchen begleite, mache sie satt, und schaute mit untergeschlagenen Armen zu, wenn Mutter und Sohn sich an ihrem Leibgericht güt- lich thaten. Drüke gedachte der Zeiten, da sie mit den Kindern tagelang von einer Brodrinde gezehrt und solche Rückerinnerungen erbitterten sie aus« Neue gegen die verwöhnte Schwiegertochter, für die Hendrik allsonntäglich etwa» Besonderes aus dem Zeitungspapier herauswickelte. Und eine» Tages war ihr die Galle übergelaufen; sie hatte der jungen Frau hefiige Vorwürfe gemacht, worauf das Ehepaar in Groll von ihr geschieden war. Es war der erste Wortwechsel gewesen, der zwischen Drüke und ihrem Sohne vorgefallen, und miß. muthig saß sie hinter ihrem Spinnrad am Heerd, ats die Thüre aufgtng und ein kleiner, kugelrunder Herr im Hellen Anzug über die Schwelle trat.

„Grüß Gott, Mutter Drüke", rief er, sich auf den wackeligen Stuhl am Heerde niederlaffend, der unter dieser ungewohnten Last krachte, als wolle er zusammenbrechen.

„'Tag auch, gnä' Junker," knurrte Drüke, ihrem Rad einen Schwung gebend und emen

Drüke stellte sich neben ihn.

„Wo ist Hendrik?"

„Rach Dortmund, er holt Kohlen und kehrt vor morgen — oder gar übermorgen Abend nicht zurück", ließ sich der Bursche abgewandten Gesicht« vernehmen.

„Und sie?" Ein gurgelnder Laut wat'«. Drüke fühlte e» plötzlich wie eine Kugel in ihrem Halse.

„Fort, wohin weiß Niemand. Vorgestern schon kam ein fremder, vierschröttiger Mann auf» Schloß und fragte nach ihr; gestern kam er wieder. Sie ging den ganzen Tag mit ver­weintem Gesichte umher und hatte am Nachmit­tage einen Zank mit Hendrik. Dann nachher fehlten der gnädigen Frau ein paar Hundert Mark und wir Alle mußten in'S Verhör. Kathli aber war nirgends zu finden. Mehr weiß ich nicht."

Drüke glaubte vor den Augen bee Burschen in den Erdboden sinken zu müffen. Gewaltsam sich aufraffend, stolperte sie mit schlotternden Knieen weiter. Sie kehrte nach Hause'zurück. O, Gott im Himmel, Hendrik, ihr Hendrik I Zwei Tage später trat er im Dämmern zu ihr in die Hütte. Wortlos, verstört, fahl wie ein Gespenst ließ er sich am Herde nieder. Keines von Beiden fand den Muth, ein Gespräch anzuknüpfen. Kathli's Name wurde, wie nach schweigender Ueberein- sttmmung, von Mutter und Sohn fortan nie mehr genannt.

Hendrik begann zu kränkeln und kam alsbald jeden Sonntag angetrunken heim; und Drüke saß dann dumpfbrütend an der Mauer und verwünschte das unselige Weib, das verschollen blieb für und für. Gottlob! dem Gefängniffe war sie ent­ronnen; aber da» Gerücht, welche» sich mit der Ursache ihrer Flucht beschäftigte, verfetzte Hendrik den Todesstoß.

Ein halbes Jahr nach dem Verschwinden seines Weibes erschien eine zerlumpte Person mit einem Bündel auf dem Arme in der Moorhütte. Diese» Bündel entpuppte sich al» ein Wickelkind. Kathli war gestorben und sandte Hendrik diesen Friedens­engel nebst einem umfangreichen Begleitschreiben in'« Hau«. Den Brief schob Drüke vorläufig in die Geheimlade ihrer Truhe, da Hendrik bettlägerig war und jede Aufregung zu meiden hatte. Das Kind war ein rosiges kleines Ding mit drallen Gliedern, blondlockigem Köpfchen, und Aeuglein so klein und blau, daß sie HendiÄ das Wasser in die Augen trieben, denn diese „Guckerles" er­innerten ihn an sein leichtfertiger, immer noch ge­liebtes Weib.

Nachdem er die Kleine lange betrachtet, sie an sein Herz gepreßt und das Gesichtchen mit Küssen bedeckt hatte, sank er auf sein Lager zurück und helle Thränen perlten ihm langsam über die hohlen Wangen. In der Nacht ergoß sich ein Blutstrom aus seiner kranken Brust und schwemmte seine letzten Kräfte hinweg; zwei Tage später war er eine Leiche. Jetzt war es'ein Glück für die Greisin, daß sie sein Kind zu pflegen, zu hüten hatte, sonst wäre sie verzweifelt.

Leider war die kleine Gertrud ein Ebenbild ihrer Mutter und das mahnte Drüke zur unauf­hörlichen Wachsamkeit, damit sie bei Zeiten da» Erblaster vertreibe. Und so oft die Kleine später, die Strohtasche am Arme baumelnd, au» der ; Schule kam, ließ die Großmutter sie den ganzen Inhalt vor sich auf den Tisch auskramen, ob sich, : vielleicht ein Strohhalm fremden Eigenthums ein- i geschlichen habe. Ueber ein vertauschtes Stückchen i Griffel, ein Endchen bunten Wollgarn», da» Ger- ■ trud als Längezeichen in ihr Strickzeug einge- 1 flochten, mußte sie Rechenschaft ablegen, was die

lauernden Blick auf ihr Gegenüber werfend. Der Junker stemmte seine in Wafferstiefeln steckenden , Füße gegen die Heerdstange, kreuzte die Hände Movrdrüke. über die tief herabgehende, gelbe Weste und ließ

nnn cv D Dirkink. die Daumen umeinander jagen. Eine Pause ver-

Novell- »onj^ü. Drrtink. ging, während e» Drüke bei seinem Schweigen

(3. Fortsetzung.) zu Muthe wurde, als ob etwas Schlimmes über

grr» chritfe tiArh wochenlangen Schwanken ihr in der Luft brenne. ,

rwiscken Leben und Tod wieder zur Besinnung „Eure Schwiegertochter ist ein munteres Mges am ?asi eine barmherzige Schwester an ihrem Weib, putzt sich gern und hat eine feine Zunge, Laaer Nach und nach erfuhr sie, daß binnen drei höre ich," begann der Junker, vor sich in s Feuer LuL"«H'u!k'^ Ä «tw HL J- w« M. «M.

äbria «biteben wann, s-ndrtt fmb arbeit auf tuns; ihr Fuß vergaß da« Rad in treten, der Era « wurde die SMS- der Mutter! .Rm s'vad'h-rau«. g»> Junker. -- i» W tbre Freude ihr Trost, denn er mied das Wirths- pajsirt," ächzte Drüke. „Sie hat genascht aber

cssiie Aber von der Lohburg schlich — vielleicht — Drüke stockte.

§auswie b ö • der Ferse nach; „Wenn es das nur wäre, Mutter Drüke, sagte

SSA welches sich offenbar zu sehr an der Andere trocken - „doch beruhigt Euch, um Mnn?t>Äe^aewöbnt batte um sich lange von ihr Golteswillen!" unterbrach er sich, denn Drüke können stieß da» Spinnrad zur Seite und schob mit einem

s Dich! Mal aber 'kam es nicht wie früher in Rucke ihren Stuhl an ihn heran, Ihre Glieder Ä *S- h°. 5 *2 ««» «*-«««* tu fäen f anbei n in Gestalt einer hübschen, heiteren ist, dann verschont mich; .aber nein, ich will es Dirne kam es" die scheinbar in diese Wüstenei wiffen; geradeheraus damit! Wir sind arm, aber verschlagen war, Mutter Drüke das Lachen zu ehrlich, Junker; und ich habe nichts, al» mein lehren Kathli war da» Stubenmädchen der jungen bischen Ehr; was wollt Ihr sagen, 2unker, he ? gnädigen Frau, das diese stch aus ihrer schwäbi- | . „Run za, Ihr erfahret e« ohnehin, sie hat sich sch en Heimath verschrieben hatte, und das, nach­dem es den braven, stattlichen Hendrik kennen gelernt, die Moorhütte für ein irdisches Paradies erklärte.