1888
Sonnabend, den 4. August.
Jeitnuz.
Meer
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Erstes Blatt
haben, wird die Nation noch lange unliebsam zehren müssen.
Es wird nicht möglich sein, die Zeiten zurückzurufen, in denen der Besitzer sein Geld in der Truhe oder im Bettstroh verbarg, heutzutage muß das Kapital angelegt werden, die blanke Münze muß zum Papier, zu Schuldverschreibung, Aktien, Zinskoupon rc. sich umwandeln, um „produktiv" zu sein. Die Banken haben ihren Zinsfuß auf da» Aeußerste reduzirt, um sich nur vor der anstürmenden Masse der Einlagen, für die sie keine Verwendung mehr haben, zu schützen, die paar Prozent, welche die KonsolS bringen, find zwar vollkommen sicher, aber wenn ein Rentner» der für seine 40,000 Mark Kapital bisher zu 4»/z Prozent 1800 Mark jährlich zog, jetzt zu 3 Prozent nur mehr 1200 Mark zieht, so kann er, abgesehen von dem staatssinkenden Geld- werthe, nicht mehr auskommen wie bisher. Es liegt dabei nahe, daß er sich fragt, ob er sein Kapital nicht „nutzbringender" anlegen kann, und dieser Gedanke ist die Einleitung zur Spekulation, welche gerade für da» kleine Kapital sehr oft mit dem Untergange gleichbedeutend ist.
Ein aufmerksamer Zeitungsleser findet in den „Weltblättern" in der letzten Zeit sehr oft kolossale Annoncen, welche zur Subskription auf diese oder jene exotische Anleihe, z. B. von chilenischen, peruanischen, brasilianischen rc. Emissionen, ja sogar von Provinzen dieser fernen Staaten, die man bisher vielleicht kaum hat nennen hören, oder von unbekannten Städten in diesen Staaten, einladen. Die Betheiligung wird möglichst leicht gemacht: fünf Prozent, Prämien, alle möglichen Vortheile werden versprochen, schon mit Stücken von 400 Mark kann man „sein Glück versuchen", die best> renommirten Bankhäuser find mit der Emisston betraut, sollte das nicht Vertrauen erwecken?
Wir wollen nicht sagen, daß solche Anleihen sämmtlich „faul" seien, aber Mißtrauen muß man gegen jede haben. Die Betheiligung der Bankhäuser hat nicht» zu bedeuten, diese hätten die Summe nur zu zahlen, wenn die Anleihen nicht gezeichnet würden, aber da» kommt erfahrungsgemäß nicht vor: eine unseres Erachtens „aberfaule" exotische Anleihe wurde kürzlich noch sage und schreibe zwölfmal überzeichnet!! Das Kapital weiß nicht, wohin, deshalb können die Bankhäuser Geld genug bekommen, sie vermitteln nur die Anleihen und schlagen riesigen Verdienst heraus, die Garantie übernehmen nicht sie, sondern der betreffende Staat mit thönernen Füßen. Anfang» werden solche Staaten schon regelmäßig die Zinsen zahlen; denn von den eingegangenen Summen können sie da» beginnen: wenn Alle» gut geht, kann auch eine solche Anleihe eine gute Anlage und Gelegenheit sein, aber wer steht nur dafür ein? E» ist ein trauriges Zeichen unserer wirthschaftlichen Konstellation, daß da» verzweifelnde Kleinkapital zu so luftigen Anlagewerthen greift, weil e» sonst nicht „nutzbringend" unterzukommen weiß.
Zum Spekulationsfieber hat stch ein Gründungsfieber gesellt. An faulen Gründungen fehlt es gegenwärtig zwar auch nicht, aber die hat e» schon lange gegeben und daß fie stärker hervortreten als sonst, ist für un» mindesten» nicht erwiesen, aber eine Art von nicht gerade unsoliden, indeß in volkswirthschaftltchem Interesse durchaus nicht zu billigenden Gründungen, verdient eine kurze Beachtung: Es ist die Thatsache, daß vom Großinstitut alles daran gesetzt wird, solche im Privat- befitze befindlichen Etablissement», welche sich ren- ttren, zu horrenden Preisen — sonst sind fie nicht feil — den Besitzern abzukaufen und in Aktiengesellschaften zu verwandeln, damit da» mobile
A Ein neues Spekulations- und Gründungs-Fieber.
In früheren Zeiten pflegte man zu sagen: „Die Zeit ist schlecht, e» ist kein Geld im Lande"; jetzt sind wir aber soweit gekommen, daß man sagen darf: „Die Zeiten taugen nicht, e» ist zu viel Geld im Lande". Nicht al» ob Derjenige, welcher e» am nothwendigsten hätte, an Geldüberfluß leide, sondern in dem Sinne, daß da» mobile Kapital vielfach nicht weiß, wo essicher und zugleich rentabel angelegt werden könnte.
Die Thatsache ist unbestreitbar, e» fragt sich nur: wo sind die Gründe zu finden, und wel- chen Gefahren geht namentlich da» mittlere und kleinere Kapital unter den gegenwärtigen Umständen entgegen? , , , m
Man hat behauptet, die Zeit der großen Bau- ten, welche Millionen und abermals Millionen erforderten, sei im Wesentlichen vorüber, deshalb habe das Geld keine Gelegenheit, sich in immobilen Besitz und Betriebsmaterial zu verwerthen. Zum Theile mag da» richtig sein, namentlich die Eisenbahn-Verstaatlichung in Preußen hat eine gewaltige Rückwirkung geübt. An Stelle der Grund- aktienfonde von Bahnaktien z. B., welche großen Gewinn abwerfen, sind theilweise getreten oder treten von Jahr zu Jahr mehr die Staatsschuld- scheine, die KonsolS, deren Prozentsatz in Folge des Ueberflusse» an mobilem Kapital stark heruntergesetzt ist, einem soliden Staate, wie z. B. Preußen, fällt e» nicht mehr ein, über 3Va Prozent zu geben. Da» Staatskapital macht dem Privat- kapital von Jahr zu Jahr eine drückende Konkurrenz; die Klagen der Börsianer mögen noch so übertrieben sein, wer sich mit Finanzwesen etwa» befaßt hat, wird einen berechtigten Kern in ihnen finden müssen.
Daß aber die Zeit der großen Bauten abgeschlossen sei, ist im Ganzen nicht wahr. Es werden von Jahr zu Jahr noch Bahnbauten ausge- führt, die enorm viel Geld verschlingen, vielleicht aber auch nicht die Rentabilität versprechen, wie die Bahnen der fünsziger und sechsziger Jahre; es wird nach jeder Richtung gebaut und ein Plan nach dem andern entworfen, aber freilich, und da kommen wir auf den springenden Punkt: die Unternehmungslust für Dasjenige fehlt, was bei kriegerischen Zeitläuften zum Stillstand ver- urtheilt ist, sei es zum ganzen oder zum theilweisen.
Die politische Unsicherheit ist e», was auf das Kapital lähmend einwirkt, dasselbe will nicht das Risiko übernehmen, was zwifchem hohem Verdienst und eventuellem vollständigem Verluste schwankt. Diese Klage klingt aus den meisten Berichten der Handelskammern hervor, welche uns in diesem Jahre zu Gesichts kamen, im vorigen Jahre und 1886 war sie auch schon vorhanden, aber nicht in dem Maße, wie gegenwärtig. „Der Absatz litt unter dem Drucke der Kriegsbefürchtungen", da» ist der stereotype Refrain, dem man in den einzelnen Kapiteln der Handelrkammerberichte begegnet. Manche Furcht mag übertrieben sein, aber demnach ist sicher, daß der ewige „nationale" Krtegsradau, den wir sofort zu hören bekommen, wenn der Reichstag schwere Summen bewilligen soll, kostet dem Reiche mehr Geld, als die zu bewilligenden Millionen betragen. An dem, wa»die Septennatsbrüder im vorigen Jahre mit ihrem Boulanger, dem Melinit, den Holzbaracken, den gefälschten Karten und sonstigen „nationalen" Waldteufeln dem gläubigen Philister eingebrockt
Kleinkapital sich daran betheiligen kann. Namentlich sind e» solche Geschäfte, welche von den Zeitläuften wenig oder gar nicht berührt werden: Bierbrauereien, Bäckereien, Mühlen, große Vergnügung« - Etablissements re. Mit wahrer Wuth wirft sich das Großkapital auf dieselben und eine nicht unbedeutende Anzahl find schon in diesem Jahre dem Gründungsfieber zum Opfer gefallen. Aktiengesellschaften wtrthschaften bekanntlich in der Regel nicht so billig, als der vorstchtige und in jeder Hinsicht unterrichtete Privatmann, deshalb ist es fraglich, ob die erhofften Dividenden zum Vorschein kommen werden; zudem muß die Aktiengesellschaft den Verdienst jährlich an die Aktionäre abgeben und kann deshalb nicht stets so mit aktuellem Vortheile wirthschaften, als der über Kapital und Verdienst langer Jahre verfügende Privatbesitzer, aber was uns mit Beforgniß erfüllt, ist die Gefahr, daß auch da« Handwerk und was ihm nahe steht, Gefahr läuft, vom Sammel- kapital monopoltsirt zu werden, daß dem Kleingewerbe durch die Aktiengesellschaften eine Konkurrenz geschaffen wird, von der es fraglich ist, ob es derselben gewachsen ist.
Kürzlich wurde aus einer großen rheinischen Stadt berichtet, daß der Plan bestehe, die dortigen Weißbierbrauereien anzukaufen und fie allesammt in ein großes Aktienunternehmen zu verwandeln. Der Plan mag ungeheuerlich scheinen, aber in unseren Verhältnissen ist er es eigentlich nicht mehr. Wenn stch eine großmächtige Geldgesell- schäft findet, die nur ein Drittel der dortigen kleinen Brauereien an fich brächte, so könnte fie die übrigen zwei Drittel durch eine Konkurrenz auf Leben und Tod schon dazu zwingen, daß auch fie ihre Geschäfte an das Großkapital abgäben, aber dann unter den Bedingungen, welche das letztere in feiner allbekannten „Noblesse" vorzuschreiben für gut befände. Was würde aber die Folge fein? Es wären in der betreffenden Stadt mindesten« 300 „Rentner" mehr geschaffen, welche stch entweder eine andere Existenz suchen müßten, oder ihr Kapital unterzubringen suchten, für die nöthigen „Sträucher und Büsche", wie der Volksmund sagt, würde Gott Mammon schon sorgen.
Wir haben die beiden Hauptgefahren, welche dem Kleinkapital gegenwärtig drohen, in der Kürze bezeichnet; die wohlgemeinte Warnung ist da, daß ste fruchte, ist Sache der Betheiligten.
Deutsches Reich.
Berlin, 3. August.
* Der Aufenthalt Kaiser Wilhelms in Kopenhagen ist verhältnißmäßig von kurzer Dauer gewesen. Die Schuld daran, daß der Kaiser nicht länger als Gast de» dänischen König« oetroeilte, wird den dänischen Zeitungen zugeschrieben, welche fast sämmtlich unmittelbar vor dem Kaiserbesuch die Thatsache betonen zu müssen glaubten, daß Dänemark von Preußen zum mindesten Nord- s ch l e S n> i g zurückfordere. Sie "variirten dies Thema nur, indem ste sich über die Art der Wiedererwerbung mehr oder minder deutlich auslreßen. Einige Blätter fprachen allen Ernstes die Erwartung aus, daß Deutschland „Südjütland' freiwillig wieder herausgeben werde. Haben die Herren denn gar nicht gemerkt, wie die Zumuthung auf freiwillige Herausgabe Elfaß-Lothringens, die der französische Dichter Coppe an Kaiser Friedrich stellte, in Deutschland ausgenommen worden ist? Die Betonung dessen, was uns trennt, in einem derartigen Augenblick hat nicht nur in deutschen Kreisen verstimmt, sondern auch am dänischen Hofe aufrichtigen Schmerz hervorgerufen. Der